Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Geschichte des christlichen Mönchtums in Palästina

Die Geschichte des christlichen Mönchtums in Palästina reicht von der Spätantike bis in die Gegenwart. Palästina war für die Anfänge des christlichen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundformen und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Blüte in der Spätantike
  3. 3. Kreuzfahrerzeit: konkurrierende Traditionen
  4. 4. Mamluken- und Osmanenzeit
  5. 5. 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Grundformen und Bedeutung

Das christliche Mönchtum in Palästina reicht von der Spätantike bis in die Gegenwart. Die Region war für seine Entstehung und Entwicklung besonders wichtig. Zwei typische Formen sind das Koinobion und die Lawra: Ein Koinobion ist ein von einer Mauer umschlossener Gebäudekomplex mit Kirche, in dem Mönche gemeinsam leben, essen und schlafen. Eine Lawra ist eine nicht ummauerte Einsiedlerkolonie. In ihrem Zentrum liegen die Kirche und weitere gemeinsam genutzte Gebäude; die Mönche wohnen meist einzeln in Zellen. Daneben bestanden städtische Klöster und, vor allem durch archäologische Funde bekannt, landwirtschaftlich ausgerichtete Koinobien.

Das Klosterwesen stand in enger Wechselbeziehung zum Pilgertourismus. Hauptziele waren die Grabeskirche in Jerusalem und die Geburtskirche in Bethlehem. Klöster beherbergten Pilger, führten sie zu den Heiligtümern und finanzierten sich teilweise durch deren Spenden. Pilger konnten außerdem selbst Mönche oder Nonnen werden. Je nach politischer Lage umfasste das von Pilgern besuchte „Heilige Land“ auch die Sinai-Halbinsel und Unterägypten. Im Mittelpunkt steht das Gebiet der spätantiken Provinz Palaestina prima; wichtige Zentren waren Jerusalem und Bethlehem, die Judäische Wüste sowie die Region von Gaza. Das Katharinenkloster war das bedeutendste monastische Zentrum der Sinai-Halbinsel.

Die Überlieferung stammt überwiegend aus patriarchal geprägten Gesellschaften. Frauen erscheinen daher oft nur indirekt, obwohl Pilgerinnen, Asketinnen und Nonnen ebenfalls am klösterlichen Leben beteiligt waren. Die Archäologie ergänzt die schriftlichen Quellen.

Entstehung und Blüte in der Spätantike

Im 4. Jahrhundert kamen Mönche als Pilger aus Mesopotamien, Armenien, Georgien, Konstantinopel und Rom in die Umgebung Jerusalems. Seit den 370er Jahren gründeten wohlhabende Pilgerinnen wie Melania die Ältere und Paula von Rom Klöster und Pilgereinrichtungen. Diese waren Zentren der Liturgie, der Bildung und der Übersetzung. In Bethlehem übersetzte Hieronymus die Vulgata. Paula ließ dort unter anderem ein Pilgerhospiz, ein Männerkloster mit Bibliothek und Skriptorium sowie drei Frauenklöster errichten. Das Männerkloster wurde 416 zerstört; die Bücher verbrannten.

In der Judäischen Wüste wurden rund 60 monastische Anlagen untersucht. Zu einer Lawra gehörten neben den Zellen häufig Kapellen und stets Zisternen zur Sammlung von Regenwasser. Im Zentrum lagen Kirche, Gästehaus, Hospital, Bäckerei, Küche, Ställe und Werkstätten. Unter der Woche lebten die Mönche meist allein und arbeiteten etwa beim Körbeflechten; samstags und sonntags versammelten sie sich zum Gottesdienst und zum gemeinsamen Essen. Euthymius von Melitene († 473) gründete Koinobien, blieb selbst aber zunächst in einer Einsiedelei. Seine Klöster lagen an Straßen und profitierten von Pilgern und wohlhabenden Geldgebern. Übliche Koinobien umfassten 20–30 Mönche. Zur Zeit des Sabas († 532) werden für die Wüste etwa 3000 Mönche geschätzt; im Sabaskloster lebten 250–350, im Theodosioskloster etwa 400.

Das Mönchtum in Gaza lag an der Straße zwischen Ägypten und Palästina und war stärker intellektuell geprägt. Dort wurden wahrscheinlich ab der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts die Apophthegmata Patrum, Sammlungen von Aussprüchen ägyptischer Mönchsväter, zusammengestellt und in mehrere Sprachen übersetzt. Nach dem Konzil von Chalcedon 451 wurde Palästina ein Zentrum christologischer Konflikte. Chalcedonensische Klöster unterstützten die Beschlüsse des Konzils; besonders im Raum Gaza lebten Gegner der chalcedonensischen Christologie. Daraus entwickelten sich nichtchalcedonensische Kirchen der Armenier, Kopten, Äthiopier und Syrer. In Westgaliläa zeigen landwirtschaftliche Koinobien mit Wein- und Ölpressen, dass Klöster auch wirtschaftlich arbeiteten und möglicherweise zur Christianisierung der ländlichen Bevölkerung beitrugen. Das Frauenkloster Ḥorvat Ḥani, wohl im 5. Jahrhundert gegründet, trennte Gästebereich und Nonnenbereich klar und beruhte wirtschaftlich auf Landwirtschaft und Pilgerbewirtung.

Kaiser Justinian (527–565) regulierte das Mönchtum gesetzlich. Jedes Kloster sollte einen dem Bischof untergeordneten Vorsteher haben; Doppelklöster wurden verboten, Armut und die Trennung von der Außenwelt vorgeschrieben. Justinian bevorzugte Koinobien, ohne das Einsiedlerleben zu untersagen, und ließ laut Prokopios zehn Klöster in Jerusalem und Umgebung restaurieren. Die Vorgaben sind archäologisch jedoch nicht eindeutig nachweisbar, da Umfassungsmauern und Einzelzellen schon vorher üblich waren. Der Konflikt zwischen Origenisten und ihren Gegnern führte 543 zur Verurteilung origenistischer Lehren und nach weiteren Auseinandersetzungen 553 zur Vertreibung der origenistischen Mönche aus der Neuen Lawra.

Kreuzfahrerzeit: konkurrierende Traditionen

Nach der Eroberung Jerusalems 1099 errichteten die Kreuzfahrer ein lateinisch geprägtes Kirchensystem neben den bestehenden orthodoxen und orientalischen Gemeinschaften. Sie führten die im orthodoxen und orientalischen Mönchtum unübliche Einteilung in Orden ein. Die Augustiner-Chorherren des Heiligen Grabes wurden 1114 auf die Augustinusregel verpflichtet. Das wohlhabende Stift besaß Land in Westeuropa und musste der Krone 500 Kriegsknechte stellen. Nach Saladins Eroberung Jerusalems 1187 zogen die Chorherren nach Tripolis und später nach Akkon; ihr weiteres Schicksal nach der Einnahme Akkons 1291 ist unbekannt.

Die Prämonstratenser gründeten Mitte des 12. Jahrhunderts St. Samuel auf dem Montjoie nordwestlich von Jerusalem. Weitere Häuser in Cancie und Rantis bestanden nur kurze Zeit; St. Samuel überdauerte die Kreuzfahrerherrschaft bis 1291. Die Benediktiner besaßen in Jerusalem S. Maria Latina, das Marienheiligtum im Tal Josaphat, das Annenkloster und weitere Niederlassungen. Das Kloster im Tal Josaphat verband Marienpilgerfahrt, Hospiz, Begräbnisse und die Betreuung von Gethsemane. Das Annenkloster wurde nach Saladins Eroberung in eine Madrasa umgewandelt; die Klostergebäude waren teilweise bis ins 18. Jahrhundert erhalten.

Der Karmelitenorden entstand aus Eremiten am Karmel. Albert von Vercelli gab ihnen zwischen 1205 und 1214 eine Regel: Die Eremiten lebten besitzlos in einzelnen Zellen, beteten, arbeiteten und aßen gemeinsam. Die Regel wurde 1226 und 1229 päpstlich bestätigt. Wegen der unsicheren Lage verlagerten die Karmeliten ihre Tätigkeit in den 1240er Jahren nach Lateineuropa und gründeten später städtische Niederlassungen. Franziskaner und Dominikaner kamen im 13. Jahrhundert hinzu. Die Franziskaner lebten nach einem gewaltfreien Missionsverständnis, betreuten vor allem Arme und Pilger und errichteten bescheidene Niederlassungen. Die Dominikaner wirkten als Gelehrte, Übersetzer und Diplomaten. Beide Orden erlitten bei muslimischen Eroberungen Verfolgungen; in Akkon wurden 1291 vierzehn Franziskaner und etwa dreißig Dominikaner getötet.

Die orthodoxen Klöster bestanden trotz der lateinischen Herrschaft weiter. Das Sabaskloster blieb ein Zentrum der chalcedonensischen Orthodoxie; hinzu kam im 12. Jahrhundert das Eliaskloster. Orthodoxe und lateinische Mönche lebten meist nebeneinander in einem praktischen Modus Vivendi. Armenier und Syrer besaßen eigene Gemeinschaften. Das syrische Maria-Magdalenen-Kloster beherbergte 1237 etwa 70 Mönche. Die armenische Jakobuskathedrale war zugleich Kloster und Hospiz. Die Mamluken förderten später als Gegengewicht zu den Griechen besonders Kopten und Äthiopier.

Mamluken- und Osmanenzeit

Nach 1291 wichen die Franziskaner zunächst nach Zypern aus. 1333 erhielten sie durch eine Vereinbarung mit Sultan an-Nāsir Muhammad das Recht, am Heiligen Grab Gottesdienst zu feiern, und das Nutzungsrecht am Abendmahlssaal. 1335 gründeten sie dort einen Konvent. Papst Clemens VI. ordnete 1342 die Kustodie des Heiligen Landes als besondere Organisationsform im Rang einer Ordensprovinz. Die Franziskaner betreuten Pilger und Katholiken und verbreiteten den Kreuzweg als Form geistiger Teilnahme am Leiden Jesu.

In der Mamlukenzeit blühte das georgische Mönchtum. Das Kreuzkloster wurde mit starken Befestigungen und mehr als 300 Zellen wiederaufgebaut. Georgische Mönche erhielten 1308 die Kontrolle über den Golgathafelsen und den Schlüssel zum Heiligen Grab. Im Spätmittelalter schwächten jedoch die Eroberung orthodoxer Staaten durch die Osmanen, der Zerfall Georgiens und die Abgabenforderungen nomadischer Gruppen die orthodoxen Klöster. Das Sabaskloster schrumpfte von 30 Mönchen um 1420 auf sechs in den 1480er Jahren und wurde bald verlassen.

Mit dem Übergang zum Osmanischen Reich 1517 standen die Klöster stärker unter der Kontrolle lokaler Paschas. Die Franziskaner verloren 1551 das Gelände auf dem Zionsberg, erhielten aber das Salvatorkloster in der Altstadt. 1730 lebten 152 Franziskaner in 21 Konventen. Im 17. und 18. Jahrhundert stritten Griechen und Lateiner um die heiligen Stätten; 1755 wurden die Franziskaner nach einem Angriff aus der Grabeskirche vertrieben und verloren Rechte in Bethlehem und Gethsemane.

Das griechisch-orthodoxe Patriarchat wurde durch Pilger und Spenden aus Griechenland, dem Balkan und Russland gestärkt. Die Bruderschaft des Heiligen Grabes verwaltete den Besitz des Patriarchats; seit 1765 galt für ihre Mitglieder eine strenge Klosterregel. Im 19. Jahrhundert wurden alte Klöster in der Judäischen Wüste und am Jordan, darunter Chariton, Choziba, Johannes-Prodromos, Kalamon und Gerasimos, wiederbesiedelt. Russische Missionen gründeten große Frauenklöster in Ein Kerem und auf dem Ölberg. Nichtchalcedonensische Gemeinschaften gerieten dagegen unter Druck; besonders Äthiopier und Syrer verloren Besitz und mussten mit Armut, Verfolgung und Konflikten um Deir es-Sultan umgehen.

19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Im 19. Jahrhundert verstärkten europäische Staaten, Russland und die Vereinigten Staaten ihre Präsenz. Klöster wurden zunehmend mit nationalen Interessen verbunden; dieser Prozess wird als „Erfindung des Heiligen Landes“ bezeichnet. 1847 erneuerte Papst Pius IX. das Lateinische Patriarchat von Jerusalem. Patriarch Giuseppe Valerga gründete Missionsstationen und zog weitere Orden ins Land. Damit endete die etwa fünfhundertjährige alleinige Vertretung der Lateiner durch die franziskanische Kustodie. Zwischen 1863 und 1890 entstand eine besonders dichte Folge neuer monastischer Einrichtungen.

Zu den Neugründungen gehörten die Sionsschwestern, die zunächst für die Bekehrung des jüdischen Volkes beteten, sowie die 1880 gegründeten Rosenkranzschwestern, arabische Frauen, die vor allem Mädchenschulen betreuten. Weiße Väter, Assumptionisten, Salesianer und andere Orden verbanden Pilgerbetreuung, Bildung und Mission. 1853 wurde Stella Maris in Haifa fertiggestellt, 1890 zogen Trappisten in das Kloster Latrun ein. Die Dominikaner weihten 1900 die Stephanskirche und entwickelten mit der École biblique et archéologique française de Jérusalem ein Zentrum für Bibelwissenschaft und Archäologie. 1906 wurde die deutsche Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg eingeweiht. Das Studium Biblicum Franciscanum entstand 1924.

Im Britischen Mandatsgebiet (1920–1948) betrieben Orden zahlreiche Schulen und karitative Einrichtungen. Die Rosenkranzschwestern führten arabischsprachige Mädchenschulen. Die Franziskaner errichteten 1935 wieder ein Kloster beim Abendmahlssaal; 1934 entstand außerdem das äthiopische Dreifaltigkeitskloster am Jordan. Der Palästinakrieg 1948 führte zu Flucht, Zerstörung und Besetzung von Klöstern. Ordensgemeinschaften nahmen Flüchtlinge auf und verteilten Lebensmittel. Die Demarkationslinie von 1949 trennte die Jerusalemer Altstadt und den Zionsberg; der Zugang zum Abendmahlssaal wurde stark eingeschränkt.

Nach 1948 entwickelten einzelne Ordensleute neue Formen des jüdisch-christlichen Dialogs. Die Sionsschwestern stellten in den 1950er Jahren ihre Gebete für die Bekehrung von Juden ein. Dominikaner und Franziskaner wirkten zugleich als Archäologen, unter anderem bei den Ausgrabungen von Qumran (1951–1956). Nach 1967 führten politische Spannungen zu einer Trennung russischer kirchlicher Besitzungen und zu Konflikten zwischen Auslandskirche und Moskauer Patriarchat.

Im 21. Jahrhundert wurde die Geburtskirche 2002 vom 2. April bis 10. Mai belagert; die verschiedenen Mönchsgemeinschaften blieben größtenteils im Kirchenkomplex. Seit etwa 2005 häuften sich verbale Angriffe und Vandalismus gegen Mönche und kirchliche Einrichtungen; 2015 wurde das Priorat Tabgha durch Brandstiftung schwer beschädigt. Trotz des Rückgangs der christlichen Bevölkerung besitzen das Lateinische und das griechisch-orthodoxe Patriarchat weiterhin bedeutenden Grundbesitz. Grundstücksverkäufe des griechischen Patriarchats führten zu Konflikten mit palästinensischen orthodoxen Gemeinden und jüdischen Organisationen.

Weiterlesen

Mönchtum Das Mönchtum ist die Gesamtheit der von Mönchen und Nonnen praktizierten geistlich geprägten Lebensformen. Das Mönchtum kann definiert werden als … Pilger Obwohl die Religion des Jainismus keinen Reliquienkult kennt, pilgern auch die Jainas nackt (Digambaras) oder in weißen Gewändern (Shvetambaras) in großer … Jerusalem Die Mauern der Altstadt umschließen einige bedeutende Orte der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam: die Klagemauer, die … Grabeskirche Als Grabeskirche oder Kirche vom heiligen Grab wird die Kirche in der Altstadt Jerusalems bezeichnet, die an der überlieferten Stelle der Kreuzigung und des … Konstantin der Große Die konstantinische Wende hatte Konsequenzen für das Verhältnis Konstantins zu den traditionellen paganen Kulten, die keineswegs eine Einheit darstellten … Römische Reichskirche Als römische Reichskirche wird in der historischen Forschung die christliche Kirche im spätantiken Römischen Reich und im frühmittelalterlichen oströmischen … Konzil von Chalcedon Das Konzil von Chalcedon entschied den lange und erbittert geführten christologischen Streit um das Verhältnis zwischen der göttlichen und der menschlichen … Christologie Die Christologie ist ein zentraler Teilbereich der systematischen Theologie. Sie will die Fragen nach seiner Person (Identität, „Natur“) und seinem Werk ( … Monophysitismus Miaphysiten die Zweinaturenlehre also nicht prinzipiell ab und gehen durchaus davon aus, Jesus Christus sei Gott und Mensch gewesen – sie nehmen dabei … Koptisch-orthodoxe Kirche Geschichte. Bearbeiten. Die koptische Kirche geht auf das alexandrinisch-ägyptische Christentum der Spätantike (Patriarchat von Alexandrien) zurück. Die … Abbasiden-Kalifat Patriarchat (Kirche) Patriarchate gibt es in den orthodoxen und altorientalischen Kirchen sowie in der römisch-katholischen Kirche.