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Geschichte der Neuapostolischen Kirche
Ihre Ursprünge gehen auf eine Erweckungsbewegung um die Entstehung der katholisch-apostolischen Gemeinden (KAG) im 19. Jahrhundert in Großbritannien zurück. Mit …
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Ursprung und kirchliche Festigung
Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist eine christliche, trinitarische und prämillenaristische Religionsgemeinschaft. Trinitarisch bedeutet, dass sie an den dreieinen Gott glaubt; prämillenaristisch bezeichnet ihre Erwartung der Wiederkunft Christi vor einem tausendjährigen Reich. Die NAK versteht sich als Wiederherstellung urchristlicher Verhältnisse und beansprucht deshalb, von Aposteln geführt zu werden. Sie gehört mit verwandten Kirchen zu den apostolischen Gemeinschaften.
Ihre Wurzeln liegen in einer endzeitlich geprägten Erweckungsbewegung in Großbritannien der 1830er Jahre. Daraus entstanden die katholisch-apostolischen Gemeinden (KAG), deren zwölf Apostel das Christentum auf die Wiederkunft Jesu vorbereiten sollten. Nach dem Tod von drei Aposteln 1855 wurden deren Stellen nicht neu besetzt. Der deutsche Prophet Heinrich Geyer widersprach dieser Haltung. Nachdem er 1863 Rudolf Rosochacki ohne Zustimmung der englischen Apostel zum Apostel ausgerufen hatte, wurden Geyer, Friedrich Wilhelm Schwarz, Carl Wilhelm Louis Preuß und viele Hamburger Mitglieder aus der KAG ausgeschlossen. Die getrennte Gemeinde bildete die Allgemeine christliche apostolische Mission.
Nach Preuß’ Tod eskalierte 1879 ein Streit um seine Nachfolge. Geyer und Johann Friedrich Güldner trennten sich von der Hamburger Gemeinde; Wichmann, Schwarz, Friedrich Wilhelm Menkhoff und Friedrich Krebs führten den übrigen Teil weiter. Der genaue Beginn der späteren NAK ist unter Fachleuten umstritten: Die Kirche selbst sieht ihn im Schisma von 1863, Albrecht Schröter datiert ihn auf die Trennung von 1879, Helmut Obst auf 1897, als das Stammapostelamt entstand.
Unter Friedrich Krebs wurde aus zunächst unterschiedlich geprägten deutschen und niederländischen Gemeinden eine zunehmend einheitliche Gemeinschaft. Krebs wurde seit 1896 als „Einheitsvater“ oder Stammapostel bezeichnet; sein Nachfolger Hermann Niehaus übernahm das Amt 1905. 1907 erhielt die Gemeinschaft erstmals den Namen „Neuapostolische Gemeinde“, ab 1930 setzte sich „Neuapostolische Kirche“ durch. Niehaus prägte Organisation und Lehre durch Apostelversammlungen, die Zeitschrift Apostolisches Sonntagsblatt, die Allgemeinen Hausregeln von 1908 mit dem ersten Glaubensbekenntnis sowie Fragen & Antworten von 1916. Die Kirche wuchs von 488 Gemeinden 1905 auf etwa 1.600 europäische und 200 überseeische Gemeinden am Ende seiner Amtszeit; 1925 hatte sie in Deutschland 138.000 Mitglieder.
Im Ersten Weltkrieg wurden Abendmahls-Hostien mit drei Tropfen Wein an Soldaten versandt. Seit 1917 werden Abendmahlshostien mit diesen drei Tropfen Wein hergestellt; zuvor wurden Brot und Wein getrennt gereicht.
Lehre, Apostelamt und Abgrenzung
Für die neuapostolische Lehre wurde das Stammapostelamt entscheidend. Friedrich Krebs entwickelte es ab 1895 als oberste Autorität innerhalb der Apostel. Neue Apostel wurden nun allein durch den Stammapostel ordiniert und nicht mehr durch prophetische Berufung. Damit wurde das Apostelamt gegenüber dem Prophetenamt aufgewertet. Die Funktion des Kirchenoberhaupts wurde erstmals zu Pfingsten 1897 in Berlin proklamiert. In Anlehnung an Johannes 15,5 wurde die Abhängigkeit der Kirche vom Stammapostel mit dem Bild des Stammes beschrieben.
Die Lehre vom „Neuen Licht“ ordnete prophetische Weissagungen dem Apostelamt unter; radikale Vertreter verstanden Christus sogar als im Apostelamt gegenwärtig. Sie führte zu Konflikten und Spaltungen. Das Prophetenamt wurde immer stärker zurückgedrängt und 1985 endgültig aufgegeben. Die Vorstellung, dass Predigten durch den Heiligen Geist eingegeben seien, blieb jedoch wichtig. Das „zeitgemäße Wort Gottes“ meinte lange, die Bibel könne nur durch Apostel und beauftragte Amtsträger richtig erschlossen werden. Dies stand im Gegensatz zum lutherischen Prinzip Sola scriptura, nach dem die Bibel höchste Glaubensgrundlage ist.
Die anfänglich ökumenische Sicht der KAG wich einem starken Exklusivitätsanspruch. Andere Kirchen wurden polemisch abgewertet; Mitglieder sollten aus Landeskirchen austreten. Besonders mit der Änderung des Glaubensbekenntnisses 1951 wurde die „Wiedergeburt aus Wasser und Geist“ an die neuapostolische Versiegelung gebunden. Daraus entwickelte sich für Jahrzehnte ein Absolutheitsanspruch. Beim Entschlafenenwesen, also der Sakramentspendung für Verstorbene, gab es erste Überlegungen 1872. Seit 1886 besteht das Abendmahl für Entschlafene; besondere Entschlafenengottesdienste finden spätestens seit 1898 dreimal jährlich statt.
Die Wiederkunftserwartung war zunächst weniger stark als in den KAG, gewann aber unter Stammapostel Johann Gottfried Bischoff erheblich an Bedeutung. Bischoff erklärte Weihnachten 1951, Christus werde noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen. Diese „Botschaft“ wurde vielerorts bei Versiegelungen und Ordinationen verbindlich bekannt. Nach Bischoffs Tod 1960 ohne eingetretene Wiederkunft erklärte das Apostelkollegium zunächst, Gott habe seinen Willen geändert und eine Gnadenfrist gewährt. 2013 und 2014 erklärte die NAK dagegen, die Botschaft sei nicht göttlichen Ursprungs gewesen und hätte nicht in Lehre und Verkündigung eingehen dürfen.
Nationalsozialismus, DDR und Nachkriegsstreit
Während der NS-Zeit passte sich die NAK-Führung dem Regime an. Nach eigener Rückschau sollte dies Repressalien verhindern; Karl-Peter Krauss spricht von „inszenierter Loyalität“. Zwar wurden Gemeinden 1933 teilweise kurzfristig verboten, die NAK wurde jedoch nicht dauerhaft verboten oder systematisch verfolgt. Stammapostel Johann Gottfried Bischoff suchte gute Beziehungen zum Regime, bezeichnete Hitler am Tag von Potsdam als „von Gott gesandte[n] Führer“ und forderte bei Aufnahmegesuchen eine Prüfung durch die NSDAP. Bis Kriegsende wurden 13 deutsche Apostel NSDAP-Mitglieder.
Zu den Anpassungsmaßnahmen gehörten das Verbot von Weissagungen und Zungenreden, Hakenkreuzfahnen an Kirchen und teils der Hitlergruß nach der Liturgie. Kirchliche Veröffentlichungen von 1940 und 1941 enthielten rassistische und antisemitische Aussagen. Wie weit Anpassung aus Angst vor Verfolgung oder aus eigener ideologischer Überzeugung geschah, ist zwischen Kirchenmitgliedern und Kritikern weiterhin umstritten. Die NAK verweist auf hohe Steuern, Einschränkungen bei Jugendarbeit, Grundstückskäufen, Kapellenbau, Spenden und Druckerzeugnissen sowie Unterstützung für Mitglieder jüdischer Abstammung. Christine E. King bewertet die Unterstützung der Führung dagegen als vorbehaltlos und weitergehend als bei anderen christlichen Minderheiten. Eine Entschuldigung der Kirchenleitung für ihre äußere Zustimmung zum NS-Regime liegt laut Artikel bisher nicht vor.
Für die DDR erklärte die NAK politische Neutralität und zeigte sich dem Staat gegenüber loyal. Die Kirche selbst erklärte, interne Akten ergäben keinen Nachweis eines „Anbiederns“ oder besonderer Vergünstigungen. Eine offizielle Stellungnahme zur Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit steht dem Artikel zufolge aus. Kritiker wie Olaf Wieland nennen jedoch freundschaftliche Kontakte staatlicher Stellen mit NAK-Funktionären und Hinweise auf mögliche Stasi-Tätigkeit hoher Geistlicher. Neuere Forschung verweist zugleich auf Konflikte, etwa bei Baugenehmigungen und zur Jugendweihe.
Nach 1945 entstand ein Macht- und Richtungsstreit. Apostel forderten unter anderem eine Altersgrenze für Apostel und Stammapostel, mehr Kollegialität, stärkere Kontrolle des Apostelkreises sowie regionale Autonomie. Peter Kuhlen wurde 1948 zum Stammapostelhelfer und Nachfolger ordiniert. Eine Satzungsreform von 1949 sah den Stammapostel als Primus inter pares vor, also als Ersten unter Gleichrangigen. Ab 1950 wurden diese Reformen zurückgenommen; Kuhlen trat zurück und wurde 1955 mit weiteren Amtsträgern ausgeschlossen. Die spätere Botschaft Bischoffs verschärfte die Krise zusätzlich.
Gehorsam, Öffnung und Frauenordination
Bis weit in das 20. Jahrhundert prägte eine strenge Gehorsamsstruktur das Gemeindeleben. „Glaubensgehorsam“ bedeutete nach Fragen und Antworten, den eigenen Willen dem in Wort und Lehre der Apostel offenbarten göttlichen Willen unterzuordnen. Mitglieder sollten Amtsträger auch bei persönlichen Entscheidungen fragen. Das mutwillige Versäumen eines Gottesdienstes galt als „schwere Sünde“. Unter dem Begriff „Überwinden“ wurden zahlreiche weltliche Aktivitäten und Kontakte abgelehnt oder untersagt, etwa Kino, Karneval, Diskotheken, Tanzen, Fernsehen, Vereine, Hosen für Frauen sowie Bärte oder lange Haare für Männer. Der Ausschluss vom Abendmahl war bis 1986 möglich. Kritiker bewerteten soziale Kontrolle, äußere Abgrenzung und die Verbindung von Gehorsam mit Heilsdrohungen als problematisch.
Mit Stammapostel Hans Urwyler begann ein Öffnungsprozess. 1982 wandte er sich gegen die soziale Ächtung Ausgeschlossener, 1986 hob er den Ausschluss vom Abendmahl durch Amtsträger auf und stellte die Teilnahme in das persönliche Ermessen. Das Prinzip der „Eigenverantwortung“ veränderte später auch Seelsorge und Lebensregeln. Stammapostel Richard Fehr entschuldigte sich 1996 und 1997 für Fehler in der Seelsorge. Die NAK änderte Richtlinien und Lehraussagen und näherte sich anderen apostolischen Gemeinschaften an.
Auch die ökumenische Haltung wandelte sich. 1993 distanzierte sich die NAK noch ausdrücklich von der Ökumene; 1998 wurde diese Position relativiert. 1999 entstand eine Projektgruppe Ökumene. Heute besteht beispielsweise in Deutschland eine institutionelle Annäherung über die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Stammapostel Wilhelm Leber erkannte trinitarische Taufen uneingeschränkt an. Die Revision des Glaubensbekenntnisses 2010 formulierte ein Kirchenverständnis, das der Charta Oecumenica nahekommt. Gemeinsame Sakralhandlungen bleiben nach einem Rundschreiben von 2001 jedoch untersagt.
Frauen konnten in den Anfangsjahren als Diakonissinnen und teils als Prophetinnen tätig sein; nach 1952 endeten ihre geistlichen Tätigkeiten zunächst. Die daraus folgende Unterordnung und der Ausschluss von Entscheidungspositionen wurden vielfach kritisiert. Am 20. September 2022 kündigte Stammapostel Jean-Luc Schneider an, dass Frauen ab 1. Januar 2023 in sämtliche geistlichen Ämter ordiniert werden können. Theologisch wurde dies mit gleicher Würde und gleichem Auftrag von Frau und Mann als nach dem „Bild Gottes“ Geschaffenen begründet. Die Ordination soll nur dort erfolgen, wo die gesellschaftliche Anerkennung gewährleistet ist. Die Entscheidung löste besonders in Zentral- und Südafrika Proteste und Abspaltungen aus.
Abspaltungen und gegenwärtige Entwicklung
Abspaltungen entstanden wiederholt aus Lehrkonflikten, Streit über Amtsnachfolge und Stammapostelamt, Forderungen nach regionaler Autonomie sowie persönlichen Konflikten. Zu den Ursachen gehörten besonders das Zurückdrängen des Prophetenamts, die Lehre vom Neuen Licht und später die Botschaft Bischoffs. Beispielsweise gründete Julius Fischer 1902 das Apostelamt Juda, weil er lehrte, Christus sei bereits im Apostelamt wiedergekommen. Gegner des Neuen Lichts und Befürworter des Prophetenamts trennten sich 1897 in den Niederlanden zur Hersteld Apostolische Zendingkerk.
Wichtige Trennungen waren außerdem die Alt-Apostolische Gemeinde von 1886, der Reformiert-Apostolische Gemeindebund von 1921, die Apostolisch Genootschap von 1951, die Apostolische Gemeinschaft von 1955 und die Apostolische Gemeinde Wiesbaden von 1988/89. Die Ausschlüsse von 1952 bis 1955 hingen besonders mit der Botschaft und dem Konflikt um Peter Kuhlen zusammen. Mehrere dieser Gemeinschaften schlossen sich später in der Vereinigung Apostolischer Gemeinden zusammen. Die Alt-Apostolische Kirche in Südafrika, die sich bis 1926 löste, könnte mit einer Million Mitgliedern im Jahr 1931 die größte Abspaltung gewesen sein. Nach der Frauenordinationsentscheidung entstanden Ende 2022 unter anderem die Église Néo-Apostolique Authentique und die True Apostolic Church. 2014 schloss die NAK eine Versöhnungserklärung mit der Apostolischen Gemeinschaft, 2017 mit dem Reformiert-Apostolischen Gemeindebund.
Die Mitgliederverteilung hat sich stark verändert: 1960 war die NAK vor allem deutsch-europäisch geprägt, 2005 lebten nur noch etwa fünf Prozent ihrer Mitglieder in Europa und über 80 Prozent in Afrika. In Deutschland ging der Gemeindebestand seit der Jahrtausendwende um mehr als 45 Prozent zurück; Gemeinden wurden geschlossen oder zusammengelegt. 2014 nahmen über 50.000 Gläubige am ersten Internationalen Kirchentag der NAK in München teil; der erste weltweite Jugendtag 2009 in Düsseldorf hatte etwa 30.000 Teilnehmende.
Unter Stammapostel Schneider wurden weitere Änderungen sichtbar. 2018 stellte die NAK erstmals eine strategische Positionierung vor und kritisierte darin die früher überhöhte Stellung der Institution Kirche gegenüber dem Evangelium. Schneider äußerte sich stärker zu sozialen Netzwerken, Umweltschutz und Flüchtlingen und distanzierte sich davon, aktuelle Ereignisse als biblische „Zeichen der Zeit“ zu deuten. Zu Pfingsten 2019 wurde die Amtshierarchie umgestaltet: Priesterliche Ämter von Evangelist bis Bischof werden nicht mehr ordiniert; für Bezirksapostel gilt dies bereits seit 2017.