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Berufung (Religion)

Unter Berufung im religiös-spirituellen Sinn wird das Vernehmen/Verspüren einer inneren Stimme verstanden, die einen zu einer bestimmten Lebensaufgabe …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundverständnis religiöser Berufung
  2. 2. Berufung in der Bibel
  3. 3. Allgemeine Berufung zur Heiligkeit
  4. 4. Besondere Berufung zu Priestertum und Ordensleben
  5. 5. Protestantische und soziologische Perspektive

Grundverständnis religiöser Berufung

Berufung bezeichnet im religiös-spirituellen Sinn das Vernehmen oder Verspüren einer inneren Stimme, die einen Menschen zu einer bestimmten Lebensaufgabe bewegt. Dazu gehört die Vorstellung einer Berufung zur Liebe und zu einem Leben in Fülle, die im Herzen jedes Menschen tief verankert ist.

In den religiösen Schriften nahezu aller Religionen finden sich Berufungsgeschichten. Meist erzählen sie von Religionsstiftern, Propheten oder Priestern. In vielen schriftlosen ethnischen Religionen werden die berufenen religiösen Spezialisten als Schamanen bezeichnet.

Berufung in der Bibel

Im Alten und im Neuen Testament werden Menschen zu einem Dienst berufen. Aus den biblischen Berufungsgeschichten lassen sich mehrere Merkmale ableiten:

  • Propheten werden von Gott berufen, noch bevor sie geboren sind (Ri 16,17 EU; Jes 49,1 EU; Jer 1,5 EU).
  • Gottes Berufungen können ihn nicht gereuen (Röm 11,29 LU).
  • Gott beruft nicht zur Unreinheit, sondern zur Heiligung (1 Thess 4,7 LU).

Der Apostel Paulus beschreibt die Berufung der Christen als Berufung zur Freiheit (Gal 5,13 EU). Diese Freiheit soll jedoch nicht missverstanden werden. Sie bedeutet vielmehr Freiheit zur Askese und zur Nächstenliebe (Gal 5,14 EU). Das Verständnis der prophetischen Berufung wird von der jüdischen, christlichen und islamischen Tradition geteilt.

Allgemeine Berufung zur Heiligkeit

Die römisch-katholische Kirche kennt spätestens seit dem II. Vatikanischen Konzil wieder eine allgemeine Berufung zur Heiligkeit. Sie gilt auch für Laien und gründet in Taufe und Firmung. Durch die Taufe wird jedem Gläubigen ein allgemeines Priestertum vermittelt. Daneben unterscheidet die katholische Kirche ein Weihepriestertum und besondere Berufungen zum Ordensleben.

Die dogmatische Konstitution Lumen gentium erklärt, dass alle Christgläubigen unabhängig von Stand oder Rang zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind. Sie sind zum Streben nach Heiligkeit und zu einer ihrem Stand entsprechenden Vollkommenheit eingeladen und verpflichtet.

Papst Johannes Paul II. betont in Christifideles laici vom 30. Dezember 1988, der Sinn des gesamten Lebens eines Laien bestehe darin, die radikale Neuheit des Christlichen zu erkennen, die in der Taufe als Sakrament des Glaubens liegt, und der von Gott empfangenen Berufung sowie den damit verbundenen Pflichten zu entsprechen. Laien nehmen auf ihre Weise am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi teil. Die Gleichheit aller Getauften in Christus bildet die Grundlage für die Gleichheit aller Mitglieder des Volkes Gottes.

Nach Johannes Paul II. ist die grundlegende Berufung jedes Menschen zur Heiligkeit, also zur Vollkommenheit in der Liebe, entscheidend für die Würde der Laien. Das Zweite Vatikanische Konzil habe die universelle Berufung zur Heiligkeit besonders hervorgehoben. Das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche (KKKK) von 2005 erklärt in Nr. 188, die besondere Berufung der gläubigen Laien bestehe darin, das Reich Gottes zu suchen, indem sie die zeitlichen Dinge Gott gemäß erleuchten und ordnen. Damit verwirklichen sie die Berufung zur Heiligkeit und zum Apostolat, die an alle Getauften ergeht.

Besondere Berufung zu Priestertum und Ordensleben

Die katholische Kirche versteht die Berufung zum Priestertum und zum Leben in einer Ordensgemeinschaft als eine besondere Gnade. Nach einer klassischen Definition des heiligen Alphons Maria Liguori besteht eine solche Berufung aus einer lauteren Absicht und dem festen Entschluss, alle verfügbaren Mittel einzusetzen, um diese Absicht zu verwirklichen. Berufung ist danach nicht bloß ein Gefühl, sondern eine gute Absicht. Gott gibt die Gnade, diese Absicht mit den Hilfen der Kirche umzusetzen.

Für die Aufnahme gelten zwei einschränkende Bedingungen: Die Person muss gesundheitlich und charakterlich geeignet sein, den vorgesehenen Weg einzuschlagen, und sie muss durch die von der Kirche eingesetzten Oberen bestätigt werden.

Mögliche Hindernisse sind gesundheitliche Probleme oder die Not der Eltern. Ein geistlicher Begleiter soll vom Eintritt in den Ordensstand abraten, wenn erkennbar eine Weltflucht oder der Wunsch nach einem bequemen Leben dahintersteht. Außerdem muss geprüft werden, ob die Eltern die Person zu diesem Schritt zwingen. Ist die Absicht jedoch lauter und besteht kein unüberwindbares Hindernis, soll die Person nicht daran gehindert werden.

Joseph Ratzinger betonte, Priestertum könne man sich nicht selbst heraussuchen oder als Mittel zu Sicherheit, Lebensunterhalt, sozialer Stellung, Freundschaft oder Geborgenheit wählen. Es könne sich niemand selbst zum Priestertum bestimmen; dieses könne nur Antwort auf Gottes Willen und Ruf sein.

Protestantische und soziologische Perspektive

Martin Luther entwickelte seine Vorstellung von Beruf und Berufung besonders aus der paulinischen Aufforderung: „Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde“ (1 Kor 7,20 LUT). Er räumte einer religiösen Berufung keinen Vorrang vor weltlichen Tätigkeiten ein. Jeder äußere Beruf beruht demnach auf einer inneren Berufung durch Gott. Der Mensch bringt dabei besondere Fähigkeiten und Eigenschaften in den Dienst am Nächsten und damit in den Dienst an Gott ein.

Nach Luther sind Stallmagd und Fürst unter diesem Gesichtspunkt gleichgestellt. Jede Berufserfüllung, auch ehrenamtliches Wirken, kann als Gottesdienst verstanden werden. In der protestantischen Ethik entfällt dadurch der Anspruch von Klerikern und Ordensleuten auf ein besonderes Privileg religiöser Berufung.

Aus soziologischer Sicht hängt religiöse Berufung eng mit der Berufswahl zusammen. Hermann Steinkamp verwies bereits 1972 auf ein distanzierteres Verhältnis zu kirchlich-geistlichen Berufen. Als Gründe nannte er die fortschreitende Demokratisierung und Säkularisierung des traditionellen ethisch-vocativen Berufsgedankens sowie die damit verbundene individuelle Leistungs- und Aufstiegsideologie. Im modernen Berufsbewusstsein sei der klassische kirchliche Beruf daher ein „Un-Beruf“. Steinkamp prognostizierte außerdem, dass der Spätberufene soziologisch zum Normalfall einer Berufung im besonderen kirchlichen Sinn werde.

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