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Mittelpaläolithikum
300.000–200.000 Jahren mit dem Einsetzen der Levallois-Technik beginnt und vor etwa 45.000 Jahren mit der Einwanderung des Cro-Magnon-Menschen und dem Beginn …
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Einordnung und zeitlicher Rahmen
Das Mittelpaläolithikum ist der mittlere Abschnitt der Altsteinzeit in Europa. Es beginnt vor etwa 300.000–200.000 Jahren mit dem Einsetzen der Levallois-Technik und endet vor ungefähr 45.000 Jahren mit der Einwanderung des Cro-Magnon-Menschen sowie dem Beginn des Jungpaläolithikums, genauer des Aurignacien.
In Europa wird diese Zeit vor allem mit dem Neandertaler verbunden; je nach Bearbeiter wird auch der späte Homo heidelbergensis einbezogen. In Afrika und im Vorderen Orient entspricht ihr ungefähr das Middle Stone Age. Dort gab es bereits um 150.000 vor heute anatomisch moderne Menschen, im Nahen Osten seit etwa 90.000 vor heute. Die frühere Gleichsetzung des Beginns des Mittelpaläolithikums mit dem Beginn des Jungpleistozäns vor etwa 130.000 Jahren gilt als veraltet.
Forschung und Gliederung
Mittelpaläolithische Artefakte wurden schon im 19. Jahrhundert entdeckt, aber lange nicht richtig erkannt. Die seit 1839 bei Abbeville gesammelten Steinartefakte von Jacques Boucher de Perthes wurden erst um 1860 allgemein wissenschaftlich akzeptiert. In Deutschland lieferten die Balver Höhle 1843/44 und die ab 1860 von Oscar Fraas untersuchte Bärenhöhle am Hohlenstein frühe, zunächst wenig beachtete Funde.
Gabriel de Mortillet legte 1869 die erste Gliederung nach Typlokalitäten vor und unterteilte sie 1881 in „Chelléen“ und „Moustérien“. 1889 ergänzte G. d’Adult du Mesnil das Acheuléen als Zwischenstufe. Spätere Einteilungen unterschieden weitere regionale Gruppen, wurden aber durch unterschiedliche und teils subjektive Bezeichnungen unübersichtlich. Seit den 1920er Jahren versuchte Fritz Wiegers, Kulturgliederungen mit der Klimageschichte des Pleistozäns zu verbinden. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten François Bordes und Gerhard Bosinski die Forschung: Bezeichnungen wie „Levalloisien“ wurden aufgegeben und das Moustérien anhand des gesamten Fundmaterials in mehrere Untergruppen gegliedert.
Steingeräte und archäologische Gruppen
Kennzeichnend sind Abschläge und Spitzen aus der Levallois-Technik sowie häufige Schaber. Abschläge sind beim Bearbeiten eines Steinkerns abgetrennte Stücke; die Levallois-Technik ist besonders darauf ausgerichtet, solche Abschläge gezielt herzustellen.
In Europa gehören vor allem das Moustérien, benannt nach Le Moustier, und das Micoquien, benannt nach La Micoque im Département Dordogne, zum Mittelpaläolithikum. In Deutschland wird für das Micoquien heute bevorzugt der Begriff Keilmesser-Gruppen verwendet, weil Keilmesser typisch sind. Den Abschluss bildet die Blattspitzen-Gruppe, auch Szeletien. In den späten Abschnitten entstanden Übergangsindustrien zwischen Mittel- und Jungpaläolithikum: Châtelperronien, Uluzzien und Bohunicien verbinden Merkmale beider Traditionen der Steingeräteherstellung.
Werkzeuge, Jagd und Unterkunft
Neben Steingeräten verbreiteten sich Werkzeuge und Waffen aus organischen Materialien. Dazu zählen hölzerne Lanzen, teils mit Steinspitzen. Nach Bosinski sind solche Spitzen eine Erfindung des Neandertalers; später wurden Lanzen durch Geweih- statt Steinspitzen verbessert. Analysen von Jagdbeuteresten weisen auf die Jagd auf Großwild wie Elefanten, Wisente, Bären, Hasen und Füchse hin.
Die Lanze von Lehringen belegt hölzerne Stoßlanzen: Dort wurden Steinabschläge, aber keine steinernen Lanzenspitzen nachgewiesen. Harzklumpen aus dem Tagebau Königsaue in Sachsen-Anhalt, Birkenpech, könnten als Schäftungsmittel gedient haben, um Feuersteinabschläge in hölzernen Griffschäften zu befestigen. Knochen, Elfenbein und Geweih wurden vermutlich seltener verwendet.
Bei den damaligen Klimabedingungen dienten Höhlen und Felsschutzdächer, sogenannte Abris, oft als Unterschlupf. Meist bewohnte man Eingangsbereiche oder Höhlenvorplätze, weil die feuchten Innenräume ungeeignet waren. Pfostenlöcher und andere Spuren zeigen teilweise Hütten, die an Felswände angebaut waren, etwa in der Grotte du Lazaret bei Nizza und im Abri von Combe Grenal im Département Dordogne.
Bestattungen und weitere Deutungen
Im Mittelpaläolithikum wurden Tote bestattet. Dies kann als Ausdruck eines Jenseitsglaubens beim Neandertaler gedeutet werden. Als wichtige Fundstellen gelten die Kebara-Höhle, Shanidar, La Chapelle-aux-Saints und La Ferrassie. Die Verstorbenen lagen stets in Hockstellung und meist mit Ost-West-Orientierung. In La Ferrassie wurden sechs Gräber mit dieser Orientierung gefunden; neben den seitlich liegenden Toten lagen Erdhügel und Gruben mit Tierknochen. Ein Kind war von drei Schabern bedeckt. Die Zahl der Kindergräber ist allgemein hoch.
Ein früher angenommener Bärenkult ist heute widerlegt. Nachweise für Kannibalismus, etwa vom Monte Circeo oder aus der Halbhöhle von Krapina, bleiben umstritten. Die Anatomie eines Zungenbeins eines Bestatteten aus der Kebara-Höhle in Israel datiert die Sprachfähigkeit des Neandertalers auf mindestens 60.000 Jahre vor heute; genetische Untersuchungen bestätigten dies neuerdings. Damit wurde die Skepsis widerlegt, Sprachfähigkeit anhand anatomischer Merkmale eindeutig definieren zu können.