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Geschichte des geistlichen Liedes auf dem europäischen Kontinent

Dieser Artikel beschreibt die Geschichte des geistlichen Liedes und des Kirchenlieds auf dem europäischen Kontinent.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Ursprünge und frühe Formen
  2. 2. Mittelalterliche Gesangskultur
  3. 3. Reformation und konfessionelle Ausprägungen
  4. 4. Vom konfessionellen Zeitalter zum Rationalismus
  5. 5. Entwicklungen im 19. Jahrhundert
  6. 6. Neuere Zeit und Grenzen der Darstellung

Ursprünge und frühe Formen

Das geistliche Lied ist gesungener Ausdruck des christlichen Glaubens; als Kirchenlied dient es besonders dem Gottesdienst und häufig dem gemeinsamen Gesang der Gemeinde. Seine europäischen Anfänge verbinden die jüdische Tradition des Psalmensingens mit der Musik der hellenistischen Spätantike. Christliche Gemeinden sangen von Anfang an. Im Neuen Testament werden Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder erwähnt; zu den frühesten überlieferten Gesängen gehören Benedictus, Magnificat und Nunc dimittis.

Christuslieder sind Hymnen auf Jesus von Nazareth als den Christus. Die Forschung versucht, solche bereits geprägten Texte anhand von Stilwechseln, einleitenden Formeln wie „wir wissen“ und Hinweisen auf empfangene Tradition zu erkennen. Als Beispiel gilt Phil 2,6–11.

Außerhalb des neutestamentlichen Kanons finden sich frühe Belege für gottesdienstliche Hymnen in den Ignatiusbriefen. Im 4. Jahrhundert stärkten Kirchenväter den Gemeindegesang. Basilius von Caesarea gestaltete die Liturgie im Osten um; Ambrosius von Mailand reformierte im Westen Liturgie und Musik, führte Antiphonen – Wechselgesänge – sowie neu gedichtete Hymnen ein. In diese Zeit fällt auch die Entstehung des Tedeums. Mit der zunehmenden Selbstständigkeit von Erzbistümern und Klöstern bildeten sich verschiedene Riten und Singtraditionen aus, darunter der römische, ambrosianische, mozarabische, gallikanische, keltische, byzantinische, ost- und westsyrische sowie koptische Ritus.

Mittelalterliche Gesangskultur

Nach einer Reform der römischen Liturgie durch Papst Gregor I. am Ende des 6. Jahrhunderts wurden liturgische Texte und Melodien über mehrere Jahrhunderte geordnet, gesammelt und vereinheitlicht. Dieser Gregorianische Gesang wurde für die römische Kirche verbindlich und verdrängte örtliche Gesangsstile weitgehend. In seinem Stil entstanden zahlreiche neue Vertonungen von Messetexten, Antiphonen und Gesängen für das Officium, das kirchliche Stundengebet. Viele Kompositionen waren melismatisch: Auf einer Silbe wurden mehrere Töne gesungen.

In karolingischer Zeit ergänzte oder veränderte man die anerkannten Choräle durch Tropen. Ein Tropus konnte ein vorhandenes Melisma mit Text versehen oder neue Melodien beziehungsweise textierte Abschnitte einschieben oder anhängen. Aus der Textierung des Schlussmelismas des Alleluja entwickelte sich gegen 850 die klassische Sequenz. Bis zum 12. Jahrhundert entstand daraus die vom Alleluja unabhängige Reimsequenz mit rhythmisch angeglichenen, gereimten Versen; im 13. Jahrhundert folgten umfangreiche Strophensequenzen. Etwa 5000 Reimsequenzen sind bekannt.

Volkssprachliche Kirchenlieder sind seit dem 9. Jahrhundert belegt, hatten im Gottesdienst aber zunächst nur begrenzten Raum, etwa bei hohen Festen, Prozessionen und geistlichen Spielen. Aus dem Kyrieleis, der Antwort der Gemeinde auf das Gebet des Priesters, entstanden tropusartige Vorstrophen, die Leisen. Weihnachtsspiele brachten volkssprachliche oder gemischtsprachliche Bearbeitungen lateinischer Hymnen und Sequenzen hervor, etwa In dulci jubilo und den Quempas. Musikalisch standen solche Lieder zwischen gregorianischem Gesang und Volkslied. Daneben entstanden Kontrafakturen: Die Melodie eines weltlichen Liedes wurde übernommen, während sein Text geistlich umgearbeitet oder ersetzt wurde.

Reformation und konfessionelle Ausprägungen

Schon vor der Reformation wurden volkssprachliche Lieder in Gesangbüchern gesammelt. Ein frühes Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1501 enthielt Übersetzungen lateinischer Gesänge, Kontrafakturen tschechischer Volkslieder und neue Lieder.

Martin Luther gab dem volkssprachlichen Gemeindelied zentrale Bedeutung. Es sollte biblische und reformatorische Inhalte verbreiten, Glaubenslehren vermitteln, durch einprägsame Melodien das Lernen erleichtern, Gemeinschaft bilden und die zuvor weitgehend passive Gemeinde am Gottesdienst beteiligen. Luther bezeichnete Musik außerdem als „Medizin gegen das Böse“ und „Labsal gegen Verdruss“. Er schrieb über 30 Kirchenlieder, darunter Vom Himmel hoch, da komm ich her, Dies sind die heilgen zehn Gebot und Ein feste Burg ist unser Gott. Teilweise versah er gregorianische Choräle mit deutschen Texten; neue, gut singbare Melodien entstanden häufig zusammen mit Johann Walter. Flugblätter und Gemeindegesangbücher verbreiteten diese Lieder rasch. Im lutherischen Gottesdienst wurden sie zur aktiven Antwort der Gemeinde, auch auf die Predigt.

Die reformierte Tradition setzte andere Schwerpunkte. Ulrich Zwingli schloss Gesang und Instrumentalmusik lange aus dem Zürcher Gottesdienst aus. Johannes Calvin ließ den Gemeindegesang später als Psalmengesang zu: Nur eng an der Bibel orientierte Psalmtexte waren erlaubt; gesungen wurde einstimmig, ohne Melismen, innerhalb einer Oktave und mit nur zwei rhythmischen Grundwerten. Nach jeder Verszeile sollte eine Atempause liegen. Das wichtigste Gesangbuch wurde der 1562 endgültig erschienene französische Genfer Psalter. Nach Calvins Tod wurden vierstimmige Sätze zugelassen, besonders die von Claude Goudimel. Ambrosius Lobwassers deutsche Übersetzung blieb über zweihundert Jahre maßgeblich.

Thomas Müntzer übertrug bekannte gregorianische Melodien ins Deutsche; einzelne seiner Lieder stehen heute in katholischen und evangelischen Gesangbüchern. Die Täufer schufen ebenfalls eigene Lieder. Ihr 1564 erstmals gedruckter Ausbund enthielt als Kern 51 zwischen 1535 und 1540 im Gefängnis des Passauer Schlosses verfasste Lieder und blieb bei süddeutschen Mennoniten bis ins 19. Jahrhundert, bei nordamerikanischen Amischen teilweise bis heute in Gebrauch.

Vom konfessionellen Zeitalter zum Rationalismus

Nach Luthers Tod 1546 wurden evangelische Liedtexte stärker dogmatisch geprägt. Das Konzil von Trient (1545–1563) regelte den gregorianischen Choral und ließ von den spätmittelalterlichen Sequenzen nur vier in der offiziellen römischen Messliturgie zu. Zugleich erkannte die Gegenreformation das volkssprachliche Kirchenlied als Mittel der Rekatholisierung; frühe katholische Sammlungen erschienen 1602 bei Nikolaus Beuttner und 1625 bei David Gregor Corner.

Im 17. Jahrhundert wirkten Martin Opitz’ 1624 veröffentlichte Regeln für Versmaß, natürlichen Wortakzent, reine Reime und eine von Verkürzungen und Fremdwörtern freie Sprache auf die Lieddichtung. Unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges behandelten Lieder besonders Vergänglichkeit, Ewigkeit, Passion und Tod. An die Stelle der gemeinschaftlichen Wir-Perspektive trat häufig die persönliche Ich-Betrachtung. Paul Gerhardt gilt als herausragender protestantischer Lieddichter dieser Zeit; weitere bis heute bekannte Beispiele sind Martin Rinckarts Nun danket alle Gott und Georg Neumarks Wer nur den lieben Gott lässt walten. Musikalisch wichen die Kirchentonarten zunehmend der Dur-Moll-Tonalität. Akkordische Generalbassbegleitung, größere Tonumfänge und anspruchsvollere Melodien näherten manche Gemeindelieder dem geistlichen Sololied an.

Ab etwa 1670 bestimmte der Pietismus die deutschsprachige Kirchenliedliteratur. Diese Reformbewegung stellte persönliche Bekehrung und gefühlsbetonte Frömmigkeit einer als erstarrt empfundenen Theologie entgegen. Ihre meist subjektiven Lieder beschrieben persönliche Empfindungen, die Liebe der gläubigen Seele zu Christus, die Welt als Jammertal oder den Aufruf zur Bekehrung. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf schrieb etwa 3000 Lieder; bekannt blieben auch Joachim Neanders Lobe den Herren und Gerhard Tersteegens Ich bete an die Macht der Liebe. Das Freylinghausensche Gesangbuch von 1704 umfasste in zwei Bänden ungefähr 1500 Lieder. Musikalisch verbreiteten sich der Dreivierteltakt, mehrfach verwendete Melodien und isorhythmische Fassungen mit einheitlichen Notenlängen innerhalb der Choralzeilen.

Ab etwa 1730 prägten Aufklärung und Rationalismus die offiziellen Kirchen. Vernunft, Tugend, Toleranz, Gewissensfreiheit und Nächstenliebe rückten in den Mittelpunkt; Christus erschien häufig als Tugendlehrer. Die Predigt verdrängte Teile der Liturgie. Kirchenlieder sollten belehren und Predigten unterstützen, weshalb ältere Texte teils tiefgreifend umgeschrieben wurden. Poetische Bilder und musikalische Vielfalt nahmen ab; Melodien wurden rhythmisch geglättet, langsam gesungen und durch Orgelzwischenspiele getrennt. Gesangbücher erschienen wegen der geringen Melodienzahl meist ohne Noten. Matthias Jorissens Neue Bereimung der Psalmen von 1798 ersetzte in deutschsprachigen reformierten Kirchen Lobwassers Fassung. Zwischen Pietismus, Mystik und Rationalismus standen Dichter wie Friedrich Gottlieb Klopstock und Matthias Claudius.

Entwicklungen im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert entstanden als Reaktion auf den Rationalismus Erweckungsbewegungen, Erweckungstheologie und Romantik; außerdem wirkten Neuluthertum und Konfessionalismus auf die Liedtexte. Viele bis heute verwendete Lieder stammen von protestantischen Geistlichen aus diesen Bewegungen, darunter Karl Johann Philipp Spittas Bei dir, Jesus, will ich bleiben sowie Texte von Friedrich August Tholuck, Marie Schmalenbach, Christian Gottlob Barth, Albert Knapp und Friedrich Adolf Krummacher. Einzelne geistliche Texte kamen auch von Schriftstellern wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Rückert.

Neue Texte wurden häufig zu bekannten Choralmelodien gesungen, beispielsweise zur Melodie von Wachet auf, ruft uns die Stimme. Daneben entstanden neue Melodien. Zu wichtigen Beispielen gehören Franz Xaver Grubers Stille Nacht, heilige Nacht und Friedrich Silchers So nimm denn meine Hände.

Zunehmend wurden Lieder aus dem englischen und anglo-amerikanischen Raum übertragen, vor allem Evangeliumslieder aus amerikanischen Erweckungsbewegungen sowie baptistischen und methodistischen Kreisen. Übersetzungen beeinflussten auch neue deutschsprachige Texte; Auslandsaufenthalte deutschsprachiger Baptisten förderten ihre Verbreitung in Europa. Erhard Friedrich Wunderlich übersetzte Näher, mein Gott, zu dir, Ernst Heinrich Gebhardt unter anderem Welch ein Freund ist unser Jesus, Theodor Kübler zahlreiche anglo-amerikanische Erweckungslieder und Heinrich Rickers Seliges Wissen. Viele Übersetzer schrieben zugleich eigene Texte oder komponierten Melodien.

Neuere Zeit und Grenzen der Darstellung

Auch im 20. und 21. Jahrhundert wurden neue Kirchenlieder geschaffen. Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer verarbeiteten darin Erfahrungen aus dem geistigen Widerstand gegen den Faschismus. Um die Jahrtausendwende gewannen neue geistliche Lieder im Stil von Lobpreis und Anbetung an Beliebtheit. Außerdem gibt es Bestrebungen, ein gemeinsames Liederbuch für alle christlichen Konfessionen zu schaffen.

Die vorliegende Darstellung ist unvollständig: Die Entwicklung des katholischen geistlichen Liedguts nach der Reformation und die Musik der Ostkirchen fehlen weitgehend.

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