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Geschichte der Juden in Russland

Die Geschichte der Juden in Russland beschreibt jüdisches Leben in der Kiewer Rus, dem Zarenreich, der Sowjetunion und dem heutigen Russland.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und frühe Entwicklung
  2. 2. Ansiedlungsrayon, Reformen und jüdische Kultur
  3. 3. Pogrome, Einschränkungen und Revolution 1917
  4. 4. Sowjetunion und Zweiter Weltkrieg
  5. 5. Stalinismus, Israel und spätere Öffnung
  6. 6. Russland seit 1991

Überblick und frühe Entwicklung

Die Geschichte der Juden in Russland umfasst jüdisches Leben von der Kiewer Rus über das Zarenreich und die Sowjetunion bis zum heutigen Russland. Sie ist geprägt von wechselnden Phasen des Schutzes, rechtlicher Einschränkungen, Verfolgung, kultureller Entwicklung, Auswanderung und Assimilation.

Gesicherte Hinweise auf jüdische Gemeinden in der weiteren Region stammen aus der hellenistischen Periode, etwa aus griechischen Kolonien am Schwarzen Meer wie Chersones bei Sewastopol und Pantikapaion beim heutigen Kertsch. Wegen Verfolgungen im Byzantinischen Reich flohen zahlreiche Juden dorthin. Im 7. Jahrhundert wanderten viele in den Kaukasus aus. Jüdische Händler reisten seit dem Frühmittelalter auf der Seidenstraße und handelten unter anderem mit Sklaven, Textilien, Pelzen, Gewürzen und Waffen.

In der Kiewer Rus lebten Juden unter fürstlichem Schutz; in Kiew ist ein „Tor der Juden“ belegt. Es bestanden auch Gemeinden in Tschernihiw und Wolodymyr. Rabbiner Moses aus Kiew korrespondierte im 12. Jahrhundert mit Gelehrten in Westeuropa und Bagdad. Die mongolische Invasion von 1237 und die folgende Herrschaft brachten den Juden großes Leid. Auf der Krim entstand unter genuesischer und später krimtatarischer Herrschaft eine größere Gemeinde von Rabbaniten, also Anhängern des rabbinischen Judentums, und Karäern.

Im Großfürstentum Moskau waren Juden dagegen nicht geduldet. 1582 befahl Zar Iwan IV. nach der Einnahme von Pskow, Juden, die nicht zum Christentum übertreten wollten, zu ertränken. Im Zarenreich wurden Juden zunächst meist ferngehalten: 1742 ordnete Kaiserin Elisabeth Petrowna ihre Vertreibung an. Durch die polnischen Teilungen wurden ab 1772 jedoch Hunderttausende Juden zu Untertanen des Russischen Reiches.

Ansiedlungsrayon, Reformen und jüdische Kultur

Juden in den eroberten westlichen Gebieten bildeten vielfach eine soziale Mittelschicht zwischen Großgrundbesitzern und leibeigenen Bauern. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts arbeiteten schätzungsweise je 30 % im Gastgewerbe und Handel, 15 % als Handwerker, 21 % ohne feste Beschäftigung; 4 % waren religiös oder landwirtschaftlich tätig. Sonderabgaben wie die Korobka auf koscheres Fleisch und die Kerzensteuer belasteten besonders Arme.

Das Dekret von 1791 bestätigte jüdisches Niederlassungsrecht in den von Polen eroberten Gebieten. Daraus entwickelte sich der Ansiedlungsrayon im Westen des Reiches. Seine endgültige Form erhielt er mit Bessarabien 1812 und Kongresspolen 1815. Er reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, umfasste 25 Gouvernements, und Juden stellten dort ein Neuntel der Bevölkerung. Die räumliche Beschränkung, Bevölkerungswachstum und Verarmung verschlechterten die wirtschaftliche Lage.

Das Jüdische Statut von 1804 erlaubte Juden den Besuch aller Schulstufen und jüdische Schulen mit Russisch, Polnisch oder Deutsch als Unterrichtssprache. Zugleich verbot es Niederlassung und Pachtwirtschaft in Dörfern sowie den Alkoholausschank an Bauern. 1822 wurden Juden in belarussischen Dörfern systematisch ausgewiesen.

Unter Nikolaus I. begann 1827 das Kantonistensystem: Jüdische Jugendliche von 12 bis 25 Jahren wurden zwangsweise für die Armee ausgehoben; Unter-18-Jährige kamen in Militärschulen. Juden wurden weiter aus Dörfern und Kiew ausgewiesen. Staatliche jüdische Schulen sollten ab 1844 aufgebaut werden, wurden aber von vielen als Versuch gesehen, jüdische Religion und Talmudstudium zurückzudrängen. Der Staat teilte Juden außerdem in „nützliche“ Gruppen wie wohlhabende Kaufleute, Handwerker und Landwirte sowie „nutzlose“ Kleinhändler und Arme ein.

Alexander II. hob unter anderem das Kantonistensystem auf. Wohlhabende Kaufleute erhielten 1859, Universitätsabsolventen 1861, diplomierte Handwerker 1865 und medizinisches Personal das Recht, sich im ganzen Reich niederzulassen. Die 1874 eingeführte allgemeine vierjährige Wehrpflicht förderte den Besuch russischer Schulen, doch Juden konnten nicht Offiziere werden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gewann die Haskala, die jüdische Aufklärungsbewegung, an Einfluss. Sie reichte von weitgehender Assimilation bis zur Suche nach jüdischer nationaler Identität; die jiddische Sprache wurde zunächst oft abgelehnt, später jedoch auch für weltliche Literatur genutzt.

Pogrome, Einschränkungen und Revolution 1917

Nach der Ermordung Alexanders II. am 13. März 1881 kam es besonders 1881/82, vereinzelt bis 1884, zu Pogromen, also gewaltsamen Übergriffen gegen Juden. Häuser, Geschäfte und Wirtshäuser wurden geplündert, es kam zu Vergewaltigungen und Morden. Irwin Michael Aronson nennt für 1881 40 Todesopfer und 225 Vergewaltigungen. Nach seiner Untersuchung waren die Pogrome von 1881 bis 1884 nicht von der Zentralregierung geplant, einzelne lokale Behörden konnten sie jedoch dulden oder daran mitwirken.

Die Maigesetze von 1882 verboten Juden die Niederlassung außerhalb von Städten und Kleinstädten. Ab 1886 beschränkte ein Numerus clausus den Anteil jüdischer Schüler und Studierender auf 10 % im Ansiedlungsrayon und auf 3–5 % außerhalb. 1891 begann die systematische Vertreibung der meisten Juden aus Moskau.

Unter Nikolaus II. setzte sich die judenfeindliche Politik fort. Beim Pogrom von Kischinjow im April 1903 wurden 45 Juden getötet, fast 600 verletzt und 1.500 Häuser geplündert. Bis 1906 starben in mehr als 600 Pogromen über 3.100 Juden, mehr als 15.000 wurden verletzt; allein in Odessa wurden 1905 800 Juden ermordet und 5.000 verwundet. Die 1906 gegründete Duma änderte die Lage kaum: In ihrer ersten Zusammensetzung waren 12 von 497 Abgeordneten jüdisch. Die antisemitische Hetzschrift „Protokolle der Weisen von Zion“ erschien 1903; die Times bewies 1921, dass sie ein Phantasieprodukt war.

Zwischen 1881 und 1914 wanderten etwa zwei Millionen Juden aus Russland aus, viele in die Vereinigten Staaten. Die Februarrevolution brachte eine kurze Phase der Gleichberechtigung: Am 16. März 1917 hob die provisorische Regierung sämtliche Beschränkungen auf. Juden konnten nun in Verwaltung, Rechtsberufen und Armee tätig sein. Die zionistische Bewegung gewann Zulauf; auf ihrer Konferenz im Mai 1917 in Petrograd waren 140.000 Mitglieder vertreten.

Sowjetunion und Zweiter Weltkrieg

Im Russischen Bürgerkrieg bis etwa 1921 kam es vor allem in der Ukraine zu Massakern und Pogromen durch verschiedene Kriegsparteien. Für die Opferzahlen nennt der Artikel unterschiedliche Schätzungen: Simon Dubnow sprach von über 1.000 Pogromen und über 60.000 Toten, Gunnar Heinsohn von mehr als 2.000 Pogromen, 30.000 Toten sowie weiteren 120.000 an Verletzungen Gestorbenen, Orlando Figes von 1.200 Pogromen und 150.000 Toten 1919–1920.

Nach der Grenzfestlegung der Sowjetunion Ende 1922 lebten dort noch 2,5 Millionen Juden. Die Bolschewiki strebten Integration und Assimilation an. Die Jewsekzija, jüdische Sektionen der Kommunistischen Partei, bekämpfte Religion, Tanachstudium, Zionismus und Hebräisch. Jiddische Sprache, Literatur und Schulen wurden zunächst gefördert: 1932 besuchten 160.000 jüdische Kinder eine jiddischsprachige Schule. Später wurden diese Schulen geschlossen. 1928 begann die Ansiedlung von Juden bei Birobidschan im Osten Russlands; 1934 entstand dort die Jüdische Autonome Oblast. Die Volkszählung von 1939 ergab für die RSFSR rund 956.000 Juden.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen flohen 1939 etwa 10.000 polnische Juden nach Litauen. Mit sowjetischer Genehmigung reisten bis August 1941 rund 3.500 Personen über Sibirien und Nachodka nach Japan. Chiune Sugihara stellte etwa 5.000 Juden japanische Visa aus und erteilte dabei Tausenden entgegen seiner Weisung Einreisevisa.

Die deutsche Besetzung sowjetischer Gebiete brachte den Holocaust in diese Regionen. Von vier Millionen Juden im später besetzten Gebiet im Frühjahr 1941 wurden etwa drei Millionen ermordet. Einsatzgruppen, unterstützt durch die Wehrmacht, organisierten die systematische Ermordung. In Babyn Jar bei Kiew wurden am 29. und 30. September 1941 33.779 jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen. In Odessa ermordeten deutsche und rumänische Truppen vom 23. bis 26. Oktober 1941 26.000 Juden. Etwa 500.000 Juden dienten in der Roten Armee, rund 200.000 fielen. 145 erhielten den Titel Held der Sowjetunion.

Stalinismus, Israel und spätere Öffnung

Nach dem Krieg begann erneut eine schwere Verfolgungsphase. Das Jüdische Antifaschistische Komitee wurde 1949 aufgelöst, seine Mitglieder verhaftet; die meisten von 25 Angeklagten wurden am 12. August 1952 heimlich hingerichtet. Die Kampagne gegen „wurzellose Kosmopoliten“ richtete sich in der Regel gegen Juden. Das geplante „Schwarzbuch“ über die Ermordung der Juden in den besetzten sowjetischen Gebieten durfte nicht erscheinen, weil die Zensur eine unzulässige Hervorhebung jüdischen Leidens behauptete. Die sogenannte Ärzteverschwörung vom 13. Januar 1953 löste eine weitere antisemitische Welle aus. Die Jahre 1948 bis zu Stalins Tod am 5. März 1953 werden „Schwarze Jahre“ genannt.

Jüdisches religiöses Leben blieb stark eingeschränkt. Von 1.100 aktiven Synagogen 1926 bestanden 1956 noch 450 und 1988 etwa 100. Die jüdische Bevölkerung sank laut Volkszählungen von 792.000 im Jahr 1970 auf 692.000 im Jahr 1979.

Die Sowjetunion unterstützte 1947 zunächst die Teilung Palästinas und half Israel mit Waffen über die Tschechoslowakei sowie Wirtschaftshilfe über Polen. Nach 1949 verschlechterten sich die Beziehungen. Am 10. Juni 1967, dem letzten Tag des Sechstagekriegs, brach die Sowjetunion die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab und unterstützte anschließend Ägypten und Syrien. Gleichzeitig stieß das Ausreiseverbot für auswanderungswillige Juden international auf Kritik. Als Refusniks wurden Menschen bezeichnet, denen die Ausreise verweigert wurde. Mit Michail Gorbatschows Perestroika ab 1985 wurden die Ausreisebestimmungen gelockert.

Russland seit 1991

Nach der Auflösung der Sowjetunion wanderten viele Juden nach Israel aus. Seit 2000 war die Auswanderung zeitweise rückläufig; zugleich blieben antisemitische Einstellungen vorhanden. 1999 förderte Wladimir Putin die Gründung des Bundes Russischer Jüdischer Gemeinden. Die Regierung erkannte Rabbi Berel Lasar von der chassidischen Chabad-Gemeinde als obersten geistlichen Repräsentanten des Judentums in Russland an.

Die jüdische Bevölkerung ging langfristig deutlich zurück: 1959 lebten im sowjetischen Russland noch 2,2 Millionen Juden, der Zensus von 2010 nannte 153.000, und 2016 waren es ungefähr 135.000. 2015 wanderten 6.600 Juden aus Russland nach Israel aus, 40 % mehr als 2014. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 verließen laut Jewish Agency for Israel von März bis August etwa 20.500 Juden Russland. Der frühere Moskauer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt begründete seinen Aufruf zur Ausreise im Dezember 2022 mit wachsendem Antisemitismus und der Sorge, Juden könnten in politischen Krisen zu Sündenböcken werden.

Der Rückgang wird außerdem mit kleinen Familien, hoher Assimilation und Mischehen erklärt. Bis zu 90 % der Kinder mit einem jüdischen Elternteil stammen aus Mischehen; die meisten Juden haben ein oder zwei Kinder. Rückkehr einzelner Emigranten, besonders aus Deutschland, verlangsamte den Rückgang.

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