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Aaronitischer Segen
Der Aaronitische Segen (hebräisch בִּרְכַּת כֹּהֲנִים birkat kohanim, deutsch ‚Priestersegen', Num 6,24–26 EU) ist ein Segenspruch der Tora.
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Bedeutung und Grundform
Der Aaronitische Segen (hebräisch בִּרְכַּת כֹּהֲנִים, birkat kohanim, „Priestersegen“) ist ein Segensspruch der Tora in Num 6,24–26. Nach diesem Text offenbarte Gott den Wortlaut Mose und beauftragte Aaron, dessen Söhne und damit die israelitische Priesterschaft, Israel zu segnen. Im Zusammenhang von Num 6,22f.27 wird deutlich: Die Priester sprechen den Segen, aber JHWH selbst spendet ihn.
Der Segen steht in enger Beziehung zum Opferkult des Jerusalemer Tempels, könnte jedoch auch schon unabhängig davon bekannt gewesen sein. Er ist heute ein Teil orthodox-jüdischer Gottesdienste und prägt als Schlusssegen auch evangelische Gottesdienste. Damit verbindet er unter anderem evangelische und liberale jüdische Gottesdiensttraditionen.
Wortlaut und Aussage
In der Lutherbibel (2017) lautet der Segen:
„Der HERR segne dich und behüte dich;\nDer HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;\nDer HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“
Der Text ist ein Dreischritt aus Schutz, Gnade und Frieden. Er betont die barmherzige und unmittelbare Zuwendung Gottes. Sprachlich ist er als Jussiv formuliert, also als Wunschform: Die Segnenden wünschen Gottes Handeln, führen dieses Handeln aber nicht selbst herbei. Priester und Pfarrer gelten deshalb als Vermittler des Segens.
In einer häufigen Variante heißt es in der dritten Zeile: „Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich …“ Für den Gottesnamen schreibt der Masoretentext beim Vorlesen stets das Ersatzwort אֲדֹנָי (Adonai, „Herr“) vor. Die Septuaginta verwendet κύριος; Luther übersetzt „der Herr“, Buber und Rosenzweig „ER“.
Frühe Zeugnisse und Tempel
Die Silberrollen von Ketef Hinnom aus dem Großraum Jerusalem enthalten Texte, die dem Aaronitischen Segen sehr ähnlich sind. Sie sind einige hundert Jahre älter als die ältesten in Qumran gefundenen Abschriften biblischer Texte. Erhaltene Formulierungen entsprechen etwa „Es segne dich Jhwh, er beschütze dich“ sowie dem Leuchten des göttlichen Angesichts und Frieden. Wegen Lücken und Abweichungen in den Rollen lässt sich ihr Text nicht vollständig mit dem Masoretentext gleichsetzen.
Sir 50,20 schildert für das 2. Jahrhundert v. Chr., dass der Hohepriester Simon II. das Volk im Tempel mit dem Gottesnamen segnete. Im Herodianischen Tempel gehörte der Priestersegen zum täglichen Opfer. Auch Synagogen kannten ihn in veränderter Form: Der heilige Gottesname wurde nicht ausgesprochen, der Segen in drei Sätze gegliedert und die Arme nur bis zur Schulterhöhe erhoben.
Jesus von Nazareth und die Urgemeinde kannten den Tempel- und Synagogengottesdienst nach Darstellung des Neuen Testaments vermutlich aus eigener Teilnahme. Das Neue Testament bezieht sich jedoch nirgends auf den Aaronitischen Segen; eine urchristliche Stellungnahme dazu ist nicht überliefert.
Qumran, Mittelalter und Reformation
In der Gemeinderegel von Qumran erscheint der Aaronitische Segen in abgewandelter Gestalt. Beim jährlichen Wochenfest (Schawuot) erhielten neue Mitglieder individuelle Segenssprüche der Priester. Diese leiten sich aus der Tora ab und bitten beispielsweise um alles Gute, Bewahrung vor Bösem, „Verstand des Lebens“, ewiges Wissen und ewigen Frieden. Die Leviten sprachen dazu entgegengesetzte Flüche. Dieses Ritual zeigt die dualistische Weltsicht der Gruppe und orientiert sich am Bundesschluss Gottes mit Israel in Lev 26 und Dtn 32.
Die Alte Kirche verwendete den Segen nicht; im Mittelalter kam er nur vereinzelt in regionalen Liturgien vor. Franz von Assisi nutzte ihn in seinem „Segen für Bruder Leo“. Martin Luther empfahl und etablierte ihn dann im evangelischen Gottesdienst. In der Formula missae von 1523 schlug er den Aaronitischen Segen oder die Segensbitte von Psalm 67 vor. In der Deutschen Messe von 1526 war nur noch der Aaronitische Segen als Schlusssegen vorgesehen. Nach der Einführung durch Luther 1525 übernahmen ihn auch Ulrich Zwingli und Johannes Calvin.
Heutiger Gebrauch im Judentum und Christentum
Im orthodoxen Judentum ist der Priestersegen eine Mitzwa, also eine religiöse Pflicht, für männliche Angehörige von Priesterfamilien (Kohanim), auch nach der Zerstörung des Tempels. Je nach Gemeinde wird er täglich beim Morgen- und Mussafgebet oder nur beim Mussafgebet an Sabbat, Neumond und Feiertagen gesprochen. Seit 1970 sprechen ihn zu Pessach und Sukkot Hunderte Kohanim; er wird über Lautsprecher an die Klagemauer übertragen.
Beim Ablauf wiederholt der Kantor zunächst das Achtzehnbittengebet (Schemone Esre). Leviten helfen den Kohanim bei der rituellen Handwaschung (Netilat Jadajim); die Kohanim ziehen die Schuhe aus. Beides erinnert an den Tempeldienst. Sie gehen zur Bima, sprechen nach dem Ruf „Priester!“ einen besonderen Segensspruch, wenden sich zur Gemeinde und bedecken den Kopf mit dem Tallit. Mit auf Schulterhöhe erhobenen Armen und gespreizten Fingern wiederholen sie die drei Verse Wort für Wort nach dem Kantor; die Gemeinde antwortet nach jedem Vers mit „Amen“. Im Liberalen Judentum und bei den meisten Konservativen wurde das Priesterprivileg abgeschafft. In der häuslichen Sabbatfeier spricht der Vater den Segen über jedes Kind.
In evangelischen Kirchen ist der Aaronitische Segen ein Kennzeichen des sonntäglichen Hauptgottesdienstes. Nach der evangelisch-lutherischen Agende I sprachen ordinierte Amtsträger ihn mit erhobenen Armen; Nichtordinierte formulierten ihn als Gebet ohne Segensgebärde. Das Evangelische Gottesdienstbuch nennt ihn als Regelfall, daneben den trinitarischen Segen. Je nach Tradition wird er mit oder ohne Kreuzzeichen gesprochen.
Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der Segen in die römische Messe neu aufgenommen. Er ist einer von fünf möglichen Schlusssegen an Sonntagen im Jahreskreis und wird stets mit trinitarischer Formel und Kreuzzeichen verbunden. Die Editio typica gliedert ihn in drei Teile mit jeweils einem Amen der Gemeinde; im Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes ist nur ein einmaliges Amen vorgesehen.