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Grænlendingar

Die Grænlendingar lebten von der Landwirtschaft und der Jagd in zwei bzw. drei Siedlungsgebieten: der (zweiteiligen) Eystribyggð an der grönländischen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Quellen und Forschung
  3. 3. Besiedlung und gesellschaftliche Entwicklung
  4. 4. Siedlungsgebiete und Höfe
  5. 5. Wirtschaft, Alltag und Kultur
  6. 6. Kontakte und Ende der Siedlungen

Kern und Bedeutung

Die Grænlendingar waren nordgermanische Siedler, die von Island kommend ab 986 Grönland besiedelten. Auf ihren Seereisen entdeckten und besiedelten sie außerdem als erste Europäer kurzzeitig Teile des nordamerikanischen Festlands. Ihre Gesellschaft beruhte auf Landwirtschaft, Jagd, Handel und Seefahrt.

Die Siedlungen bestanden ungefähr 500 Jahre. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts wurden sie aus bis heute nicht vollständig geklärten Gründen aufgegeben; anschließend übernahmen Inuit der Thule-Kultur die ehemaligen Siedlungsgebiete. Die Geschichte der Grænlendingar ist durch mittelalterliche Schriftquellen, archäologische Ausgrabungen, Alltagsgegenstände, Gebäudereste sowie Menschen- und Tierknochen belegt.

Quellen und Forschung

Die wichtigsten schriftlichen Zeugnisse sind mittelalterliche isländische Sagas. Die Grænlendinga saga, in der Flateyjarbók aus dem späten 14. Jahrhundert überliefert, berichtet von der Besiedelung Grönlands und Vinlands. Ihr Inhalt wird etwa auf 1200 datiert, sodass zwischen den Ereignissen und ihrer Verschriftlichung rund 200 Jahre lagen. Die Eiríks saga rauða ist in der Hauksbók aus dem 14. und der Skálholtsbók aus dem 15. Jahrhundert überliefert. Beide Fassungen gehen offenbar auf eine Quelle aus dem späten 13. Jahrhundert zurück; zwischen Ereignissen und Niederschrift lagen hier etwa 300 Jahre.

Ari Þorgilssons Íslendingabók, um 1125 verfasst, bestätigt wichtige Angaben zur Landnahme. Hinzu kommen Erwähnungen in der Landnámabók, den isländischen Annalen, der Flóamanna saga, der Fóstbrœðra saga, dem Grænlendinga þáttr und weiteren Texten. Der Königsspiegel Konungs skuggsjá aus der Mitte des 13. Jahrhunderts sowie Ívarr Bárðarsons Beschreibung aus dem 14. Jahrhundert enthalten historische und geografische Informationen. Ergänzt werden diese Quellen durch Diplome und kirchliche Urkunden. Grönländische Mythen über Begegnungen zwischen Inuit und Grænlendingar wurden ab etwa 1870 schriftlich aufgezeichnet.

Die archäologische Forschung begann im Zusammenhang mit Hans Egedes Kolonisierung ab 1721. 1723 stieß Egede auf Ruinen der Eystribyggð. Systematische Untersuchungen wurden seit den 1870er Jahren durchgeführt, unter anderem durch Gustav Frederik Holm, Daniel Bruun, Poul Nørlund, Aage Roussell, Christen Leif Vebæk und Jørgen Meldgaard. Ausgrabungen von Höfen, Kirchen, Gräbern, Textilien, Werkzeugen und Knochen ermöglichen die Rekonstruktion von Wirtschaft, Ernährung, Gesundheit und Alltag.

Besiedlung und gesellschaftliche Entwicklung

Die Entdeckung Grönlands wird in der Landnámabók und der Eiríks saga rauða zunächst mit Gunnbjǫrn Úlfsson verbunden, der vermutlich in den Jahrzehnten um 900 auf einer Fahrt von Norwegen nach Island westlich von Island Land sichtete. Ein späterer Siedlungsversuch Snæbjǫrn galti Hólmsteinssons scheiterte an einem Streit unter den Beteiligten.

Erfolgreich war die Unternehmung Erik des Roten. Nach seiner Verbannung aus Island im Jahr 982 segelte er drei Jahre nach Westen, erkundete wahrscheinlich die Ostküste und anschließend Südgrönland und kehrte nach Island zurück. Er nannte das Land Grœnland („Grünland“), um Siedler anzulocken. 985 fuhren 25 Schiffe ab; nach der Landnámabók erreichten nur 14 die grönländische Küste. Die am Eriksfjord errichteten Höfe bildeten den Kern der Eystribyggð.

Archäologische Funde bestätigen die grundsätzliche Chronologie. Die ältesten Funde im Fjord Tunulliarfik stammen aus dem späten 10. Jahrhundert; in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts breiteten sich die Siedler nach Südosten aus. Gleichzeitig wurde die Vestribyggð besiedelt. Anthropologische und genetische Untersuchungen bestätigen, dass die Bevölkerung ursprünglich norwegischer und keltischer Abstammung war, entsprechend der Herkunft der isländischen Bevölkerung.

Bjarni Herjólfsson sichtete auf einer vom Kurs abgekommenen Fahrt nach Grönland das nordamerikanische Festland. Leif Eriksson segelte später nach Westen und benannte die Gebiete Helluland, Markland und Vinland. Die genaue Zuordnung dieser Namen ist teilweise umstritten. Archäologische Spuren in L’Anse aux Meadows an der Nordspitze Neufundlands belegen jedoch eine kurzzeitige Besiedelung durch Grænlendingar um das Jahr 1000.

Auch bei der Einführung des Christentums widersprechen sich die Quellen. Die Grænlendinga saga lässt Erik den Roten noch vor der Christianisierung sterben; die Eiríks saga rauða schreibt die Bekehrung Leif Erikssons und die Einführung des Christentums in der Kolonie zu. Die Historia Norvegiae nennt dagegen Isländer als Vermittler. Archäologische Funde machen wahrscheinlich, dass bereits unter den ersten Siedlern Christen waren. Anfang des 12. Jahrhunderts wurde mit Arnaldr der erste Bischof nach Grönland entsandt; Bischofssitz wurde Garðar. Im frühen 14. Jahrhundert sind außerdem zwei Klöster belegt.

Nach Eriks Tod ist keine allgemein anerkannte zentrale Führung mehr nachweisbar. Wahrscheinlich leitete in jedem Fjord ein Hofbesitzer eine Gruppe von Höfen. Es gab etwa zehn solche Häuptlinge in der Eystribyggð und etwa fünf in der Vestribyggð. Sie besaßen die Kirchen, konnten den Kirchenzehnt einziehen und gehörten dem Thing in Garðar an. 1261 unterstellten sich die Grænlendingar der norwegischen Krone und mussten Steuern zahlen. Im Gegenzug wurden eine regelmäßige Schiffsverbindung und ein norwegisches Handelsmonopol zugesichert. Frühere Schätzungen von 3000 bis 6000 Einwohnern gelten heute als zu hoch; neuere Schätzungen gehen davon aus, dass die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt über 2000 Personen lag.

Siedlungsgebiete und Höfe

Es gab drei bekannte Siedlungsbereiche: die Eystribyggð („Ostsiedlung“) in der heutigen Kommune Kujalleq, die archäologisch so bezeichnete „Mellembygden“ („Mittelsiedlung“) bei Arsuk und Ivittuut sowie die Vestribyggð („Westsiedlung“) im Norden des heutigen Distrikts Nuuk. Schriftlich belegt sind nur Eystribyggð und Vestribyggð; die Mellembygden ist ausschließlich durch Ruinen bekannt.

Die Eystribyggð war die größte Siedlung. Sie lag trotz ihres Namens im äußersten Süden der grönländischen Westküste und erstreckte sich von Narsarmijit bis zum Nordufer des Ikersuaq über mehr als 180 km. Die meisten Höfe lagen tief im Fjordinneren. Nach einer Rekonstruktion gab es 190 bis 266 Höfe, verteilt auf 14 Kirchengemeinden mit meist 20 bis 40 Höfen. Bedeutende Orte waren Brattahlíð, der Wohnort Erik des Roten, Garðar mit dem größten Hof und der Kathedrale, Herjólfsnes mit wichtigen Textilfunden und Hvalsey mit der am besten erhaltenen Kirche. Brattahlíð, Garðar, Hvalsey und Vatnahverfi gehören seit 2017 zum UNESCO-Welterbe Kujataa.

Die Mellembygden lag etwa 150 km auf dem Seeweg von der Eystribyggð entfernt, zwischen Tissaluup Ilua und Qoornoq. Ihr Name ist eine moderne Bezeichnung von Archäologen. Die Vestribyggð lag im Inneren der Fjordsysteme Nuup Kangerlua und Ameralik. Zu ihren bedeutenden Fundorten zählen Sandnes, Ánavík und der historisch nicht namentlich überlieferte Hof „unter dem Sand“. Dort war das Klima kontinentaler, im Winter kälter, trockener und mit kürzerer Vegetationsperiode als in der Eystribyggð.

Die Höfe unterschieden sich je nach Lage, Zeit und sozialem Status. Nur etwa drei Prozent waren große Höfe mächtiger Bauern mit eigener Kirche. Kleinere Höfe standen vermutlich in Abhängigkeit von diesen Großbauern. Ein Hof konnte aus frei stehenden Gebäuden mit einem zentralen Langhaus bestehen oder aus einem großen, verbundenen Gebäudekomplex mit Wohnräumen, Ställen und Scheunen. Freistehende Höfe gehörten wahrscheinlich eher wohlhabenden Bewohnern, zentralisierte Anlagen eher unteren Schichten; zugleich zeigen sich zeitliche Veränderungen. Ältere Langhäuser hatten einen großen gemeinsamen Raum, jüngere waren in mehrere kleinere Räume unterteilt.

Die Gebäude bestanden zunächst aus Torfsoden, später aus abwechselnden Schichten von Torf und Stein. Eine lang gezogene Feuerstelle lag zunächst in der Mitte und später in einer Ecke. Sitz- und Schlafplätze befanden sich an den Wänden; die Küche lag nahe dem Eingang. Holzpfeiler trugen das mit Torf bedeckte Dach. Große Höfe verfügten zusätzlich über Versammlungsgebäude, Waren- und Proviantlager. Kirchen entwickelten sich von kleinen, von einem runden Deich umgebenen Bauten zu romanischen Kirchen mit Chor und späteren Saalkirchen. Die Domkirche von Garðar besaß als einzige zwei Kapellen neben dem Chor.

Wirtschaft, Alltag und Kultur

Die Grænlendingar bildeten eine Jagd- und Agrargesellschaft. Sie hielten aus Europa mitgebrachte Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Hunde und Katzen. Ihre Nahrung bestand aus Fleisch sowie Milch und Käse. In der Eystribyggð überwog die Rinderhaltung, in der Vestribyggð die Schaf- und Ziegenhaltung. Ackerbau betrieben nur die reichsten Bauern in geringem Umfang; laut Konungs skuggsjá wussten die meisten Grænlendingar nicht, was Brot war. Neben intensiver Weidewirtschaft an den Höfen sind begrenzte extensive Nutzung abgelegener Grasflächen und Almwirtschaft belegt.

Wichtige Jagdtiere waren Rentiere, Wale, Robben und Eisbären, besonders Rentiere und Robben. In einem Køkkenmødding der Vestribyggð bestanden 80 % der Knochen von verschiedenen Robbenarten. Im Laufe der Jahrhunderte nahm die Bedeutung der Robbenjagd zu, während die Viehhaltung als Nahrungsquelle abnahm. Fisch wurde eher selten gegessen. Die unteren Schichten waren stärker auf die Jagd angewiesen, die reichen Bauern stärker auf die Landwirtschaft.

Die Grænlendingar waren seefahrend. Sie fuhren über die Davisstraße nach Nordamerika, entlang der grönländischen Küste und regelmäßig in das nördliche Küstengebiet Norðrsetur. Archäologische Funde belegen Reisen bis zum Smithsund, etwa 1800 km nördlich der Vestribyggð. Diese Fahrten dienten dem Handel und der Gewinnung von Rohstoffen. Gleichzeitig war die Kolonie auf Importe wie Eisen und Werkzeuge angewiesen. Ab dem 12. Jahrhundert mussten norwegische Schiffe die Waren, vor allem Walrosselfenbein, abholen.

Die Männer unternahmen Handels-, Jagd- und Entdeckungsreisen. Rentiere wurden mit Pfeil und Bogen, Robben und Walrosse mit Speeren gejagt. Im Jahreslauf wurden Vieh, Torf, Brennmaterial und Heu versorgt. Frauen kümmerten sich um Haushalt, Feuerstellen, Essen, Wasser, Textilverarbeitung, Kinder, Melken und Milchverarbeitung; wahrscheinlich halfen sie auch bei Heuernte und Viehhütung. Im Winter reparierte man Werkzeuge und Gegenstände. Brettspiele, Musikinstrumente und Kinderspielzeug belegen Freizeitaktivitäten.

Die Kleidung ähnelte der skandinavischen Mode. Üblich waren Wollkleider aus Schafswolle, lange Hosen, Gürtel, Lederschuhe sowie verschiedene Hüte und Calotten. Die besonders fetthaltige grönländische Wolle ergab wasserabweisende Stoffe. Die Textilien aus Herjólfsnes waren von hoher Qualität und entsprachen Darstellungen auf innereuropäischen Kalkmalereien.

Rund 160 Runeninschriften zeigen einen geringen, aber vorhandenen Grad an Literalität. Viele bestehen aus wenigen Zeichen und haben religiösen Inhalt; einige sind lateinisch verfasst. Der Runenstein von Kingittorsuaq ist die bedeutendste längere grönländische Inschrift und belegt durch seinen Fundort eine Reise von mindestens 1000 km nach Norden. Die Inschriften zeigen einen Dialekt des Altnordischen, das Grönlandnordische, zugleich aber enge Kontakte zu anderen skandinavischen Gesellschaften.

Kontakte und Ende der Siedlungen

Begegnungen zwischen den Grænlendingar und verschiedenen Eskimo-Kulturen sind schriftlich und archäologisch belegt. Frühe Kontakte im frühen 12. Jahrhundert fanden wahrscheinlich mit der Dorset-Kultur statt, da die Thule-Kultur damals noch nicht oder erst am äußersten Norden Grönlands lebte. Später verdrängte die Thule-Kultur die Dorset-Kultur.

Funde nordischer Gegenstände in Häusern Nordgrönlands und von Inuit-Gegenständen in den Siedlungen der Grænlendingar sprechen für regelmäßigen Handel. Gleichzeitig berichten Quellen und grönländische Mythen von Überfällen, Morden und kriegerischen Konflikten. Die Inuit übernahmen einzelne kulturelle Errungenschaften der Grænlendingar; grönländische Wörter mit altnordischer Herkunft belegen Sprachkontakt. Ob Inuit am Verschwinden der Grænlendingar maßgeblich beteiligt waren, ist jedoch umstritten. Eine Vermischung beider Bevölkerungen wurde durch genetische Untersuchungen widerlegt.

Als Ívarr Bárðarson um 1345 die Vestribyggð besuchte, sah er verwildertes Vieh und Gebäude, aber keine Menschen. 1378 starb mit Álfr der letzte in Grönland ansässige Bischof. Der Bericht über eine Eheschließung in Hvalsey im Jahr 1408 ist der letzte schriftliche Beleg. Die jüngsten archäologischen Funde stammen in der Vestribyggð aus dem späten 14. Jahrhundert und in der Eystribyggð aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.

Frühere Erklärungen wie Massenauswanderung nach Amerika, eine allgemeine Degeneration, eine entscheidende Rolle der Pest oder Piraterie sind nicht belegt oder heute weitgehend verworfen. Am wahrscheinlichsten gilt eine Verbindung mehrerer Ursachen. Nach der vergleichsweise warmen Zeit der mittelalterlichen Klimaanomalie sanken die Temperaturen; ab etwa 1350 setzte die Kleine Eiszeit ein. Geringere Niederschläge, weniger Wind und mehr Meereis erschwerten die Schifffahrt. Bodenerosion und Versandung verringerten die Weideflächen, teilweise durch Rodung verursacht. Ein Meeresspiegelanstieg von einem halben Meter ließ in Brattahlíð rund 50 ha und am Ende des Tunulliarfik weitere 200 ha Weideland verschwinden.

Wirtschaftlich verschärfte sich die Lage, weil Walrosselfenbein als wichtigste Exportware ab dem späten 13. Jahrhundert durch afrikanisches Elefantenelfenbein konkurrenziert wurde. Das ließ den Markt für Walrosselfenbein zurückgehen und trug wahrscheinlich dazu bei, dass die Handelsroute nach Europa zu Beginn des 15. Jahrhunderts abbrach. Die Kolonie geriet dadurch in wirtschaftliche Isolation. Zusammengenommen schwächten Klimaänderungen, Verlust von Weideland, erschwerte Schifffahrt und der Zusammenbruch des Handels die Siedlungen.

Nach dem Kontaktabbruch im frühen 15. Jahrhundert suchten mehrere Expeditionen erfolglos nach den Grænlendingar. Fahrten von Johannes Scolvus in den 1470er Jahren sind historisch zweifelhaft. Zwischen 1576 und 1587 folgten unter anderem Unternehmungen von Martin Frobisher, John Allday, Magnus Heinason und John Davis. Christian IV. ließ 1605 bis 1607 drei Expeditionen durchführen; weitere Fahrten folgten bis 1671. Die Expeditionen trafen Inuit, fanden aber keine Grænlendingar oder eindeutig zugehörige Überreste. Hans Egede begann ab 1721 die Missionierung und Kolonisierung Grönlands und stellte fest, dass die alten Siedlungen in Ruinen lagen.

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