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Skandinavische Besiedlung Amerikas
Die skandinavische Besiedlung Amerikas erfolgte nach dem Zeugnis der Vinland-Sagas für kurze Zeit um das Jahr 1000, als norwegisch-isländisch-grönländische …
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Kern und Bedeutung
Die skandinavische Besiedlung Amerikas bezeichnet kurze Reisen und kleine Siedlungsversuche norwegisch-isländisch-grönländischer Seefahrer im Nordosten Nordamerikas um das Jahr 1000. Nach den Vinland-Sagas entdeckten sie Gebiete westlich von Grönland und gründeten dort zeitweise Niederlassungen. Diese Siedlungen waren klein und wurden nach wenigen Jahren wieder aufgegeben.
Lange war diese frühe europäische Anwesenheit in Nordamerika nur aus altnordischen Sagas bekannt. Deshalb war unsicher, ob die Erzählungen wirkliche Reisen beschrieben und ob sie tatsächlich Nordamerika meinten. Seit den 1960er Jahren ist durch die Ausgrabung einer skandinavischen Siedlung in L’Anse aux Meadows auf Neufundland archäologisch belegt, dass wikingerzeitliche Skandinavier Nordamerika erreichten. Andere angebliche Belege für eine weitere Ausbreitung, etwa Runensteine, haben sich bisher als Fälschungen oder Fehlinterpretationen erwiesen.
Schriftliche Überlieferung
Das erste schriftliche Zeugnis über eine Insel namens Vinland steht in den Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum des Adam von Bremen aus dem Jahr 1076. Adam von Bremen war ein Bremer Kleriker und Chronist. Er berief sich auf den Dänenkönig Sven Estridsson. Vinland wird dort als Insel im Westen des damals bekannten Nordatlantiks beschrieben.
Die wichtigsten ausführlichen Quellen sind zwei Isländersagas aus dem 13. Jahrhundert: die Eiríks saga rauða über Erik den Roten und die Grænlendinga saga. Zusammen werden sie Vinland-Sagas genannt. Die Eiríks saga rauða ist in zwei späteren Handschriften überliefert: einer älteren Version in der Hauksbók aus dem 14. Jahrhundert und einer jüngeren Version in der Skálholtsbók aus dem 15. Jahrhundert. Die Grænlendinga saga ist nur in der Flateyjarbók aus dem 14. Jahrhundert erhalten.
Nach diesen Sagas begannen die skandinavischen Grænlendingar, also die Bewohner der grönländischen Siedlungen, wenige Jahre nach der Besiedlung Grönlands Länder westlich von Grönland zu erforschen. Beide Sagas berichten von mehreren Expeditionen, unterscheiden sich aber in Einzelheiten und bei den genannten Personen. Übereinstimmend sagen sie, dass Leif Eriksson der erste Skandinavier war, der die neuen Länder im Westen betrat.
Reisen nach Vinland
Die Grænlendinga saga erzählt, dass der Händler Bjarni Herjólfsson auf der Fahrt von Island nach Grönland vom Kurs abkam und Land westlich von Grönland sichtete, ohne es zu betreten. Er berichtete Leif Eriksson davon. Leif startete daraufhin eine Expedition nach Westen und betrat das Gebiet als erster Skandinavier. Die Eiríks saga rauða erzählt anders: Leif sei im Auftrag des norwegischen Königs Olaf nach Grönland unterwegs gewesen und dabei in unbekannte Länder im Westen geraten.
Die Sagas nennen mehrere geografische Namen für entdeckte Gebiete: Helluland, das „Land der flachen Steine“, Markland, das „Waldland“, und Vinland. Skandinavische Schiffsgruppen überwinterten nach den Erzählungen in Vinland oder siedelten dort für mehrere Jahre. Die Sagas berichten aber auch, dass die Siedlungen spätestens nach wenigen Jahren aufgegeben wurden. Als Gründe nennen sie entweder feindliche Auseinandersetzungen mit den Ureinwohnern oder gewalttätige Konflikte innerhalb der Siedlergruppe.
Ein weiterer Quellenhinweis wurde erst 2021 bekannt: In der Chronica universalis des italienischen Dominikaners Galvano Fiamma, die zwischen 1339 und 1345 verfasst wurde, wird Markland unter dem Namen Marckalada erwähnt.
L’Anse aux Meadows
Die entscheidende archäologische Bestätigung kam in den 1960er Jahren. Vorher hatten Forschende zwar über die Lage von Helluland, Markland und Vinland diskutiert, sichere Funde fehlten aber. Der dänische Archäologe Carl Christian Rafn (1795–1864) hatte bereits auf die Möglichkeit skandinavischer Reisen nach Nordamerika hingewiesen. William Munn aus Neufundland vermutete 1914 Vinland im Norden Neufundlands.
Anne Stine Ingstad und Helge Ingstad suchten auf Grundlage der Vinland-Sagas und anderer mittelalterlicher Quellen nach Spuren. 1960 machte der Fischer George Decker aus L’Anse aux Meadows Helge Ingstad auf überwachsene Mauerreste in Epaves Bay an der Nordspitze Neufundlands aufmerksam. Von 1961 bis 1969 leitete Anne Ingstad dort Ausgrabungen. Sie ergaben, dass die Mauerreste von acht oder neun Gebäuden stammten, die von Skandinaviern der Wikingerzeit bewohnt wurden.
Die Funde waren nicht zahlreich, aber eindeutig. Dazu gehören eine Lampe aus Speckstein, der nur in Grönland vorkommt, und eine kleine Ringnadel, wie sie aus dem wikingerzeitlichen Norwegen bekannt ist. In einem Nebengebäude fand man Schlacke, also Rückstände der Eisenverarbeitung. Das weist auf skandinavische Siedler hin, weil die Ureinwohner Neufundlands um 1000 noch keine Eisenverarbeitung kannten. Außerdem fanden die Ingstads eine Grube zur Herstellung von Holzkohle. Die Radiokarbonmethode datierte diese Holzkohle auf 640 bis 990 n. Chr.; das passt möglicherweise zum Zeitraum der westlichen Expeditionen. Die Gebäude deuten auf eine angelegte Siedlung hin, die wenigen Funde aber darauf, dass sie wohl nach wenigen Jahren wieder verlassen wurde.
Offene Lokalisierung
Die genaue Lage der in den Sagas genannten Länder bleibt teilweise unsicher. Viele Historiker identifizieren Helluland mit der Baffininsel und Markland mit der Labrador-Halbinsel. Schwieriger ist die Frage nach Vinland.
Einige Forschende halten L’Anse aux Meadows für die Siedlung, die in den Sagas beschrieben wird. Andere verweisen auf Funde von grauen Walnüssen, botanisch Juglans cinerea, aus Nachgrabungen in L’Anse aux Meadows. Diese Walnüsse kamen weder heute noch um 1000 in Neufundland vor, sondern erst südlich des Sankt-Lorenz-Stromes im heutigen New Brunswick in Kanada. Das könnte auf Kontakte oder Fahrten weiter nach Süden hinweisen. Weitere archäologische Belege dafür fehlen bisher.
Fälschungen und Fehlinterpretationen
Im 19. Jahrhundert wuchs besonders unter Nachfahren skandinavischer Einwanderer das Interesse an den Vinland-Sagas. Weil es bis zum Fund von L’Anse aux Meadows keine archäologischen Belege für eine skandinavische Anwesenheit in Amerika vor Kolumbus gab, entstanden verschiedene angebliche Beweisstücke. Diese werden als Viking hoaxes bezeichnet, auf Deutsch etwa „Wikingerfälschungen“.
Ein Beispiel sind die Felszeichnungen von Peterborough in Ontario. Ein amerikanischer Hobbyarchäologe und Autor machte sie als angebliche Wikinger-Funde bekannt, weil er Ähnlichkeiten zu Felszeichnungen aus der skandinavischen Bronzezeit sah. Tatsächlich gelten sie nachweislich als Hinterlassenschaften der Algonkin aus präkolumbianischer Zeit.
Auch mehrere angebliche Runensteine in Nordamerika wurden als Wikingerzeugnisse gedeutet, darunter der Runenstein von Kensington in Minnesota und der Heavener-Runenstein in Oklahoma. Sie gelten jedoch als Fälschungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder aus dem 20. Jahrhundert.
Bekannt ist außerdem die sogenannte Vinland-Karte, die Vinland und Teile der grönländischen Küste zeigen und aus dem 15. Jahrhundert stammen soll. Ihre Darstellungsform weicht stark von mittelalterlichen skandinavischen Karten ab. Nach der derzeitigen wissenschaftlichen Forschung ist sie sehr wahrscheinlich eine Fälschung; auch chemische Untersuchungen sprechen dafür.