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Geschichte der Juden in Ostfriesland

Bis zum Novemberpogrom 1938 verließen etwa die Hälfte der im Regierungsbezirk Aurich ansässigen Juden ihre Ostfriesische Heimat. Novemberpogrome 1938.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernüberblick
  2. 2. Ansiedlung und Gemeindeleben
  3. 3. Rechte und Einschränkungen bis 1901
  4. 4. Schulen, Synagogen und Bevölkerung
  5. 5. Antisemitismus und Verfolgung
  6. 6. Pogrom, Deportation und Nachgeschichte

Kernüberblick

Die Geschichte der Juden in Ostfriesland umfasst mehr als 400 Jahre, beginnend mit historisch belegten Ansiedlungen im 16. Jahrhundert. Ostfriesland war in der frühen Neuzeit das einzige Gebiet in Nordwestdeutschland, in dem Juden geduldet wurden. Deshalb entstanden dort vergleichsweise früh dauerhafte jüdische Gemeinden, vor allem in Städten und Flecken wie Emden, Norden, Leer, Aurich, Esens, Wittmund, Neustadtgödens, Weener, Bunde und Dornum.

Die rechtliche Lage der Juden hing lange von Herrschaftswechseln ab. Unter den ostfriesischen Grafen und Fürsten lebten sie nicht als gleichberechtigte Bürger, sondern unter Schutzbriefen oder Generalprivilegien. Diese regelten Schutz, Religionsausübung, Bestattung, Handel, Zu- und Wegzug sowie die innere Organisation der Gemeinden. Nach 1744 wurden die ostfriesischen Juden preußische Staatsbürger, doch die preußische Judengesetzgebung verschlechterte ihre Lage deutlich. Im 19. Jahrhundert wechselte Ostfriesland mehrfach die staatliche Zugehörigkeit, was immer wieder neue rechtliche Rahmenbedingungen brachte.

Bis 1870 erhielten Juden in Ostfriesland durch neue Gesetze schließlich Bürgerrechte. Die letzten rechtlichen Diskriminierungen wurden bis zum Ende des Ersten Weltkrieges beseitigt. Ab Mitte der 1920er Jahre nahmen antisemitische Vorfälle wieder zu. In der NS-Zeit wurden Juden entrechtet, wirtschaftlich verdrängt, vertrieben und ermordet. 1940 erstarb das jüdische Leben in Ostfriesland endgültig. Von den bei der Volkszählung vom 16. Juni 1925 erfassten Juden in Ostfriesland wurden ungefähr 50 Prozent während des Holocaust ermordet, also etwa 1000 von 2146. Die wenigen heute in Ostfriesland lebenden Juden gehören zur jüdischen Gemeinde in Oldenburg.

Ansiedlung und Gemeindeleben

Wann sich die ersten Juden in Ostfriesland niederließen, ist unbekannt. Eine mittelalterliche Ansiedlung wird in Legenden mit Ocko I. tom Brok verbunden, ist aber nicht belegbar und umstritten. Historisch gesichert begann die Ansiedlung Mitte des 16. Jahrhunderts in den Hafenstädten. Emden war besonders wichtig, weil die Stadt durch den atlantischen Fernhandel ein attraktives Ziel für jüdische Zuwanderer wurde. Um 1530 ließen sich erste Juden in den Vorstädten von Emden nieder, 1577 auch in Norden. Bis Anfang des 17. Jahrhunderts war ihre Lage unsicher, doch Emden begann 1613, eigene Judenschutzbriefe auszustellen. Dadurch stabilisierte sich die Gemeinde und wurde zur größten jüdischen Gemeinde im nordwestlichen Niedersachsen.

Jüdische Gemeinden wurden von gewählten Vorstehern geleitet; geistliches Oberhaupt war der Landesrabbiner. In kleineren Gemeinden spielte der jüdische Lehrer eine zentrale Rolle: Er unterrichtete, war Vorbeter im Gottesdienst und sorgte als Schächter für koscheres Fleisch. Da Juden in Ostfriesland lange nicht als Handwerker oder Bauern arbeiten durften, waren sie häufig als Händler, Schlachter und Viehhändler tätig. Obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung nur etwa 1 Prozent betrug, waren Märkte ohne jüdische Händler und Schlachter kaum denkbar. Die meisten ostfriesischen Juden lebten in einfachen oder durchschnittlichen Verhältnissen.

Im Dreißigjährigen Krieg brachte der hohe Geldbedarf der Kriegsparteien kapitalkräftigen Juden einerseits ein Bleiberecht, andererseits hohe finanzielle Belastungen. 1629 zahlten die Emder Juden als Vertreter der jüdischen Gemeinden Ostfrieslands insgesamt etwa 2380 Gulden an Schutzgeld, Torfgeld und Verbrauchssteuern, dazu weitere Abgaben. Bis 1744 war die Lage im Vergleich zu vielen anderen Regionen dennoch relativ günstig: 1645 erlaubte ein Generalgeleitsbrief ein Leben nach eigener „jüdischer Ordnung“, 1670 wurden Gottesdienste in Wohnungen oder Synagogen sowie jüdische Bestattungen ausdrücklich erlaubt. Trotzdem blieben Juden ohne Bürgerrechte und unter Sondergesetzen.

Rechte und Einschränkungen bis 1901

Mit der Übernahme Ostfrieslands durch Preußen 1744 verschlechterte sich die Lage der Juden deutlich. Die preußische Regierung wollte den jüdischen Bevölkerungsanteil senken. Abgaben wurden erhöht, Immobilienbesitz wurde verboten, und jüdische Gewerbetreibende unterlagen vielen Einschränkungen. Ein Schutzbrief war nur an den ältesten Sohn vererbbar; zwei weitere Söhne konnten ihn gegen 80 Taler erwerben, während andere unverheiratet bleiben oder auswandern sollten. An Zollschranken mussten Juden den erniedrigenden Leibzoll zahlen, der sonst für Vieh üblich war. Das Ziel, die Zahl der Juden zu verringern, wurde zwar nicht erreicht, aber viele jüdische Familien verarmten. 1765 lebten zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung unter sehr schlechten Bedingungen.

Unter französischem Einfluss verbesserte sich die rechtliche Lage stark. Nach der Eingliederung Ostfrieslands in das Königreich Holland und später in das französische Kaiserreich erhielten Juden durch Dekrete vom 4. Juni 1808 und 23. Januar 1811 Bürgerrechte und völlige Gleichberechtigung. In Aurich entstand in dieser Zeit eine Synagoge, die am 13. September 1811 geweiht wurde. Nach Napoleons Niederlage galt in Ostfriesland wieder das preußische Judenedikt vom 11. März 1812: Juden wurden vollberechtigte Staatsbürger, wenn sie feste Familiennamen annahmen und sich der Wehrpflicht unterwarfen.

Nach dem Wiener Kongress 1814/1815 kam Ostfriesland an das Königreich Hannover. Die Rechtslage wurde unklar. Der Schutzjudenstatus wurde in Ostfriesland zwar nicht wieder eingeführt, aber seit 1824 brauchten Juden für Niederlassung und Heirat einen „oberlandespolizeilichen Erlaubnisschein“. Wahlrecht und städtische Ämter blieben ihnen verwehrt. Erst das Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Juden vom 30. September 1842 schuf eine einheitliche Grundlage: Juden durften ihren Wohnort wählen und verschiedene Berufe ausüben, erhielten aber noch keine politischen Rechte. Nach der preußischen Annexion Hannovers 1866 wurde Ostfriesland erneut preußisch. Bis 1870 brachten neue Gesetze Bürgerrechte. Danach konnten Juden in Stadträte gewählt werden, Vereinen und Handelskammern angehören und öffentlich stärker am bürgerlichen Leben teilnehmen.

Schulen, Synagogen und Bevölkerung

Das jüdische Leben in Ostfriesland war durch Synagogen, Friedhöfe, Schulen und Gemeindestrukturen geprägt. Es gab 11 ostfriesische Synagogengemeinden und eine Außenstelle der Norder Gemeinde auf Norderney. Die Aufsicht lag bei örtlichen Magistraten oder Gemeindevertretungen, der Regierung beziehungsweise Landdrostei in Aurich und dem Landesrabbinat in Emden. Das Landesrabbinat Emden war zeitweise auch für Osnabrück zuständig; 1939 hob die NS-Obrigkeit die Landrabbinate auf.

Bis zum Untergang der jüdischen Gemeinden in der NS-Zeit bestanden in Ostfriesland bis zu zehn jüdische Elementarschulen. Sie wurden unter anderem in Aurich, Bunde, Emden, Esens, Leer, Neustadtgödens, Norden, Weener und Wittmund getragen. Wegen schwankender Schülerzahlen konnten sie nicht immer regulären Unterricht anbieten; manche beschränkten sich auf Religionsunterricht, während der Elementarunterricht an öffentlichen Schulen stattfand. Die erste jüdische Elementarschule Ostfrieslands eröffnete 1803 in Leer. Ab 1842 wurde das jüdische Schulwesen im Königreich Hannover neu geregelt. Die Gemeinden waren für Organisation, Verwaltung und Bezahlung qualifizierter Lehrkräfte verantwortlich. Unterrichtssprache war laut Dekret von 1831 Deutsch. In Aurich wurden daneben unter anderem Hebräisch, Pentateuch in der Ursprache, biblische Geschichte, Religionskenntnisse, Schreiben, Rechnen, Geographie und Weltgeschichte unterrichtet.

Zuverlässige Bevölkerungszahlen liegen besonders für 1833 bis 1925 vor. 1833 lebten unter 153.671 Einwohnern 2079 Juden in Ostfriesland, ein Anteil von 1,35 Prozent. 1867 waren es 2516 von 193.876 Einwohnern, also 1,30 Prozent. 1925 lag der Anteil bei 0,84 Prozent; die Tabelle nennt 2456 jüdische Einwohner bei 290.517 Einwohnern. Emden war zahlenmäßig die größte Gemeinde mit 700 Mitgliedern, Dornum hatte mit 7,3 Prozent den höchsten jüdischen Anteil an der Ortsbevölkerung. Viele Synagogen wurden 1938 zerstört, einige waren vorher verkauft oder abgebrochen worden. Erhalten ist unter anderem die Synagoge Dornum, die heute als Museum genutzt wird.

Antisemitismus und Verfolgung

Antisemitismus trat schon vor 1933 auf, besonders als Bäder-Antisemitismus. Auf Borkum warb man Ende des 19. Jahrhunderts offen mit „judenfrei“. Das Borkumlied enthielt antisemitische Verse und wurde von der Kurkapelle gespielt. An Hotels hingen Schilder wie „Juden und Hunde dürfen hier nicht herein!“. Ein Reiseführer von 1910 riet „Israeliten“ vom Besuch Borkums ab. Norderney blieb zunächst ein Ort, an dem jüdische Gäste eher Urlaub machen konnten, doch auch dort verschlechterte sich die Lage in den 1920er Jahren.

In der Weimarer Republik häuften sich antisemitische Vorfälle. Pastor Ludwig Münchmeyer aus Borkum verbreitete antisemitische Hetzreden. 1926 kam es auf dem Leeraner Viehmarkt zu Handgreiflichkeiten zwischen Studenten mit Hakenkreuz an der Jacke und jüdischen Viehhändlern. Während der Weltwirtschaftskrise richteten sich Vorurteile besonders gegen jüdische Viehhändler.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann in Ostfriesland die offene staatliche Verfolgung besonders früh. Bereits am 28. März 1933, vier Tage früher als in anderen Teilen des Deutschen Reiches, postierte sich die SA vor jüdischen Geschäften. In Emden wurden 26 Schaufensterscheiben eingeworfen. Gleichzeitig erließ Anton Bleeker ein Schächtverbot für alle ostfriesischen Schlachthöfe und ließ Schächtmesser öffentlich verbrennen. Boykotte, Hetzartikel und öffentliche Anprangerung von Kunden jüdischer Geschäfte verschlechterten die wirtschaftliche Lage jüdischer Geschäftsleute so stark, dass viele Geschäfte aufgegeben und „arisiert“ wurden. Auf Viehmärkten wurden Juden abgesondert, in Norden kam es zu öffentlichen Demütigungen wegen angeblicher „Rasseschändung“. Bis zum Novemberpogrom 1938 verließ etwa die Hälfte der Juden im Regierungsbezirk Aurich ihre ostfriesische Heimat.

Pogrom, Deportation und Nachgeschichte

Die Novemberpogrome 1938 wurden in Ostfriesland organisiert durchgeführt. Nach der antisemitischen Rede Joseph Goebbels’ am 9. November 1938 gingen Befehle über NSDAP- und SA-Strukturen an die örtlichen Stellen. In der Nacht wurden die Synagogen von Aurich, Emden, Esens, Leer, Norden und Weener zerstört. Andere Synagogen waren bereits verkauft, baufällig oder anders genutzt. In Emden starb ein Jude an den Folgen eines Lungendurchschusses. Männer wurden verhaftet, misshandelt, zu Aufräumarbeiten gezwungen und nach Oldenburg gebracht. Am 11. November wurden etwa 1000 jüdische Ostfriesen, Oldenburger und Bremer über Berlin nach Oranienburg transportiert und in das Konzentrationslager Sachsenhausen getrieben. Die Freilassung erfolgte meist erst, nachdem sie sich zur Auswanderung verpflichtet hatten.

1940 mussten die letzten Juden Ostfriesland verlassen. Eine Weisung der Gestapo-Leitstelle Wilhelmshaven verlangte, dass Juden Ostfriesland bis zum 1. April 1940 verlassen sollten; nur Menschen über 70 Jahre durften im jüdischen Altenheim in Emden bleiben. Zwischen Januar und März 1940 wurden 843 Juden aus dem Regierungsbezirk Aurich und dem Land Oldenburg zur Umsiedlung in andere Regionen Deutschlands gezwungen. Im April 1940 meldeten ostfriesische Städte und Landgemeinden, sie seien „judenfrei“. Am 23. Oktober 1941 wurden 122 Emder Juden in das Ghetto Łódź deportiert. Weitere Menschen wurden nach Theresienstadt gebracht. Viele zuvor vertriebene Juden aus dem Weser-Ems-Gebiet wurden am 18. November 1941 nach Minsk deportiert und dort bis Juli 1942 fast ausnahmslos durch Arbeit vernichtet oder ermordet. Eine genaue Zahl der ermordeten ostfriesischen Juden ist nicht zu ermitteln; ungefähr 1000 gelten als getötet.

Nach 1945 kehrte nur eine kleine Zahl zurück. Bis 1947 kamen 13 Juden nach Emden zurück und gründeten 1949 eine neue Synagogengemeinde als Verein; sie löste sich 1984 auf. 1947 wurden außerdem 2342 jüdische Flüchtlinge des Schiffes Exodus aus dem Lager Pöppendorf nach Emden gebracht. Nach der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 wurden die Einwanderungsbeschränkungen bald aufgehoben, und Mitte Juli 1948 wurde das Emder Lager geräumt. Heute wird jüdische Religion in Ostfriesland kaum öffentlich praktiziert. In vielen Orten entstanden Gedenksteine, Arbeitskreise, Ausstellungen und Gedenkstätten, etwa im August-Gottschalk-Haus in Esens, in Dornum und in der Ehemaligen Jüdischen Schule Leer. Die juristische Aufarbeitung der Novemberpogrome erfolgte vor allem 1949/50, endete aber häufig mit milden Strafen, Amnestien, Freisprüchen oder Verfahrenseinstellungen.

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