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Geschichte der Pest

Die Geschichte der Pest umfasst vor allem die Ursachen und Folgen der historischen Pest-Seuchen. Die großen Seuchenzüge der Pest durchliefen von der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und frühe Pestgeschichte
  2. 2. Justinianische Pest
  3. 3. Schwarzer Tod und europäische Wiederkehr
  4. 4. Erklärungen, Schutzmaßnahmen und Behandlung
  5. 5. Erreger, Ratten und Flöhe in der Forschung
  6. 6. Dritte Pandemie und gesellschaftliche Folgen

Gegenstand und frühe Pestgeschichte

Die Geschichte der Pest untersucht Ursachen und Folgen historischer Pestseuchen. Große Seuchenzüge betrafen von der Bronzezeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weite Gebiete. Sie sind für die Medizingeschichte wichtig, weil ihre Erforschung in der Epidemiologie – der Lehre von Verbreitung und Ursachen von Krankheiten – zu Fortschritten der Inneren Medizin und Infektiologie führte. Pestepidemien veränderten zudem häufig Bevölkerung, Gesellschaft und politische Machtverhältnisse.

Die ältesten Nachweise von Yersinia pestis stammen aus bis zu 5000 Jahre alten Skeletten der pontischen Steppe. Der Erreger ist für die Zeit von vor 4800 bis etwa vor 3800 Jahren in Skeletten aus ganz Europa nachweisbar. Diese frühen Stämme unterschieden sich noch von den Erregern der spätantiken und mittelalterlichen Beulenpest: Ihnen fehlten Gene, die späteren Stämmen das Überdauern im Magen von Flöhen ermöglichten. Trotzdem könnten sie neolithische, kupferzeitliche und frühbronzezeitliche Gesellschaften stark beeinflusst haben, möglicherweise durch Übertragung über die Atemwege.

Viele als „Pest“ bezeichnete antike Seuchen lassen sich nicht sicher als Pest im heutigen Sinn bestimmen. Das lateinische pestis bedeutete allgemein „Seuche“. So ist bei der Attischen Seuche in Athen von 430 bis 426 v. Chr. die Ursache umstritten; typische Merkmale wie Pestbeulen oder schwärzliche Hautflecken fehlen bei Thukydides. 2005 wurde aus Grabfunden Salmonella enterica serovar Typhi identifiziert. Sicher ist jedoch, dass die Epidemie in Athen einen starken Bevölkerungsrückgang sowie soziale, wirtschaftliche, militärische und politische Folgen verursachte.

Justinianische Pest

Die erste sicher belegte Pestpandemie Europas war die Justinianische Pest. Sie begann 541 in Ägypten, erreichte 542 Konstantinopel und verbreitete sich im Mittelmeerraum bis nach Irland. DNA-Untersuchungen an Gräbern des 6. Jahrhunderts, darunter Material aus Aschheim, zeigten 2013, dass Yersinia pestis beteiligt war; nach den Quellen handelte es sich um Beulenpest, möglicherweise zusammen mit weiteren Krankheiten. Der damalige Erregerstamm starb im 8. Jahrhundert aus.

Der Historiker Prokopios berichtete, in Konstantinopel sei 541 und 542 ein Viertel der Einwohner gestorben. Kaiser Justinian verkündete 544, nachdem er selbst erkrankt gewesen war, das Ende der Epidemie. Sie trat aber 557 und 570 erneut auf und kehrte bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts etwa im zwölfjährigen Rhythmus wieder. Um 770 verschwand die Pest für fast 600 Jahre aus dem Mittelmeerraum und Europa.

Wie stark diese Pandemie Ostrom und Persien langfristig schwächte, ist wegen der schwierigen Quellenlage nicht sicher zu bestimmen. Ein unmittelbarer entscheidender Beitrag der Pest zu den arabischen Siegen gegen Ostrom und Persien gilt als kaum belegbar und eher unwahrscheinlich; die langjährigen Kriege beider Reiche seit 540 werden als wichtiger angesehen. Auch der Weg, auf dem die Seuche nach Ägypten gelangte – aus Indien oder nilabwärts aus Subsahara-Afrika –, ist umstritten.

Schwarzer Tod und europäische Wiederkehr

Der „Schwarze Tod“ war die verheerende Pandemie ab 1347/1348 und wird überwiegend als Pestvariante verstanden. 2011 wurde zweifelsfrei bestätigt, dass Yersinia pestis der Erreger war. Vorläufer sind unter anderem für 1338 oder 1339 am Yssykköl-See, 1345 in Sarai an der unteren Wolga und auf der Krim belegt. Die ältere Erklärung, Pestleichen seien 1346 bei der Belagerung von Kaffa in die Stadt geschleudert worden und hätten so Europa infiziert, gilt als überholt; auch die Authentizität der dafür oft herangezogenen Quelle Gabriele de Mussi ist zweifelhaft. Als plausibler gilt, dass die Seeblockade Getreide lagern ließ, in dem sich Nager und Flöhe vermehrten, und dass nach Wiederaufnahme des Handels diese Wirte in europäische Häfen gelangten.

Nach 1347 blieb Pest in Europa für drei bis vier Jahrhunderte ein wiederkehrendes lokales Problem. Sie traf zahlreiche Regionen in oft kurzen Abständen. Beispiele für die Folgen sind Island, wo die Pest von 1402 bis 1404 angeblich 50 bis 60 % der Bevölkerung tötete, und England, dessen mittelalterliche Bevölkerungszahl erst 1750 wieder erreicht wurde. In Venedig starben 1630 bis 1631 ungefähr 46.000 von 140.000 Einwohnern; allein im November 1630 waren es 16.000. Die Große Pest von London 1665/66 forderte etwa 100.000 Tote. Der letzten Pest in Erfurt fielen 1683 9437 Menschen und damit mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft zum Opfer. Die Große Pest von 1708 bis 1714 kostete in zahlreichen Teilen Europas insgesamt mehr als eine Million Menschen das Leben.

Die letzten europäischen Epidemien lagen im 18. Jahrhundert: Marseille und die Provence waren 1720 bis 1722 betroffen, Moskau 1771. Danach traten in Europa keine weiteren Pestepidemien mehr auf.

Erklärungen, Schutzmaßnahmen und Behandlung

Im Mittelalter wurde Pest häufig als Strafe Gottes oder als Folge von Miasmen verstanden, also als Krankheit durch verdorbene Luft. Das Pariser Pestgutachten von 1348 erklärte sie unter anderem mit einer Konstellation von Saturn, Jupiter und Mars, die Luft, Wasser und Nahrung vergifte. Es prägte die europäische Pestliteratur stark. Empfohlen wurden geregelte Lebensweise, Ernährungsvorschriften, Aderlass, das Öffnen von Pestbeulen, Theriak, Laxantien und das Verbrennen aromatischer Stoffe wie Wacholder, Baldrian oder Bibernelle. Heilende Therapien gab es nicht.

Religiöse Reaktionen umfassten Messen, Almosen, Prozessionen, Fasten, Geißlerumzüge und die Anrufung der Pestheiligen Rochus und Sebastian. Solche Versammlungen konnten die Verbreitung aber fördern. Venedig untersagte 1498 bei Pest Gottesdienste, Prozessionen, Märkte und Versammlungen.

Praktische Maßnahmen waren Pestfriedhöfe mit Sammelgräbern, das Verbrennen von Kleidung und Häusern Verstorbener, Pesthäuser und die Absonderung potenziell Infizierter. Diese Isolation dauerte meist 40 Tage; daraus stammt der Begriff Quarantäne, von „quarantaine de jours“ („vierzig Tage“). Ragusa, das heutige Dubrovnik, beschloss am 27. Juli 1377, Menschen und Waren aus Pestgebieten einen Monat auf einer Insel vor der Stadt zu internieren. Im 17. Jahrhundert wurde Quarantäne allgemein üblich. Demografisch kann eine Sterblichkeit, die mehr als viermal so hoch wie die natürliche Sterblichkeit ist, nicht ausgeglichen werden; Paul Slack setzt für eine typische Pestepidemie das Vier- bis Zwölffache der normalen Sterblichkeit an.

Erreger, Ratten und Flöhe in der Forschung

Lange war umstritten, ob die europäischen Seuchen seit 1347 wirklich durch Yersinia pestis verursacht waren. Vergleichende Untersuchungen mit Polymerase-Kettenreaktion und Immunochromatographie bestätigten dies: Die großen Epidemien wurden von zwei Varianten des Bakteriums verursacht, von denen die gefährlichere heute als ausgestorben gilt. Die Rekonstruktion des Genoms aus Zähnen von Londoner Pestopfern von 1349 gelang 2011. Der mittelalterliche Stamm ist Vorläufer aller heute vorkommenden Pestbakterien und weist auf einen Ursprung der mittelalterlichen Pandemie in Asien hin.

Alte Krankheitsbeschreibungen erlauben allerdings oft keine sichere rückwirkende Diagnose. Begriffe wie „Pest“ oder „Pestilenz“ können auch Pocken, Fleckfieber, Cholera, Typhus oder Masern meinen. Das mittelalterliche Denken, geprägt von der Säftelehre, ordnete Krankheiten vor allem nach sichtbaren Zeichen ein und ist nicht einfach mit heutigen Diagnosen vergleichbar.

Der früher behauptete notwendige Zusammenhang von Pest und Ratten wird heute kaum noch vertreten. Hausratten und Wanderratten unterscheiden sich in ihrer Lebensweise; zudem kann Yersinia pestis auch über den Menschenfloh Pulex irritans verbreitet werden. Archäologische Funde sprechen für große Rattenpopulationen im mittelalterlichen Europa, besonders seit dem 13. Jahrhundert und in Handels- sowie Hafenstädten. Eine Metapopulation – mehrere miteinander verbundene lokale Rattengruppen – kann ein Pestreservoir über Jahre erhalten. Rechenmodelle nennen 3000 Ratten pro halbem Quadratkilometer als ausreichend; 50.000 Ratten können als Metapopulation jahrelang ein Reservoir bilden. Für Nordeuropa waren die Bestände außerhalb größerer Küstenhandelsstädte aber möglicherweise zu klein für eine flächendeckende Verbreitung. Der für Indien am Ende des 19. Jahrhunderts wichtige Rattenfloh Xenopsylla cheopis wurde in europäischen Funden nicht nachgewiesen; als möglicher Überträger gilt dort eher Pulex irritans.

Dritte Pandemie und gesellschaftliche Folgen

Die dritte Pestpandemie begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Zentralasien und forderte in den folgenden 50 Jahren weltweit rund 12 Millionen Todesopfer. 1894 identifizierte der französische Arzt Alexandre Yersin den Erreger und erklärte den Übertragungsweg. In der Mandschurei starben 1910 bis 1911 während einer winterlichen Lungenpestepidemie etwa 60.000 Menschen; die Seuche wurde binnen sieben Monaten über 2700 km entlang der Hauptverkehrswege transportiert. 1905 starben in Indien Hunderttausende Menschen an Pest.

Auf Madagaskar brach Anfang September 2017 eine Epidemie aus, die rasch Antananarivo erreichte. Bis zum 30. Oktober gab es mehr als 120 Todesopfer. Anfang 2018 wurde der Ausbruch durch Pestbehandlungszentren und Schnelltests bei Kontaktpersonen eingedämmt. Insgesamt erkrankten 2348 Menschen, von denen etwa 10 % starben.

Pest führte historisch zu Machtverlusten, wirtschaftlichen Schäden und sozialem Zerfall. Sie begünstigte auch Ausgrenzung: Die falsche Behauptung, Juden hätten Brunnen vergiftet, führte zu Pestpogromen, bei denen 350 jüdische Gemeinden zerstört wurden. Zugleich förderte die Angst vor schlechter Luft Maßnahmen, die zunächst gegen Geruch gerichtet waren, aber hygienische Bedingungen verbesserten, sowie Quarantäne und Pestbriefe als Nachweis der Pestfreiheit eines Herkunftsortes. In Kunst und Erinnerung wurden Opfer unter anderem durch Pestkreuze, Pestsäulen und Totentänze dargestellt.

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