Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Geschichte der deutschen Arbeitervereine

Die Geschichte der Arbeitervereine reicht bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück. Sie ist in Deutschland eng mit der Geschichte der gesamten …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Voraussetzungen
  2. 2. Vereine im Ausland
  3. 3. Revolution von 1848/1849 und wichtige Richtungen
  4. 4. Rückschläge und erneute Organisierung
  5. 5. Übergang zu Parteien und Entwicklung nach 1875

Bedeutung und Voraussetzungen

Arbeitervereine waren Zusammenschlüsse von Arbeitern, die soziale und politische Interessen vertraten. Ihre Geschichte ist eng mit der deutschen Arbeiterbewegung verbunden und begann bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Entwicklung in Deutschland unterschied sich wegen der vergleichsweise späten wirtschaftlichen und republikanischen Entwicklung von jener in anderen europäischen Staaten.

Der Kampf der Arbeiterklasse um mehr Partizipation begann laut Artikel nicht erst mit der Industrialisierung. Schon im 16. Jahrhundert gab es in Deutschland „von den Produktionsmitteln getrennte Handarbeiter“; diese Arbeitsweise wird als Manufakturkapitalismus bezeichnet. Mit der Industrialisierung nahm die kapitalistische Arbeitsweise stark zu. Die preußische Bauernbefreiung von 1807 beendete formal die Leibeigenschaft, führte wegen fehlender finanzieller Mittel jedoch zur Proletarisierung vieler Kleinbauern. Auch arme Handwerker verloren nach der Abschaffung der Zunftverfassung an wirtschaftlicher Sicherheit. Diese Gruppen bildeten ein wichtiges Potential der modernen Arbeiterbewegung.

In den 1830er und 1840er Jahren entwickelte sich die moderne Arbeiterbewegung europaweit parallel zur wachsenden Dominanz des Industriekapitalismus. In Deutschland gab das Hambacher Fest zu Beginn der 1830er Jahre ihr Auftrieb. Nach dem Scheitern revolutionärer Unruhen und wegen repressiven Vorgehens absolutistischer Kräfte verlagerte sich die Bewegung zunächst ins Ausland. Besonders wandernde Handwerksgesellen wurden dort zu Vorreitern deutscher Arbeitervereine.

Vereine im Ausland

Der erste Zusammenschluss im Ausland war 1832 der Deutsche Volksverein in Paris. Ihm gehörten deutsche Handwerker, Kaufleute und Intellektuelle an. Nach einer Gesetzesänderung und einem Verbot in Frankreich nannte er sich 1834 Bund der Geächteten. Nach internen Streitigkeiten gründeten abgespaltene Mitglieder 1836 den Bund der Gerechten. Beide Bünde arbeiteten im Verborgenen als Verschwörung beziehungsweise Geheimbund; deshalb gibt es keine verlässlichen Mitgliederzahlen. Dies gilt auch für eine Sektion in London.

In der Schweiz gründeten Handwerker 1834 das Junge Deutschland, eine Untersektion von Junges Europa. Auch diese Vereinigung war wie ein Geheimbund organisiert. Sie breitete sich zunächst über die Schweiz und Teile Frankreichs aus. Auf Druck deutscher Landesfürsten ging die Schweiz jedoch hart gegen sie vor: Mitglieder wurden verhaftet oder nach Deutschland ausgewiesen; andere schlossen sich Vereinen in Frankreich oder England an. Daraus entstand 1836 das Junge Deutschland London. Dort entwickelten Karl Marx und Friedrich Engels grundlegende Ideen einer kommunistischen Gesellschaftsordnung.

Revolution von 1848/1849 und wichtige Richtungen

In den Revolutionen vom März und Mai 1848 spielten Arbeitervereine zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Das Bürgertum dominierte die Auseinandersetzungen; in der ersten Frankfurter Nationalversammlung waren keine Arbeiter oder Handwerker vertreten. Dennoch traten 1848 verschiedene Arbeitervereine erstmals öffentlich in Deutschland auf und forderten soziale Verbesserungen. Weil Demonstrationen praktisch nicht durch Polizei oder Militär unterdrückt wurden, wird diese Zeit häufig als Beginn der Versammlungsfreiheit in Deutschland bezeichnet. Es entstanden zahlreiche Vereine im gesamten deutschen Hoheitsgebiet.

Der Bund der Kommunisten war besonders aktiv. Seine Vordenker Karl Marx und Friedrich Engels zogen nach Köln, dem Zentrum niederrheinischer Arbeitervereine. Der Bund wollte die politische Macht der reaktionären Feudalklasse brechen und eine Staatsmacht schaffen, die sich auf demokratische Kräfte der bürgerlichen Gesellschaft, Arbeiterklasse, Bauernschaft, Kleinbürgertum und Teile des demokratischen Bürgertums stützte.

Ein zweites Zentrum war die Allgemeine deutsche Arbeiterverbrüderung unter Stephan Born in Berlin und Leipzig. Sie ging aus der Idee eines Arbeiterparlamentes in Berlin hervor und hatte zeitweise nahezu 15000 Mitglieder. Born lehnte das Kommunistische Manifest ab. Er forderte von der Frankfurter Nationalversammlung unter anderem Demokratisierung von Staat und Wirtschaft, Arbeiterschutzgesetze, Produktionsgenossenschaften und allgemeine Schulpflicht. Starke Arbeitervereine und Gewerkschaften sollten diese Reformen durch Streiks und Demonstrationen durchsetzen.

Die niederrheinischen Vereine, besonders der Kölner Arbeiterverein (KAV), waren dagegen klar revolutionär und eng mit dem Bund der Kommunisten verbunden. Andreas Gottschalk verlangte radikale Demokratie sowie Gleichheit von Arbeit und Kapital. Der KAV setzte sich außerdem für paritätisch besetzte Arbeitsschiedsgerichte mit Vertretern von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite ein. Nach Gottschalks Verhaftung und Flucht nach Paris gewann Marx im KAV an Einfluss und wurde Vorsitzender. Der Verein richtete sich stärker auf „allgemeine Demokratisierung“ aus; erst nach dem Scheitern der Revolution von 1848/1849 rückten Arbeitnehmerinteressen wieder in den Mittelpunkt.

Rückschläge und erneute Organisierung

Nach 1848/1849 verlor der Aufschwung der Arbeitervereine rasch an Kraft. Gesetze sollten die Arbeiterschaft zunächst beschwichtigen. Der Entwurf einer Gewerbeordnung von 1848 wurde allerdings nie Gesetz; er gilt im Artikel als ideengeschichtlicher Vorgänger der Betriebsverfassungsgesetze. Proteste gegen das Ausbleiben der Gewerbeordnung wurden auf Anweisung des Parlaments von österreichischen und preußischen Truppen brutal niedergeschlagen. Politische Vereine, also auch Arbeitervereine, wurden verboten. Marx, Engels und weitere Vordenker gingen erneut ins Exil; die 1850er Jahre trugen den „Stempel der siegenden Reaktion“.

Eine neue Phase begann unter König Wilhelm I. von Preußen. Er berief nach seiner Inthronisierung vornehmlich liberale Minister. Das Betätigungsverbot für politische Vereine wurde aufgehoben; besonders wichtig war die gesetzliche Absicherung der Koalitionsfreiheit in den 1860er Jahren. Daraufhin entstanden vielerorts neue Arbeitervereine. Die bedeutendste Neugründung war der Allgemeine deutsche Arbeiterverein (ADAV) von Ferdinand Lassalle. Lassalle verstand ihn als Dachorganisation der Arbeitervereine und als erste sozialistische Partei.

Übergang zu Parteien und Entwicklung nach 1875

Im August 1869 gründeten Wilhelm Liebknecht und August Bebel als Reaktion auf Lassalles autoritären Führungsstil die marxistisch orientierte Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Nach politischen Erfolgen bei der Reichstagswahl 1874 vereinigten sich ADAV und SDAP 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), einem direkten Vorgänger der heutigen SPD.

Seit dem späten 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert verloren Arbeitervereine durch den wachsenden Einfluss sozialistischer Parteien politische Bedeutung. Sie widmeten sich stärker kulturellen und gemeinschaftlichen Aufgaben; es entstanden etwa Arbeitergesangvereine und Arbeitersportvereine. Das Sozialistengesetz von 1878 verbot politische Aktionen und setzte Anhänger starken Repressionen aus. Kurzzeitig nahm die Zahl der Arbeitervereine trotzdem zu: Arbeitersportvereine dienten sozialistischen Politikern, die formal als Einzelpersonen weiter tätig sein konnten, als organisatorische Basis und Tarnorganisationen verbotener Parteien. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden zudem mehr konfessionelle Vereine, darunter Katholischer Arbeiterverein und Evangelische Arbeitervereine, die sich von der Sozialdemokratie distanzierten.

Lernvideos zu Geschichte der deutschen Arbeitervereine

Weiterlesen

Arbeiterbewegung Arbeiterbewegung im engeren Sinne ist der organisatorische Zusammenschluss von Handwerkern und Lohnarbeitern in Arbeitervereinen, Gewerkschaften und Parteien … Deutscher Bund In der Schweiz entstand im Rahmen des „Jungen Europas“ von Giuseppe Mazzini eine deutsche Sektion als Junges Deutschland. In Paris entstand aus Vorläufern … Zunft Geschichte. Bearbeiten. Vorläufer städtischer Zünfte gab es seit der römischen Kaiserzeit; sie dienten vor allem der steuerlichen Erfassung ihrer Mitglieder … Hambacher Fest Es fand vom 27. bis zum 30. Mai 1832 auf dem Hambacher Schloss statt. Das Schloss liegt in der Nähe von Hambach, heute Stadtteil von Neustadt an der Weinstraße. Junges Deutschland (Geheimbund) Der politische Geheimbund Junges Deutschland wurde im April 1834 in Bern von fünf Deutschen – darunter der Publizist Carl Theodor Barth – auf Anregung des … Deutsche Revolution 1848/1849 Mai 1848 in der Paulskirche in der damals freien Stadt Frankfurt am Main zusammentrat. Die Nationalversammlung setzte eine Zentralregierung ein und sah sich … Frankfurter Nationalversammlung Anfang April 1848 ein Bundeswahlgesetz beschlossen, damit das deutsche Volk eine Nationalversammlung wählen konnte. Organisiert wurde die Wahl von den deutschen … Karl Marx Mit Friedrich Engels begründete er den „historischen Materialismus“ und wurde zum einflussreichsten Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus, deren Grundzüge … Friedrich Engels Er entwickelte gemeinsam mit Karl Marx die heute als Marxismus bezeichnete Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie. Darüber hinaus war er ein erfolgreicher … August Bebel Ferdinand August Bebel (* 22. Februar 1840 in Deutz bei Köln, Königreich Preußen; † 13. August 1913 in Passugg, Schweiz) war ein sozialistischer deutscher … Sozialistengesetz Sozialistengesetz ist die Kurzbezeichnung für das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie, das von 1878 bis 1890 im Deutschen … Geschichte der deutschen Sozialdemokratie Die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie reicht bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. In dieser Zeit entstanden zunächst …