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Geschichte des Reisens

Die Geschichte des Reisens beginnt mit der Sesshaftwerdung des Menschen. Zuvor waren noch alle Menschen Jäger und Sammler und hatten keinen festen Wohnsitz.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und frühe Formen
  2. 2. Reisen im Römischen Reich
  3. 3. Pilgerwege und mittelalterliche Mobilität
  4. 4. Bildungsreisen, Forschung und organisierter Tourismus
  5. 5. Bürgerliches Reisen und neue Reiseziele
  6. 6. Massentourismus im 20. Jahrhundert

Grundidee und frühe Formen

Die Geschichte des Reisens beginnt erst mit der Sesshaftwerdung des Menschen. Solange Menschen als Jäger und Sammler ohne festen Wohnsitz lebten und ständig wegen der Nahrung den Ort wechselten, gilt dieses Verhalten im Artikel noch nicht als Reisen.

Als wahrscheinlich erste echte Reisen nennt der Artikel Wallfahrten, also religiös motivierte Wege zu heiligen Orten. Für das alte Ägypten sind Wallfahrten zu Tempeln der Gottheiten nachgewiesen. In der griechischen Antike spielte der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit eine wichtige Rolle: Freizeit hieß „schole“, Arbeit wurde als „a-scholia“, also als Negation von Muße, verstanden. Höhere Schichten konnten ihre freie Zeit für Lernen, Denken und Gespräche nutzen; auch Sklaven und Unterschichten hatten freie Zeit, etwa an rund 60 Tagen im Jahr bei Olympischen Spielen oder Festen.

Im Römischen Reich war Reisen ebenfalls bedeutsam. Die Oberschicht verbrachte Freizeit auf dem Land oder am Meer, etwa in einer Villa urbana oder Villa maritima. Auch Plebejer erhielten durch wirtschaftliche Entwicklung und Sklavenhalterei mehr Freizeit. Die Herrschenden reagierten darauf mit Angeboten wie „Brot und Spiele“, Wagenrennen im Circus Maximus, öffentlichen Bädern, Parks und Sportarenen. Zu solchen Veranstaltungen reisten Menschen auch von weiter her an.

Reisen im Römischen Reich

Zur Römerzeit reiste man meist zu Fuß. Nur wenige Privilegierte konnten sich ein Pferd oder ein Gespann leisten. Zu Fuß legte man pro Tag etwa 25 bis 35 Kilometer zurück, mit dem Wagen bis zu 80 Kilometer und mit dem Pferd etwas mehr. Die kaiserliche Post, der „cursus publicus“, schaffte bei eiligen Kurieren sogar mehr als 200 Kilometer pro Tag.

Das römische Straßennetz war gut gepflegt, weil es für Truppenverlegung und Kurierdienste wichtig war. Davon profitierten auch Pilger und Geschäftsreisende. An Fernstraßen gab es Raststationen und Herbergen, in denen Pferde gewechselt, Wagen repariert und Reisende versorgt werden konnten. Es gab verschiedene Arten solcher Stationen: „mansiones“, „stationes“, „mutationes“ und „hospitia“. „Mansiones“ und „stationes“ waren gut ausgestattete Gasthäuser mit Übernachtungsmöglichkeiten, Stallungen und Versorgungslagern. „Hospitia“ lagen an besonderen Stellen wie Flussübergängen oder Pässen und boten auch längere Unterkunft, wenn eine Weiterreise nicht möglich war. Sonst war der Aufenthalt in Straßenunterkünften auf maximal drei Tage begrenzt.

Auch Schiffsreisen waren wichtig, besonders im Mittelmeerraum. Das Mittelmeer wurde im Römischen Reich weniger als Grenze gesehen, sondern als verbindender Verkehrsweg, als „Mare Nostrum“. Erste Christen, besonders die Apostel, reisten nach Kleinasien, Griechenland und bis nach Rom. Es gab außerdem ausgedehnte Schiffsreisen bis an die Atlantikküste des heutigen Frankreichs und nach Großbritannien.

Pilgerwege und mittelalterliche Mobilität

Nach dem Ende der römischen Herrschaft in Westeuropa verfielen die meisten Straßen. Nach der Völkerwanderung erholten sich die Länder nur langsam von wirtschaftlichen und politischen Niedergängen. Trotzdem entwickelte sich früh eine rege Reisetätigkeit aus kirchlichen Motiven: Missionen und Wallfahrten wurden wichtig.

Ein zentrales Beispiel ist Santiago de Compostela. Der Legende nach wurden die Reliquien des Heiligen Jakobus in Galicien in Nordspanien an Land gespült und 813 oder 822 am Berg Liberedón nach der Erscheinung himmlischer Lichter begraben, am „campus stellae“, dem Sternenfeld. Nachdem maurische Heere 997 das Jakobusheiligtum zerstört hatten, setzte eine auch politisch motivierte Wallfahrtsbewegung ein. Santiago de Compostela wurde zu einer christlichen Wallfahrtsstätte, zu der aus ganz Europa Reisen auf besonderen Wegen organisiert wurden: dem Jakobsweg.

Wichtige Pilgerstraßen führten über Maria Einsiedeln entlang der Alpen nach Südfrankreich, wo Wege aus Maastricht, Brüssel und Paris dazukamen. Danach verlief die Route über die Pyrenäen nach Spanien, unter anderem über Roncesvalles, Pamplona, Puente la Reina, Santo Domingo de la Calzada und León nach Santiago de Compostela. In Deutschland wurden zum Beispiel die Reliquien von St. Wolfgang und Bischof Ulrich von Augsburg bereits Mitte des 10. Jahrhunderts Ziele von Pilgern. Auch Reisen nach Rom nahmen zu; dorthin reisten nicht nur Pilger, sondern auch Geschäftsleute und Touristen.

Entlang der Pilgerwege entstanden Handelszentren, die wiederum Handelsreisende anzogen. Seewege entwickelten sich zu Reisewegen, besonders durch die Seerepublik Venedig mit regelmäßigen Schiffsverbindungen nach Konstantinopel. Als bekannter Reisender des ausgehenden Mittelalters wird Marco Polo genannt, der nach eigenen Angaben auf dem Landweg nach China reiste.

Bildungsreisen, Forschung und organisierter Tourismus

Lange Zeit war Reisen im heutigen Sinne vor allem wohlhabenden Menschen vorbehalten. Pilger waren oft auf kirchliche Herbergen angewiesen, weil sie kaum Vermögen hatten. Reisen zu Bildungszwecken waren besonders ein Privileg des Adels, der seine Söhne auf Kavaliersreisen schickte, später auch des gehobenen Bürgertums. Erholungsreisen waren lange unbekannt und kamen erst im 19. Jahrhundert auf. Thomas Cook gilt als Erfinder der Pauschalreise, was der Artikel aber als angezweifelt markiert.

In der Neuzeit änderte sich das Reiseverhalten. Es entstanden Forschungsexpeditionen, Bildungsreisen und später Urlaubsreisen. Matthäus Merian war Anfang des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Wegbereiter der Reiseliteratur und veröffentlichte Reisebücher zu fernöstlichen Ländern. In der Zeit der Entdecker und Forscher eröffnete Christoph Kolumbus mit der Wiederentdeckung der „Neuen Welt“ 1492 eine neue Dimension der Seereisen. Vasco da Gama entdeckte den Seeweg nach Indien, Ferdinand Magellan umsegelte als erster die Welt. Alexander von Humboldt zählt zu den bekanntesten Forschern um 1800 und gilt als Mitbegründer der Geographie als empirischer Wissenschaft.

Seit dem 16. Jahrhundert wurde in britischen Adelskreisen die Grand Tour, auch Kavaliersreise genannt, modern. Junge Adlige reisten meist mehrere Jahre durch Europa, besonders nach Italien. Ziel war, Bildung und Sprachkenntnisse zu erweitern, Kontakte zu knüpfen und Prestige sowie Weltläufigkeit zu erwerben. Später übernahmen auch Adlige anderer europäischer Staaten und bürgerliche Schichten diese Form. Entlang der Reisestrecken entstanden Herbergen und Gasthöfe; auch Wege, Sicherheit, Sommerresidenzen, Stadtzentren und Heilbäder wurden verbessert oder ausgebaut.

Bürgerliches Reisen und neue Reiseziele

Im Zeitalter der Romantik von 1795 bis 1840 nahm die Zahl der Reisenden stark zu. Viele reisten aus Vergnügen, zur Selbstfindung oder aus einer „Sehnsucht nach dem Unendlichen“. Weil Naturverbundenheit wichtig war, wurden die Alpen als Reiseziel entdeckt. 1857 entstand in England der erste alpine Verein, der Alpine Club. Auch Wandervereine gründeten sich; dazu passt das Goethe zugeschriebene Leitmotiv: „man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen“.

Die wachsende Reiselust wurde auch wirtschaftlich genutzt. 1827 gründete Karl Baedeker den ersten deutschen Verlag für Reisehandbücher. Diese Bücher waren wichtig, weil die Infrastruktur noch nicht ausreichend ausgebaut war und Reisende Informationen zur Vorbereitung brauchten. 1841 organisierte Thomas Cook wahrscheinlich die erste touristische Gruppenreise; 1845 gründete er in Leicester in England das erste Reisebüro. 1863 eröffnete Carl Stangen in Breslau das erste Reisebüro in Deutschland. Es bot 1873 Reisen nach Ägypten und 1878 sogar Weltreisen an.

Mit der Industrialisierung versuchte das neue Bürgertum, Freizeitformen des Adels nachzuahmen, etwa Theaterbesuche und Reisen. Der Adel wandte sich daraufhin neuen Reisezielen zu, besonders dem Meer und dem Hochgebirge als Sommerfrischeziele. Der Alpintourismus wurde durch Rousseaus „Zurück zur Natur“ und durch Alpenvereine gefördert: 1862 entstand der Österreichische Alpenverein, 1869 der Deutsche Alpenverein, 1873 schlossen sich beide zum Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DOeAV) zusammen. Als 1870 der Schilauf in der Schweiz erfunden wurde, weitete sich der Alpentourismus auch auf den Winter aus. 1891 begann Albert Ballin von Hamburg aus mit der Augusta Victoria eine Mittelmeerreise; das 1901 gebaute Schiff Prinzessin Victoria Luise gilt im Artikel als erstes weltweites Kreuzfahrtschiff.

Massentourismus im 20. Jahrhundert

Im 19. und 20. Jahrhundert war Reisen nicht mehr nur ein Privileg der Wohlhabenden, doch einfache Arbeiter waren lange weitgehend ausgeschlossen. Gründe waren niedrige Löhne, Arbeitszeiten von oft 15 Stunden und mehr pro Tag, Sonntagsarbeit und selten Urlaub. Politiker hielten Erholungsurlaub zunächst eher für Beamte gerechtfertigt, weil diese geistig arbeiteten; körperliche Arbeit galt nicht als gesundheitsschädlich.

1895 gründete sich die Gruppe der Naturfreunde. Sie setzte sich dafür ein, dass Arbeiter sich wenigstens an Sonn- und Feiertagen erholen konnten, und organisierte Tagesausflüge. Bis in die 1930er Jahre konnten Arbeiter längere Reisen aber kaum verwirklichen. Die Nationalsozialisten nutzten dies politisch, gewährten sechs- bis zwölftägigen Jahresurlaub und gründeten die Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF), die günstige Reisen anbot. Der Artikel merkt an, dass behauptet wurde, dieser Jahresurlaub sei rechtsverbindlich, dies aber erst ab 1963 zutraf. Freizeit wurde im Nationalsozialismus staatlich organisiert und reglementiert, etwa durch „Kraft durch Freude“, die „Hitler-Jugend“ und den „Bund Deutscher Mädel“. Eine Tradition staatlicher Urlaubsangebote wurde später im Tourismus der DDR fortgesetzt.

Technischer Fortschritt machte Massentourismus möglich: Eisenbahn und Dampfschiff konnten viele Menschen schnell und günstig befördern. Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlten zunächst Möglichkeiten der Freizeitorganisation. In den 1950er Jahren setzte jedoch ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Anbieter wie Neckermann, Quelle und der ADAC brachten günstige Reisen auf den Markt, unter anderem durch billige Hotelhochbauten im Ausland. In den 1960er Jahren entstanden wichtige Voraussetzungen des modernen Tourismus: höhere Realeinkommen, weniger Arbeitszeit, Urbanisierung, stärkere Mobilität, demographische Gründe und das Flugzeug als wichtigeres Verkehrsmittel. Ab den 1970er Jahren sanken die Preise für Flugtickets.

So entstand der moderne Pauschaltourismus mit Standardisierung, hoher Stückzahl und arbeitsteiliger Produktion. Reiseveranstalter übernahmen nicht nur Transport, sondern auch Problemlösung und Organisation von Urlaubssituationen wie Cluburlaub oder Incentive-Reisen. Als Gegenentwurf zu Familien- und Pauschalreisen entwickelten junge Menschen der 68er-Bewegung alternative Reiseformen wie den Hippie trail, Reisen im Wohnmobil, per Anhalter und per InterRail. Mit Billigfluggesellschaften wurden später auch Kurz- und Fernreisen für breitere Gesellschaftsschichten erschwinglich.

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