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Goldenes Kalb
Sie ist eine narrative Form der biblischen Religionskritik, mit der JHWH, der Befreier Israels, sich fortlaufend von selbstgemachten Gottesbildern der von ihm …
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Kernbedeutung
Das Goldene Kalb ist nach Ex 32,1–29 ein von den Israeliten geschaffenes Kultbild, während Mose auf dem Berg Sinai von JHWH die Tora und die Gebotstafeln empfing. Wörtlich bedeutet der hebräische Ausdruck ‘ēgel hazzāhāv „goldener Stier“. Die Erzählung gilt in der Bibel als grundlegendes Beispiel für Götzendienst: Menschen machen sich ein Bild von Gott, verehren ihr eigenes Werk und verlieren dadurch das Vertrauen auf JHWHs Willen.
Die Geschichte ist zugleich biblische Religionskritik. Sie zeigt den Gegensatz zwischen dem Gott JHWH, der Israel aus Ägypten befreit hat, und selbstgemachten Gottesbildern. Obwohl die Israeliten das Kalb offenbar mit JHWH verbinden und sogar ein Fest für JHWH feiern wollen, bewertet die heutige Erzählung dies als Bruch mit Gottes Gebot. Entscheidend ist: JHWH soll nicht durch ein Bild dargestellt, sondern durch Hören auf seine Gebote, die Tora, geehrt werden.
Erzählung am Sinai
Die Handlung spielt am Fuß des Berges Sinai. Mose ist längere Zeit abwesend, weil er von JHWH die Gebotstafeln empfangen soll. Das Volk verliert dadurch die sichtbare Mittlerfigur zwischen JHWH und Israel und fordert Aaron auf, „Götter“ zu machen, „die vor uns herziehen“. Damit suchen die Israeliten Führung, Orientierung und religiöse Sicherheit.
Aaron lässt allen Goldschmuck einsammeln und fertigt daraus „ein gegossenes Kalb“. Das Volk ruft: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben!“ Aaron baut vor dem Bild einen Altar und kündigt ein Fest für JHWH an. Am nächsten Tag feiern die Israeliten mit Brandopfern, Essen, Trinken und Tanz.
JHWH sieht darin einen Abfall von dem Weg, den er geboten hat. Die Erzählung stellt heraus, dass die Anbetung zwar äußerlich wie JHWH-Verehrung wirkt, aber aus dem Eigenwillen des Volkes entsteht. Sie widerspricht besonders dem Bilderverbot in Ex 20,4–6, das jedes Bild von JHWH ausschließt.
Mose besänftigt zunächst Gottes Zorn. Als er aber selbst zurückkehrt und die Tänze sieht, zerschmettert er die Tafeln mit den Zehn Geboten, zerstört das Kalb, zermahlt es zu Staub, streut den Staub in Wasser und gibt es den Israeliten zu trinken. Danach sammelt er die Leviten um sich. Nach Ex 32 fallen an diesem Tag gegen dreitausend Mann. Literarisch steht die Erzählung zwischen den Anweisungen zum Bau des Heiligtums in Ex 25–31 und ihrer Ausführung in Ex 35–40 und gilt als nachträglicher Einschub, der den JHWH-Kult unter kritisches Vorzeichen stellt.
Historischer Hintergrund
Stierbilder und Stierkulte waren im Alten Orient weit verbreitet. Der Stier konnte je nach Zusammenhang Zeugungskraft, Fruchtbarkeit, Vitalität, Kampfkraft, Überlegenheit, Macht und Stärke verkörpern. Im altägyptischen Apis-Kult wurden lebende Stiere als Gottheit verehrt. Bei den Hethitern, in Mesopotamien sowie in Nordsyrien und Kanaan begegnet der Stier ebenfalls als religiöses Symbol, oft im Zusammenhang mit Wetter- oder Fruchtbarkeitsgöttern wie Adad oder Baal.
Im Nordreich Israel wurden seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. vor den JHWH-Heiligtümern Bet-El und Dan goldene Stierbilder verehrt. Ihre genaue Funktion ist unklar, doch sollten sie JHWH in Formen vergegenwärtigen, die aus der Umwelt Israels bekannt waren. Nach 1 Kön 12,25–33 ließ Jerobeam I. (Regierungszeit 926–907 v. Chr.) diese Bilder aufstellen, um einen vom Jerusalemer Tempel unabhängigen Staatskult zu schaffen.
Die spätere biblische Geschichtsschreibung deutete diese Kultbilder als „Sünde Jerobeams“ und machte sie für den Untergang des Nordreichs verantwortlich. 722 v. Chr. eroberten die Assyrer das Nordreich, verschleppten seine Oberschicht und nahmen zumindest das Stierbild von Bethel mit. Etwa 100 Jahre später ließ der judäische König Joschija die Kultstätten zerstören.
Prophetische Kritik und Textgeschichte
Eine frühe Kritik an JHWH-Kultbildern findet sich beim Propheten Hosea, der um 750 im Nordreich auftrat. In Hos 8,4–6 wird der „Jungstier Samarias“ als von Menschen gemacht und daher „kein Gott“ bezeichnet. Hos 10,5–6 spricht vom „Jungstier von Bet-Awen“, der nach Assur gebracht werde. Die Kritik richtet sich gegen ein eigenmächtiges religiös-politisches Handeln der Nordreichkönige: Kultbilder konnten königliche Herrschaft religiös legitimieren, und Hoseas Drohung ihrer Zerstörung entzog dieser Herrschaft die theologische Grundlage.
Das hebräische Wort עֵגֶל (egel) bezeichnet eigentlich einen bis zu drei Jahre alten, kräftigen Jungstier und war ursprünglich nicht abwertend. Spätere Übersetzungen als „Kalb“ oder „Kälbchen“ werteten die Stierkulte negativ und verspotteten ihre Anhänger.
Die Erzählung vom Goldenen Kalb besteht nach der Darstellung des Artikels aus zwei unterschiedlich alten Textschichten. Die ältere Schicht Ex 32,1–6 bewertet das Stierbild noch nicht negativ und schreibt seinen Bau Aaron zu, dem Ahnherrn der Priesterschaft in Bethel. Diese Ursprungsversion sollte vermutlich den JHWH-Kult des Nordreichs legitimieren.
Nach dem Ende des Nordreichs wurde die Erzählung im Südreich Juda negativ fortgeschrieben. In der jüngeren, deuteronomistischen Schicht Ex 32,7–29 wurde die Verehrung des Goldenen Kalbes als schwere Sünde gegen JHWH gedeutet. Die Deuteronomisten verbanden dies mit zwei Vorwürfen: dem Verstoß gegen das Bilderverbot und dem Verstoß gegen die Zentralisierung der JHWH-Verehrung am Jerusalemer Tempel. Das Bilderverbot des Dekalogs lag zur Zeit der nordisraelitischen Stierbilder wahrscheinlich noch nicht vor, sondern wurde vermutlich erst in der Zeit des Babylonischen Exils (586–539 v. Chr.) hinzugefügt.
Wirkungsgeschichte
Im Neuen Testament erscheint das Goldene Kalb als Urbild des Sündenfalls. Apg 7,39–42 nimmt darauf Bezug, und Paulus erwähnt die Überlieferung in 1 Kor 10,7–8 unter dem Oberbegriff des Götzendienstes.
Im frühen Christentum wurde die Geschichte von Kirchenvätern breit ausgelegt. Das Goldene Kalb wurde teils mit dem Teufel, teils mit dem Judentum gleichgesetzt. Der Barnabasbrief vertrat eine extreme Deutung, indem er das Geschehen als vollständige Aufhebung von Gottes Bund mit Israel verstand und dabei die Erneuerung der Gesetzestafeln und die Bestätigung des Bundes in Ex 34 ausließ.
Im Mittelalter setzte sich die jüdische Auslegung mit christlichen Deutungen auseinander. Raschi betonte sowohl die Schwere der Sünde als auch die Macht der Reue und die Erneuerung des Bundes durch die zweiten Tafeln. Samuel ben Meir sah keinen Verrat, sondern einen Irrtum: Die Israeliten hätten gedacht, der Heilige Geist werde durch das Kalb zu ihnen sprechen wie durch die Propheten.
Der Koran erwähnt das Goldene Kalb in Sure 2:51–56, Sure 7:148–152 und Sure 20:83–98. Anders als die Bibel sagt er, das Kalb habe einen Leib gehabt, der muhte. In Sure 7 macht Mose Aaron verantwortlich, der sich damit entschuldigt, das Volk hätte ihn sonst getötet. In Sure 20 erscheint zusätzlich Samiri als Verführer und Hersteller des Kalbes; diese Figur kommt in der Bibel nicht vor.
Redensart
Aus dem biblischen Bild entstand die Redensart vom „Tanz um das Goldene Kalb“. Sie bezeichnet die Verehrung von Reichtum und Macht. In Kunst und politischer Kultur wird das Goldene Kalb deshalb häufig als Symbol für kritikwürdigen ethischen und moralischen Verfall verwendet.