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Belebtheitskategorie
So steht das direkte Objekt eine Satzes stets im Akkusativ, wenn es belebt ist. Ist das direkte Objekt dagegen unbelebt, kann es auch im Nominativ stehen …
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Grundidee und weltweite Verbreitung
Die Belebtheitskategorie teilt Substantive in belebte und unbelebte Wörter ein. Entscheidend ist im Wesentlichen, ob ein Wort ein lebendes oder totes Lebewesen bezeichnet. Sie ist eine grammatische Kategorie verschiedener Sprachen, besonders auch slawischer Sprachen.
In vielen Sprachen wird der Unterschied besonders deutlich bei Fragepronomen: Für Belebtes wird ein anderes Fragewort verwendet als für Unbelebtes. Beispiele sind Deutsch wer/was, Englisch who/what, Französisch qui/que oder quoi, Latein quis/quid, Polnisch kto/co und Russisch kto/tschto. Auch außerhalb der indogermanischen Sprachen gibt es diese Unterscheidung, etwa Finnisch kuka/mitä, Arabisch man/mā, Türkisch kim/ne, Japanisch dare/nani und Swahili nani/nini.
Nur wenige indogermanische Sprachen machen diese Unterscheidung nicht; im Lettischen und Litauischen lautet das Pronomen für Animata und Inanimata jeweils kas.
Englisch und Deutsch
Im Englischen ist die Belebtheit vor allem bei Personalpronomen wichtig. Auf Substantive für belebte Wesen, insbesondere Personen, verweist man mit den geschlechtsanzeigenden Pronomen he und she. Auf andere Substantive verweist man, abgesehen von wenigen Ausnahmen, mit it.
Im Deutschen hat Belebtheit nur eine untergeordnete Rolle. Eine Beschränkung zeigt sich bei Präpositionalausdrücken: Bezeichnet ein Substantiv etwas Belebtes, kann der Ausdruck nicht durch ein Pronominaladverb ersetzt werden. Deshalb ist „Er wartet auf ein Gewitter. – Er wartet darauf.“ möglich. Bei „Er wartet auf ein Kind.“ ist „Er wartet *darauf.“ dagegen nicht möglich, weil Kind hier etwas Belebtes bezeichnet.
Regel in slawischen Sprachen
In allen slawischen Sprachen wird bei Maskulina, also männlichen Substantiven, zwischen Belebtheit und Unbelebtheit unterschieden. Beim direkten Objekt gilt: Ist es unbelebt, stimmt seine Akkusativform mit der Nominativform überein. Ist es belebt, stimmt die Akkusativform mit der Genitivform überein. Dieser Formzusammenfall heißt Synkretismus.
In den meisten slawischen Sprachen betrifft dies nur den Singular. Im Russischen gilt es auch im Plural aller Genera. Beim Satz „Ich suche den Nachbarn“ steht das direkte Objekt trotz der vom Verb verlangten Akkusativform in einer genitivgleichen Form: Polnisch „Szukam sąsiada“, Russisch „Ischtschu sosseda“, Serbokroatisch „Tražim susjeda“, Slowakisch „Hľadám suseda“, Slowenisch „Iščem soseda“, Tschechisch „Hledám souseda“ und Ukrainisch „Schukaju sussida“. Bei einem unbelebten Objekt hätte der Akkusativ dagegen dieselbe Form wie der Nominativ.
Historisch wird die Kategorie mit dem Zusammenfall von Nominativ Singular und Akkusativ Singular im Späturslawischen erklärt, der durch den Jer-Schwund entstand. So wurde aus synъ vidit otьecъ („Der Vater sieht den Sohn“) im Urtschechischen syn vidí otec. Da die Wortfolge in einer flektierenden Sprache nicht grammatikalisiert ist, blieb dabei offen, wer wen sieht. Bei belebten Maskulina beseitigte der Genitiv diese Mehrdeutigkeit: syn vidí otca. Bei unbelebten Objekten war dies nicht nötig, etwa in otec staví dóm („der Vater baut ein Haus“).
Besonderheiten des Russischen
Im Russischen heißen belebte Substantive oduschewljonnyje, unbelebte neoduschewljonnyje. Bei belebten Wörtern können Akkusativ und Genitiv zusammenfallen:
- bei maskulinen Substantiven der 1. Deklination mit Konsonantenendung im Singular und Plural, zum Beispiel „Ona wstretila maltschika“ und „Ona wstretila maltschikow“;
- bei femininen und sächlichen Substantiven nur im Plural, zum Beispiel „Ja wischu studentok“ gegenüber dem Singular „Ja wischu studentku“;
- bei maskulinen Substantiven der 2. Deklination mit der Endung -a nur im Plural, zum Beispiel „Ja wstretschaju djadei“ gegenüber „Ja wstretschaju djadju“.
Bei unbelebten Substantiven stimmt der Akkusativ mit dem Nominativ überein. Kollektiva wie narod („Volk“) und tolpa („[Menschen-]Menge“) gelten als unbelebt. Auch Wörter, die mit einem solchen Substantiv im Satz kongruieren, also in ihren Formen mit ihm übereinstimmen, folgen diesem Verhalten.
Umgangssprache und Tamil
Im Polnischen, Slowakischen und Tschechischen wird die Klasse belebter Substantive in der Umgangssprache unter anderem auf Kraftfahrzeuge und besonders auf Automarken ausgeweitet. Daher heißt es umgangssprachlich polnisch „Masz mercedesa?“ statt standardsprachlich „Masz mercedes?“ sowie slowakisch und tschechisch „Máš mercedesa?“ statt „Máš mercedes?“. Im Polnischen betrifft dies auch einige Wörter aus dem Bereich PC und Internet, etwa „Mam laptopa“ und „Napisałem maila“.
Im Tamil, einer dravidischen Sprache, ist die Kategorie beim direkten Objekt wichtig. Ein belebtes direktes Objekt steht stets im Akkusativ. Ein unbelebtes direktes Objekt kann bei unbestimmter Bedeutung auch im Nominativ stehen. „Kumār oru paiyaṉai(p) pārttāṉ.“ bedeutet „Kumar sah einen Jungen.“ Bei „Kumār oru peṭṭi / oru peṭṭiyai vāṅkiṉāṉ.“ („Kumar kaufte einen Koffer.“) sind für den unbestimmten unbelebten Koffer Nominativ und Akkusativ möglich.