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Geschichte des Saarlandes
Die Geschichte des Saarlandes umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des deutschen Landes Saarland von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und frühe Besiedlung
Das Saarland liegt an der mittleren Saar im Südwesten Deutschlands; Landeshauptstadt ist Saarbrücken. Es gehört seit 1957 zur Bundesrepublik Deutschland und wurde von 1920 bis 1935 meist Saargebiet genannt. Seine Geschichte ist durch wechselnde Herrschaften und wiederholte französische Abtrennungen geprägt. Bedeutend waren vor allem das Erzstift und Kurfürstentum Trier, das Herzogtum Lothringen, Pfalz-Zweibrücken und die Grafschaft Saarbrücken. Reiche Vorkommen an Steinkohle und Erzen, Waldreichtum und die daraus entstehende Industrie begründeten die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Region.
Menschliche Besiedlung ist seit der Altsteinzeit vor rund 100.000 Jahren nachgewiesen. Großwildjäger hinterließen Faustkeile und Lagerplätze. Der Faustkeil von Ludweiler wird aufgrund seiner Gestaltung dem Jungacheuléen zugerechnet und auf etwa 120.000 v. Chr. datiert. Gejagt wurden unter anderem Elefanten, Nashörner, Pferde, Auerochsen und Hirsche. Während des letzten Maximums der Eiszeit fehlen Nachweise menschlicher Besiedlung. Mit der Klimaerwärmung vor etwa 10.000 Jahren breiteten sich Wälder aus; in der Mittelsteinzeit wurden dadurch bessere Ansiedlungen an Saar und Nebenflüssen möglich.
In der Jungsteinzeit führten Ackerbau und Viehzucht zu ganzjähriger Sesshaftigkeit und steigenden Bevölkerungszahlen. Getreidemahlsteine, geschliffene Steingeräte und durchbohrte Beilklingen belegen den technischen Fortschritt. Der sieben Meter hohe Gollenstein bei Blieskastel und der fünf Meter hohe Spellenstein bei Rentrisch könnten zwischen Jungsteinzeit und Bronzezeit entstanden sein. Im 2. Jahrtausend v. Chr. entwickelte sich die Metallbearbeitung. Bronze- und Kupferfunde, eine Kupfermine bei St. Barbara, ein spätbronzezeitlicher Schatz aus Erfweiler-Ehlingen und Grabhügel weisen auf Handel, soziale Unterschiede und eine regionale Elite hin.
Kelten und Römer
Seit Beginn der Eisenzeit wurden Eisenvorkommen im Saartal ausgebeutet. Ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. nahm die Bevölkerung stark zu. In der Hallstattzeit lagen Siedlungen und Grabhügel häufig auf Höhenzügen; erstmals wurden auch die bewaldeten Mittelgebirge besiedelt. Die Hunsrück-Eifel-Kultur des 6. bis 3. Jahrhunderts v. Chr. ging ohne deutlichen Bruch in die Zeit der keltischen Treverer über.
Die jüngere Eisenzeit, die Latènezeit, dauerte etwa von 450 v. Chr. bis um Christi Geburt. Aufwendige Adelsgräber, Goldschmuck, baltischer Bernstein und eine aus dem Mittelmeerraum stammende Sphinxdarstellung belegen Wohlstand und weitreichende Handelsbeziehungen. Die große Bronzeschnabelkanne aus Italien weist auf Importhandel hin. Befestigte keltische Landstädte, sogenannte Oppida, und zahlreiche Ringwälle prägten die Region. Der Hunnenring bei Otzenhausen wurde etwa von 400 v. Chr. bis um 50 v. Chr. genutzt. Im Süden siedelten die Mediomatriker, die sich besonders durch Eisen- und Salzgewinnung auszeichneten; im Norden lag der Grenzbereich zu den Treverern. Keltische Kulte, etwa die Verehrung Eponas und Rosmertas, wirkten nach der römischen Eroberung fort.
Im Gallischen Krieg unterstellte Gaius Iulius Caesar das Gebiet in den Jahren 58 bis 51/50 v. Chr. der römischen Oberhoheit. Unter Augustus wurde es in den Jahren 16 bis 13 v. Chr. erschlossen und Teil der Provinz Gallia Belgica, die Diokletian am Ende des 3. Jahrhunderts in Belgica I und Belgica II aufteilte. Trier, Augusta Treverorum, war von 286 bis 395 kaiserliche Residenz und eine der Hauptstädte des Römischen Reiches. Straßen, Brücken und die schiffbare Saar verbanden die Region mit Trier, Metz, Worms und Straßburg. Rohstoffe ermöglichten Eisen-, Kupfer-, Ziegel- und Keramikproduktion.
Es entstanden Vici, Heiligtümer, Kastelle und Villen. Die Villa Nennig besitzt mit einem 10 × 16 Meter großen Mosaik das größte in situ erhaltene römische Bodenmosaik nördlich der Alpen. Die rekonstruierte Villa Borg umfasst 7,5 ha. Im Vicus Saravus am Saarbrücker Halberg kreuzten sich Fernstraßen; Gebäude mit Fußbodenheizungen, Wasserleitungen, Werkstätten, Arztbestecken und Handelsgewichten belegen ein bedeutendes Siedlungszentrum.
Im 3. Jahrhundert führten Missernten, Aufstände, Barbareneinfälle und die Aufgabe des Limes zum Niedergang. Franken und Alemannen plünderten und zerstörten 276 unter anderem Saarbrücken, Schwarzenacker und Dillingen-Pachten. Nach weiteren Einfällen, besonders 352, endete die gallorömische Kultur im Zuge der Völkerwanderung. Trier fiel in den 480er Jahren endgültig an die Franken; unter Chlodwig I. begann die Bildung eines fränkischen Großreiches.
Früh- und Hochmittelalter
Nach dem Ende der Römerherrschaft gingen Bevölkerung, Siedlungen, Straßen und Agrarflächen stark zurück. Zugleich deutet die Weiterverwendung keltischer Flussnamen sowie einzelner romanischer Orts- und Siedlungsnamen auf Bevölkerungskontinuität hin. Die Franken assimilierten an der Saar weitgehend die gallorömische Bevölkerung. Daraus entwickelten sich moselfränkische und rheinfränkische Mundarten. Die dat-das-Linie trennt beide Sprachvarianten und bildete sich etwa zwischen 1350 und 1600 heraus; der Rheinische Fächer bezeichnet das Übergangsgebiet verschiedener westmitteldeutscher Dialekte.
Nach Chlodwigs Taufe um 500 setzte eine erneute Christianisierung ein. Im 6. Jahrhundert wirkten angelsächsische und iroschottische Missionare. Das Testament des Adalgisel Grimo vom 30. Dezember 634 gilt als älteste erhaltene Urkunde des Rheinlandes und zeigt erste Züge einer diözesanen Organisation. Ende des 7. Jahrhunderts gründete Lutwinus in Mettlach ein Benediktiner-Doppelkloster. Der um 990 errichtete oktogonale Alte Turm ist das älteste Bauwerk des Saarlandes. Weitere Klöster und Stifte, darunter Tholey, Hornbach, Wadgassen, St. Arnual und Wörschweiler, prägten die religiöse, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung.
843 teilte der Vertrag von Verdun das Karolingerreich; Metz und Trier fielen an Lothar I. Nach dem Zerfall des Mittelreiches kam die Region 870 zum Ostfrankenreich. Wikinger- und Ungarneinfälle erschütterten das Gebiet. Nach der Stabilisierung unter den Ottonen entstanden oder festigten sich Burgen in Saarbrücken, St. Ingbert, Altfelsberg, Homburg und später Kirkel. 999 schenkte Otto III. die Königsburg Sarabruca, den Königshof Völklingen und umliegende Gebiete dem Metzer Bischof. Im Gefolge des Investiturstreits emanzipierten sich die Saarbrücker Grafen von Metz und bauten eine eigene Landeshoheit auf.
Im Hochmittelalter förderte die Warmzeit den Getreide- und Weinanbau. Rodungen und neue Siedlungen ließen die Bevölkerung wachsen; um 1300 gab es etwa 820 Ortschaften, womit der antike Bevölkerungsstand wieder erreicht war. Höhenburgen sicherten den Landesausbau, kontrollierten Verkehrswege und ermöglichten Zolleinnahmen. Die wichtigsten Territorialherren waren Trier, Lothringen, Luxemburg, Saarbrücken und Pfalz-Zweibrücken. Die Abtei Wadgassen entwickelte sich zu einem regionalen Zentrum mit über 200 Gütern, Gehöften und Mühlen sowie Schulen, Hospital und Wallfahrten. Saarbrücken und St. Johann erhielten 1322 Freiheitsbriefe, blieben aber durch Abgaben und Frondienste in ihrer Entwicklung eingeschränkt.
Spätmittelalter und Reformation
Hungersnöte von 1316 bis 1322, Missernten zwischen etwa 1330 und 1350, Klimafluktuationen und die Pest ab 1347 lösten eine schwere Krise aus. Im 14. und 15. Jahrhundert wurden ungefähr 54 % der hochmittelalterlichen Dorfsiedlungen wüst. Größere Orte wie Saarbrücken, St. Johann, St. Wendel, Merzig und Blieskastel boten mehr Sicherheit und Versorgung. Gleichzeitig nahmen Eisenschmieden und die Steinkohleförderung bei Ottweiler, Schiffweiler, Landsweiler, Sulzbach und Rittenhofen zu.
Die Grafschaft Saarbrücken gelangte über weibliche Erbfolge schließlich an Nassau-Saarbrücken. Diese dynastische Kontinuität bestand über mehr als 700 Jahre. Unter Elisabeth von Lothringen entwickelte sich Saarbrücken im 15. Jahrhundert zu einer Residenzstadt. Die Landesherren bauten ihre Verwaltung aus, grenzten ihre Territorien rechtlich ab und erließen eigene Gerichtsordnungen. Die Region wurde seit dem 13. Jahrhundert häufig Westrich genannt, ohne eine politische Einheit zu bilden.
Vor der Reformation gehörte der Westen überwiegend zum Archidiakonat Tholey des Erzbistums Trier, der Osten zum Bistum Metz und kleinere Gebiete zum Erzbistum Mainz. Politisch war das Land stark zersplittert. Reformatorische Schriften waren spätestens nach Luthers Auftreten auf dem Reichstag zu Worms 1521 bekannt. In Pfalz-Zweibrücken förderte Herzog Ludwig II. den Prediger Johann Schwebel. Unter Ruprecht von Pfalz-Veldenz wurden eine neue Kirchenordnung, deutschsprachige Gottesdienste und Visitationen eingeführt. Herzog Wolfgang konsolidierte die lutherische Landeskirche und erließ 1557 eine Kirchenordnung; 1588 führte Johann I. in Pfalz-Zweibrücken den Calvinismus ein.
Trier, Metz und Lothringen hielten grundsätzlich am Katholizismus fest, konnten reformatorische Erfolge in einzelnen Gebieten aber zunächst nicht verhindern. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 gestand den Landesherren das Recht zu, die Konfession ihrer Untertanen zu bestimmen. In Nassau-Saarbrücken wurde die Reformation nach dem Tod Johanns IV. 1574 durch Philipp III. eingeführt. Die Saarbrücker Kirchenordnung verbot katholische Praktiken, reduzierte Feiertage und stärkte die landesherrliche Macht. Wadgassen, die Deutschordenskommenden und Fraulautern blieben katholisch. Der Dreißigjährige Krieg beendete diese konfessionelle und wirtschaftliche Entwicklung.
Kriege, französische Herrschaft und Revolution
Die Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts entvölkerten zahlreiche Städte und Dörfer: Neben dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) waren dies der Devolutionskrieg (1667–1668), der Holländische Krieg (1672–1679), der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697), der Spanische Erbfolgekrieg (1701–1714) und der Polnische Thronfolgekrieg (1733–1738). Pest, Zerstörungen und Versorgungskrisen verschärften die Folgen. Im Dreißigjährigen Krieg wurden unter anderem Schlösser zerstört, Saarwerden 1629 von Lothringen besetzt und 1634/35 große Teile der Bevölkerung durch Pest und Hunger getroffen. Nach dem Krieg warb Graf Gustav Adolf von Nassau-Saarbrücken Rückkehrer, Neusiedler und Facharbeiter an; Tiroler, Schweizer und Lothringer kamen im Rahmen merkantilistischer Peuplierungspolitik.
Ludwig XIV. versuchte, die Saarregion nach Osten auszudehnen. Die Reunionskammern von 1679 nutzten alte Lehnsverhältnisse zur juristischen Begründung französischer Ansprüche. 1680 und 1681 leisteten unter anderem Blieskastel, Nassau-Saarbrücken, Saarwerden und Nassau-Ottweiler Lehnshuldigungen. Frankreich errichtete ab 1680 Saarlouis als Festungsstadt. Vauban entwarf sie sternförmig mit sechs Bastionen; eine Schleusenbrücke konnte die Saar aufstauen und das Umland überfluten. Wallerfangen wurde 1687/88 zwangsweise nach Saarlouis umgesiedelt. Die Province de la Sarre reichte von Pfalzburg bis Mont Royal an der Mosel.
Die französische Verwaltung hob 1685 Leibeigenschaft und Loskaufpflicht auf, verringerte Frondienste um drei Viertel und herrschaftliche Weiderechte auf ein Viertel. Zugleich förderte sie die Rekatholisierung; reformierte Gottesdienste wurden verboten. Der Frieden von Rijswijk 1697 gab die meisten Reunionen zurück, Frankreich behielt aber Saarlouis, Pfalzburg, Longwy, Straßburg und die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun.
Im 18. Jahrhundert förderten Nassau-Saarbrücken und Pfalz-Zweibrücken Glas, Salz, Eisen und Keramik. Nach dem Tod Stanislaus' I. Leszczyńskis fiel Lothringen 1766 an Frankreich. Die Aufklärung, soziale Not und Widerstand gegen Frondienste bereiteten die Französische Revolution vor. 1789 wurden in Frankreich die Sonderrechte von Adel und Klerus aufgehoben. Französische Truppen besetzten ab 1792/93 die Saarregion; Schlösser wie Saarbrücken und Karlsberg wurden geplündert oder zerstört. 1797 wurde das Gebiet im Frieden von Campo Formio Frankreich zugeschlagen. 1798 entstand das Saardepartement mit Trier als Präfekturhauptstadt und Saarbrücken als Arrondissementhauptstadt; 1802 wurden die neuen Departements offiziell Frankreich angegliedert.
Napoleon, Neuordnung und Industrialisierung
Unter Napoleon war das Gebiet Teil des Ersten Kaiserreichs. Für französische Kriegszüge wurden im Saardepartement von 1801 bis 1913 annähernd 13.600 Wehrpflichtige ausgehoben; vermutlich 5.000 starben. Im Februar und März 1812 überquerten 60.000 Soldaten mit 26.000 Pferden und über 200 Artilleriegeschützen die Saarbrücke. Nach dem Russlandfeldzug und der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 folgten Seuchen; allein in Saarbrücken starben über 1.000 Menschen. 1814 endete die napoleonische Herrschaft. Der Wiener Kongress und der Zweite Pariser Frieden teilten die Region neu: Die größten Teile kamen an Preußen und Bayern, kleinere an Sachsen-Coburg-Gotha, Oldenburg und Hessen-Homburg. Die preußischen Gebiete wurden Teil der Rheinprovinz, die bayerischen des Rheinkreises beziehungsweise der Rheinpfalz. Die Grenzziehung blieb umstritten; einzelne Gemeinden kehrten 1827 beziehungsweise 1829 zu Frankreich zurück.
Im Vormärz blieben durch den Code civil revolutionäre Rechtsgrundsätze erhalten, während die preußische Verwaltung stark obrigkeitsstaatlich geprägt war. Im bayerischen Rheinkreis waren die Verhältnisse liberaler. Homburg wurde durch Johann Georg August Wirth und Philipp Jakob Siebenpfeiffer zu einem Zentrum der Demokratiebewegung. Das Hambacher Fest von 1832 mit etwa 20.000 bis 30.000 Teilnehmern forderte nationale Einheit, Freiheit und Volkssouveränität. Repression und der Einsatz von 1.000 preußischen Soldaten beendeten die lokalen Unruhen. 1848/49 entstanden Bürgervereine, Bürgerwehren und Petitionen; Vertreter aus Saarbrücken, St. Wendel und Ottweiler wurden in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Die Revolution scheiterte nach der Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. und der gewaltsamen Niederschlagung der Reichsverfassungskampagne. In den 1840er Jahren wanderten im preußischen Saarland etwa 7.500 Menschen aus.
Die Industrialisierung beruhte auf Steinkohle, Eisen, Glas und Keramik. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Region noch überwiegend bäuerlich. Glasherstellung gab es seit 1616 in Ludweiler und seit etwa 1680 in Wadgassen; im Warndt sind 23 Glashüttenstandorte belegt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Glas der drittgrößte Industriezweig. Die Porzellanmanufaktur Ottweiler bestand 1763 bis 1800. Keramikfabriken entstanden 1790 in Saargemünd und 1791 in Wallerfangen. 1836 fusionierten die Unternehmen von Nicolas Villeroy und Jean-François Boch zu Villeroy & Boch. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich außerdem die Firma Adt von manueller Fertigung in Ensheim und Forbach zum Weltmarktführer für Papierlackwarenprodukte.