Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geschichte der deutschen Sozialdemokratie
Die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie reicht bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. In dieser Zeit entstanden zunächst …
Inhalt5 Abschnitte
Ursprünge, Gründung und Zusammenschluss
Die deutsche Sozialdemokratie entstand aus der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Sie setzte sich für politische Rechte und die soziale Lage von Arbeitern ein. Ihre Wurzeln liegen im Vormärz sowie in der Revolution von 1848/49. Frühsozialistische Ideen, etwa von Charles Fourier, Auguste Blanqui und Henri de Saint-Simon, sowie radikaldemokratische Vorstellungen beeinflussten die Bewegung. Organisationen deutscher Handwerker und Emigranten im Ausland gingen dem Bund der Kommunisten voraus, für den Karl Marx und Friedrich Engels 1848 das Kommunistische Manifest verfassten. In Deutschland war die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung eine erste überregionale, auch gewerkschaftlich aktive Arbeiterorganisation.
Seit den 1860er Jahren bildeten sich zwei Hauptströmungen. Ferdinand Lassalle gründete am 23. Mai 1863 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), die erste deutsche Arbeiterpartei. Der ADAV gewann Anhänger, wurde aber zunächst keine Massenbewegung. Die Eisenacher Richtung um August Bebel und Wilhelm Liebknecht entstand aus Arbeitervereinen und der Sächsischen Volkspartei. Am 8. August 1869 gründeten diese Gruppen in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Ihr Eisenacher Programm zielte auf einen freien Volksstaat, die Überwindung der Klassenherrschaft und eine genossenschaftlich organisierte Arbeit.
ADAV und SDAP unterschieden sich unter anderem in der deutschen Frage: Der ADAV war kleindeutsch, die SDAP großdeutsch orientiert. Der ADAV vertrat mit dem ehernen Lohngesetz eine staatsbezogene und gewerkschaftskritische Haltung; die SDAP befürwortete Gewerkschaften, lehnte aber Zusammenarbeit mit dem bestehenden Staat ab. Nach der Reichsgründung 1871 verloren diese Gegensätze an Gewicht. Vom 22. bis 27. Mai 1875 vereinigten sich beide Parteien in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Das Gothaer Programm verband Forderungen beider Vorgänger, etwa Gemeineigentum an Arbeitsmitteln, Produktivgenossenschaften und das Ziel einer sozialistischen Gesellschaft.
Massenpartei im Kaiserreich
1878 setzte Reichskanzler Otto von Bismarck das Sozialistengesetz durch. Es erlaubte Verbote von Vereinen, Versammlungen, Druckschriften und Geldsammlungen sowie Aufenthaltsverbote und Gefängnisstrafen. Die Partei und Gewerkschaften wurden faktisch illegal, Reichstagsmandate und Kandidaturen blieben jedoch möglich. Trotz Verfolgung hielt die Bewegung über Tarnvereine, geheime Auslandskonferenzen und die illegal verbreitete Zeitung Der Sozialdemokrat Verbindung. Das Gesetz scheiterte langfristig: Bei der Reichstagswahl 1890 erhielt die SAP fast 20 % der Stimmen und war nach Wählerzahl stärkste Partei. Am 1. Oktober 1890 lief das Gesetz endgültig aus.
Danach benannte sich die SAP in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) um. Sie entwickelte sich zur Mitglieder- und Massenpartei: Von etwa 384.000 Mitgliedern 1906 wuchs sie bis 1914 auf über eine Million. Ein Parteitag als oberstes Organ wählte Vorstand und Kontrollkommission; die Reichstagsfraktion war an Beschlüsse der Parteitage gebunden. Freie Gewerkschaften, Konsumgenossenschaften sowie Bildungs-, Sport-, Kultur- und andere Vereine bildeten ein sozialdemokratisches Milieu, also ein enges Netz gemeinsamer Organisationen und Lebensformen. Die freien Gewerkschaften stiegen von etwa 300.000 Mitgliedern 1890 auf 2,5 Millionen 1913.
Wahlerfolge machten die SPD zur stärksten Reichstagsfraktion: 1893 erhielt sie 23,3 %, 1903 31,7 % und 1912 34,8 % der Stimmen sowie 110 Sitze. Besonders stark war sie in Groß- und Industriestädten sowie in protestantischen Gebieten; in katholischen Regionen banden Zentrum und katholisches Milieu viele Arbeiter.
Das Erfurter Programm von 1891 machte den Marxismus zur offiziellen Grundlage. Es forderte die Abschaffung von Klassenherrschaft und Klassen sowie gleiche Rechte und Pflichten unabhängig von Geschlecht oder Abstammung. In der Revisionismusdebatte bestritt Eduard Bernstein, dass der Kapitalismus automatisch zusammenbrechen werde, und wollte die SPD als demokratisch-sozialistische Reformpartei verstehen. Rosa Luxemburg vertrat dagegen revolutionären Aktivismus. Die Partei hielt 1903 grundsätzlich an der auf Klassenkampf beruhenden Taktik fest. Im Mannheimer Abkommen von 1906 erkannte sie Gewerkschaften als gleichberechtigte Partner an; ein politischer Massenstreik galt ohne ihre Unterstützung als nicht erfolgversprechend.
Krieg, Revolution und Weimarer Republik
Beim Beginn des Ersten Weltkriegs bewilligte die SPD-Fraktion am 4. August 1914 Kriegskredite, also staatliche Mittel zur Kriegsführung. Sie folgte damit der Burgfriedenspolitik: Konflikte im Inneren sollten während des Krieges ruhen. Viele führende Sozialdemokraten glaubten an einen Verteidigungskrieg. Karl Liebknecht stimmte im Dezember 1914 als Erster offen gegen weitere Kredite. Die Kriegsgegner wurden 1916 aus der Fraktion ausgeschlossen und gründeten 1917 die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Die verbliebene SPD hieß zeitweise Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD). Der linksrevolutionäre Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gehörte zur USPD und gründete zum Jahreswechsel 1918/19 die KPD.
In der Novemberrevolution 1918 bildeten MSPD und USPD den Rat der Volksbeauftragten. Philipp Scheidemann rief am 9. November die Republik aus; Karl Liebknecht proklamierte fast gleichzeitig eine sozialistische Republik. Arbeiter- und Soldatenräte verlangten überwiegend Kriegsende, Versorgung, Entmachtung des Militärs und Demokratisierung, nicht unbedingt eine Räteherrschaft nach russischem Vorbild. Die MSPD um Friedrich Ebert setzte auf eine Nationalversammlung und gegen eine Räteherrschaft. Der Ebert-Groener-Pakt mit der Obersten Heeresleitung und der Erhalt alter Verwaltungsstrukturen begrenzten tiefgreifende Reformen. Nach dem Austritt der USPD setzte Gustav Noske beim Spartakusaufstand im Januar 1919 Freikorps ein; diese schlugen ihn blutig nieder und ermordeten unter anderem Luxemburg und Liebknecht.
Bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919 erhielt die MSPD 37,9 %, die USPD 7,6 %. Mit Zentrum und DDP bildete die MSPD die Weimarer Koalition. Friedrich Ebert war vom 11. Februar 1919 bis zu seinem Tod 1925 Reichspräsident, das erste sozialdemokratische deutsche Staatsoberhaupt. Die Zustimmung zum Versailler Vertrag belastete die SPD, die von der Rechten als „Novemberverbrecher“ angegriffen wurde. Nach dem Kapp-Putsch 1920 scheiterte dieser durch einen Generalstreik, doch die SPD ließ auch den Ruhraufstand gewaltsam beenden. Bei der Reichstagswahl 1920 fiel sie auf 21,7 %, während die USPD 18,8 % erreichte; die Mehrheit der USPD schloss sich anschließend der KPD an, ihr Rest kehrte 1922 zur SPD zurück.
In Weimar war die SPD eine tragende demokratische Partei. Sie regierte zeitweise im Reich und stellte 1928 bis 1930 mit Hermann Müller den Reichskanzler. Das Görlitzer Programm von 1921 bekannte sich zur demokratischen Republik und richtete sich an das „arbeitende Volk in Stadt und Land“. Das Heidelberger Programm von 1925 knüpfte stärker an marxistische Positionen an und forderte die Vereinigten Staaten von Europa. In Preußen prägten Otto Braun und Carl Severing Regierung, Polizei und Verwaltung republikanisch. Die Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und die Präsidialkabinette seit Heinrich Brüning drängten die SPD ab 1930 in eine defensive Tolerierungspolitik. Sie verlor Wähler an KPD und NSDAP. Am 23. März 1933 stimmte sie als einzige im Reichstag gegen das Ermächtigungsgesetz; KPD-Abgeordnete waren bereits ausgeschlossen oder an der Teilnahme gehindert.
Verfolgung, Teilung und Neuorientierung
Nach 1933 wurde die SPD verboten, ihr Vermögen eingezogen und ihre Mandate aufgehoben. Mitglieder wurden verfolgt, inhaftiert, in Konzentrationslagern und Zuchthäusern festgehalten oder ermordet. Die Exilorganisation SoPaDe veröffentlichte Deutschland-Berichte und rückte politisch nach links. Im Ausland arbeiteten später SoPaDe, SAP, ISK und Neu Beginnen in der Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien zusammen. Einzelne Sozialdemokraten wie Julius Leber, Adolf Reichwein und Wilhelm Leuschner waren am Widerstand bis zum 20. Juli 1944 beteiligt.
Nach 1945 wurde die SPD in allen Besatzungszonen neu aufgebaut. In den Westzonen prägte Kurt Schumacher den Wiederaufbau. Er lehnte eine Vereinigung mit der KPD ab, weil diese nach seiner Auffassung von der Sowjetunion gesteuert wurde. In der Sowjetischen Besatzungszone wurden SPD und KPD am 21. April 1946 zur SED vereinigt. Wegen des dabei ausgeübten Drucks wird dies in Westdeutschland als Zwangsvereinigung bezeichnet. In der DDR wurden sozialdemokratische Einflüsse in der SED zurückgedrängt, Kritiker ausgeschlossen oder verhaftet. Die westdeutsche SPD unterstützte über Ostsekretariat und Ostbüro Flüchtlinge und Kontakte in die DDR.
In der Bundesrepublik blieb die SPD von 1949 bis 1966 Opposition. Sie war zunächst weiterhin stark von marxistischen Vorstellungen, Forderungen nach Sozialisierung und Ablehnung der Wiederbewaffnung geprägt. Diese Positionen fanden im Kalten Krieg und während des wirtschaftlichen Aufschwungs nur begrenzte Zustimmung. Das Godesberger Programm von November 1959 markierte den entscheidenden Wandel: Mit 324 gegen 16 Stimmen beschloss der Parteitag eine Volkspartei des demokratischen Sozialismus statt einer Klassenpartei. Die Partei wandte sich weitgehend vom Marxismus ab, nannte Freiheit, Gleichheit und Solidarität als Grundwerte und akzeptierte eine gemischte Wirtschaftsordnung mit dem Grundsatz „Wettbewerb so weit wie möglich, Planung so weit wie nötig“. Außenpolitisch entwickelte sich unter Willy Brandt und Egon Bahr die Idee „Wandel durch Annäherung“.
Regierungsphasen und Wandel seit 1966
1966 trat die SPD in die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger ein. Willy Brandt wurde Außenminister, Karl Schiller Wirtschaftsminister. 1969 bildete die SPD mit der FDP eine sozialliberale Koalition; Brandt wurde der erste sozialdemokratische Bundeskanzler. Seine Regierung verband Reformpolitik mit der Neuen Ostpolitik. Moskauer und Warschauer Vertrag erkannten bestehende Grenzen an, 1971 folgte der Viermächtevertrag über Berlin. Bei der Bundestagswahl 1972 erzielte die SPD mit 45,8 % ihr bestes Ergebnis und wurde erstmals stärkste Bundestagsfraktion. Nach Brandts Rücktritt 1974 regierte Helmut Schmidt bis 1982. Die Ölkrise, Terrorismus der RAF, Konflikte über Atompolitik und den NATO-Doppelbeschluss sowie der Bruch mit der FDP führten wieder in die Opposition.
Die SPD veränderte auch ihre soziale Zusammensetzung. Der Arbeiteranteil unter den Mitgliedern sank von 45 % im Jahr 1952 auf 27,4 % 1978, während Angestellte und Beamte wichtiger wurden. Frauen und jüngere Mitglieder gewannen an Gewicht. In den 1980er Jahren beschäftigten die Partei Friedens-, Frauen-, Umwelt- und Sozialpolitik; 1988 beschloss sie eine Quotenregelung für weibliche Funktionsträger. In mehreren Ländern blieb sie stark, etwa in Nordrhein-Westfalen unter Johannes Rau, im Saarland unter Oskar Lafontaine und in Schleswig-Holstein unter Björn Engholm. Das Berliner Programm von 1989 stellte die ökologische Erneuerung der Industriegesellschaft in den Mittelpunkt.
In der DDR gründeten Markus Meckel, Martin Gutzeit und andere am 7. Oktober 1989 die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP), die sich im Januar 1990 in SPD in der DDR umbenannte. Bei der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 erhielt sie 21,7 %. Am 26./27. September 1990 vereinigte sie sich mit der westdeutschen SPD. Die Bundestagswahl 1990 verlor die SPD deutlich; unter anderem war sie über Tempo und Ausgestaltung der deutschen Einheit uneins.
1998 kehrte die SPD unter Gerhard Schröder in einer rot-grünen Koalition an die Regierung zurück. Beschlossen wurden ökologische Steuerreform, Einkommensteuerreform und Atomausstieg. Schröders wirtschaftsliberalerer Kurs und besonders die Agenda 2010 führten zu innerparteilicher Kritik, Mitgliederschwund und zur Abspaltung der WASG. Nach der Wahl 2005 regierte die SPD bis 2009 erneut in einer Großen Koalition unter Angela Merkel. 2007 entstand Die Linke aus WASG und PDS und gewann frühere SPD-Wähler. Bei der Bundestagswahl 2009 fiel die SPD auf 23,0 %, einen Verlust von 11 Prozentpunkten gegenüber 2005. Die Tabelle des Artikels nennt für 2017 20,5 % und für 2021 25,7 %; Olaf Scholz wurde anschließend Bundeskanzler. Seit 27. Juni 2025 führen Bärbel Bas und Lars Klingbeil die SPD.