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Grammatik der russischen Sprache

Neben den vier im Deutschen bekannten Fällen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ sind das die Fälle Instrumental und Präpositiv. Außerdem haben sich im …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundstruktur und Wortarten
  2. 2. Substantive und Fälle
  3. 3. Pronomen und Adjektive
  4. 4. Verben, Aspekte und Zeiten
  5. 5. Verbklassen und Präfixe
  6. 6. Zahlwörter und Satzbau

Grundstruktur und Wortarten

Die russische Grammatik beschreibt den Aufbau von Wörtern und Sätzen der heutigen Standardsprache. Russisch ist stark flektierend: Wortendungen und andere Wortbestandteile zeigen grammatische Merkmale an. Es gibt drei grammatische Geschlechter, normalerweise sechs Fälle und eine wichtige Unterscheidung zwischen belebten Substantiven – Personen und Tieren – und unbelebten Substantiven. Anders als im Deutschen besitzt das Russische keine Artikel.

Zu den Wortarten gehören Verben, Substantive, Adjektive, Zahlwörter, Pronomen, Adverbien, Präpositionen, Konjunktionen, Partikeln und Interjektionen. Substantive, Adjektive, Zahlwörter und Pronomen sind deklinierbar und werden zuweilen gemeinsam als Nomen bezeichnet. Verben werden konjugiert; Adverbien und die meisten Hilfswörter sind nicht flektierbar.

Ein Wort kann aus Präfix, Wurzel, Suffix und Endung bestehen. Die Wurzel trägt die Grundbedeutung; Wörter mit gleicher Wurzel bilden eine Wortfamilie. Präfixe stehen vor, Suffixe hinter der Wurzel. Beide können neue Wörter oder grammatische Formen bilden. Die Endung kennzeichnet unter anderem Kasus, Numerus und Genus. Der unveränderliche Teil ohne Flexionsendung und formbildende Elemente heißt Stamm. Im Wort заинтересованный („interessiert“) sind за- das Präfix, -интерес- die Wurzel, -ованн- das Suffix und -ый die Endung.

Substantive und Fälle

Russisch hat die sechs regulären Fälle Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Instrumental und Präpositiv. Der Präpositiv kommt nur mit bestimmten Präpositionen vor. Daneben bestehen Spuren eines Vokativs, etwa боже мой („mein Gott!“), eines besonderen Lokativs auf -у, etwa на берегу („am Ufer“), und bei einigen Wörtern eines zweiten Genitivs. Bei großzügiger Zählung lassen sich daher bis zu acht Fälle ansetzen.

Die Belebtheit beeinflusst besonders den Akkusativ: Bei belebten männlichen Substantiven und im belebten Plural entspricht er dem Genitiv, bei unbelebten Substantiven dem Nominativ. Beispiele sind стол – стола – столу – стол – столом – столе („Tisch“) und площадь – площади – площади – площадь – площадью – площади („Platz“).

Das Genus ist meist an der Endung erkennbar. Wörter auf harten Konsonanten sind gewöhnlich männlich, Wörter auf -о, -ё oder -е meist sächlich und Wörter auf -а oder -я meist weiblich. Die zehn Wörter auf -мя, darunter имя („Name“) und время („Zeit“), sind sächlich. Personenbezeichnungen auf -а/-я richten ihr Genus nach dem natürlichen Geschlecht, werden aber unabhängig davon gleich dekliniert. Wörter auf -ь können männlich oder weiblich sein; nach ж, ч, ш oder щ sind sie weiblich. Das männliche путь („Weg“) ist unregelmäßig. Manche fremden Wörter wie шоу, радио, такси und метро sind sächlich und unveränderlich.

Es gibt drei Hauptdeklinationen im Singular: Die I. Deklination umfasst männliche Substantive mit Nullendung und deklinierbare Neutra; die II. männliche und weibliche Wörter auf -а/-я; die III. weibliche Wörter auf -ь. Eine Sonderdeklination haben zehn Neutra auf -мя: Außer im unveränderten Akkusativ wird vor der Endung -ен- eingefügt, etwa имя, имени, имени, имя, именем, имени. Auch путь und дитя („Kind“) werden unregelmäßig gebeugt. Eigene Muster gelten für Wörter auf -ий, -ие und -ия.

Im Plural stehen häufig -ы oder -и; nach Zischlauten sowie г, к und х wird -и geschrieben. Neutra auf -о/-е bilden meist -а/-я. Die Pluraldeklination ist weitgehend einheitlich; größere Unterschiede bestehen im Genitiv mit -ов/-ев, -ей oder Nullendung. Nicht dekliniert werden unter anderem bestimmte Fremdwörter und geografische Namen auf -у, -и, -е oder -о sowie mehrere Gruppen fremder Personen- und Familiennamen.

Pronomen und Adjektive

Personalpronomen werden nach Kasus gebeugt: я („ich“), ты („du“), он/она/оно („er/sie/es“), мы („wir“), вы („ihr/Sie“) und они („sie“). Nach Präpositionen erhalten Formen der dritten Person gewöhnlich ein н-, etwa у него, к ней und о них. Die Höflichkeitsform Вы wird wie вы dekliniert.

Die Possessivpronomen lauten мой, твой, наш, ваш sowie die unveränderlichen Formen его, её und их. Das reflexive Possessivpronomen свой bezieht den Besitz auf das Subjekt: Он любит свою жену bedeutet, dass er seine eigene Frau liebt; Он любит его жену bezeichnet die Frau eines anderen Mannes. Ist das Possessivpronomen selbst Teil des Subjekts, wird kein свой verwendet. Veränderliche Possessivpronomen werden ähnlich wie Adjektive dekliniert.

Adjektive stimmen in ihrer Langform mit dem Bezugswort in Genus, Numerus und Kasus überein. Qualitative Adjektive bezeichnen abstufbare Eigenschaften, können meist Kurzformen und Steigerungsstufen bilden und lassen sich mit Gradadverbien wie очень („sehr“) verbinden. Relative Adjektive drücken dagegen eine Beziehung aus, etwa пожарная команда („Feuerwehr“); dazu gehören Gattungs- und Possessivadjektive. Sie haben nur Langformen und werden nicht gesteigert.

Bei Langformen unterscheidet man harte Endungen wie -ый/-ой, -ое, -ая und weiche Endungen wie -ий, -ее, -яя. Im Akkusativ richtet sich die Form teilweise nach der Belebtheit des Bezugswortes. Kurzformen gibt es nur bei qualitativen Adjektiven, jedoch nicht bei allen. Nach Entfernen der Langformendung treten beim harten Stamm im Singular männlich keine Endung, weiblich -а, sächlich -о und im Plural -ы auf; beim weichen Stamm lauten die entsprechenden Endungen -ь, -я, -е und -и.

Der zusammengesetzte Komparativ entsteht mit более („mehr“) oder менее („weniger“) plus Positiv. Der einfache Komparativ verwendet meist -ее/-ей, außerdem -е oder -ше; dabei können Konsonanten wechseln. Beispiele sind красивый – красивее („schön – schöner“) und хороший – лучше („gut – besser“). Ein Vergleich wird mit чем plus Nominativ oder beim einfachen Komparativ durch den Genitiv ausgedrückt. Der Superlativ entsteht mit самый beziehungsweise наиболее plus Positiv, mit Komparativ plus всех/всего oder schriftsprachlich durch -ейший/-айший. Einfache Superlative dienen häufig als Elativ, also zur Bedeutung „ausgesprochen“ oder „hochgradig“.

Verben, Aspekte und Zeiten

Das russische Verb unterscheidet wesentlich zwischen unvollendetem und vollendetem Aspekt. Der unvollendete Aspekt stellt Tätigkeit oder Verlauf in den Mittelpunkt; der vollendete betont Abschluss oder Ergebnis. Aspektpaare entstehen durch Präfigierung, etwa делать – сделать („machen“), durch Stammveränderung, etwa понимать – понять („verstehen“), oder durch verschiedene Verben, etwa брать – взять („nehmen“).

Verbformen lassen sich traditionell aus Infinitiv- und Präsensstamm erklären. Der Infinitivstamm entsteht meist durch Entfernen von -ть oder -ти; aus ihm werden Infinitiv, Präteritum, Konjunktiv, Präteritalpartizipien und bestimmte Adverbialpartizipien gebildet. Den Präsensstamm gewinnt man aus der 3. Person Plural ohne -ут/-ют oder -ат/-ят; aus ihm entstehen Präsens beziehungsweise vollendetes Futur, Imperativ, Präsenspartizipien und Adverbialpartizipien auf -а/-я. Vokalische Stämme bilden den Infinitiv mit -ть, konsonantische gewöhnlich mit -ти; Stämme auf -г/-к verschmelzen mit der Endung zu -чь.

Im Präsens und vollendeten Futur gibt es zwei Konjugationen. Die e-Konjugation hat im Singular -у/-ю, -ешь, -ет und im Plural -ем, -ете, -ут/-ют. Die i-Konjugation hat -ю/-у, -ишь, -ит sowie -им, -ите, -ят/-ат. Grundsätzlich gehören fast alle Verben auf -ить zur i-Konjugation, jedoch mit mehreren Ausnahmen; außerdem folgen elf Verben auf -ать oder -еть der i-Konjugation, darunter гнать, держать, слышать, дышать, смотреть und видеть. Häufig treten Konsonantenwechsel auf, beispielsweise г/д/з → ж, к → ч, с/х → ш und б/п/в/ф/м → бл/пл/вл/фл/мл.

Nur unvollendete Verben bilden ein echtes Präsens: Что ты делаешь? („Was machst du gerade?“). Die konjugierte Form eines vollendeten Verbs bezeichnet Zukunft: Что ты сделаешь? („Was wirst du getan haben?“). Das zusammengesetzte unvollendete Futur besteht aus einer Zukunftsform von быть und dem Infinitiv: Что ты будешь делать? („Was wirst du machen?“).

Das Präteritum ist die einzige reguläre Vergangenheitsform. Es unterscheidet nicht nach Person, wohl aber nach Numerus und im Singular nach Genus. Üblicherweise ersetzt man die Infinitivendung durch -л, -ла, -ло oder -ли: делал, делала, делало, делали. Beide Aspekte sind möglich. Einige Dialekte besitzen darüber hinaus Perfektformen, die nicht zur Standardsprache gehören.

Partizipien verbinden Eigenschaften von Verben und Adjektiven. Es gibt Präsens Aktiv mit -ющ-/-ущ- oder -ящ-/-ащ-, Präsens Passiv mit -ем-/-им-/-ом-, Präteritum Aktiv mit -вш-/-ш- und Präteritum Passiv mit -нн-, -енн-/-ённ- oder -т-. Adverbialpartizipien verbinden verbale und adverbiale Merkmale. Transitivität, also ob ein Verb ein direktes Objekt haben kann, ist für die Bildung einiger Partizipien wichtig.

Быть („sein“) wird im heutigen Präsens meist ausgelassen: Я маленький bedeutet „Ich bin klein“. „Haben“ wird gewöhnlich durch у + Genitiv + есть ausgedrückt: У меня есть книга („Ich habe ein Buch“); die Verneinung lautet У меня нет книги. Иметь bedeutet enger „besitzen“.

Verbklassen und Präfixe

Das 1980 entwickelte System von Andrei Zaliznjak ordnet Verben nach Stammform, Konjugation, Betonung und weiteren Merkmalen in 16 Klassen sowie unregelmäßige Varianten ein. Die Klassen erfassen typische Beziehungen zwischen Infinitiv und Präsens, beispielsweise Klasse 1 mit -ать/-ять/-еть und -аю/-яю/-ею, Klasse 3 mit -нуть und -ну, Klasse 4 mit -ить und i-Konjugation, Klasse 8 mit Infinitiven auf -чь sowie Klasse 9 mit -ереть und einem Präsensstamm auf -р-. Einzelne Mischklassen erlauben konkurrierende, teils umgangssprachliche oder veraltete Formen.

Drei Betonungsmuster werden mit Buchstaben bezeichnet: a hat die Betonung stets auf dem Stamm, b grundsätzlich auf der Endung, sofern diese einen Vokal enthält, und c in der 1. Person Singular Präsens/Futur sowie im Imperativ auf der Endung, sonst auf dem Stamm. Ein Schrägstrich kennzeichnet unterschiedliche Muster in Präsens/Futur und Präteritum/Infinitiv. Das unregelmäßige хотеть („wollen“) lautet хочу, хочешь, хочет, хотим, хотите, хотят.

Verbpräfixe verändern Bedeutung und häufig auch Aspekt. Sie können Richtung, Beginn, Dauer, Intensität, Ergebnis oder Vollständigkeit ausdrücken. Typische Richtungsgegensätze sind в- „hinein“ und вы- „heraus“, при- „heran/ankommen“ und у- „weg“, под- „heran oder darunter“ und от- „weg/ab“, раз- „auseinander“ und с- „zusammen“. до- bezeichnet oft das Erreichen einer Grenze, пере- unter anderem Überquerung, Wiederholung oder Übermaß, недо- Unvollständigkeit, за- Beginn oder Hineinbewegung und про- Durchquerung, Zeitdauer oder Abschluss. Präfixe bestimmen häufig die verwendeten Präpositionen und Fälle; beispielsweise steht bei Bewegung hinein oft в, beim Herausgehen из und bei Annäherung к. Viele Präfixe bilden aus unvollendeten Verben vollendete Verben, ihre genaue Bedeutung hängt jedoch vom jeweiligen Verb ab.

Zahlwörter und Satzbau

Russische Zahlwörter werden dekliniert. Grundzahlwörter beantworten сколько? („wie viel?“), Ordnungszahlwörter который? („der wievielte?“). Один stimmt mit dem Substantiv in Genus, Numerus und Kasus überein. Два besitzt die Formen два für männlich/sächlich und две für weiblich. Die Zahlen 5 bis 20 und 30 auf -ь folgen der III. Deklination; bei 50 bis 80 und 200 bis 900 werden beide Bestandteile gebeugt. Сорок, девяносто und сто haben im Nominativ/Akkusativ ihre Grundform, sonst сорока, девяноста und ста.

Im Nominativ oder unbelebten Akkusativ folgt auf один Kongruenz, auf два, три und четыре ein Substantiv im Genitiv Singular und auf пять bis двадцать ein Substantiv im Genitiv Plural. Zusammengesetzte Zahlen richten sich gewöhnlich nach ihrem letzten Bestandteil: двадцать два folgt dem Muster von два. Nachgestellte Zahlen drücken Näherung aus: пять человек heißt „fünf Leute“, человек пять „etwa fünf Leute“.

Sammelzahlwörter wie оба/обе, двое, трое und четверо betonen die Zusammengehörigkeit und stehen unter anderem bei Personengruppen und Substantiven, die nur im Plural vorkommen. Ordnungszahlen werden wie Adjektive dekliniert; первый und второй haben besondere Stämme. Bei Brüchen ist der Zähler eine Grundzahl und der Nenner eine Ordnungszahl: одна вторая („ein Halb“), две четвёртых („zwei Viertel“). Dezimalzahlen werden wie gemischte Brüche ausgedrückt, etwa две целых и семь десятых für 2,7. Unbestimmte Zahlwörter sind unter anderem сколько, столько, несколько, много und мало.

Das prädikative Zentrum des Satzes besteht aus Subjekt und Prädikat. Das Subjekt steht im Nominativ; Prädikate können verbal oder nominal sein. Direkte Objekte stehen im Akkusativ ohne Präposition, indirekte Objekte in anderen Konstruktionen. Adverbialbestimmungen geben Art und Weise, Ort, Zeit oder Anlass an; Attribute bestimmen Satzglieder näher.

In negativen russischen Sätzen werden mehrere negative Ausdrücke miteinander verbunden, ohne dass daraus eine positive Aussage wird. Никто никогда никому ничего не прощает enthält negative Pronomen und Adverbien sowie не am Verb. Bei Antworten auf negative Fragen oder Aussagen orientieren sich да und нет an der Wahrheit der gesamten Aussage: Auf Дождь не идёт („Es regnet nicht“) bestätigt Да die negative Aussage, während Нет ihr widerspricht und damit „Doch, es regnet“ bedeutet. Ein eigenes russisches Wort, das genau dem deutschen „doch“ entspricht, gibt es nicht.

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