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Rapunzel

Rapunzel ist ein Märchen (ATU 310). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 12 (KHM 12) und geht indirekt wohl auf Petrosinella …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundlage und Handlung
  2. 2. Entstehung und Veränderungen
  3. 3. Deutungsansätze
  4. 4. Bearbeitungen und kulturelle Wirkung

Grundlage und Handlung

Rapunzel ist ein Märchen des Typs ATU 310. In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm steht es als Nummer 12 (KHM 12). Im Mittelpunkt stehen die gewaltsame Trennung eines Kindes von seinen Eltern, seine Gefangenschaft in einem Turm sowie die befreiende Liebe zwischen Rapunzel und einem Königssohn.

Während der Schwangerschaft verspürt Rapunzels Mutter einen starken Heißhunger auf Rapunzeln aus dem Garten einer benachbarten Zauberin. Mit „Rapunzeln“ ist entweder Feldsalat oder die früher als Salatpflanze angebaute Rapunzel-Glockenblume gemeint. Ihr Mann stiehlt die Pflanzen mehrfach, wird dabei aber von der Zauberin ertappt. Aus Angst vor ihrer Strafe, ihrem Zauber und der Bloßstellung als Dieb verspricht er ihr sein ungeborenes Kind.

Die Zauberin holt das Mädchen unmittelbar nach der Geburt zu sich und nennt es Rapunzel. Als Rapunzel zwölf Jahre alt ist, sperrt sie es in einen abgelegenen Turm ohne Tür. Zugang bietet nur ein Dachfenster: Auf den Ruf „Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter!“ lässt Rapunzel ihr langes Haar hinab, an dem die Zauberin emporsteigt, um sie mit Nahrung zu versorgen.

Ein Königssohn hört Rapunzels schönen Gesang, beobachtet die Zauberin und ahmt ihre Rufformel nach. Er gelangt zu Rapunzel und gewinnt ihre Liebe. Rapunzel verrät die heimlichen Besuche jedoch unbedacht gegenüber der von ihr „Frau Gothel“ genannten Zauberin. Diese schneidet Rapunzels Haar ab und verbannt sie in eine Wüstenei. Anschließend lockt sie den Königssohn mit dem abgeschnittenen Zopf in den Turm. Von der Zauberin erschreckt und verhöhnt, springt er verzweifelt hinab. Dabei verletzt er sich in einem Dornengestrüpp an beiden Augen und erblindet.

Der Königssohn irrt klagend durch die Welt, bis er zufällig Rapunzels Aufenthaltsort erreicht und sie an ihrem Gesang erkennt. Rapunzels Tränen benetzen seine Augen und heilen seine Blindheit. Schließlich nimmt er sie mit in sein Königreich.

Entstehung und Veränderungen

Das Grimm-Märchen geht indirekt wahrscheinlich auf „Petrosinella“ in Giambattista Basiles „Pentameron“ II,1 zurück. Ein älteres verwandtes Motiv findet sich im persischen Epos „Schāhnāme“: Die Prinzessin Rudabeh bietet dem Krieger Zāl ihr langes Haar zum Erklettern eines Turms an. Zāl lehnt jedoch ab, damit sie sich nicht verletzt, und bittet stattdessen um ein Seil.

Charlotte-Rose de Caumont de La Force übertrug den Stoff mit „Persinette“ von 1697 in ein höfisches Adelsmilieu. Französische Feenmärchen wurden im 18. Jahrhundert auch in Deutschland bekannt. Friedrich Immanuel Bierlings deutsche Übersetzung der „Persinette“ von 1761–1766 blieb weitgehend ohne Wirkung. Bedeutender war Joachim Christoph Friedrich Schulz’ freie Übersetzung im fünften Band seiner „Kleinen Romane“ von 1790. Er nannte seine Quelle nicht, ersetzte Petersilie durch Rapunzel und gestaltete die Beschreibungen breiter aus.

Jacob Grimm übernahm Schulz’ Text für die erste Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812, kürzte aber unter anderem den Schluss. Aus Rapunzels Verbannungsort am Meer wurde die „Wüstenei“. Neu war außerdem die rhythmische Rufformel „Rapunzel, Rapunzel / laß (mir) dein Haar herunter“. „Frau Gothel“ ist eine hessische Bezeichnung für eine Patin; „Gotel“ ist eine Koseform von „Gote“ für Taufpatin oder Gevatterin.

In der zweiten Auflage entfernte Wilhelm Grimm – möglicherweise nach Beschwerden – den deutlichen Hinweis auf Rapunzels Schwangerschaft. Zuvor verrieten zu eng gewordene Kleider ihren Zustand; danach verplappert sie sich lediglich, indem sie Frau Gothel mit dem Königssohn vergleicht. Weitere Änderungen erfolgten in der dritten und fünften Auflage: Wörtliche Rede und sprachliche Superlative kamen hinzu, und das Motiv der Mauer wurde wieder aufgenommen. Erst in der siebten Auflage wurde der Königssohn durch Dornen blind gestochen. Die späteren Bearbeitungen verstärkten insgesamt Wilhelm Grimms romantischen Märchenton. Ob Basile und La Force selbst auf volkstümliche Quellen zurückgriffen, ist unklar.

Grimms Anmerkungen nennen auch eine abweichende Einleitung: Ein Mädchen öffnet eine verbotene Tür, erblickt dort eine Hexe mit zwei Hörnern und wird von ihr in den Turm verbannt. Das Motiv der eingeschlossenen Jungfrau wird außerdem mit dem griechischen Mythos von Danaë und der christlichen Legende der heiligen Barbara verglichen.

Deutungsansätze

Die Forschung deutet zentrale Motive des Märchens vor allem psychologisch: den abgeschlossenen Turm, das lange Haar, die Abhängigkeit von Frau Gothel, die Trennung von ihr sowie Rapunzels Entwicklung zu einer selbständigen und liebesfähigen Frau. Diese Ansätze sind Interpretationen und keine eindeutigen Aussagen des Märchens.

In Hedwig von Beits tiefenpsychologischer Deutung stehen Turm und langes Haar für Abgeschlossenheit und stark geistig geprägte, realitätsferne Wesensanteile. Der Königssohn erscheint als „Animus“, also als männliche Gestalt innerhalb der weiblichen Psyche. Das Abschneiden der Haare und der Sturz führen beide Liebenden in eine demütigere Lage. Rapunzels Tränen wirken als Symbol des Lebenswassers und heilen den im Unbewussten „blinden“ Prinzen.

Der Psychiater Wolfdietrich Siegmund versteht Rapunzel als Schicksalsmärchen, das bei Krankheiten helfen könne, die mit überhöhten Ansprüchen an sich selbst verbunden sind. Eugen Drewermann sieht im Heißhunger der Mutter auf Rapunzeln vorweggenommen den Wunsch nach einem Kind, das dem Leben Sinn gibt. Für ihn bilden Mutter und Zauberin zwei angstbedingt getrennte Seiten derselben Figur. Die abgeschlossene Mutter-Tochter-Beziehung unterdrückt Sexualität und Selbständigkeit. Der Königssohn kann Rapunzels Kontaktangst überwinden, weil er ihre Sprache genau erlernt. Rapunzel bleibt jedoch zunächst zwischen ihrer Liebe und ihrer Loyalität zur Mutter gespalten. Erst nach der Verstoßung wird sie wirklich selbständig; später überwindet die Erinnerung an die Liebe ihren Zwang, allein und unabhängig sein zu müssen.

Wilhelm Salber verbindet das Märchen mit Kränkungen ess- und beziehungsgestörter Frauen, die ihr Unglück verbergen und sich nach außen als zufrieden darstellen. Der Turm der „splendid isolation“, also einer scheinbar großartigen, tatsächlich aber einsamen Absonderung, verwandelt echte Anteilnahme in widersprüchliche Abhängigkeiten. Jobst Finke deutet Rapunzel als zunächst mutterabhängiges und selbstbezogenes Kind, das sich zur liebesfähigen Frau entwickelt und in der Isolation Selbständigkeit lernt.

Bearbeitungen und kulturelle Wirkung

Das auffällige Bild von goldenem Haar und hohem Turm inspirierte zahlreiche Illustrationen. Genannt werden unter anderem Arbeiten von Arthur Rackham, Lizzie Hosaeus, Paul Hey, Ernst Liebermann, Emma Florence Harrison und Heinrich Lefler. David Hockney behandelte den Stoff 1969 in vier Zeichnungen: „Der Rapunzelsalatgarten“, „Rapunzel als Baby“, „Rapunzel mit Haarschleppe“ sowie „Haar und Turm vor Prinz“.

Der Stoff wurde vielfach für Bühne, Musik und Film bearbeitet. Lou Harrisons Oper „Rapunzel“ wurde 1959 in New York uraufgeführt. Rapunzel tritt außerdem in Stephen Sondheims Märchenmusical „Into the Woods“ von 1987 auf. Albin Fries’ Kinderoper „Persinette“ wurde am 21. Dezember 2019 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt. Musikalische Verarbeitungen stammen unter anderem von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, den Beastie Boys und der Band Letzte Instanz.

Zu den Film- und Fernsehfassungen gehören der DEFA-Märchenfilm „Rapunzel oder Der Zauber der Tränen“ von 1988, eine Folge der Zeichentrickserie „SimsalaGrimm“ von 1999, „Barbie als Rapunzel“ von 2002, der ARD-Märchenfilm „Rapunzel“ von 2009 und der CGI-Animationsfilm „Rapunzel – Neu verföhnt“ der Walt Disney Animation Studios von 2010. Spätere Varianten reichen bis zum deutschen Horrorfilm „Rapunzels Fluch“ von 2020 und zu „Rapunzel und die Rückkehr der Falken“ von 2023.

Parodien und moderne Neuerzählungen verändern häufig Figuren, Perspektive oder Ausgang des Märchens. Gregory Frost lässt beispielsweise nacheinander Gothel, Rapunzel und den Prinzen erzählen. Andere Fassungen übertragen den Stoff in psychotherapeutische, moderne, fantastische oder düstere Zusammenhänge. Im Computerspiel „The Witcher 3: Wild Hunt – Blood and Wine“ wird Rapunzels Geschichte tragisch umgestaltet: Nachdem ihr Prinz beim Turm zu Tode gestürzt ist, erhängt sie sich an ihren eigenen Haaren. Auch Folgen der „Sesamstraße“ parodieren das bekannte Turm- und Haarmotiv.

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