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Ghetto Riga
Das Ghetto von Riga war ein kleiner, abgesperrter Bereich im Lettgallischen Viertel der lettischen Hauptstadt Riga, in dem deutsche Besatzer während des …
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Überblick und Vorgeschichte
Das Ghetto Riga war ein kleiner, abgesperrter Bereich im Lettgallischen Viertel der lettischen Hauptstadt Riga. Deutsche Besatzer internierten dort ab 1941 während des Zweiten Weltkriegs Juden. Zunächst waren vor allem lettische Juden eingesperrt, ab Ende 1941 auch aus Deutschland deportierte Juden. Fast alle wurden im Ghetto, in angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern im Holocaust (Schoah) ermordet.
Riga war seit dem 17. Jahrhundert ein wichtiges politisches und kulturelles Zentrum der lettischen Juden. 1935 lebten dort 43.000 Juden, 11 % der Stadtbevölkerung und etwa die Hälfte aller lettischen Juden. Es gab jüdisches Theater, Schulen, Krankenhäuser und drei jiddische Tageszeitungen. Nach der sowjetischen Besetzung Rigas im Sommer 1940 wurden zwischen dem 13. und 19. Juni 1941 mehrere tausend Juden aus Lettland in sowjetische Lager verschleppt, meist Angehörige jüdischer Organisationen und Zionisten.
Pogrome und Errichtung des Ghettos
Am 1. Juli 1941, neun Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, nahmen deutsche Truppen Riga ein. Noch am selben Tag begannen Pogrome, also gewaltsame Übergriffe gegen Juden. Lettische Nationalisten ermordeten in Riga und Umgebung innerhalb der folgenden drei Monate mehr als 6.000 Menschen. Eine Radiosendung des übernommenen Rigaer Senders hatte zum Kampf gegen angebliche „Verräter“ und den „inneren Feind“ aufgerufen; damit waren Sympathisanten der Sowjetunion und Juden gemeint. Das Kommando Arājs, Teil der lettischen Hilfspolizei des Sicherheitsdienstes, ermordete etwa die Hälfte der lettischen Juden. Die Wehrmacht trug Mitverantwortung, weil sie den lettischen „Selbstschutz“ anerkannte, förderte und einsetzte.
Am 21. Juli 1941 beschloss das Wirtschaftskommando Riga, jüdische Arbeitskräfte in einem Ghetto zu konzentrieren. Alle Juden wurden registriert und mussten den Judenstern tragen. Sie durften unter anderem keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, nicht auf Bürgersteigen gehen, keine öffentlichen Plätze oder Bildungseinrichtungen besuchen und – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine Berufe ausüben. Lebensmittel wurden schwerer zugänglich, rituelles Schächten wurde verboten und Zwangsarbeit angeordnet. Ein Judenrat bildete eine nur scheinbare Selbstverwaltung mit geringen Befugnissen.
Das Ghetto wurde mit Stacheldraht umzäunt; auf Menschen, die den Zaun bestiegen, sollte ohne Vorwarnung geschossen werden. Am 25. Oktober 1941 um 18.00 Uhr lebten dort 29.602 Juden in heruntergekommenen Häusern auf engstem Raum: 15.738 Frauen, 8.222 Männer und 5.652 Kinder.
Massenmorde und Deportationen aus Deutschland
Im September 1941 befahl Hitler die Deportation deutscher Juden nach Osten. Riga war von Himmler als Ziel für 20.000 Juden aus dem Altreich, Österreich, Böhmen und Mähren vorgesehen, obwohl das dortige Ghetto bereits überfüllt war. Der erste Transport mit 1.053 Berliner Juden erreichte am 30. November 1941 den Bahnhof Šķirotava; alle wurden noch am selben Tag im Wald von Rumbula ermordet. Die folgenden vier Transporte mit rund 4.000 Menschen kamen zunächst in einem leerstehenden Gutshof unter, dem später so genannten Lager Jungfernhof.
Um Platz für Deportierte aus Deutschland zu schaffen, wurde das Ghetto am 30. November 1941 „freigemacht“. Etwa 15.000 Juden mussten in 500er Gruppen über vereiste Straßen nach Rumbula gehen. Dort erschoss die lettische SS sie unter Aufsicht der deutschen SS an Gruben, die sowjetische Kriegsgefangene ausgehoben hatten. Am 8. und 9. Dezember 1941 wurden weitere 12.500 im Ghetto verbliebene Juden in Rumbula ermordet. Die Gesamtleitung hatte Friedrich Jeckeln. Nur Facharbeiter aus Arbeitskommandos überlebten und wurden im nordöstlichen „kleinen Ghetto“ interniert.
Ab Dezember 1941 kamen deutsche Juden in das verkleinerte Ghetto. Bis Mitte Februar 1942 trafen 10.000 Menschen aus deutschen Städten und aus Prag ein; außerdem waren 4.700 lettische und litauische Juden aus Kaunas in einem abgetrennten Bereich untergebracht. Unklar ist, wie viele der 15.073 auf Transportlisten verzeichneten deutschen Juden tatsächlich im Ghetto ankamen. Einige Männer wurden direkt nach KZ Salaspils gebracht; bei einzelnen Transporten aus Theresienstadt wurden wahrscheinlich gebrechliche Personen schon am Ankunftstag erschossen. Im Ghetto bestanden unter anderem Ghettopolizei, Arbeitseinsatz-Zentrale, Schulsystem, Straßenreinigung und Abfallentsorgung.
Zwangsarbeit, Selektionen und Kaiserwald
Die Gefangenen wurden vor allem für Torfabbau, Landwirtschaft, Bauarbeiten, Wehrmachtslogistik und den Ausbau des Lagers Salaspils eingesetzt. Ende 1942 befanden sich rund 12.000 Juden des Ghettos im Arbeitseinsatz; mehr als 7.300 wurden in Kolonnen zu ihren Arbeitsstätten geführt. Eine Abrechnung von 1943 nennt 13.200 Juden im Ghetto. Die Arbeit schützte jedoch nicht dauerhaft vor der Vernichtung. Im März 1942 wurden bei der Aktion Dünamünde etwa 1.900 Arbeitsunfähige unter dem Vorwand einer leichteren Arbeit in Dünamünde in den Wald von Biķernieki gebracht, erschossen und verscharrt.
Im Juni 1943 befahl Heinrich Himmler, alle noch in Ghettos des Ostlands vorhandenen Juden in Konzentrationslager zusammenzufassen; nicht benötigte Angehörige der Ghettos sollten „nach dem Osten“ deportiert werden. Im Sommer 1943 entstand im Villenvorort Mežaparks-Kaiserwald das KZ Riga-Kaiserwald. Die ersten 400 Juden wurden im Juli dorthin gebracht. Für die Häftlinge bedeutete dies Trennung von Angehörigen, Häftlingskleidung, Abrasieren der Haare und den Verlust von Privatsphäre.
Am 2. November 1943 wurde das Ghetto geräumt. Bei der Selektion wurden die meisten der rund 2.500 als nicht arbeitsfähig eingestuften Juden mit zwei Transporten nach Auschwitz deportiert; beim ersten starb etwa die Hälfte, als der Zug von Fliegern angegriffen wurde. Kinder und Kranke wurden im November 1943 nach Auschwitz deportiert. Ab August 1944 wurden Häftlinge auf dem Seeweg in das KZ Stutthof „evakuiert“. Im Rahmen der Sonderaktion 1005 wurden Leichen vieler in Riga ermordeter Juden ausgegraben und verbrannt, um Spuren zu beseitigen. Insgesamt wurden etwa 25.000 deutsche Juden nach Riga deportiert; nur die wenigsten überlebten.
Erinnerung an das Ghetto
Seit 1989 gibt es in Riga ein kleines Jüdisches Museum zur Erinnerung an das Ghetto. Daraus ging der „Verein der Überlebenden des Rigaer Ghettos“ hervor, der sich seit 1993 für finanzielle Hilfen an Überlebende einsetzt. Am 21. September 2010 wurde das Ghetto-Museum in der Moskauer Vorstadt an der Grenze des ehemaligen Ghettos eröffnet.