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Gewalt in der Bibel
Gewalt in der Bibel wurde erst seit etwa 1970 zu einem eigenen wissenschaftlich behandelten Gesamtthema. Der vielschichtige Begriff der Gewalt wird dabei im …
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Gegenstand und Grundproblem
Gewalt in der Bibel wurde erst seit etwa 1970 als eigenes wissenschaftliches Gesamtthema behandelt. Im engeren Sinn bezeichnet Gewalt die Menschenleben schädigende und zerstörende Macht- und Gewaltausübung; im weitesten Sinn jede Beeinträchtigung von Leben. Die Bibel enthält Texte über Gewalttaten, Gewalterfahrungen, Gewaltfantasien und die Reflexion über Gewalt, aber auch über rechtliche Begrenzungen, die Überwindung von Gewalt und gewaltfreie Alternativen.
Gewalt erscheint in verschiedenen Beziehungen: zwischen Gott und Mensch, etwa in Opferkult, Recht und göttlich angeordneten Kriegen; zwischen Großgruppen, etwa im Bannkrieg; zwischen Kleingruppen, etwa in Blutrache, Todes- und Körperstrafen; zwischen Einzelpersonen, etwa in Mord, Folter, Körperverletzung, Vergewaltigung und Nötigung; sowie zwischen sozialen Gruppen, etwa in Demütigung, Ausbeutung, Unterdrückung, Enteignung, Vertreibung, Genozid und Entrechtung.
Für die Bibel sind besonders drei Unterscheidungen wichtig: göttliche und menschliche Gewalt, rechtmäßige und unrechtmäßige Gewalt sowie die Erwartung, dass Gott lebensfeindliche Mächte überwinden wird. Gottes Gewalt soll menschliche Gewalt richten und begrenzen, ist aber zugleich selbst ein Bestandteil des biblischen Gottesbildes. Deshalb entsteht ein Grundproblem für alle, die die Bibel als Heilige Schrift und als Norm für gegenwärtiges Handeln verstehen: Biblische Texte wurden häufig zur Rechtfertigung von Gewalt verwendet, seltener zu ihrer Kritik.
Die neuzeitliche Trennung zwischen privater und öffentlicher Gewalt ist für die Bibel nur begrenzt maßgeblich. Gruppenkonflikte entstehen nach Zick (2002), wenn Gruppen um Werte, Status, Macht oder knappe Ressourcen konkurrieren. Bei positiver Abhängigkeit ist Zusammenarbeit möglich; bei negativer Abhängigkeit versucht eine Gruppe, ihre Ziele auf Kosten anderer zu erreichen. Daraus können Konkurrenz, Krieg und Gewalt entstehen, zugleich aber eine stärkere Solidarität innerhalb der eigenen Gruppe. Intergruppenkonflikte verlaufen zwischen sozialen Gruppen, Innergruppenkonflikte innerhalb einer Gruppe. Organisierte kollektive Gewalt entwickelte sich als kultureller Mechanismus im Wettbewerb um Territorien, Rohstoffe und Produktionsmittel, insbesondere seit Beginn der Bronzezeit. Stigmatisierung bedeutet dabei die Zuschreibung kulturell als auffällig geltender Unterschiede.
Gewalt in der Hebräischen Bibel
Der Tanach kennt Dutzende Wortwurzeln für gewaltsames Handeln, von denen viele auch für Gottes Handeln verwendet werden. Die Wurzel d(a)m bezeichnet Blut, Bluttat oder Blutschuld; hrm bedeutet vernichten oder dem Bann weihen. Das Verb rzch bezeichnet Morden und wird nur selten auf Gott bezogen; bei Menschen wird es deutlich von anderem Töten unterschieden.
Die Gewaltgeschichte beginnt bereits im biblischen Schöpfungsbericht: Auf den Ungehorsam Adams und Evas und ihre Vertreibung aus dem Paradies (Gen 3) folgt der Brudermord Kains an Abel (Gen 4). Die Gewalt steigert sich bis zur Sintflut, in der Gott das von ihm geschaffene Leben fast vollständig vernichtet, um einen neuen Anfang zu ermöglichen (Gen 6–9). Danach wird den Menschen Gewalt über die Tierwelt zugesprochen. Wegen der bleibenden Gottebenbildlichkeit des Menschen gilt das Töten eines Menschen als absolutes Tabu; zugleich soll nach Gen 9,5–6 jeder Mensch oder jedes Tier, das einen Menschen tötet, selbst getötet werden.
In den Erzelternerzählungen werden weitere Formen göttlicher und menschlicher Gewalt berichtet. Sodom und Gomorra werden wegen ihrer Verdorbenheit und Gottlosigkeit durch „Schwefel und Feuer“ zerstört (Gen 19,24–26); Abrahams Bitte um Verschonung gerechter Menschen bleibt erfolglos. In Gen 34 töten Simeon und Levi die männlichen Bewohner Sichems, die nach ihrer Beschneidung im Wundfieber liegen. Sie rächen damit die Vergewaltigung ihrer Schwester Dina durch Sichem.
Im Exodus befreit JHWH die von Pharao versklavten Israeliten durch die Zehn Plagen, darunter den Tod aller erstgeborenen Söhne der Ägypter. Das Heer des Pharao ertrinkt bei der Verfolgung der Israeliten im geteilten Roten Meer (Ex 1–14). Das Siegeslied der Mirjam deutet dies als herrliche Tat JHWHs. Daraus ergibt sich die theologische Frage, ob JHWH ursprünglich als national begrenzter Kriegsgott erscheint, der ein Volk rettet, indem er ein anderes vernichtet.
Die Landnahme wird entweder in den Zeitraum von etwa 1230–1208 v. Chr. oder in das 15. Jahrhundert v. Chr., in die Regierungszeiten von Thutmosis III. bis Amenophis II., eingeordnet. Die Bücher Josua bis 2. Könige berichten von inneren und äußeren Kriegen. In der Richterzeit kann ein Verteidigungskrieg bei äußerer Existenzbedrohung als von Gott geleiteter Heiliger Krieg gelten. Zugleich erzählen die Texte von der Ausrottung fremder Völker einschließlich Frauen und Kindern. Die Tora schließt dies als Unrecht aus und knüpft Gewalt an Bedingungen wie Friedensangebot und gescheiterte Verhandlungen; die Geschichtserzählungen halten diese Bedingungen jedoch nicht immer ein. Die historische Forschung betrachtet die Eroberung Kanaans teilweise als spätere Rückprojektion und deutet den Ansiedlungsprozess vielfach als längeres, zunächst friedliches Einsickern. Die biblische Geschichtsschreibung kritisiert außerdem menschliches Versagen, Gewalt und Götzenverehrung als Ursachen späterer Katastrophen; auch Verbrechen König Davids, etwa die Beseitigung Urias, werden kritisch überliefert.
Fluch- oder Rachepsalmen sind Gebete, in denen Bedrängte Gott um die gewaltsame Vernichtung ihrer Feinde bitten. Die moderne Exegese spricht auch von Feind- oder Vergeltungspsalmen; ein Beispiel ist Psalm 58. Zu den Kultopfern gehört die Beinahe-Opferung Isaaks (Gen 22), bei der ein Tier als Ersatz geopfert wird. Menschenopfer werden danach in der Bibel verboten. Die Tieropfer und das Töten von Tieren zur Ernährung werden heute dennoch unter dem Gesichtspunkt lebensfeindlicher Gewalt kritisiert; die Bibel fordert für die Nahrungsgewinnung möglichst schonendes Vorgehen.
Recht, Strafe und Begrenzung von Gewalt
Die Gesetzeskorpora des Pentateuch sanktionieren religiöse und profane Verbrechen mit unterschiedlichen Strafen, darunter auch Gewaltstrafen. Gleichzeitig enthält die Tora Regeln, die Gewalt begrenzen sollen. Das Gebot „Auge für Auge“ verlangt in seinem ursprünglichen Zusammenhang einen angemessenen Schadenersatz bei Körperverletzung. Es begrenzte Vergeltung auf das Maß des Schadens, verbot damit die Blutrache und sollte unverhältnismäßige Bestrafung und Vergeltungsspiralen verhindern. Die Beispiele im Zusammenhang zeigen, dass es wahrscheinlich schon bei seiner Aufnahme in den Tanach nicht mehr wörtlich befolgt wurde; wer etwa einem Sklaven ein Auge ausschlug, musste ihn freilassen.
Die Zehn Gebote enthalten allgemeine Verbote des Mordens, Raubens, Ehebrechens und Begehrens fremden Besitzes. Das unbedingte Mordverbot steht dabei in Spannung zu dem im Schöpfungsbericht genannten Vergeltungsgebot für einen Menschen, der einen Menschen getötet hat. Das Gebot der Nächstenliebe (Lev 19,18) fordert im Eigenkontext den bewussten Verzicht auf Hass und Rache, um Gewalt zu begrenzen. Es gilt nicht nur für Israeliten: Der Schutz von Fremden und Flüchtlingen steht ihm ebenbürtig zur Seite. Auch Feindeshilfe wird mit konkreten Beispielen geboten (Ex 23,4–5).
Die Bibel beschreibt Gott zugleich als „Herr aller Herren und König aller Könige“, dem alle Gewalt und Herrschaft gehören. Daneben wird den Menschen in Gen 1,28 die Herrschaft über die Erde übertragen: „Füllt die Erde, und macht sie euch untertan.“ Diese Spannung zwischen göttlicher Herrschaft und menschlicher Regierungsgewalt prägt auch spätere Vorstellungen vom staatlichen Gewaltmonopol.
Jesus, Gewaltfreiheit und staatliche Gewalt
Das Neue Testament enthält im Vergleich zum Alten Testament deutlich weniger Gewalttätigkeit. Jesus wird überwiegend als gewaltlos wirkende Person dargestellt. Die häufig zitierte Aussage, er sei nicht gekommen, Frieden, sondern „das Schwert“ zu bringen (Mt 10,34), wird unterschiedlich ausgelegt: Das Schwert kann als Metapher für die familiäre Entzweiung verstanden werden, die eine Entscheidung für die Nachfolge hervorruft. Es kann auch passiv gemeint sein, indem Jesu Anhänger Gewalt erfahren, statt selbst Gewalt auszuüben.
In der Bergpredigt lehnt Jesus Gegengewalt bis hin zur Selbstverteidigung ab und fordert Feindesliebe (Mt 5,38–48). Er verlangt, dem Bösen keinen Widerstand zu leisten, die andere Wange hinzuhalten, zusätzlich den Mantel zu geben, eine erzwungene Meile zwei Meilen mitzugehen, Bedürftigen zu geben und für Verfolger zu beten. Er deutet außerdem einzelne Toragebote neu: Manche verschärft, andere relativiert oder hebt sie tendenziell auf. Er kritisiert das Verstoßen der Ehefrau, relativiert das gesetzmäßige Opfer und soll die Steinigung einer Ehebrecherin verhindert haben. Zugleich erkannte er die Tora ausdrücklich als gültigen Willen Gottes an.
Jesus teilte jedoch die Vorstellung eines göttlichen Endgerichts. In vielen Evangelienstellen droht er mit Gottes Gericht, der Gehenna und ewigen Strafen. Umstritten ist, welche dieser Texte auf den historischen Jesus zurückgehen und welche aus der urchristlichen Gemeindetheologie stammen. Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten in Lukas 19 fordert ein König die Tötung seiner Feinde. Joachim Jeremias deutet den mordlüsternen König als Bild für Jesus und seine Wiederkunft, während Joachim Gnilka darin eher eine Anspielung auf die Vorgänge um Archelaos im Jahr 4 v. Chr. sieht. Auch unterschiedliche Bibelübersetzungen geben den Hinrichtungsbefehl verschieden wieder.
Die Tempelreinigung ist die einzige Handlung, in der Jesus möglicherweise selbst Gewalt ausübte. Alle Evangelien berichten, dass er Händler und Geldwechsler aus dem Tempelvorhof trieb; Johannes nennt eine „Geißel aus Stricken“, sagt aber nicht, dass Jesus Menschen damit schlug. Gegen die Gewaltbereitschaft seiner Jünger schritt Jesus ein. Sein Ziel war ein neuer, gewaltfreier Umgang der Menschen untereinander und die Überwindung menschlicher Herrschaftssysteme durch Gottes gerechtes Gericht.
Paulus fordert in Röm 13,1–2 Gehorsam gegenüber der staatlichen Gewalt, da es keine staatliche Gewalt gebe, die nicht von Gott stamme. Herrscher haben diese Aussage häufig als göttliche Begründung eines Gewaltmonopols verstanden. Dem steht in westlichen Verfassungen das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche gegenüber.
Kritik und erlittene Gewalt
Die biblische Forderung nach Gewaltfreiheit wird kritisiert, weil Gleichnisse und Drohungen häufig Bilder von Unterdrückung, Mord, Ausstoßung und ewigen Strafen verwenden. Traditionelle Lösungen wie die Trennung eines gewalttätigen Schöpfers von einem gewaltlosen Erlöser, die rein allegorische Umdeutung der Gewalttexte oder die Vorstellung eines moralischen Fortschritts vom Alten zum Neuen Testament gelten in der heutigen universitären Theologie überwiegend als exegetisch unhaltbar und historisch folgenreich.
René Girard erklärt die Gewaltsprache der Gleichnisse damit, dass sie für die damaligen Zuhörer die einzige verständliche Sprache gewesen sei. Psychologische und philosophische Kritiker wie Friedrich Nietzsche wenden ein, Aggression gehöre unvermeidlich zu den menschlichen Emotionen. Eine bloße Unterdrückung von Aggression könne Ängste und Verdrängung verstärken und einen bewussten, sinnvollen Umgang mit ihr verhindern. Gerhard Vinnai betont daher, Aggressionsverbote könnten notwendig sein, mehr Friedfertigkeit entstehe aber eher durch die Bearbeitung und Entschärfung von Aggressivität. Auch Jesus sei, besonders bei der Tempelreinigung, nicht vollständig frei von aggressiven Zügen.
Das Neue Testament stellt Jesus und seine Anhänger zugleich als Opfer von Gewalt dar. Jesus wird verfolgt, muss vor dem Kindermord des Herodes fliehen und in Ägypten Asyl suchen. Später erleidet er Versuche der Steinigung, Gefangenschaft, Verhöre, Folter, Verspottung und Kreuzigung. Sein Tod am Kreuz gilt als unschuldig erlittener gewaltsamer Tod, den er freiwillig zur Sühne der Sünden der Menschheit auf sich genommen habe. Die Apostelgeschichte berichtet von Christenverfolgungen bis hin zu Folter und Mord. Einzelne Darstellungen sind möglicherweise legendär oder erzählerisch überhöht; an der historischen Realität früher Christenverfolgungen besteht wissenschaftlich jedoch kein Zweifel. Verfolgung wird außerdem als Normalzustand des christlichen Lebens beschrieben: „Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen“ (Apg 14,22), und alle, die ein frommes Leben in der Gemeinschaft mit Christus führen wollen, würden verfolgt werden (2 Tim 3,12).