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Geschichte der Juden in der Neuzeit
Die Geschichte der Juden in der Neuzeit umfasst die Geschichte jüdischer Gemeinschaften und Minderheiten seit der Reformation bis zur Gegenwart.
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Grundlinien
Die Geschichte der Juden in der Neuzeit umfasst die Geschichte jüdischer Gemeinschaften und Minderheiten seit der Reformation bis zur Gegenwart. Der Überblick konzentriert sich vor allem auf Europa: von der Zerstreuung der Sephardim im 16. Jahrhundert bis zur Neugründung des Staates Israel 1948. Die Entwicklung verlief je nach Kontinent, Land und politischer Lage sehr unterschiedlich.
Wichtig für das Verständnis ist, dass jüdisches Leben in der Neuzeit zwischen Duldung, Verfolgung, Migration, religiöser Erneuerung, rechtlicher Gleichstellung und erneutem Scheitern dieser Gleichstellung stand. Die Geschichte der Juden im nationalsozialistisch beherrschten Europa wird im Artikel ausdrücklich anderen Themenbereichen zugeordnet, vor allem der Zeit des Nationalsozialismus und dem Holocaust.
Reformation, Toleranz und frühe Menschenrechte
Die Reformation im 16. Jahrhundert veränderte die Lage der Juden in Teilen Europas. Seit der Renaissance hatte die hebräische Literatur an Bedeutung gewonnen, weil Bibelhandschriften der Masoreten wiederentdeckt wurden. Neben dem Tanach, der Hebräischen Bibel, wurden auch der Talmud und andere jüdische Schriften stärker studiert. Dadurch gewann das Judentum im europäischen Geistesleben zeitweise Ansehen.
Martin Luther forderte 1543, Juden zu vertreiben oder ihnen Arbeitszwang aufzuerlegen. Die evangelischen Fürsten folgten dieser Forderung jedoch nicht. Unter dem Einfluss protestantischer Konkurrenz trat die antijudaistische Ritualmordlegende auch in katholischen Ländern zeitweise zurück.
Während der Gegenreformation und der Konfessionskriege, die im Dreißigjährigen Krieg gipfelten, wurden Juden regional gegen hohe Abgaben geduldet, andernorts aber verfolgt, etwa als angebliche Pestüberträger oder Verbündete religiöser Gegner. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 verbreitete sich in Europa die Einsicht, dass Glaubensfragen nicht durch Kriege entschieden werden können. Religiöse Minderheiten blieben dennoch stark unter Druck.
Neue Ideen der Toleranz kamen weniger aus den großen Kirchen als aus religiösen Randgruppen und von aufgeklärten Philosophen wie John Locke und Baron de Montesquieu. Montesquieu forderte als Erster die Gleichberechtigung jüdischer und christlicher Religionsausübung. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich aus dem Naturrecht die Idee der Menschenrechte. Dadurch rückte auch die Jüdische Emanzipation, also die rechtliche Gleichstellung der Juden, langfristig in den Blick aufgeklärter Fürsten und Bürger. Lessings Nathan der Weise stellte in der Ringparabel die mosaische, christliche und muslimische Religion grundsätzlich gleich.
Sephardische Diaspora und neue Zentren
In Spanien wurden Juden seit 1391 offiziell verfolgt und mussten zwischen Hinrichtung und Zwangstaufe wählen. Mit der Einführung der Inquisition 1480 unter Ferdinand II. von Aragon und Isabella I. von Kastilien richtete sich die Verfolgung auch gegen Menschen, die äußerlich zum Christentum übergetreten waren, aber heimlich an ihrem alten Glauben festhielten. Viele zwangskatholisierte spanische und portugiesische Juden wurden Opfer der Inquisition und starben auf dem Scheiterhaufen.
Auf Betreiben des Großinquisitors Tomás de Torquemada wurden ab dem 31. März 1492 durch das Alhambra-Edikt alle Juden aus Spanien vertrieben. 1497 folgte die Ausweisung aus Portugal. Diese Vertreibungen führten zur sephardischen Zerstreuung. Sephardim sind Juden, deren Herkunft mit der Iberischen Halbinsel verbunden ist.
Einige Vertriebene ließen sich zunächst in Brasilien nieder. Da dort aber nur Marranen bleiben durften und bald auch in den Kolonien die Inquisition eingeführt wurde, verließen viele Juden das Land wieder. Marranen waren Juden, die äußerlich zum Christentum übergetreten waren. 1654 gründeten brasilianische Marranen erstmals eine Gemeinde in der niederländischen Kolonie Neuamsterdam, dem heutigen New York City. Weitere Spuren entstanden in Nordargentinien, Surinam, Kolumbien und México. Kulturell erkennbar blieben manche Gruppen unter anderem durch Ladino, eine jüdisch-spanische Sprache.
Die meisten Sephardim flohen jedoch ins Osmanische Reich, nach Holland, Deutschland, Italien oder Griechenland. In Italien beeinflussten geflohene Juden durch ihre Kenntnisse antiker Autoren und antiker Philosophie die Entstehung der Renaissance. Die größte jüdische Gemeinde Europas befand sich im 16. Jahrhundert in Konstantinopel, dem späteren Istanbul. Dort lebten unter anderem Romanioten, aschkenasische Juden, osteuropäische Juden und Karäer.
Osteuropa, Pogrome und Auswanderung
Seit den Kreuzzügen des 13. Jahrhunderts und den Pestpogromen des 14. Jahrhunderts hatte sich in Osteuropa ein Zentrum autonomen jüdischen Lebens gebildet. Viele aschkenasische Juden, also Juden mit Herkunft aus Mittel- und Osteuropa, flohen aus Mitteleuropa nach Polen und Russland. Um 1648 lebten in Polen über 500.000 Juden. Sie bewahrten innerhalb des Königreichs ihre Autonomie und machten Polen zu einem Zentrum jüdischen Lebens.
Zwischen 1648 und 1658 kam es in der Ukraine zu Pogromen, die nach dem Aufstand des Kosakenführers Bohdan Chmelnyzkyj einsetzten. Pogrome sind gewaltsame Ausschreitungen gegen eine Minderheit, hier gegen jüdische Gemeinden.
Der Zerfall des polnischen Staates und die Teilungen Polens führten zu Beginn des 19. Jahrhunderts dazu, dass die ursprünglich einheitliche jüdische Bevölkerung Osteuropas in verschiedenen politischen Einflussgebieten lebte. Ein Teil wurde Bürger des Habsburgerreichs oder Preußens. Der größere Teil lebte im zaristischen Russland, wo die Ansiedlung auf den sogenannten Ansiedlungsrayon beschränkt war und Juden politisch nahezu rechtlos waren.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich ihre Lage in Osteuropa stark. In Russland kam es zu zahlreichen Pogromen, die gegen Ende des Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichten und bis zur Russischen Revolution 1917 immer wieder aufflammten. Zwischen 1890 und dem Ende des Ersten Weltkriegs wanderten infolge der Pogrome rund zwei Millionen Juden aus Russland in die Vereinigten Staaten aus. Um 1780 lebten dort schätzungsweise 2000 Juden, um 1880 fast 250.000. In den folgenden vierzig Jahren kamen nochmals drei Millionen Juden, vor allem aus Osteuropa. Der große Zustrom endete erst 1924 mit Einwanderungsbeschränkungen. Nach 1933 wurden die USA ein wichtiger Zufluchtsort für Juden aus West- und Osteuropa, doch nicht alle wurden aufgenommen; manche Flüchtlingsschiffe wurden abgewiesen.
Aufklärung und innere Reformen
Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts hatte widersprüchliche Folgen für Juden. Einerseits wurde das Individuum unabhängig von Religion und Abstammung als menschliches Wesen respektiert. Andererseits waren viele Aufklärer nicht bereit, historisch gewachsene Gruppen anzuerkennen, wenn diese ihre eigene Identität bewahren wollten. Juden, die in die Gesellschaft aufgenommen werden, aber Juden bleiben wollten, wurden deshalb häufig misstrauisch betrachtet.
Lessing vertrat ein Toleranzideal, das die Identität des Menschen achtete. Herder verlangte dagegen von Juden Anpassung, damit sie nach europäischen Gesetzen lebten und zum Besten des Staates beitrügen. Neben der Angst vor einem „Staat im Staate“ wirkten auch antikirchliche Strömungen mit: Einige Deisten und Religionsgegner griffen die christlichen Kirchen an, indem sie das Alte Testament als jüdische Fälschung bezeichneten. Dabei wurden antisemitische Stereotype neu belebt, etwa bei Voltaire oder Johann Gottlieb Fichte.
Andere Konzepte zielten auf die „Besserung“ der Juden. Sie erkannten zwar Verantwortung für Verfolgung, Isolation und Diskriminierung an, blieben aber von alten Vorurteilen geprägt. Integrationsmodelle, etwa von C. W. Dohm, sollten Nachteile in Bildung und Beruf verringern, wollten aber zugleich die Unterschiede zwischen Juden und ihrer Umwelt möglichst stark reduzieren.
Anfang des 19. Jahrhunderts entstand in Deutschland eine Reformbewegung des Judentums, beeinflusst von der jüdischen Aufklärung Haskala. Sie führte zu einer religiösen Erneuerung, die bis heute besonders in Nordamerika fortbesteht. Israel Jacobson gründete 1810 in Seesen und später in Kassel eine reformorientierte Schulsynagoge. In Berlin und Hamburg entstanden Gemeinden mit Reformsynagogen, die sie Tempel nannten.
Emanzipation und ihre Grenzen
Seit der Französischen Revolution von 1789 erhielten Juden in Europa nach und nach Bürgerrechte und wurden zunehmend rechtlich gleichgestellt. In Frankreich verlieh die Nationalversammlung den Juden 1791 das Wahlrecht. In Deutschland verstanden sich viele als deutsche Bürger jüdischen Glaubens. Manche Juden traten zum Christentum über; einzelne jüdische Familien wurden in den erblichen Adelsstand erhoben, zum Beispiel die Oppenheims, die Familie Hirsch auf Gereuth in Bayern 1815 oder die Rothschilds in Österreich 1822. In England wurde erst 1885 mit Nathaniel de Rothschild der erste praktizierende Jude zum Lord erhoben.
Viele Juden zeigten ihr Bekenntnis zu Deutschland durch Teilnahme an den Befreiungskriegen 1813 bis 1815, am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und am Ersten Weltkrieg. Im 19. Jahrhundert passten sich Juden in vielen Bereichen ihrer christlichen Umwelt an. Sie waren Mitglieder in Feuerwehren oder Schützenvereinen, stellten Bürgermeister und wurden in Teilen des öffentlichen Lebens akzeptiert. Christen nahmen etwa an Synagogeneinweihungen teil oder verlegten, wie die Stadt Oberkirchen 1854, einen Markttag, wenn er auf einen jüdischen Feiertag fiel.
Juden blieben in Deutschland eine Minderheit von weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig war der Anteil von Menschen mit jüdischem Hintergrund in Wissenschaft, Kunst, Medizin, Recht, Musik und Politik überproportional hoch. Genannt werden Felix Mendelssohn Bartholdy, Karl Marx, Wilhelm und Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Sigmund Freud und Albert Einstein. Viele standen Religion und jüdischem Gemeindeleben ablehnend oder fremd gegenüber. Bis 1933 hatten unter 40 deutschen Nobelpreisträgern elf einen jüdischen Hintergrund.
Die Emanzipation blieb jedoch gefährdet. Selbst jüdische Soldaten und Offiziere im Ersten Weltkrieg wurden durch die sogenannte Judenzählung gesondert erfasst. Einige erhielten hohe Orden, allerdings unterproportional. Der Abschnitt macht damit deutlich: Rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Integration konnten Vorurteile und Ausgrenzung nicht vollständig überwinden.