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Gesellschaftslehre
Gesellschaftslehre (GL) ist ein Unterrichtsfach, das an der Sekundarstufe I der Gesamtschulen, Gemeinschaftsschulen sowie zunehmend den vielen Varianten von …
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Grundidee des Fachs
Gesellschaftslehre, kurz GL, ist ein Unterrichtsfach der Sekundarstufe I. Es wird vor allem an Gesamtschulen, Gemeinschaftsschulen und verschiedenen Formen von Sekundarschulen unterrichtet. Das Fach verbindet Inhalte aus Erdkunde, Geschichte, Politik, Sozialkunde und Wirtschaft. Für viele Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Bis zum Mittleren Schulabschluss begegnen ihnen diese Bereiche nicht immer als getrennte Schulfächer, sondern als gemeinsamer Lernbereich.
Der zentrale Anspruch von Gesellschaftslehre ist fachübergreifende Integration. Damit ist gemeint, dass Themen nicht nur aus der Sicht eines einzelnen Fachs betrachtet werden. Ein Thema wie Gesundheit oder Ackerbau kann zum Beispiel zugleich geografische, historische, politische, soziale und wirtschaftliche Aspekte haben. Die Grundidee lautet: In der Wirklichkeit treten Probleme selten getrennt nach Schulfächern auf, sondern meist als komplexe Zusammenhänge.
Verbreitung in den Bundesländern
Gesellschaftslehre oder ähnlich organisierte Fächer gibt es nur in einigen Bundesländern und meist an Gesamtschulen oder vergleichbaren Schulformen. Am häufigsten ist die integrative Form in der Orientierungsstufe, also in den Klassen 5 und 6. Bremen ist eine Ausnahme, weil dort ein entsprechendes Fach auch am Gymnasium eingeführt wurde. In der gymnasialen Oberstufe ist Gesellschaftslehre nicht zugelassen, wohl aber in der beruflichen Schule und im Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen.
Die Bezeichnungen und Schulformen unterscheiden sich je nach Bundesland. Berlin und Brandenburg unterrichten Gesellschaftswissenschaften in Klasse 5/6 der Grundschule. Bremen hat Welt-Umwelt-Kunde in Klasse 5–6 am Gymnasium und Gesellschaft und Politik in Klasse 5–10 der Oberschule. Hamburg nutzt Gesellschaftswissenschaften in der Stadtteilschule. Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz kennen Gesellschaftslehre vor allem an integrierten Gesamtschulen oder entsprechenden Schulformen. Mecklenburg-Vorpommern hat Weltkunde in Klasse 5/6 der Integrierten Gesamtschule und Gesellschaftswissenschaften als Modellversuch. Im Saarland gibt es Gesellschaftswissenschaften mindestens in den Klassen 5–8 an der Gemeinschaftsschule. Schleswig-Holstein unterrichtet Weltkunde in der Gemeinschaftsschule; ab Klasse 7 entscheidet die Schule. Baden-Württemberg führt in der Gemeinschaftsschule dagegen eigenständige Fächer. In Sachsen und Thüringen werden die Fächer in Oberschule beziehungsweise Regelschule getrennt unterrichtet. In Bayern verbindet nur die Mittelschule Geschichte und Erdkunde in einer Lehrerhand.
Didaktisches Konzept und Kritik
Die pädagogische Idee hinter Gesellschaftslehre ist, dass Schülerinnen und Schüler vernetztes Denken lernen sollen. Die Wissensgebiete und Methoden der beteiligten Fächer werden zusammengeführt, wenn ein Thema aus mehreren Perspektiven untersucht wird. Der Ökonom Gunnar Myrdal formulierte 1974 passend dazu, in der Wirklichkeit gebe es keine getrennten „wirtschaftlichen“, „soziologischen“ und „psychologischen“ Probleme, sondern einfach Probleme, die meist sehr komplex seien. Die schulische Behandlung solle dem folgen.
Gegen dieses Konzept werden mehrere Einwände genannt. Ein wichtiger Einwand betrifft die didaktische Reduktion. Damit ist die Vereinfachung von Lerninhalten gemeint, damit sie im Unterricht verständlich werden. Kritiker sagen, dass gerade diese notwendige Vereinfachung den Anspruch auf echte Komplexität kaum einlösen könne und im Interesse der Verständlichkeit für Kinder auch nicht vollständig einlösen dürfe. Vernetztes Denken sei außerdem bereits innerhalb einzelner Fächer möglich und notwendig. Myrdals Einsicht gelte eher für die Wissenschaft als für die Didaktik.
Ein weiteres Problem ist der fachfremde Unterricht. Da Lehrkräfte in der Regel nicht alle beteiligten Fächer studiert haben, müssen sie Inhalte unterrichten, für die sie keine volle Fachausbildung besitzen. Es gibt bisher keine allgemeine spezifische Lehrerausbildung und keine passende Universitätsausbildung für den integrativen Unterricht, die alle relevanten Fachinhalte aus mehr als zwei Fächern umfasst. Nur an der Universität Potsdam gibt es seit 2018 für die Orientierungsstufe an der sechsjährigen Grundschule in Berlin/Brandenburg einen integrativen Studiengang. Lehrerfachverbände sprachen sich in der „Erklärung von Hannover“ für einen engen Zusammenhang von fachlicher Lehrerausbildung und Unterricht aus.
Die Fachdidaktiken beurteilen Gesellschaftslehre unterschiedlich. Die Fachdidaktik der Geschichte und Erdkunde sieht ihre Unterrichtsziele durch Integration mehrheitlich bedroht. Im Fach Politik ist das Urteil gespalten. Gleichzeitig relativiert sich das Argument fehlender Fachausbildung teilweise dadurch, dass fachfremder Unterricht auch außerhalb der Gesellschaftslehre zunimmt.
Entwicklung in Hessen
Besonders stark wurde Gesellschaftslehre in Hessen diskutiert. Bei der Einführung lösten die Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre von 1972 deutliche Empörung aus. Die CDU Hessen kritisierte das neue Fach massiv, vor allem wegen eines angeblich marxistischen Gesellschaftsbildes im Hintergrund und wegen der befürchteten Abwertung der Geschichte zugunsten einer reinen Gegenwartsorientierung. Deshalb gab es mehrere Versuche, das Fach zu verändern. An hessischen Gesamtschulen existierten zeitweise ähnliche Fächer mit den Namen Gesellschaftskunde (GK) oder Gemeinschaftskunde (GM).
In den 1990er Jahren entspannte sich die Diskussion. Der neue hessische Rahmenplan für Gesellschaftslehre konnte 1995 ohne großen Widerstand in Kraft treten. Dazu trug bei, dass das hessische Schulgesetz den einzelnen Schulen überließ, ob sie in der Sekundarstufe I Sozialkunde, Geschichte und Erdkunde als Einzelfächer oder integriert im Lernbereich Gesellschaftslehre unterrichten. Für beide Varianten gab es Rahmenpläne: je einen für die Einzelfächer und einen für Schulen, die Gesellschaftslehre integriert anbieten wollten.
In Hessen wird Gesellschaftslehre in der Sekundarstufe I, also in den Klassen 5–10, durchschnittlich 5 Stunden pro Woche vom Klassenlehrer unterrichtet. Der GL-Lehrer ist dabei immer auch für Schülerlaufbahnberatung, pädagogische Betreuung sowie Information und Organisation des Klassengeschehens zuständig. Für das Fachstudium wird nur ein Fach vorausgesetzt; die Inhalte der anderen Bereiche sollen auf Schulniveau ebenfalls verfügbar sein.
Lehrplanbeispiel von 1971
Ein Lehrplanbeispiel der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt am Main aus dem Jahr 1971 zeigt, wie breit Gesellschaftslehre angelegt war. Im 7. Schuljahr standen „Primäre Sozialbereiche“ im Mittelpunkt. Dazu gehörten eine Einführung in Gesellschaft und Gesellschaftslehre, Themen wie Schule, Familie, Sexualkunde, Wohnen, Stadt, Institutionen und Wirtschaftsgeographie sowie historische Themen vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert und erdkundliche Vergleiche wie Nord-/Südamerika oder Industrieland und Agrarland.
Im 8. Schuljahr ging es um „Verhaltenssteuerung und Politik“. Behandelt wurden Einflüsse auf Verhalten, etwa Schule, Eltern, Peergroups, Fernsehen, Rundfunk, Presse, Werbung, Film und Kirche. Dazu kamen öffentliche Massenmedien, die Analyse von Tageszeitungen und Fernsehen, das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland, Parteien, Verbände und Wahlkampf. Auch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, die Geschichte der bürgerlichen Demokratie von der Polis über England und die Französische Revolution bis zur Deutschen Revolution 1848/49 sowie abweichendes Verhalten, Sanktionen, Strafgesetzbuch, Zivilrecht und Kriminalität waren vorgesehen.
Im 9. Schuljahr lautete der Schwerpunkt „Politische Ökonomie“. Themen waren Vermögensverteilung in der Bundesrepublik Deutschland, Betriebsbesichtigung oder Betriebserkundung, Betriebsstruktur, Vorgeschichte und Entwicklung des Kapitalismus, Geschichte der Arbeiterbewegung, Mitbestimmung und die Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland und der DDR.
Im 10. Schuljahr behandelte der Lehrplan „Internationale Beziehungen und Systeme“. Dazu gehörten Konjunkturen, Krisen, liberale Marktwirtschaft, Kolonialismus, Imperialismus, Neokolonialismus, Dritte Welt mit Afrika, Faschismus, Sozialismus, Kommunismus mit UdSSR und China, der Ost-West/Nord-Süd-Gegensatz, wirtschaftliche Zusammenschlüsse und Abrüstung.