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Geschichte der Stadt St. Gallen

Die Geschichte der Stadt St. Gallen beginnt mit der Legende des heiligen Gallus im Jahr 612 nach Christus. Otmar gründete dann an dieser Stelle im Jahr 719 …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Entstehung aus Einsiedelei und Kloster
  2. 2. Stadtwerdung und Loslösung vom Abt
  3. 3. Reformation und Stadtrepublik
  4. 4. Textilwirtschaft und barockes Kloster
  5. 5. Kantonshauptort und Ausbau im 19. Jahrhundert
  6. 6. Krisen, Zusammenschluss und Gegenwart

Entstehung aus Einsiedelei und Kloster

Die Geschichte St. Gallens beginnt nach der Überlieferung mit dem irischen Mönch Gallus, der 612 an der Steinach eine Einsiedlerklause errichtet haben soll. Die Bärenlegende um Gallus erklärt den Bären als Wappentier der Stadt. Archäologische Funde weisen auf Rodung und Nutzung des Gebiets bis zum Irabach bereits zu Gallus’ Lebzeiten hin; die genaue Ausdehnung der frühen Siedlung ist jedoch unsicher.

719 gründete Otmar am Wallfahrtsort zu Gallus’ Grab die Abtei Sankt Gallen. Seit 747 galt dort die Benediktsregel, die Ordensregel des Benedikt von Nursia; bis 1805 blieb St. Gallen ein Benediktinerkloster. Im 9. Jahrhundert erhielt das Kloster wichtige Rechte: 818 Immunität von der gräflichen Gerichtsbarkeit, freie Abtwahl und seit 854 keine Tributpflicht mehr gegenüber dem Bistum Konstanz. Gallus und Otmar gelten als Schutzpatrone von Stadt und Bistum.

Das Kloster war zugleich Bildungs-, Schreib-, Handels- und Wirtschaftszentrum. Der um 820 entstandene St. Galler Klosterplan zeigt das Ideal eines frühmittelalterlichen Klosters, wurde aber nicht genau so gebaut. Im Scriptorium entstanden Schriften und Urkunden; fast 600 Urkunden aus dem 9. Jahrhundert sind erhalten. Zur Anlage gehörten Schule, Krankenhaus, Pilgerunterkünfte und Handwerksbetriebe. 926 zerstörten einfallende Ungarn Holzhäuser und beschädigten Gebäude; die Einsiedlerin Wiborada wurde getötet. Beim Klosterbrand vom 26. April 937 wurde der Bau weitgehend zerstört, doch Schriften, Glocken und Klosterschatz konnten geborgen und das Kloster wieder aufgebaut werden.

Stadtwerdung und Loslösung vom Abt

954 begann der Bau einer Mauer um Kloster und Klosterdorf; damit wurde St. Gallen im eigentlichen Sinn zur Stadt. Zunächst blieben Amts- und Richterernennung beim Abt. 1180 setzte der deutsche König einen Reichsvogt ein, der nur dem König verantwortlich war: St. Gallen wurde Reichsstadt. Die Handfeste vom 31. Juli 1291 sicherte den Bürgern unter anderem freien Verkauf von Haus und Gut, Schutz vor fremden Richtern, Erbschutz sowie Schutz vor Auslieferung und willkürlicher Verhaftung. Stadtgerichtsbarkeit und eigene Richter entwickelten sich ebenfalls.

Im 14. Jahrhundert entstanden Rat, Bürgermeisteramt und Zunftverfassung. Die sechs Handwerkszünfte sowie die Gesellschaft zum Notenstein für Edelleute und Kaufleute bestimmten über Kleinen und Grossen Rat die Politik. Zunftzwang bedeutete, dass Handwerker ihrer Berufsgenossenschaft angehören mussten. Die städtischen Regeln begrenzten etwa Aufwand bei Hochzeiten und das Anschreibenlassen im Wirtshaus. Pest und Judenverfolgung prägten 1349 ein besonders schweres Jahr; die Quelle beschreibt dies als einzige historisch gesicherte Judenverfolgung der Stadt.

In den Appenzellerkriegen wechselte die Stadt zwischen Bündnissen mit Appenzell, Bodenseestädten und der Eidgenossenschaft. Nach den Niederlagen des Abts bei Vögelinsegg 1403 und der Habsburger am Stoss 1405 konnte sich der Volksbund zunächst behaupten, wurde aber später aufgelöst. 1454 schloss St. Gallen einen ewigen Bund mit eidgenössischen Orten. Nach einem Entscheid Berns zahlte die Stadt am 14. Mai 1457 7000 Gulden; der Abt verzichtete dafür endgültig auf seine Herrschaftsrechte über die Stadt. Stadt und Fürstabtei blieben dennoch innerhalb derselben Mauern getrennte Gebiete.

Der St. Gallerkrieg von 1489/1490 entstand, als die Stadt mit Appenzellern den Neubau des Klosters auf Mariaberg bei Rorschach zerstörte. Eidgenössische Truppen belagerten die Stadt; im Frieden vom 15. Februar 1490 wurde Ulrich Varnbüler verbannt und der Abt erhielt allgemeines Baurecht. St. Gallen blieb freie Reichsstadt, doch seine Rechte und Grenzen wurden eingeschränkt.

Reformation und Stadtrepublik

Ab 1526 führte Bürgermeister und Humanist Joachim von Watt, genannt Vadian, die Reformation ein. St. Gallen gehörte 1529 zu den protestantischen Vertretern am Reichstag zu Speyer. Die Kirche St. Laurenzen wurde reformierte Stadtkirche. Dominik Zili erarbeitete mit 28 Liedern das erste deutschsprachige evangelische Liederbuch für eine Gemeinde in der Eidgenossenschaft und prägte ein strenges religiöses Gemeindeleben.

Die nun reformierte Stadt und die katholische Fürstabtei gerieten erneut in Konflikt. 1566 erhielt der Abt mit dem Abtstor, später Karlstor, einen eigenen Zugang in der Südmauer. Eine Schiedmauer trennte fortan den katholischen Klosterbezirk vom reformierten Stadtteil; ein Durchgang war durch zwei Türen gesichert, deren Schlüssel Abt und Bürgermeister besassen. Das Karlstor ist das einzige erhaltene Stadttor.

Das Sittenmandat von 1611 verschärfte während Teuerung und Pest die Verhaltensregeln: Jugendlichen war der Wirtshausbesuch praktisch verboten, Erwachsene mussten vormittags einen Grund für alkoholische Getränke nennen, und Wirtschaften hatten spätestens um acht Uhr abends zu schliessen. Ob die bis 1798 bestehende Stadtrepublik Demokratie oder Aristokratie war, ist laut Artikel umstritten. Politische Ämter waren nicht nachweislich an Reichtum gebunden, doch Zunftmitglieder wurden deutlich häufiger gewählt.

Im Dreissigjährigen Krieg arbeiteten Stadt und Abtei trotz Konflikten bei der Grenzsicherung zusammen. Die Pest forderte 1629 innerhalb eines Jahres 1420 Tote, etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung. Der Westfälische Frieden von 1648 brachte der Eidgenossenschaft und beiden St. Gallen die formelle endgültige Unabhängigkeit vom Reich. Danach vermittelte die Stadt in Religionskonflikten, nahm mindestens 150 französische Hugenotten auf und erlebte weitere Spannungen mit der Abtei, darunter den Konflikt von 1697 und die Besetzung des Klosters im Zweiten Villmergerkrieg 1712.

Textilwirtschaft und barockes Kloster

Die Textilwirtschaft bestimmte St. Gallen seit dem 15. Jahrhundert. Die Leinenindustrie erreichte um 1714 mit 38'000 Tüchern Jahresproduktion ihren Höchststand. Bauern bauten Hanf und Flachs an, meist Frauen spannen Fasern, Weber produzierten Tücher, Bleicher hellten sie auf Bleichefeldern und Händler verkauften sie europaweit. Strenge Qualitätskontrollen machten St. Galler Leinwand bekannt. Veränderungen der Mode, ausländische Konkurrenz, Baumwolle und die Kontinentalsperre führten jedoch zu Krisen; 1818 wurde auf früheren Bleichefeldern Korn angebaut.

Die Stickerei entwickelte sich zur neuen Leitbranche. Im 19. Jahrhundert ermöglichten Spinn- und Stickmaschinen Heimarbeit auf Bauernhöfen. Um 1910 stammten über 50 Prozent der Weltproduktion aus St. Gallen; Stickerei machte 18 Prozent der Schweizer Exporte aus, und rund ein Fünftel der Ostschweizer Bevölkerung lebte von der Textilindustrie. Die Stadt wuchs von 11'234 Einwohnern 1850 auf 37'869 im Jahr 1910. Villen am Rosenberg, Arbeitersiedlungen am Freudenberg, die Drei Weieren und reich geschmückte Erker erinnern an diese Blüte. Die Handelsakademie, heutige Universität St. Gallen, wurde 1898 gegründet.

Die baufällige Klosterkirche aus dem 9. Jahrhundert wurde durch einen barocken Neubau ersetzt. Gabriel Loser und Johann Caspar Bagnato planten ihn; gebaut wurde von 1755 bis 1772. Die heutige Stiftskirche wurde zuletzt 2000–2003 renoviert.

Kantonshauptort und Ausbau im 19. Jahrhundert

Mit der Helvetik von 1798 endeten die alte Ordnung, das Zunftwesen und die Fürstabtei. Stadt, Abteigebiet und Appenzell gehörten zunächst zum Kanton Säntis; St. Gallen wurde im Juli 1798 dessen Hauptort. Nach der Mediation entstand der Kanton St. Gallen, dessen erster Grosser Rat am 15. April 1803 in St. Gallen zusammentrat. Der Grosse Rat löste die Abtei am 8. Mai 1805 formell auf. Der spätere Katholische Konfessionsteil übernahm kirchliches Vermögen, Klostergebäude und religiöse Gegenstände.

Die Stadt blieb Hauptort und besass im Grossen Rat eine überproportionale Vertretung. Die politische Gemeinde und Ortsbürgergemeinde wurden 1824 vollständig getrennt. Die Hungersnot von 1816 forderte im Kanton bald zweitausend Opfer; zugleich befand sich das Leinwandgewerbe in einer Krise.

Im Bundesstaat ab 1848 gingen Post, Telegrafie, Zoll, Währung und grosse Teile des Militärwesens an den Bund. Die erste Telegrafenleitung der Schweiz zwischen St. Gallen und Zürich entstand 1852, und am 17. Mai 1852 wurde auf den Franken umgestellt. Der Ausbau von Schulen führte 1855 zu einem neuen Schul- und Bibliotheksgebäude; daraus entwickelte sich die Kantonsschule am Burggraben. Die Bahnstrecke Zürich–Wil–St. Gallen–Rorschach wurde mitfinanziert, und am 24. März 1856 traf der erste Zug ein. 1897 wurde die von Anfang an elektrisch betriebene Trambahn eröffnet. Während des Deutsch-Französischen Kriegs beherbergte die Stadt 1871 rund 2000 Internierte der Bourbakiarmee bei einer Einwohnerzahl von 16'675 im Jahr 1870.

Die Wasserversorgung wechselte von der belasteten Steinach zu Bodenseewasser. Seit dem 1. Mai 1895 wurde Wasser aus 45 Metern Seetiefe bei Goldach gereinigt und 300 Meter in die Stadt hochgepumpt.

Krisen, Zusammenschluss und Gegenwart

Am 30. Juni 1918 vereinigten sich St. Gallen, Tablat und Straubenzell zur heutigen Stadt mit 69'261 Einwohnern. Vorausgegangen waren gemeinsames Tram-, Wasser- und Energienetz sowie langjährige Konflikte über Vermögen, Konfession und Schulwesen. Eigenständig blieben zunächst die Bürgergemeinden; die Bürgergemeinde Rotmonten schloss sich Ende 2008, jene von Straubenzell Ende 2015 der Ortsbürgergemeinde St. Gallen an.

Erster Weltkrieg, Inflation, Lebensmittelknappheit und die Grippeepidemie von 1918 belasteten die Stadt; Ärzte meldeten über 20'000 Grippefälle. Krieg und Weltwirtschaftskrise führten zu einem starken Einbruch der Stickerei: Die Zahl der im Kanton Beschäftigten sank binnen 30 Jahren von 30'000 auf 5'000, und die Stadt verlor 13'000 Einwohner. Nach 1945 wurde die Abwanderung durch eine vielfältigere Wirtschaft mit Metall-, Maschinen-, Bank-, Versicherungs- und weiteren Dienstleistungsbetrieben gebremst. Stickerei erholte sich nach 1950 als hoch spezialisierter Textilzweig.

In den 1950er-Jahren entstanden neue Quartiere, Industriegebiete, Schulen und Kirchen. Wegen der engen Lage zwischen Freuden- und Rosenberg erhielten leistungsfähiger öffentlicher Nahverkehr und die geplante N1 besondere Bedeutung. Ab 1979 übernahm die Stadt mehr Verantwortung für Museen und Infrastruktur, während der Kanton unter anderem die Universität seit 1985 vollständig finanzierte.

Die Wohnbevölkerung lag Anfang 2000 bei 69'768 und damit nur knapp über dem Wert von 1918, aber unter dem Höchststand der 1960er-Jahre. Der Ausländeranteil stieg von 15 Prozent 1966 auf 28 Prozent 2011. Finanzielle Belastungen durch Abwanderung und Zentrumsaufgaben wurden durch Ausgleichszahlungen mit Umgebungsgemeinden und Kanton gemildert; seit 1999 sank die Verschuldung wieder. Im August 2023 fand erstmals ein Pride-Umzug in St. Gallen statt.

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