Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Historikerstreit
Der Historikerstreit (auch Historikerdebatte, Historikerkontroverse oder Habermas-Kontroverse genannt) von 1986/87 war eine zeitgeschichtliche Debatte in …
Inhalt6 Abschnitte
Kern der Kontroverse
Der Historikerstreit war eine öffentliche und fachwissenschaftliche Debatte in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1986/87. Im Mittelpunkt standen zwei Fragen: ob der Holocaust als singulär, also in seiner Art einzigartig, zu verstehen sei, und welche Rolle die nationalsozialistische Vergangenheit für ein deutsches Geschichtsbild und für nationale Identität spielen solle.
Auslöser war ein Artikel des Historikers Ernst Nolte vom 6. Juni 1986. Nolte stellte in rhetorischen Fragen einen Zusammenhang zwischen den stalinistischen Massenverbrechen, dem Gulag-System und dem Holocaust her. Er fragte unter anderem: „War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglicher als Auschwitz?“ Damit deutete er einen „kausalen Nexus“, also einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, zwischen bolschewistischem „Klassenmord“ und nationalsozialistischem „Rassenmord“ an.
Der Philosoph Jürgen Habermas kritisierte diese und andere Texte als „Revisionismus“. Damit meinte er den Versuch, die NS-Verbrechen durch Vergleiche mit anderen Massenverbrechen zu relativieren und für ein neues, nationalkonservatives Geschichtsbild nutzbar zu machen. Die Debatte wurde vor allem in Zeitungen und Zeitschriften ausgetragen, etwa in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Zeit, der taz, dem Spiegel und anderen Medien. Sie dauerte ungefähr ein Jahr.
Vorgeschichte und politischer Hintergrund
Der Streit entstand nicht aus dem Nichts. Seit der Studentenbewegung der 1960er Jahre war die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in der Bundesrepublik stärker gefordert worden. Die Geschichtswissenschaft intensivierte seit etwa 1965 die Forschung zum Nationalsozialismus, hatte aber bis 1986 noch keine eigene Gesamtdarstellung des Holocaust vorgelegt.
Seit etwa 1973 gab es unter Historikern einen Methodenstreit. Ältere Historiker wie Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand konzentrierten sich stärker auf führende Politiker, ihre Ideen und Handlungsspielräume. Jüngere Historiker wie Hans Mommsen, Wolfgang J. Mommsen und Hans-Ulrich Wehler arbeiteten stärker sozialwissenschaftlich, also mit Blick auf Gesellschaftsstrukturen und Interessengegensätze. Beide Seiten hielten jedoch eine „Historisierung“ der NS-Zeit für wichtig: Gemeint war eine umfassende Erforschung der historischen und sozialen Bedingungen des Nationalsozialismus und seine Einordnung in die deutsche Geschichte, ohne die NS-Verbrechen zu relativieren.
Politisch spielte die Zeit der Regierung Helmut Kohl eine wichtige Rolle. Seine 1982 angekündigte „geistig-moralische Wende“, sein Satz von der „Gnade der späten Geburt“ 1984 in Israel und der Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg 1985 wurden von Kritikern als Zeichen einer Schlussstrich-Mentalität gesehen. Gleichzeitig wurde der Holocaust in den Medien stark thematisiert, etwa durch die Fernsehserie Holocaust, den Film Shoah und Gedenktage 1983 und 1985. Bundespräsident Richard von Weizsäcker bezeichnete den 8. Mai 1945 als „ein Tag der Befreiung“ vom Nationalsozialismus.
Umstrittene Positionen
Ernst Nolte hatte schon 1980 in einem Vortrag über „Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus“ ein negatives Bild des „Dritten Reichs“ beschrieben, das er auf die Schuld am Zweiten Weltkrieg, die reaktionäre Ideologie und die singulären Gewalttaten, besonders die Gaskammern der Vernichtungslager, zurückführte. 1986 wurde besonders sein Text „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ wichtig. Darin fragte er, ob der Holocaust als Reaktion auf frühere bolschewistische Verbrechen verstanden werden könne. Er betonte zwar, Morde könnten durch Vergleiche nicht gerechtfertigt werden, hielt aber einen Zusammenhang für wahrscheinlich.
Michael Stürmer veröffentlichte am 25. April 1986 den Artikel „Geschichte in geschichtslosem Land“. Er beschrieb einen Verlust an historischer Orientierung und verband Geschichte mit nationaler Identität. Sein Satz, in einem „geschichtslosen Land“ gewinne die Zukunft, wer „die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet“, wurde in der Debatte besonders wichtig. Für Stürmer hing die Suche nach Geschichte auch mit der außenpolitischen Berechenbarkeit der Bundesrepublik zusammen.
Andreas Hillgruber veröffentlichte 1986 das Buch „Zweierlei Untergang“. Darin stellte er zwei Aufsätze nebeneinander: einen über die Zerschlagung des Deutschen Reiches, die Ostfront, Flucht und Vertreibung deutscher Bewohner östlich der Oder-Neiße-Grenze, und einen über das Ende des europäischen Judentums. Besonders umstritten war, dass Hillgruber im ersten Aufsatz die Perspektive deutscher Soldaten und Flüchtender einnahm und damit die Sicht auf den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ relativieren wollte.
Habermas’ Kritik
Jürgen Habermas veröffentlichte am 11. Juli 1986 in der Zeit den Artikel „Eine Art Schadensabwicklung“. Er kritisierte „apologetische Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“, also Darstellungen, die nach seiner Ansicht entlastend oder rechtfertigend wirkten. Er nannte Michael Stürmer, Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrand und besonders Ernst Nolte.
Habermas warf Stürmer vor, Geschichte solle bei ihm eine sinnstiftende Funktion übernehmen und einen nationalen Konsens herstellen. Hillgruber kritisierte er dafür, dass dieser sich mit den „verzweifelten Anstrengungen“ der Wehrmacht an der Ostfront identifiziere, ohne den Zusammenhang mit dem Holocaust ausreichend zu bedenken. So werde die Wehrmacht vor allem als Schutzmacht deutscher Zivilisten dargestellt, obwohl ihr Kampf auch das NS-Regime verlängerte.
Nolte warf Habermas vor, die Singularität des Holocaust auf den technischen Vorgang der Vergasung zu verengen und die Judenvernichtung als verständliche Reaktion auf bolschewistische Bedrohungen erscheinen zu lassen. Habermas sah darin starke antisemitische Tendenzen und eine Gefahr für die politische Kultur der Bundesrepublik. Er setzte dem einen „Verfassungspatriotismus“ entgegen: Die Bindung an demokratische und universalistische Werte solle nach dem Holocaust wichtiger sein als ein traditionelles nationales Geschichtsbild.
Verlauf und Gegenpositionen
Nach Habermas’ Artikel reagierten zunächst die von ihm kritisierten Autoren. Klaus Hildebrand warf ihm eine Vermischung von Wissenschaft und Politik sowie falsche Zitate vor. Er verteidigte historische Vergleiche zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus als legitime Forschungsfragen. Joachim Fest verteidigte Nolte ebenfalls und meinte, Habermas greife eher vermutete politische Motive als wissenschaftliche Befunde an. Hagen Schulze kritisierte, Habermas vereinfache die Fronten zwischen aufgeklärten Liberalen und konservativen Historikern.
Andere Autoren unterstützten Habermas teilweise. Hans Mommsen sah in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung eine Verdrängungstendenz und kritisierte eine Gleichsetzung von nationalsozialistischer und kommunistischer Herrschaft. Eberhard Jäckel hielt Noltes Gedankenkette für nicht überzeugend: Aus der zeitlichen Reihenfolge Gulag vor Auschwitz folge noch kein ursächlicher Zusammenhang. Hitler habe wiederholt ausgesprochen, dass er die Juden töten wolle; eine Angst vor einem „Rattenkäfig“ oder vor den Bolschewiki erkläre dies nicht. Rudolf Augstein griff Nolte und Hillgruber besonders scharf an.
Nolte wies später zurück, er habe den Holocaust rechtfertigen wollen. Er erklärte, er habe Hitlers Denken aus einer Angst vor bolschewistischen Morden und Foltermethoden deuten wollen; diese Deutung Hitlers sei selbstverständlich falsch und unzulässig gewesen. Michael Stürmer warf Habermas „schludrige Recherche“ und „geklitterte Zitate“ vor und betonte, Geschichte müsse Legenden, Mythen und parteiischen Verkürzungen entgegentreten.
Nachwirkung und zweiter Streit
Über das Ergebnis des Historikerstreits besteht bis heute keine Einigkeit. Manche sahen kaum wissenschaftlichen Fortschritt, weil die Debatte polemisch und stark medial geführt wurde. Klaus Große Kracht meinte, der Streit habe wenig empirische oder analytisch-reflexive Ergebnisse erbracht. Heinrich August Winkler urteilte 2025, die Beteiligten hätten die Breitenwirkung solcher Debatten wohl überschätzt.
Andere sahen eine klare Wirkung. Wolfgang Wippermann fasste 2006 zusammen, dass der „kausale Nexus“ von den meisten Diskutanten zurückgewiesen wurde, oft mit dem Argument, die deutsche Schuld und Verantwortung würden relativiert, wenn die deutschen Verbrechen nur als eine Art Notwehrreaktion erschienen. Hans-Ulrich Wehler bewertete 2008 positiv, dass eine selbstkritische politische Kultur der Bundesrepublik gestärkt worden sei.
Auch außerhalb Deutschlands wurde der Streit wahrgenommen. Philipp Stelzel zufolge unterstützten US-amerikanische Historiker die Kritik an Noltes Thesen. Timothy Snyder urteilte 2011 dagegen kritisch über beide Seiten: Habermas habe den Diskussionsrahmen ideologisch begrenzt, während die Forschung seither durch mehr Wissen große Fortschritte gemacht habe. Ähnliche Debatten entstanden auch in anderen Ländern, etwa in Norwegen, wo über Geschichtsschreibung und nationale Identität gestritten wurde.
Im Mai 2021 löste der australische Genozidforscher A. Dirk Moses mit dem Aufsatz „Der Katechismus der Deutschen“ einen „zweiten Historikerstreit“ aus. Dabei ging es um die deutsche Gedenkkultur und um das Verhältnis zwischen dem Holocaust und den Massenverbrechen in den deutschen Kolonien.