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Geschichtsbild

Unter einem Geschichtsbild versteht man im Allgemeinen die Summe der geschichtlichen Vorstellungen eines Menschen oder einer Gruppe.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Grundformen von Geschichtsbildern
  3. 3. Geschichtswissenschaft und Ursachen
  4. 4. Wirkungen und politische Beispiele
  5. 5. Geschichtsbilder in konkreten Darstellungen

Begriff und Bedeutung

Ein Geschichtsbild ist die Summe der geschichtlichen Vorstellungen eines Menschen oder einer Gruppe. Es gehört zum umfassenderen Weltbild. Je geringer das Wissen über Geschichte ist, desto stärker kann die Fantasie das Geschichtsbild bestimmen.

Der Begriff bezeichnet einerseits einen allgemeinen Blickwinkel auf geschichtliche Vorgänge, also ein Paradigma. Andererseits kann er die zeitbedingte und veränderbare Interpretation bestimmter Ereignisse und Personen meinen, insbesondere im Zusammenhang mit politischer Instrumentalisierung und Geschichtspolitik. Geschichtsbilder sind von der historischen Forschung zu unterscheiden; inzwischen untersucht die Geschichtswissenschaft sie selbst als Forschungsgegenstand.

Grundformen von Geschichtsbildern

Ein teleologisches Geschichtsbild nimmt an, dass die Geschichte auf einen bestimmten Endzweck zuläuft. Beispiele sind das religiöse »Jüngste Gericht« oder die »Klassenlose Gesellschaft« als Ziel gesellschaftlicher Entwicklung.

Das zyklische Geschichtsbild versteht Geschichte als Bewegung, die sich wiederholt. Obwohl sie eine Richtung hat, führt sie nach einem bestimmten Zeitraum wieder zum Ausgangspunkt zurück. Diese Vorstellung war besonders in Asien verbreitet; als Beginn eines neuen Zyklus konnte etwa die Erleuchtung eines neuen Buddha gelten. In Europa vertraten unter anderem Oswald Spengler und zuvor der griechische Geschichtsschreiber Polybios zyklische Modelle. Polybios beschrieb einen Kreislauf von Aristokratie, Monarchie, Demokratie und Tyrannis. Rom nahm darin eine besondere Stellung ein, weil es Elemente von Aristokratie, Monarchie und Demokratie vereinte; diese Ordnung blieb jedoch wegen der Dekadenz, also der fehlenden Tugend der Bürger, gefährdet. Das Christentum setzte an den Anfang die Schöpfung und ans Ende die Erlösung und begünstigte dadurch ein lineares Geschichtsverständnis.

Die Vorstellung »Nichts Neues unter der Sonne« geht davon aus, dass sich die wesentlichen Elemente der Politik nicht verändern und nur die Akzidentien, also die äußeren Einzelheiten, wechseln. Niccolò Machiavelli leitete daraus zeitlos gültige Gesetzmäßigkeiten und die Möglichkeit ab, aus Geschichte zu lernen.

Kulturoptimismus bedeutet die Vorstellung, dass sich die Welt stets zum Besseren entwickelt. Die Vergangenheit erscheint dabei als überwundenes Schlechteres. Kulturpessimismus ist die gegenteilige Annahme einer ständigen Verschlechterung. Die christliche Vorstellung von der Vertreibung aus dem Paradies kann diese Sichtweise stützen; die Vergangenheit wird dann häufig verklärt. Ein bekannter deutschsprachiger Vertreter war Ludwig Klages.

Beim Geschichtsbild des Schicksals gilt der Ablauf der Geschichte als vorbestimmt und vom Einzelnen nur wenig beeinflussbar. Dazu gehören auch Vorstellungen von »ehernen Gesetzen«, wie sie der historische Materialismus verwendet. Wer diese Gesetze kennt, soll den weiteren Verlauf der Geschichte mehr oder weniger klar erkennen können. Die Vorbestimmtheit kann mit der Vorstellung einer göttlichen Vorsehung verbunden werden. In der Heilsgeschichte greift Gott entweder handelnd in die Geschichte ein oder kennt ihre Entwicklungsrichtung. In der Antike galten Auguren, Kassandra und die Pythia im Orakel von Delphi als mögliche Vermittler von Zukunftswissen.

Demgegenüber steht die Vorstellung des freien Willens. Geschichte erscheint dann grundsätzlich als menschengemacht und wird besonders durch starke Einzelpersönlichkeiten erklärt. Eine strenge Annahme des freien Willens ermöglicht weder verlässliche Prognosen noch ein einfaches Lernen aus der Geschichte.

Geschichtswissenschaft und Ursachen

Auch die Geschichtswissenschaft kommt nicht ohne ein Geschichtsbild aus, entwickelt aber im Allgemeinen immer differenziertere und vielschichtigere Vorstellungen. Eine wichtige Richtung ist die Strukturgeschichte, unter anderem in der Annales-Schule. Sie untersucht große historische Prozesse, in denen Individuen und Einzelereignisse nur begrenzten Spielraum haben. Ereignisse gelten dabei als Folgen solcher Prozesse; die Erfindung der Dampfmaschine wäre beispielsweise Ergebnis eines komplexen Prozesses, der letztlich zur Industriellen Revolution führte, und nicht deren alleiniger Auslöser. Technologischer Wandel wäre ein Element dieses Prozesses. Der Gegenbegriff zur Strukturgeschichte ist die Ereignisgeschichte.

Heutige Forschung verbindet häufig strukturgeschichtliche Erklärungen mit der Bedeutung von Entscheidungen einzelner Personen und Gremien. Geschichtsbilder entstehen nach nicht-idealistischen Ansätzen durch gesellschaftliche Entwicklungen und werden etwa von Mentalitätsgeschichte, Kultursoziologie und Wissenssoziologie untersucht. Kulturpessimistische Vorstellungen können als Mentalität von Gruppen gedeutet werden, die im gesellschaftlichen Wandel aus relativ privilegierten Positionen absteigen. Kulturoptimistische Vorstellungen werden umgekehrt häufig mit gesellschaftlich aufsteigenden Gruppen verbunden.

Wirkungen und politische Beispiele

Das zugrunde liegende Geschichtsbild beeinflusst, wie Geschichte dargestellt wird. Wer vom freien Willen ausgeht, betont Handlungsfolgen starker Einzelpersönlichkeiten. Wer von Gesetzmäßigkeiten ausgeht, misst Personen weniger Bedeutung bei und kann sie im Extremfall nur als Protokollanten einer geschichtlichen Entwicklung betrachten.

Napoleon Bonaparte wurde als Persönlichkeit dargestellt, die Menschen durch ihre Ausstrahlung für sich gewann. Als Beispiel gilt seine Rückkehr aus der Verbannung und die Ansprache an die Truppen: »Ich bin's, Euer Kaiser!« Georg Wilhelm Friedrich Hegel bezeichnete Napoleon beim Anblick als »Der Weltgeist zu Pferde«. Nach Hegels Vorstellung war Napoleon jedoch nur ausführendes Organ des Weltgeistes.

Adolf Hitler wird häufig als Persönlichkeit dargestellt, die durch ihren eigenen Willen den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Die Vorstellung »Große Männer machen Geschichte« ist wegen ihrer Einfachheit in der öffentlichen Wahrnehmung weiterhin verbreitet. Die historische Forschung betrachtet eine solche personenorientierte Darstellung jedoch seit Jahrzehnten als überholt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie zunächst stark durch strukturgeschichtliche Analysen ersetzt. Demnach wirkten unter anderem die Nachkriegsordnung des Versailler Vertrages und die Weltwirtschaftskrise als strukturelle Ursachen des Zweiten Weltkriegs. Neuere Ansätze beziehen sowohl Hitler als auch strukturelle Rahmenbedingungen und das Verhalten anderer Akteure, etwa der europäischen Großmächte, ein.

In der westlichen Welt dominiert heute eine vom Liberalismus geprägte und grundsätzlich fortschrittsoptimistische Sichtweise. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts wurde zunächst ein »Ende der Geschichte« im Sinne Fukuyamas erwartet: Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte sollten sich durch die Globalisierung durchsetzen. Neuere Entwicklungen und eine differenziertere Bewertung der Globalisierung haben diesen Optimismus gedämpft; die Vorstellung einer geschichtlichen Weiterentwicklung besteht jedoch fort. Der Islamismus geht von einer stärker schicksalsgebundenen Geschichte aus.

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts verbreitete sich in Deutschland die Vorstellung, Kulturen entwickelten sich wie Organismen, entstünden und vergingen. Ein bedeutendes Werk dieses Modells war Oswald Spenglers »Der Untergang des Abendlandes«. Das nationalsozialistische Geschichtsbild verband spenglerisch-organische und preußische Vorstellungen mit sozialdarwinistischen und rassistischen Annahmen, darunter dem behaupteten Recht der »Herrenrasse«.

Geschichtsbilder in konkreten Darstellungen

Der Ausdruck kann auch ein Bild aus der Geschichte über die Geschichte bezeichnen. Im Unterschied zur Historienmalerei, die im Nachhinein Bilder im Sinne eines eigenen Geschichtsbildes schafft, stellen solche zeitnahen Bilder geschichtliche Zustände und Vorgänge ihrer Zeit dar.

Zu den wichtigsten Beispielen gehören der Teppich von Bayeux mit der Darstellung der Schlacht von Hastings, römische Triumphbögen und Triumphsäulen sowie Darstellungen von Kämpfen aus dem alten Ägypten und Assyrien. Aus dem Mittelalter sind die Berner Chronik von Diebold Schilling dem Älteren und die Illustrationen zum Konstanzer Konzil von Ulrich von Richental zu nennen.

Auch zeitnahe Darstellungen sind von einer Darstellungsabsicht geprägt. Assyrische und babylonische Bilder konnten die Machtentfaltung siegreicher Könige hervorheben. Von der Kaiserproklamation von Versailles existieren mehrere Versionen; bekannt ist besonders die Fassung, in der Bismarck in den Mittelpunkt gerückt wurde. Kaiser Wilhelm I. gab sie selbst als Geburtstagsgeschenk für Bismarck in Auftrag. Auch Fotografien können nachträglich verändert werden. Im 20. Jahrhundert wurden beispielsweise Fotos durch Retuschieren gefälscht, um Gegner Stalins im Sinne einer damnatio memoriae aus der Darstellung zu entfernen.

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