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Dolchstoßlegende
Die Dolchstoßlegende [ˈdɔlçʃtoːsleˌɡɛndə] oder auch Dolchstoßlüge ist eine von der militärischen Führung (Oberste Heeresleitung, OHL) des Deutschen Reiches …
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Kern der Legende
Die Dolchstoßlegende, auch Dolchstoßlüge genannt, war eine von der Obersten Heeresleitung (OHL) des Deutschen Reiches bewusst konstruierte Geschichtsfälschung. Sie behauptete, das deutsche Heer sei im Ersten Weltkrieg militärisch nicht besiegt, sondern durch Verrat in der Heimat um den Sieg gebracht worden. Als angebliche Schuldige galten vor allem Sozialdemokraten, Sozialisten, demokratische Politiker und Juden. In der Sprache der Nationalsozialisten wurden sie später unter anderem als „Novemberverbrecher“ oder „jüdische Bolschewisten“ beschimpft.
Tatsächlich hatten zivile Politiker keinen entscheidenden Einfluss auf die Kriegsführung und die militärische Niederlage. Die Legende diente der militärischen Führung dazu, ihre eigene Verantwortung für den Kriegsausgang abzuwehren. Zugleich wurde sie zu einem zentralen Propagandamittel monarchistischer, nationalistischer und völkischer Kräfte wie DNVP und NSDAP. Diese bekämpften damit die Weimarer Republik, linke Parteien und Juden und forderten eine Revision des Versailler Vertrags, den sie als „Schanddiktat“ bezeichneten.
Formen und Bildsprache
Die Legende trat in drei teilweise widersprüchlichen Formen auf:
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Die weite Fassung führte die Niederlage auf den Zusammenbruch der „Heimatfront“ zurück. Wirtschaftliche und soziale Krisen hätten demnach die Rüstungsproduktion, die Moral und schließlich die kämpfenden Truppen geschwächt.
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Die engere Fassung unterstellte der politischen Linken, den Krieg durch Streiks, Unruhen und die Novemberrevolution absichtlich sabotiert zu haben, um das Kaiserreich zu stürzen und einen sozialistischen Staat zu errichten. Streng genommen ist nur diese Variante eine Verschwörungstheorie, weil sie geheime Absprachen einer kleinen Gruppe voraussetzt.
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Die antisemitische Fassung behauptete, Juden hätten aufgrund ihres angeblichen „Erbguts“ zwangsläufig gegen die „arische Rasse“ gearbeitet. Sie war rassistisch und machte Juden pauschal für die Niederlage verantwortlich.
Die Metapher vom Dolchstoß erinnerte an die Ermordung Siegfrieds durch Hagen im Nibelungenlied. Wann sie erstmals politisch gebraucht wurde, ist umstritten. Richard J. Evans nennt eine Rede Ernst Müller-Meiningens vom 2. November 1918; andere Forscher halten das überlieferte Zitat für nicht authentisch und verweisen auf einen Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Dezember 1918. Darin wurde der britische General Sir Frederick Maurice missverständlich zitiert. Maurice stellte dagegen ausdrücklich fest, die deutschen Armeen seien „vollständig und entscheidend besiegt“ worden. Große Bekanntheit erhielt das Bild, als Paul von Hindenburg am 18. November 1919 vor einem Untersuchungsausschuss behauptete, ein englischer General habe gesagt: „Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden.“ Bereits Anfang der 1920er Jahre bezeichneten Kritiker diese Darstellung als „Dolchstoßlegende“.
Entstehung und militärische Niederlage
Während des Krieges hielt die militärische Führung an weitreichenden Eroberungszielen fest, obwohl die Opfer stiegen und die Siegchancen sanken. Lebensmittelknappheit, Hunger, soziale Gegensätze, fehlende Reformen und die Unterdrückung demokratischer Mitwirkung verstärkten die Opposition. Die Aprilstreiks 1917 und der Januarstreik 1918 verbanden soziale mit weitreichenden demokratischen Forderungen. Militärnahe Zeitungen stellten die Streikenden jedoch als Verräter und „Brudermörder“ dar, die den Soldaten in den Rücken fielen.
Am 27. September 1918 durchbrachen alliierte Truppen die Siegfriedstellung, die stärkste deutsche Befestigung an der Westfront. Damit war die militärische Lage aussichtslos. Am 29. September verlangte die OHL plötzlich eine von der Reichstagsmehrheit abhängige Regierung, die den Waffenstillstand aushandeln sollte. Erich Ludendorff erklärte am 1. Oktober, jene politischen Kräfte sollten nun „die Suppe […] essen“, die sie angeblich eingebrockt hätten. Diese Äußerung gilt als Geburtsstunde der Dolchstoßlegende: Die Militärführung wollte die Verantwortung für den notwendigen Friedensschluss auf Parteien übertragen, die zuvor einen Verhandlungsfrieden gefordert hatten.
Die Legende kehrte den tatsächlichen Zusammenhang um. Nicht ziviler Widerstand zerstörte ein siegfähiges Heer; vielmehr erzeugten die erfolglose Kriegsführung, die Erschöpfung der Soldaten sowie die wirtschaftliche und militärische Überlegenheit der Gegner wachsenden Widerstand. In den letzten Kriegsmonaten entzog sich vermutlich eine Million Soldaten der Armee. Dass beim Waffenstillstand noch deutsche Truppen in besetzten Gebieten standen und ihr Rückzug geordnet verlief, verdeckte jedoch die militärische Notlage. Auch die jahrelange Siegespropaganda und der Sieg über Russland im Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 ließen die Niederlage für viele überraschend erscheinen.
Verbreitung und Folgen in der Weimarer Republik
Nach der Republikgründung verbreiteten konservative und rechtsradikale Parteien und Medien die Legende systematisch. Hindenburgs hohes Ansehen als Feldherr sowie das angebliche Zitat eines britischen Generals verliehen ihr Glaubwürdigkeit. Hinzu kamen missverständliche Aussagen demokratischer Politiker: Friedrich Ebert begrüßte zurückkehrende Soldaten mit den Worten, sie seien „im Felde unbesiegt“ geblieben; Konrad Adenauer erklärte, die Reichswehr kehre „nicht besiegt und nicht geschlagen“ zurück.
Die OHL verschwieg dabei ihre eigene Verantwortung: Seit 1916 hatte sie mit nahezu diktatorischen Vollmachten regiert, Parlament und Regierung über die Lage getäuscht und nach dem Scheitern der Offensive von 1918 selbst Waffenstillstandsverhandlungen verlangt. Nun wurden besonders SPD, Zentrumspartei und DDP sowie die Unterzeichner des Waffenstillstands und des Versailler Vertrags als „Novemberverbrecher“ angegriffen. Diese Propaganda schwächte die demokratischen Parteien und belastete die Weimarer Republik schwer. Rechtsradikale ermordeten zu Beginn der 1920er Jahre unter anderem Matthias Erzberger und Walther Rathenau.
Im sogenannten Dolchstoßprozess musste sich Reichspräsident Friedrich Ebert für sein Verhalten im letzten Kriegsjahr rechtfertigen. Ein Gutachten des Reichsarchivs verdeutlichte die entscheidende Rolle der OHL; Wilhelm Groener legte außerdem sein Geheimabkommen mit Ebert vom 9. November 1918 offen. Dies entlastete Ebert von den Anschuldigungen. Er starb jedoch kurz darauf, gesundheitlich angeschlagen und durch die Vorwürfe gedemütigt, an einer verschleppten Blinddarmentzündung.
Bedeutung im Nationalsozialismus
Die Nationalsozialisten übernahmen die Legende und verbanden sie mit antisemitischer und antimarxistischer Propaganda. Adolf Hitler erklärte 1925 in „Mein Kampf“ im Zusammenhang mit der Novemberrevolution, die marxistischen Führer hätten „nach dem Dolche“ gesucht, und folgerte daraus eine grundsätzliche Feindschaft gegenüber Juden.
Die Vorstellung einer unbesiegten Armee hatte auch praktische Folgen. Weil die militärische und wirtschaftliche Bedeutung der USA für die Niederlage von 1918 nicht anerkannt wurde, unterschätzten Nationalsozialisten und Militärführung die amerikanischen Möglichkeiten im Zweiten Weltkrieg. Ab etwa 1942 fürchteten viele Wehrmachtsoffiziere zudem, ein Putsch oder Attentat gegen Hitler könne ihnen den Ruf von Verrätern einbringen und eine neue Dolchstoßlegende entstehen lassen. Dies trug zum Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 bei. In der letzten Kriegsphase begründete die NS-Militärjustiz zahlreiche Urteile gegen Deserteure mit der angeblichen Notwendigkeit, einen neuen „Dolchstoß“ zu verhindern. Insgesamt verhängte sie wegen Fahnenflucht 35.000 Urteile, darunter mindestens 22.750 Todesurteile; 15.000 davon wurden vollstreckt.
Nach Richard J. Evans spielte die Dolchstoßlegende in der NS-Propaganda dennoch nur eine untergeordnete Rolle. In „Mein Kampf“ erscheint sie nur einmal. Häufiger richtete sich die Propaganda gegen die „Novemberverbrecher“, denen vorgeworfen wurde, durch Waffenstillstand und Versailler Vertrag den Frieden verraten zu haben.
Historische Bewertung und spätere Vergleiche
Über einzelne Deutungen wird gestritten. Der Historiker Gerd Krumeich verweist auf die Position des Militärexperten Kuhl: Der Krieg sei nach der französischen Offensive vom 18. Juli 1918 zwar „objektiv verloren“ gewesen, doch ein fortgesetzter Widerstand nach Bekanntgabe der Versailler Bedingungen am 7. Mai 1919 hätte möglicherweise mildere Friedensbedingungen erreichen können. Richard J. Evans widerspricht: Die Moral der Truppen sei bereits im Frühjahr und Sommer 1918 aus militärischen Gründen zerfallen; seit Anfang Oktober habe sich die Westfront faktisch aufgelöst. Gegen die überlegenen und durch frische US-Truppen verstärkten Alliierten habe keine realistische Aussicht auf erfolgreichen Widerstand bestanden.
Der englische Ausdruck „stab-in-the-back myth“ wurde später auf ähnliche Erzählungen in den USA übertragen. Nach dem Vietnamkrieg bezeichnete er Behauptungen, politische Entscheidungsträger, Medien, Antikriegsdemonstranten, der Kongress, Liberale oder die Demokratische Partei hätten eine ansonsten mögliche militärische Entscheidung verhindert. General William Westmoreland warf insbesondere den US-Medien vor, sich nach der Tet-Offensive von 1968 gegen den Krieg gestellt zu haben.
Nach der verlorenen US-Wahl 2020 verglichen einige deutschsprachige Kommentatoren Donald Trumps falsche Behauptung eines massiven Wahlbetrugs mit der Vorbereitung einer Dolchstoßlegende: Trump stellte sich trotz seiner Niederlage als unbesiegt und weiterhin rechtmäßiger Präsident dar. In den USA selbst wurde der Ausdruck in diesem Zusammenhang jedoch nur vereinzelt verwendet.