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Hänsel und Gretel

Hänsel und Gretel ist eines der bekanntesten deutschen Märchen (ATU 327A). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 15 (KHM 15).

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Handlung
  2. 2. Fassungen und Veränderungen
  3. 3. Herkunft und Vorläufer
  4. 4. Motive und historischer Hintergrund
  5. 5. Deutungen
  6. 6. Bearbeitungen und kulturelle Wirkung

Einordnung und Handlung

„Hänsel und Gretel“ ist eines der bekanntesten deutschen Märchen. Es gehört zum Märchentyp ATU 327A und steht als KHM 15 in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Im Mittelpunkt stehen zwei Kinder, die sich gegen Hunger, Verlassenwerden und eine menschenfressende Hexe behaupten.

Hänsel und Gretel leben mit ihrem Vater, einem armen Holzfäller, und dessen Frau im Wald. Wegen großer Not überredet die Frau den Vater, die Kinder auszusetzen. Beim ersten Versuch hat Hänsel das Gespräch belauscht und legt auf dem Weg weiße Steine aus. In der Nacht weisen sie den Geschwistern den Heimweg. Beim zweiten Versuch besitzt Hänsel nur Brot und streut Krümel aus, die jedoch von Vögeln gefressen werden. Die Kinder verirren sich und erreichen am dritten Tag ein Haus aus Brot, Kuchen und Zucker.

Die Bewohnerin des Hauses ist eine halbblinde, menschenfressende Hexe. Ihr Ruf lautet bei den Brüdern Grimm: „Knuper, knuper, kneischen, wer knupert an meinem Häuschen?“ Die Kinder antworten: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“. Die Hexe sperrt Hänsel ein, mästet ihn und zwingt Gretel zur Arbeit. Wenn sie prüft, ob Hänsel schon dick genug ist, hält er ihr statt seines Fingers einen kleinen Knochen hin. Schließlich verliert sie die Geduld und will ihn braten. Gretel soll nachsehen, ob der Ofen heiß ist, stellt sich aber unwissend. Als die Hexe es selbst vormacht, stößt Gretel sie in den Ofen.

Die Kinder nehmen die Schätze der Hexe mit und kehren zum Vater zurück. Die Mutter ist inzwischen gestorben. Mit den Schätzen endet die Armut, und die Familie leidet keinen Hunger mehr.

Fassungen und Veränderungen

Die Fassung von 1819 erweitert vor allem den Heimweg. Nach dem Tod der Hexe gelangen die Kinder an ein Gewässer, das sie nicht allein überqueren können. Eine Ente trägt sie hinüber; danach erkennen sie die Umgebung wieder und finden nach Hause. Ludwig Bechstein folgt dieser Fassung weitgehend, ergänzt aber einen dankbaren weißen Vogel: Er hat zuvor die Brotkrumen gefressen und zeigt den Kindern nun den Heimweg.

Die Grimm-Fassungen wurden mehrfach verändert. Seit 1840 veranlasst nicht mehr die leibliche Mutter, sondern eine Stiefmutter die Aussetzung. Ab der 2. Auflage bindet der Vater einen Ast an einen Baum; dessen Schlagen im Wind soll die Kinder glauben lassen, er arbeite noch mit der Axt. Ab der 5. Auflage führt ein schneeweißes Vöglein die Kinder zum Hexenhaus. Die weiße Ente ist bereits seit der 2. Auflage Teil des Heimwegs. Ebenfalls ab der 5. Auflage werden Stiefmutter und Hexe durch ähnliche Redeweisen einander angeglichen. Ab der 6. Auflage heißt es, Hexen hätten rote Augen, könnten nicht weit sehen, besäßen aber eine feine Witterung.

Bei Bechstein ist die Bewirtung durch die Hexe ausführlicher. Ein Vogel leitet die Kinder zum Haus und warnt Gretel vor der Gefahr am Ofen; Vögel bringen als Dank für die Brotkrumen Perlen, und ein Schwan trägt die Geschwister auf dem Heimweg. Anders als bei Grimm stirbt Bechsteins Mutter nicht: Die Eltern bereuen die Aussetzung und sorgen sich, bis die Kinder heimkehren.

Herkunft und Vorläufer

Die Quellen der handschriftlichen Grimm-Urfassung von 1810 sind unbekannt. Wilhelm Grimm gab 1856 lediglich „verschiedene Erzählungen aus Hessen“ als Herkunft an. Das Märchen gilt als Stoff aus mündlicher Überlieferung, doch Walter Scherf hält in Grimms Umfeld auch literarische Vermittlung für wahrscheinlich. Der Erstdruck von 1812 ist gegenüber der Urfassung besonders in den Gesprächen im Hexenhaus ausführlicher und fügt die Namen der Kinder sowie Aussagen des Gottvertrauens ein.

Ein wichtiger Vorläufer ist Charles Perraults Däumlingsmärchen „Le petit poucet“. Dort kommen bereits das Aussetzen von Kindern, Wegmarkierungen aus Kieselsteinen und Brot sowie Menschenfresserei vor. Auch das türkische Märchen „Der Zwerg Veli“ behandelt die Kindesaussetzung. Weitere verwandte Erzählungen finden sich unter anderem in Giambattista Basiles „Pentameron“. Das Zuckerhäuschen könnte dagegen eine Erfindung der biedermeierlichen Romantik sein.

Die Namen Hänsel und Gretel gehen auf die verbreiteten Taufnamen Johannes und Margarete zurück. In der Frühen Neuzeit wurde diese Kombination häufig für erfundene Beispielpersonen verwendet. Ludwig Bechstein übernahm den Stoff nach Friedrich Wilhelm Gubitz in sein „Deutsches Märchenbuch“; Hans-Jörg Uther zufolge orientierte er sich an Gubitz’ „Die Kinder im Walde“ aus dem „Deutschen Volkskalender für 1845“.

Motive und historischer Hintergrund

Das Märchen stellt Gegensätze deutlich einander gegenüber: Elternhaus und Hexenhaus, Innenraum und Außenwelt, Hunger und Mästung, Trennung und Wiedersehen sowie Gut und Böse. Stiefmutter und Hexe bedrohen die Kinder mit dem Tod; diese überwinden die Gefahr und kehren mit Schätzen in ein nun abgesichertes Zuhause zurück. Während Hänsel am Anfang durch die weißen Steine die Rettung ermöglicht, rettet Gretel später beide Kinder durch ihre List am Ofen.

In der Urfassung und bei Bechstein handelt die leibliche Mutter aus extremer Not. Dadurch besitzt die Geschichte eine sozialkritische Seite: Nicht persönliche Bosheit allein, sondern drohendes Verhungern führt zur Aussetzung. Die spätere Grimm-Fassung macht daraus das typische Ausgangsmotiv eines Stiefmuttermärchens.

Historisch verbindet der Artikel die Handlung mit drei Verbrechen, die in der Frühen Neuzeit vorstellbar waren: Die Eltern nehmen durch das Aussetzen den Tod ihrer Kinder in Kauf, die Hexe plant Kannibalismus, und Gretel tötet die Hexe im Ofen. Holzhauer gehörten zur Unterschicht und lebten häufig am Existenzminimum. „Eine große Teuerung“, Krieg, Inflation und plündernde Soldaten konnten Hungersnöte verschärfen; besonders während des Dreißigjährigen Krieges und bis ins 18. Jahrhundert waren solche Erfahrungen verbreitet. Arme Familien schickten Kinder zudem als Arbeitskräfte fort, etwa die sogenannten Schwabenkinder sogar ins Ausland. Geschichten über Kannibalismus kursierten in Kriegszeiten, obwohl er auch damals als schweres Verbrechen galt. Um 1800 gab es keine Hexenverfolgungen mehr, doch entsprechende Vorstellungen wirkten in der Bevölkerung fort. Als eindeutig erfunden bezeichnet der Artikel in diesem Zusammenhang das essbare Haus.

Deutungen

Die Deutungen sind unterschiedliche Interpretationsansätze, keine eindeutigen Aussagen über die Bedeutung des Märchens. Hedwig von Beit versteht die nahrungsspendende Hexe als bedrohliche Form der „Großen Mutter“ und das Hexenhaus als kindliche Wunschphantasie. Ofen und Feuer stehen bei ihr für innere Wandlung; indem die Hexe im Ofen stirbt, vernichtet sich dieses bedrohliche Mutterbild selbst.

Bruno Bettelheim verbindet den Anfang mit der kindlichen Angst, von den Eltern verstoßen zu werden und zu verhungern. Die Kieselsteine seien eine zweckmäßige Lösung, während die Brotspur zeige, dass das Bedürfnis nach Nahrung Hänsels Denken beherrscht. Auch das essbare Haus verkörpere Nahrung und den schützenden Mutterleib. Die Kinder müssten lernen, sich davon zu lösen. Das auf dem Heimweg überquerte Wasser symbolisiere ihre Reifung: Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, vertrauen einander und werden durch die Schätze schließlich selbst zu einer Stütze des Elternhauses.

Andere Auslegungen setzen andere Schwerpunkte. Ortrud Stumpfe bezweifelt eine wirkliche Entwicklung, weil die Kinder nach ihrem Sieg einfach in die Kinderwelt zurückkehren. Wolfdietrich Siegmund sieht im Untergang der Hexe die Bestätigung, dass sich das Böse selbst vernichtet. Eugen Drewermann deutet die Geschichte als Darstellung eines Mangelerlebens, das mit Schuldgefühlen und Essstörungen zusammenhängen könne. Martha Nussbaum unterscheidet zwischen realer und fehlgeleiteter Angst: Der Hunger sei wirklich, während die erfundene kinderfressende Hexe zum Sündenbock für alle Schuld werde.

Bearbeitungen und kulturelle Wirkung

Der Stoff wurde vielfach für Literatur, Bühne, Musik und Film bearbeitet. Die bedeutendste musikalische Fassung ist Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“, die am 23. Dezember 1893 in Weimar uraufgeführt wurde. Das anonyme Kinderlied „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald“ entstand um 1900. Theater- und Puppenbühnen griffen das Märchen ebenfalls auf.

Filmfassungen existieren seit der Stummfilmzeit: Den Anfang machte 1897 Oskar Messter; 1940 begann mit Hubert Schongers Film eine lange Reihe von Tonfilmen. Spätere Produktionen reichen von Märchen- und Zeichentrickfilmen über Opernaufzeichnungen bis zu Horrorfilmen und Parodien. Beispiele sind die ARD-Verfilmung von 2012, „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ von 2013 und „Gretel & Hänsel“ von 2020.

Parodien verändern häufig die Rollen, versetzen die Geschichte in moderne Verhältnisse oder betonen ihre sozialen und grausamen Seiten. Zu den genannten Bearbeitungen gehören Hans Traxlers „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“, Paul Maars „Die Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe“ und Walter Moers’ Roman „Ensel und Krete“. Auch Lebkuchen-, Pfefferkuchen- oder Knusperhäuschen der Weihnachtsbäckerei beziehen ihre typische Darstellung aus dem Märchen.

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