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Große Depression (1873–1896)

Große Depression oder Lange Depression oder auch Große Deflation sind Bezeichnungen für ein erstmals von Wirtschaftstheoretikern der 1920er Jahre …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Kern und Begriffe
  2. 2. Verlauf der Konjunktur
  3. 3. Wirtschaftliche Auswirkungen
  4. 4. Gesellschaftliche und politische Folgen

Kern und Begriffe

Die Große Depression, auch Lange Depression oder Große Deflation genannt, bezeichnet ein von Wirtschaftstheoretikern der 1920er Jahre beschriebenes Konjunkturtief der Weltwirtschaft von 1873 bis 1896. Ihren Ausgang nahm sie am Wiener Börsenkrach in Österreich-Ungarn am 9. Mai 1873. Für die vergleichsweise moderaten Auswirkungen im Deutschen Reich wird auch der Begriff Gründerkrach verwendet.

Ob die Bezeichnung „Große Depression“ die tatsächliche Wirtschaftsentwicklung angemessen beschreibt, ist wissenschaftlich umstritten. Insgesamt verlangsamte sich das weltwirtschaftliche Wachstum, kam aber nicht vollständig zum Stillstand. Deshalb werden auch die Bezeichnungen „lange Deflation“ oder „Abbremsung des überhitzten Wachstums der Gründerjahre“ verwendet. Toni Pierenkemper nutzt „Große Deflation“ auch für das Deutsche Reich, weil zwischen 1873 und 1895 vor allem die monetären Indikatoren, etwa die Preise, sanken, während die realen Größen weiterhin deutlich expandierten.

Im englischen Sprachraum wird die Zeit von 1870 bis 1890, in der die Preise von Wirtschaftsgütern und Arbeitskraft kräftig zurückgingen, als Große Deflation bezeichnet. Sie belastete etablierte Industriegesellschaften wie Großbritannien, während sie den noch früh industrialisierten Vereinigten Staaten starkes Wachstum ermöglichte. Dort war sie eine der wenigen Perioden deflationären Wirtschaftswachstums.

Verlauf der Konjunktur

Bis weit ins 19. Jahrhundert wurden Konjunkturzyklen vor allem von der Landwirtschaft bestimmt. Das Wohlergehen der Bevölkerung hing daher stark von der Natur ab. Mit der industriellen Revolution gewannen Handel, Industrie und Finanzwesen an Bedeutung. Besonders der über große Entfernungen wachsende Handel machte Auf- und Abschwünge zunehmend zu internationalen Vorgängen; zugleich nahm die Schwankungsbreite der Börsenzyklen tendenziell zu.

Nach einer längeren Wachstumsphase seit 1850 schlug die Konjunktur 1873 mit einem raschen Einbruch zahlreicher Finanzmärkte um, zuerst in Wien und danach weltweit. Diese Baisse führte bis 1879 zu einer scharfen Zäsur. In den meisten Staaten ging damit ein Übergang vom Freihandel zu einem protektionierten Markt einher; Ausnahmen waren Großbritannien, Dänemark und die Niederlande.

In den frühen 1880er Jahren setzte sich zunächst eine aufsteigende Tendenz fort. Danach folgte eine zweite heftige Krise, die bis 1886 dauerte. Nach dem Zusammenbruch der Barings Bank 1890 kam es erneut zu einer Abfolge von Aufschwung und einem weiteren, leichteren Abschwung, die bis 1896 reichte. Anschließend begann eine lange Aufschwungphase, die bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 anhielt. In dieser Zeit nahm der Welthandel deutlich zu.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Wirtschaftstheoretiker wie Nikolai Kondratjew, später Joseph Schumpeter und Hans Rosenberg, verstanden 1873 bis 1896 als zusammenhängende Weltwirtschaftskrise und als Teil einer langen Welle von 1850 bis 1896. Für das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn wird auch von einer Gründerkrise gesprochen. Dieser Begriff ist zeitlich weniger genau und kann nur die Jahre 1873 bis zum Ende der 1870er Jahre meinen.

Einige Branchen erlebten schwere Rezessionen, insgesamt setzte sich die Expansion der Weltwirtschaft jedoch verlangsamt fort. Die Weltroheisenproduktion wuchs vor 1873 jährlich um 5,3 Prozent und in den folgenden dreizehn Jahren noch um jährlich 3,3 Prozent. Das Wachstum der Weltdampfertonnage sank von jährlich 7,3 Prozent zwischen 1848 und 1873 auf 5,8 Prozent zwischen 1873 und 1896.

Diese Zahlen sprechen eher für eine Preis- als für eine Produktionskrise. Die Preise sanken um rund ein Drittel. Da die Löhne nicht im gleichen Maß zurückgingen, stiegen die Reallöhne deutlich. Für einzelne Menschen war das langfristige Wachstum dennoch schwer erkennbar, weil kurze Einbrüche einzelner Branchen oder Betriebe, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder der Tod eines erwerbstätigen Familienmitglieds bei einem nur minimal ausgebauten sozialen Netz unmittelbar Not verursachen konnten.

Gesellschaftliche und politische Folgen

Der freie Wettbewerb wurde durch Konzentrationsformen wie Trusts und Kartelle eingeschränkt und zusätzlich durch staatliche gesetzliche Regelungen organisiert. Besonders deutlich waren die wirtschaftlichen Störungen in den industrialisierten Staaten West- und Mitteleuropas sowie in Nordamerika. Es wird angenommen, dass Großbritannien am stärksten betroffen war und seine bisher unangefochtene wirtschaftliche Führungsrolle in wichtigen Bereichen an das Deutsche Reich verlor.

Der industrielle Aufstieg des Deutschen Reichs führte dennoch nicht zu einem wachsenden Machtbewusstsein der Bevölkerung. Unberechenbare Konjunkturausschläge stärkten vielmehr die Vorstellung, der Wirtschaftsliberalismus und das kapitalistische System seien grundsätzlich funktionsgestört. Die häufig antisemitisch geprägte Kritik am „Spekulantentum“ erreichte um 1890 ihren Höhepunkt.

Kurze, aber heftig wahrgenommene Rezessionen förderten ein allgemeines Krisengefühl und die „Reizsamkeit“ als Massenphänomen. Diese unmittelbaren Erfahrungen prägten die Zeit stärker als der langfristige Wachstumstrend. Die damit verbundene „deutsche Nervosität“ wurde in den Jahrzehnten des Wilhelminismus vielfach diskutiert und mit dem Auftreten radikaler, insbesondere antisemitischer Bewegungen in Verbindung gebracht.

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