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Geschichte von Görlitz

Die dokumentierte Geschichte von Görlitz beginnt 1071 mit der Ersterwähnung als „villa gorelic“ in einer Urkunde Heinrichs IV.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Ursprünge und Entstehung der Stadt
  2. 2. Handelsstadt und spätmittelalterliche Blüte
  3. 3. Reformation, Krieg und sächsische Herrschaft
  4. 4. Preußische Zeit und Industrialisierung
  5. 5. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
  6. 6. Geteilte Stadt, DDR und Gegenwart

Ursprünge und Entstehung der Stadt

Die dokumentierte Geschichte von Görlitz beginnt 1071 mit der Erwähnung als „villa gorelic“ in einer Urkunde König Heinrichs IV. Der altsorbische Name bedeutet „Brand-“ oder „Rodungsstelle“. Siedlungsspuren im Gebiet an der Lausitzer Neiße reichen jedoch bis in die Bronzezeit zurück. Nach der Abwanderung germanischer Gruppen im 4. und 5. Jahrhundert wurde die östliche Oberlausitz im späten 7. und 8. Jahrhundert von slawischen Gruppen wiederbesiedelt. Im 9. Jahrhundert werden die Besunzane genannt; im 10. und 11. Jahrhundert gehörte die Gegend zum Gau Milska, dem Gebiet der Milzener. Eine zentrale Burganlage entstand wahrscheinlich im 9. oder 10. Jahrhundert auf der Landeskrone.

Um 990 unterwarf Markgraf Ekkehard I. von Meißen die Milzener. Wegen der Interessen deutscher, polnischer und böhmischer Herrscher blieb die Region umkämpft. 1075 kam die heutige Ober- und Niederlausitz als Pfand, 1089 als Reichslehen unter böhmische Herrschaft. Mit Unterbrechungen blieben die böhmischen Herzöge und Könige bis 1635 die Stadtherren von Görlitz.

Im 12. Jahrhundert entwickelte sich wahrscheinlich im Lunitztal bei der Nikolaikirche eine Kaufleutesiedlung. Sie lag günstig an der Kreuzung der Via Regia, einer wichtigen West-Ost-Handelsstraße, mit einer Straße entlang der Neiße. Um 1200 zogen die Kaufleute auf die geschützte Anhöhe der heutigen Altstadt. Dort entstand planmäßig eine Stadt um den Untermarkt. 1253 fiel die Oberlausitz an die askanischen Markgrafen von Brandenburg. Eine Urkunde von 1268 bezeichnet Görlitz bereits als „civitas“, also als Stadt; im selben Jahr wird eine Münzstätte erwähnt. Ein Franziskanerkloster und die Erweiterung bis zum Reichenbacher Turm belegen den wachsenden Wohlstand. 1298 sind erstmals ein Stadtrat mit Bürgermeister, zwölf Ratsherren und vier Schöffen belegt. Mit der Verleihung eines am Magdeburger Recht orientierten Stadtrechts war Görlitz 1303 eine Stadt vollen Rechts.

Handelsstadt und spätmittelalterliche Blüte

Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts gewann die Görlitzer Tuchweberei überregionale Bedeutung. 1329 bestätigte der böhmische König Johann von Böhmen die städtischen Privilegien. 1329/1330 erhielt Görlitz unter anderem das Markt- und Münzregal, das Salzstapelrecht und Zollfreiheit in den Ländern der böhmischen Krone; 1339 folgte das Stapelrecht für Waid, einen zum Färben verwendeten Pflanzenstoff. Händler mussten ihren Waid in Görlitz anbieten. Dadurch wurde die Stadt zum wichtigsten Handelszentrum zwischen Erfurt und Breslau. 1367 kam das Braurecht hinzu.

Am 21. August 1346 gründeten Bautzen, Löbau, Zittau, Kamenz, Lauban und Görlitz den Oberlausitzer Sechsstädtebund. Er sollte den Landfrieden sichern und verschaffte den Städten eine beinahe autonome Stellung. Görlitz verstärkte seine Befestigungen; um 1476 besaß die Stadtmauer 21 Türme. Von 1377 bis 1396 war Görlitz Zentrum eines eigenen Herzogtums. Um 1400 erreichte die Stadt mit ungefähr 8.000 Einwohnern einen Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht.

Die Stadt wurde von einem patrizischen Rat beherrscht. Handwerkerzünfte verlangten dagegen politische Mitbestimmung, wirtschaftliche Rechte und eine Offenlegung der Stadtfinanzen. Wiederholt kam es zu Unruhen, besonders 1326, 1347 und 1372. Die Ratsherren behaupteten jedoch ihre Macht. Auch der Große Tuchmacheraufstand von 1527 scheiterte; mehrere Verschwörer wurden hingerichtet.

Während der Hussitenkriege verwüsteten hussitische Truppen 1429, 1431 und 1432 die Vorstädte und das Umland, griffen die stark befestigte Kernstadt aber nicht an. Kaiser Sigismund verlieh Görlitz 1433 für seine Kriegsleistungen das bis heute verwendete Stadtwappen. Im böhmischen Thronstreit stellte sich die Stadt 1467 gegen Georg von Podiebrad und unterstützte Matthias Corvinus, der von 1479 bis 1490 Landesherr der Oberlausitz war. Die spätmittelalterliche Blüte prägt die Altstadt mit ihren spätgotischen, später auch renaissancezeitlichen Bauten bis heute.

Reformation, Krieg und sächsische Herrschaft

Reformatorische Schriften erreichten Görlitz bereits 1518. Der Pfarrer Franz Rothbart begann 1521 lutherisch zu predigen und hielt am 30. April 1525 vor 200 Gläubigen die erste evangelische Messe der Stadt. Die Reformation setzte sich schrittweise durch. 1539 wurde ein evangelisches Kirchenbuch angenommen; katholische Bestandteile der Liturgie blieben jedoch lange erhalten. Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 sorgte der katholische Administrator Johann Leisentrit sowohl für den Fortbestand katholischer Gebiete als auch für die Einsetzung evangelischer Geistlicher in protestantischen Gemeinden. 1565 eröffnete im ehemaligen Franziskanerkloster das Gymnasium Augustum.

Im Oberlausitzer Pönfall von 1547 bestrafte der böhmische König die Städte des Sechsstädtebundes wegen ihrer unzureichenden Unterstützung im Schmalkaldischen Krieg. Görlitz verlor unter anderem die hohe Gerichtsbarkeit, seinen Landbesitz und die freie Ratswahl. Viele Rechte und Besitzungen konnten später zurückgekauft werden, doch die Stellung des Landesherrn und des Adels war nun stärker.

Im Dreißigjährigen Krieg schloss sich Görlitz 1619 der Protestantischen Union an. 1633 erstürmten und plünderten kaiserliche Truppen unter Wallenstein die Stadt. 1635 ging die Oberlausitz als böhmisches Lehen endgültig an das Kurfürstentum Sachsen. 1641 belagerten mehr als 10.000 kursächsisch-kaiserliche Soldaten die von 1.300 Schweden besetzte Stadt. Nach zehn Wochen kapitulierten die Verteidiger. Große Brände zerstörten 1642 insgesamt 85 Häuser, 1691 etwa 200 Häuser und 1717 sogar 403 Häuser. Deshalb ist besonders der nördliche Teil der Altstadt vom Barock geprägt.

Trotz Kriegen und Bränden entwickelten sich Wissenschaft und Öffentlichkeit. 1779 entstand die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, 1799 erschien erstmals der „Görlitzer Anzeiger“. Während der Napoleonischen Kriege hielten sich Napoleon, der russische Kaiser Alexander I. und der preußische König Friedrich Wilhelm III. in Görlitz auf. Um 1813 hatte die Stadt 8.600 Einwohner und 1.100 Häuser.

Preußische Zeit und Industrialisierung

Der Wiener Kongress schlug Görlitz 1815 Preußen zu; der Oberlausitzer Sechsstädtebund endete. 1816 entstand der Landkreis Görlitz in der Provinz Schlesien. Die preußischen Reformen brachten 1832 die ersten Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung und 1833 die preußische Städteordnung. 1873 wurden Stadt und Landkreis getrennt, Görlitz wurde kreisfreie Stadt. Die Einwohnerzahl stieg von 42.732 im Jahr 1871 über 70.173 im Jahr 1895 auf 85.742 im Jahr 1910.

Seit 1830 war Görlitz Garnisonsstadt. Teile der mittelalterlichen Befestigung wurden abgetragen; nach einer Rüge des preußischen Kriegsministeriums musste die Stadt eine Kaserne für 600 Soldaten errichten. Im Ersten Weltkrieg wurden die Görlitzer Truppen an die Front geschickt. Zwischen 1916 und 1919 waren außerdem 6.500 Soldaten des 4. griechischen Armeekorps in der Stadt interniert.

Die Industrialisierung begann mit Textilbetrieben. 1837 arbeitete in der Tuchfabrik Bergmann und Krause die erste Dampfmaschine der Stadt. Christoph Lüders begründete 1828 den Waggonbau, der dauerhaft zu den wichtigsten Industriezweigen gehörte. Der Anschluss an die Eisenbahnstrecken nach Dresden und Breslau sowie später nach Berlin, Reichenberg und in das schlesische Gebirge beschleunigte die Entwicklung. Seit 1882 verkehrte eine Pferdebahn, seit dem 1. Dezember 1897 eine elektrische Straßenbahn. Ein Elektrizitätswerk nahm 1886 den Betrieb auf, der örtliche Fernsprechverkehr begann am 15. August 1886 und die elektrische Straßenbeleuchtung am 6. Juli 1910.

Weitere Betriebe und Einrichtungen waren die 1869 gegründete Landskronbrauerei, Maschinenbau-, Kamera- und Süßwarenfabriken sowie Berufsfeuerwehr, Sparkasse und Konsumverein. Die Niederschlesische Gewerbeausstellung von 1905 umfasste etwa 163.900 m² und zeigte Exponate von 11.400 Ausstellern vor rund 1,5 Millionen Besuchern. Gleichzeitig entstanden Museen, Schulen, das 1851 eröffnete Stadttheater, Musikvereine, die Stadtbibliothek und 1911 ein Kino. In der Weimarer Republik wurde der Waggonbau 1921 Teil der WUMAG; 1936 stellte sie den ersten Doppelstockwagen her. Rauschwalde wurde 1925 und Moys 1929 eingemeindet.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden Verwaltung und öffentliches Leben gleichgeschaltet, Gegner verfolgt und die Stadt weiter militarisiert. 1937 verhaftete die Gestapo etwa einhundert Mitglieder der antifaschistischen Widerstandsgruppe „Peter“. Die Nürnberger Gesetze verschärften ab 1935 die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. In der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurden jüdische Geschäfte verwüstet, Menschen misshandelt und in Konzentrationslager verschleppt. Die Feuerwehr verhinderte die Zerstörung der Synagoge. Bei der Volkszählung vom 17. Mai 1939 lebten unter 93.669 Einwohnern noch 136 sogenannte Glaubensjuden. Die letzten Görlitzer Juden wurden 1941 nach Tormersdorf und 1942/43 weiter nach Theresienstadt, Majdanek und Auschwitz-Birkenau deportiert.

Im 1939 eingerichteten Kriegsgefangenenlager Stalag VIII-A östlich der Neiße waren Gefangene zahlreicher Staaten untergebracht. Anfang 1945 registrierte die Wehrmacht dort unter anderem 16.668 sowjetische und 14.960 französische Gefangene. Am 15. Januar 1941 wurde im Lager Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ uraufgeführt. Seit 1943 setzte man jüdische Häftlinge und Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter ein. Am 1. Oktober 1944 waren in Görlitzer Unternehmen 6.751 Zwangsarbeiter beschäftigt; bei der WUMAG stellten sie 1943 fast 50 Prozent der Belegschaft. 1944 entstand in Biesnitz ein Außenlager eines Konzentrationslagers.

Görlitz stand als „Nautilus“ auf einer Zielliste des britischen Bomber Command, wurde aber aus ungeklärten Gründen nicht großflächig bombardiert. 1945 flohen oder wurden zahlreiche Einwohner evakuiert; von fast 100.000 Menschen blieben knapp 30.000 zurück. Die Rote Armee erreichte die Stadt zunächst nicht, sodass Görlitz bis zur Kapitulation von der Wehrmacht gehalten wurde. Die Sprengung von Rathaus und Türmen konnte verhindert werden, doch deutsche Truppen zerstörten sämtliche Neißebrücken. Insgesamt blieb die historische Bausubstanz im Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschädigt.

Geteilte Stadt, DDR und Gegenwart

Nach 1945 lag Görlitz in der sowjetischen Besatzungszone. Die Gebiete östlich der Lausitzer Neiße wurden polnisch und bilden seitdem die Stadt Zgorzelec. Flüchtlinge und Vertriebene aus Schlesien und dem Sudetenland verschärften die Versorgungskrise; im August 1945 starben 945 Menschen, besonders Kinder und ältere Personen. Betriebe wurden beschlagnahmt und später in Volkseigentum überführt. 1946 wurden die örtlichen Organisationen von SPD und KPD zwangsweise zur SED vereinigt.

1949 überschritt Görlitz nach Eingemeindungen mit 101.742 Einwohnern erstmals die Marke von 100.000. Im Görlitzer Abkommen vom 6. Juli 1950 erkannten die DDR und Polen die Oder-Neiße-Grenze als Staatsgrenze an. Der VEB Waggonbau blieb ein bedeutender Betrieb und produzierte bis 1984 etwa 4.000 Doppelstockwagen.

Am 17. Juni 1953 beteiligten sich mehr als 30.000 Menschen an einem Aufstand. Ausgangspunkt waren Beschäftigte des Waggonbaus. Demonstrierende besetzten unter anderem Rathaus, SED-Kreisleitung und Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit, setzten den Oberbürgermeister ab und befreiten 417 politische Gefangene. Ein 20-köpfiges Komitee sollte den Machtwechsel koordinieren. Sicherheitskräfte schlugen den Aufstand nieder; Hunderte wurden festgenommen und teilweise zu langen Haftstrafen verurteilt.

Ab 1975 entstanden große Neubaugebiete, besonders in Königshufen und Weinhübel. Gleichzeitig verfiel die Altstadt so stark, dass Ende der 1980er Jahre bereits Sprengungen vorbereitet wurden. Die deutsche Wiedervereinigung verhinderte dies. Danach begann eine umfassende Sanierung der Alt- und Innenstadt, während einige Plattenbauten zurückgebaut wurden. Görlitz entwickelte sich gezielt zu einer Kultur- und Touristenstadt.

Am 5. Mai 1998 erklärten Görlitz und Zgorzelec sich zur Europastadt. Die 2004 wiedererrichtete Altstadtbrücke verband beide Stadtzentren erneut. Gemeinsam bewarben sie sich um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2010“, unterlagen 2006 jedoch Essen beziehungsweise RUHR.2010. Seit der sächsischen Kreisreform vom 1. August 2008 ist die zuvor kreisfreie Stadt Görlitz Teil des neu gebildeten Landkreises Görlitz. Die erhaltene und sanierte Altstadt macht die wechselvolle Zugehörigkeit zu Böhmen, Sachsen und Preußen sowie die Entwicklung von der mittelalterlichen Handelsstadt zur modernen deutsch-polnischen Grenzstadt sichtbar.

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