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Geschichte des Ruhrgebiets
Die Region galt bereits im Mittelalter als wichtiger Verkehrsknoten und erhielt im Zeitalter der Industrialisierung durch ihre Kohlevorkommen große Bedeutung.
Inhalt6 Abschnitte
Raum, Bedeutung und natürliche Grundlagen
Die Geschichte des Ruhrgebiets beschreibt die Entwicklung des Gebiets des heutigen Regionalverbandes Ruhr von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Dazu gehören die kreisfreien Städte zwischen Ruhr und Emscher sowie Ennepe-Ruhr-Kreis, Recklinghausen, Unna und Wesel. Die Region war schon im Mittelalter ein Verkehrsknoten und wurde durch ihre Steinkohlevorkommen zur wichtigsten deutschen Montanregion, also zu einem Zentrum von Bergbau sowie Eisen- und Stahlindustrie.
Die geologischen Voraussetzungen entstanden vor allem im Karbon, das vor 360 Millionen Jahren begann und vor 300 Millionen Jahren endete. Im Westfalium wechselten Kohlesümpfe und Überflutungen durch das Meer. Pflanzenmaterial und Meeresablagerungen wurden dadurch zu einer Folge von Kohleschichten und Zwischengebirge; daraus entstanden die Kohleflöze. In der Kreidezeit, vor 135 bis etwa 65 Millionen Jahren, bedeckte ein tropischer Ozean das Land und lagerte Mergel über dem Karbon ab.
Menschen siedelten hier bereits vor rund 80.000 Jahren im Mittelpaläolithikum zur Zeit des Neandertalers. Funde beim Bau des Rhein-Herne-Kanals 1911 in Herne belegen Steinwerkzeuge und Lagerplätze. Für die Zeit zwischen 6000 und 4500 v. Chr. sind Siedlungen der Linearbandkeramischen und der Rössener Kultur um Bochum, Hagen und Dortmund bekannt. Zwischen 600 und 400 v. Chr. war die Landnahme germanischer Gruppen vermutlich abgeschlossen.
Römer, Franken und mittelalterliche Territorien
Seit Caesars Eroberung Galliens sind die germanischen Gruppen der Region schriftlich fassbar: südlich der Lippe lebten Sugambrer, nördlich der Lippe Usipeter und weiter östlich Brukterer und Marser. Nach der Niederlage des Marcus Lollius gegen Sugambrer, Usipeter und Tenkterer 16 v. Chr. begann der römische Eroberungsversuch in Germanien. Von 12 v. Chr. bis 16 n. Chr. führten Römer Feldzüge, bauten Lager wie Vetera bei Xanten, Asciburgium und Werthhausen und nutzten die Lippe als Vormarschroute. Das Lager Haltern ist besonders gut erforscht.
Nach der Varusschlacht von 9 n. Chr. gab es noch Feldzüge, aber ab 17 n. Chr. zogen sich die Römer auf das linke Rheinufer zurück. Dort sicherten sie den niedergermanischen Limes. Romanisierung bedeutet die Übernahme römischer Lebensformen und Wirtschaftsbeziehungen; ehemalige Soldaten, Hilfstruppen und die Versorgung der Grenztruppen förderten sie. Wiederholte fränkische Angriffe, besonders seit 256/257, und der Abzug römischer Truppen 405 führten zum Ende der römischen Herrschaft am Rhein im frühen 5. Jahrhundert.
Im Frühmittelalter prägten fränkische Siedlungen, Königshöfe, Mission und Klöster die Region. Karl der Große eroberte 775 die Sigiburg. Liudger begann 796 in Werden mit dem Kirchenbau; daraus entwickelte sich das Kloster Werden. Der Hellweg verband Handels- und Königsorte wie Duisburg, Essen und Dortmund. Duisburg war zeitweise Königspfalz; zwischen 922 und 1016 sind dort 18 Königsaufenthalte belegt.
Im Hoch- und Spätmittelalter entstanden und wuchsen die Grafschaften Berg, Mark und Kleve. Nach der Klever Union von 1496 waren ab 1521 die Territorien der Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg unter einer Herrschaft vereinigt. Städte erhielten Märkte, Befestigungen und Stadtrechte; Dortmund wurde ein bedeutender hansischer Vorort. Die Schlacht von Worringen 1288 schwächte Kurköln und stärkte besonders Berg und Mark. Erste urkundliche Belege für Kohlebergbau stammen aus Dortmund von 1296 und aus Schüren von 1302.
Frühe Neuzeit und preußische Einigung
Das 16. Jahrhundert brachte Bevölkerungswachstum, viele kleine Kötterstellen und Hollandgängerei: Kötter verdienten im Sommer in den Niederlanden Geld für ihre Familien. Die Reformation verlief je nach Herrschaft unterschiedlich. Johann III. von Jülich-Kleve-Berg bekämpfte zwar die lutherische Lehre, strebte aber mit Kirchenordnungen von 1530, 1532 und 1533 eine religiös neutrale Politik und gegenseitige Duldung an. In Dortmund bestanden Konflikte zwischen Rat, Bürgern und Klerus; ein dauerhaft eindeutiger Konfessionswechsel blieb aus.
Der Achtzigjährige Krieg und der Dreißigjährige Krieg machten das Ruhrgebiet wiederholt zum Kriegsschauplatz. Spanische, niederländische, kaiserliche, hessische und schwedische Truppen besetzten oder plünderten Städte. Besonders betroffen waren unter anderem Essen, Duisburg, Mülheim, Hamm und Dortmund. Der Westfälische Friede von 1648 beendete beide Kriege formal, doch Besatzungen und hohe Zahlungen dauerten teilweise bis 1650 an.
Der Jülich-Klevische Erbfolgestreit begann nach dem Tod Herzog Johann Wilhelms 1609. Der Vertrag von Xanten vom 12. November 1614 teilte das Erbe: Jülich und Berg gingen an Pfalz-Neuburg, Kleve, Mark und Ravensberg an Brandenburg-Preußen. Der endgültige Erbvergleich von Duisburg 1666 bestätigte diese Ordnung. Bis zum frühen 19. Jahrhundert brachte Preußen auch kleinere geistliche Territorien wie Essen und Werden sowie Dortmund unter seine Herrschaft. Damit war ein einheitlicheres Rechtssystem für die spätere Industrieregion möglich; 1946 wurde Nordrhein-Westfalen mit dem Ruhrgebiet gebildet.
Für den späteren Aufstieg waren Verkehrs- und Wirtschaftsmaßnahmen entscheidend. Zwischen 1773 und 1780 machten 16 Schleusen die Ruhr auf 74 Kilometern schiffbar. 1787 erhielt der Rauendahler Schiebeweg bei Hattingen eiserne Schienen und wurde zur ersten „Eisenbahnstrecke“ in Deutschland. Die Bergordnungen von 1737 und 1766 verstärkten zunächst die staatliche Kontrolle des Steinkohlenbergbaus. Mit der St.-Antony-Hütte, deren Hochofen 1758 angeblasen wurde, begann die Eisen- und Stahlindustrie der Region.
Industrialisierung, Wachstum und soziale Konflikte
Die Industrialisierung machte Kohle zum zentralen Energieträger und verband Bergbau, Eisen- und Stahlherstellung sowie Verkehrsnetze. 1802 nahm auf der Zeche Vollmond die erste importierte Dampfmaschine des Ruhrbergbaus zur Wasserhaltung den Betrieb auf; 1804 liefen 229 Zechen mit 380.000 Tonnen Förderung. Der vertikale Durchbruch der Mergelschicht zur Kohle gelang Franz Haniel 1834 im Schurfschacht „Franz“ in Essen-Schönebeck. Dies ermöglichte tiefere Förderung und war eine Grundlage des Aufstiegs der Kohle.
Neue Hütten und Maschinenbetriebe entstanden, etwa Krupps Gussstahlfabrik 1811, Harkorts Mechanische Werkstätten 1819 und die Hermannshütte in Hörde ab 1839. Die erste Stahlproduktion mit Kokskohle erfolgte 1849 in der Friedrich Wilhelms-Hütte in Mülheim an der Ruhr. Eisenbahnen beschleunigten den Wandel: Die Köln-Mindener Strecke erreichte 1847 Hamm, Ruhrort wurde über Oberhausen 1852 angebunden. Der Dortmund-Ems-Kanal eröffnete 1899 den Transportweg für importierte Erze; der Rhein-Herne-Kanal folgte 1914.
Die Berggesetzgebung wurde von 1851 bis 1865 liberalisiert. Zugleich sicherten Knappschaftskassen Bergleute unter anderem durch kostenlose Arzneien, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie Invaliden- und Witwenunterstützung ab. Um 1900 arbeiteten auf 170 Zechen 228.000 Beschäftigte; die Förderung betrug 60,1 Mio. Tonnen Steinkohle. Die Expansion verursachte aber unkoordiniertes Städtewachstum, große kommunale Kosten, Umwelt- und Abwasserprobleme. Die Emschergenossenschaft wurde 1899 gegründet; das Ruhrreinhaltungsgesetz von 1913 sollte Brauch- und Trinkwasser sichern.
Arbeitskämpfe und Organisationen nahmen zu. Beim großen Bergarbeiterstreik 1872 beteiligten sich etwa 20.500 Bergleute, konnten ihre Forderungen aber nicht durchsetzen. Der erste große revierweite Bergarbeiterstreik von 1889 führte zur Gründung des „Alten Verbandes“, der ersten dauerhaften Bergarbeitergewerkschaft. 1905 erreichten Bergleute im Streik die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf 8½ Stunden. Arbeitgeber schlossen sich ebenfalls zusammen, etwa im Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikat von 1893 zur Regulierung von Produktion, Absatz und Preisen.
Kriege, Diktatur und Wiederaufbau
In der Weimarer Republik führten Sozialisierungsforderungen, der Ruhraufstand von 1920 und die Ruhrbesetzung von 1923 zu schweren Konflikten. Frankreich und Belgien besetzten das Gebiet wegen ausstehender Reparationen. Der passive Widerstand mit Streiks und Stilllegungen belastete den Reichshaushalt und war eine Ursache der Hyperinflation. Die Besetzung endete nach Annahme des Dawes-Plans 1925. Die Weltwirtschaftskrise traf die exportorientierte Montanindustrie besonders stark: 1932 lag die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet bei 31,2 %, die Eisenproduktion war seit 1929 um 60 % gesunken.
Unter dem Nationalsozialismus wurden jüdische Geschäftsinhaber enteignet und in den Novemberpogromen 1938 Synagogen der meisten Ruhrgebietsstädte zerstört. Die Chemischen Werke Hüls in Marl produzierten synthetischen Kautschuk und setzten Zwangsarbeiter ein. Luftangriffe zerstörten 1943 in Dortmund und Duisburg mehr als 65 % der Wohnbebauung; in Essen war mehr als die Hälfte der Wohnhäuser betroffen. Nach der Bombardierung der Möhnetalsperre am 18. Mai 1943 starben über 1.000 Menschen. Der Ruhrkessel forderte 1945 kurz vor Kriegsende etwa 105.000 Tote.
Nach 1945 kontrollierten die Besatzungsmächte zunächst den Bergbau und begrenzten Teile der Industrie. Nordrhein-Westfalen wurde 1946 durch die britische Militärregierung gebildet. Der Hungerwinter 1946/47 traf die Region besonders stark. Das Ruhrstatut vom 28. April 1949 stellte Kohle und Stahl unter internationale Kontrolle; diese endete mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl am 23. Juli 1952. Im Wirtschaftswunder erreichte der Ruhrbergbau 1956 mit 124,6 Mio. Tonnen Jahresförderung und 494.000 Beschäftigten seinen Höchststand.
Strukturwandel bis zur Gegenwart
Seit 1958 geriet der Bergbau durch billigere Importkohle, später auch durch andere Energieträger und sinkende Nachfrage in eine lang anhaltende Krise. 1969 wurde die Ruhrkohle AG gegründet. Die Stahlkrise ab 1975 führte ebenfalls zu tiefen Einschnitten: Von 1974 bis 1977 sank die Rohstahlerzeugung von 32,2 Mio. t auf 21,5 Mio. t, und im produzierenden Gewerbe gingen 200.000 Arbeitsplätze verloren. Stilllegungen wie im Duisburger Stahlwerk Rheinhausen wurden zu Symbolen des Strukturwandels.
Die Steinkohlenförderung endete schrittweise. 1990 förderten noch 19 Zechen mit 101.000 Beschäftigten 54 Mio. Tonnen. Die letzten Bergwerke waren 2007 Bergwerk West, Prosper-Haniel, Auguste Victoria und Bergwerk Ost. Mit der offiziellen Schließung von Prosper-Haniel am 21. Dezember 2018 endete die Steinkohlenförderung im Ruhrgebiet und in Deutschland. Einige hundert Beschäftigte bleiben für die Wasserhaltung unter Tage erforderlich.
Neue Aufgaben entstanden in Bildung, Kultur, Planung und Dienstleistungen. Die Ruhr-Universität Bochum wurde 1965 eröffnet, die Universität Dortmund 1968, die Gesamthochschulen Essen und Duisburg 1972; letztere fusionierten 2003 zur Universität Duisburg-Essen. Der Kommunalverband Ruhrgebiet wurde 2004 durch den Regionalverband Ruhr (RVR) ersetzt. Seit 2007 liegen die Regionalplanungsaufgaben wieder beim RVR.
Ehemalige Industrieflächen wurden vielfach umgenutzt, etwa der Nordsternpark, der Duisburger Innenhafen und das CentrO Oberhausen auf dem Gelände der Gutehoffnungshütte. Der Umbau des Emschersystems zu einem unterirdischen Emscherkanal begann 2004. RUHR.2010 machte Essen stellvertretend für die Region zur Kulturhauptstadt Europas. Zugleich zeigen Werksschließungen wie Nokia Bochum 2008 und Opel Bochum 2014, dass der Abbau industrieller Arbeitsplätze den Wandel weiter prägte.