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Geschichte der Geschichtswissenschaft

Diese Entwicklung verlief nicht gleichförmig, so wurde das Fundament der Quellenkritik für die Altertumswissenschaft bereits in der Renaissance gelegt.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Entstehung
  2. 2. Historismus und Methodenstreit im 19. Jahrhundert
  3. 3. Universitäten und Institutionen
  4. 4. Sozial-, Kultur- und Alltagsgeschichte im 20. Jahrhundert
  5. 5. Neue Perspektiven und Forschungsfelder

Gegenstand und Entstehung

Die Geschichte der Geschichtswissenschaft ist ein Teil der Wissenschaftsgeschichte. Sie untersucht, wie sich Geschichtsschreibung und die wissenschaftliche Beschäftigung mit Vergangenheit entwickelt haben.

Geschichtsschreibung gibt es bereits seit der Antike. Frühere Werke waren jedoch meist praktischer Natur, etwa kommentierte Herrscherlisten oder astronomische Kalender, oder wurden als Literaturgattung verfasst und aufgenommen. Einzelne Autoren entwickelten zwar schon früher Ansätze zu einer wissenschaftlichen und methodischen Untersuchung der Vergangenheit. Eine systematische und allgemein anerkannte wissenschaftliche Methodik entstand aber erst Anfang des 19. Jahrhunderts.

Das Fundament der Quellenkritik für die Altertumswissenschaft wurde bereits in der Renaissance gelegt. Im 19. Jahrhundert entwickelten Wilhelm Wachsmuth und Johann Gustav Droysen grundlegende methodische Anleitungen für das Geschichtsstudium, die sogenannte Historik. Gleichzeitig wurde Geschichte als akademisches Fach institutionalisiert. Sie war zunächst eine Teildisziplin etwa der Rechtswissenschaft, etablierte sich dann aber als eigenständige wissenschaftliche Disziplin.

Historismus und Methodenstreit im 19. Jahrhundert

Mit den preußischen Reformen von 1810 unter Wilhelm von Humboldt begann sich Geschichte als wissenschaftliche Disziplin stärker zu etablieren. Das damit verbundene wissenschaftliche Konzept wird als Historismus bezeichnet. Barthold Georg Niebuhr setzte es in seiner Römischen Geschichte von 1812 erstmals praktisch um. Die Entwicklung stand im Zusammenhang mit der Reorganisation des preußischen Staatswesens und einer antinapoleonischen Zielstellung.

Leopold von Ranke entwickelte später eine quellenkritische Methode. Sie verband die erzählende Geschichtsschreibung der Aufklärung mit einer Methode, die Geschichte auf die Grundlage der überlieferten Quellen stellte. Die Quellenkritik hatte dabei das Primat. Geschichtswissenschaft besitzt nach dieser Auffassung keine literarische Aufgabe, auch wenn gute Wissenschaftsprosa öffentlich anerkannt werden kann. Theodor Mommsen erhielt 1902 für seine Römische Geschichte den Nobelpreis für Literatur.

Die Geschichtsschreibung war lange vor allem Personen- und Staatengeschichte. Kulturgeschichte sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte galten in der deutschen Fachwissenschaft überwiegend als nachrangig. Eine Ausnahme bildete Johannes Janssen, der die sozialen Folgen der Reformation hervorhob; dabei spielten konfessionelle Besonderheiten eine Rolle.

Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein grundlegender Methodenstreit um Karl Lamprecht. Für ihn waren Personen und Staaten gegenüber kulturellen und sozialen Prozessen nachrangig. Seine Gegner, unter ihnen Georg von Below, Felix Rachfahl, Heinrich Rickert und Max Lenz, warfen ihm unter anderem Positivismus und Materialismus vor. Die Auseinandersetzungen waren teilweise offen feindselig. In diesem Zusammenhang wurde auch von einer „Krise der Geschichtswissenschaft“ gesprochen, weil die deskriptive Methode der Geschichtswissenschaft durch die generische Methode der Naturwissenschaft infrage gestellt wurde.

Wirtschafts- und Sozialgeschichte wurde in Deutschland dennoch betrieben. Seit etwa 1850 beschäftigte sich die Historische Schule der Nationalökonomie, zu der Gustav von Schmoller gehörte, ausdrücklich mit sozialen Fragen und strebte eine praxisnahe Wissenschaft zur Lösung zeitgenössischer Probleme an. Lamprecht suchte angesichts der sozialen Anforderungen der Industrialisierung nach weiteren methodischen Alternativen. Unter dem Einfluss Wilhelm Wundts und dessen Völkerpsychologie wollte er Kulturzeitalter aus der psychischen Beschaffenheit eines Volkes erklären. Daraus entwickelte er die Theorie der Psychogenese. Für die Universalgeschichtsschreibung wurde dieser Ansatz in der Regel verworfen.

In Westeuropa und den Vereinigten Staaten verlief die Entwicklung zunächst ähnlich: Auch dort dominierte Staatengeschichte. Lamprechts Ansatz wurde außerhalb Deutschlands jedoch positiver aufgenommen, weil er die Entwicklung sozialer Verhältnisse stärker berücksichtigte. Besonders viele ausländische Studenten studierten deshalb in Leipzig bei Lamprecht. In der westlichen Geschichtsschreibung wirkte außerdem der Positivismus von Auguste Comte und Henry Thomas Buckle stärker, während er in Deutschland weitgehend abgelehnt wurde.

Universitäten und Institutionen

Im 19. Jahrhundert wandelten sich die Universitäten. Geschichte wurde nicht mehr nur im Rahmen der Philosophie und der Rechtswissenschaft gelehrt, sondern entwickelte sich zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin. Dazu gehörten sowohl der Aufbau institutioneller Strukturen als auch die Professionalisierung: Es entstanden geregelte Ausbildungen für Fachhistoriker und Lehrer.

In Deutschland begann die Institutionalisierung bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den USA und in Frankreich setzte sie Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. In Großbritannien erfolgte dieser Schritt erst kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts.

Neben dem Ausbau universitärer Lehrstühle wurden weitere Forschungseinrichtungen gegründet. Ein Beispiel sind die Monumenta Germaniae Historica von 1819. Die Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien wurde 1951 gegründet.

Sozial-, Kultur- und Alltagsgeschichte im 20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandte sich die Geschichtswissenschaft verstärkt der Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu, ohne die politische Geschichte aufzugeben. Maßgeblich beeinflussten Karl Lamprecht und der Begründer der Soziologie, Max Weber, diese Entwicklung. Die Sozialgeschichte untersuchte zunächst vor allem gesellschaftliche Strukturen. Daraus entstand eine historische Sozialwissenschaft, die Geschichtswissenschaft und Soziologie enger miteinander verband und die Soziologie als grundlegende Disziplin aufwertete.

Nach 1945 gehörten unter anderem Werner Conze, Jürgen Kocka, Wolfgang Köllmann, Reinhart Koselleck, Thomas Nipperdey und Hans-Ulrich Wehler zu den bedeutenden deutschen Vertretern der Sozialgeschichte. Eine wichtige internationale Strömung war die französische Annales-Schule. Sie bezog Methoden benachbarter Disziplinen wie Soziologie und Geographie in die Geschichtsforschung ein und war eng mit der späteren École des hautes études en sciences sociales in Paris verbunden. In der marxistischen Geschichtsschreibung wurde der sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekt besonders betont, weil die Produktionsverhältnisse als außerordentlich bedeutsam galten.

In den 1980er Jahren verschob sich der Schwerpunkt deutlich zur Alltagsgeschichte. In der amerikanischen Sozialgeschichtsforschung wurden seit Beginn dieses Jahrzehnts zu einzelnen Aspekten der jüngeren Alltagsgeschichte mündliche Quellen erzeugt. Zeitzeugen wurden möglichst ohne Beeinflussung zum Sprechen gebracht; die Bandaufnahmen wurden anschließend transkribiert. Dieses Verfahren wird Oral History genannt.

Neue Perspektiven und Forschungsfelder

Ebenfalls in den 1980er Jahren kam es zum sogenannten paradigm breakdown, auf Deutsch Paradigmenwechsel, beziehungsweise zum linguistic turn in den Sozialwissenschaften. Unter dem Einfluss von Postmodernismus und Poststrukturalismus wandte man sich von dem Anspruch ab, historische Wahrheiten hinter Sprache und Diskurs aufzudecken. Stattdessen wurde der Diskurs selbst als Ausdruck sozialer Bedeutung untersucht. Als Wegbereiter gelten Michel Foucault und der Geschichtstheoretiker Hayden White.

In der Folge entstanden zahlreiche neue Fragestellungen und Methoden, darunter die Neue Kulturgeschichte, die Historische Anthropologie, die Mikrogeschichte sowie Frauengeschichte und Geschlechterforschung im Rahmen der Gender Studies. Zugleich blieben die Alte Geschichte, die Mediävistik und die Geschichte der Frühen Neuzeit wichtige Arbeitsfelder. Für die Mittelalterforschung entstand seit den 1960er Jahren die Personenforschung der „Freiburger Schule“. Sie befasste sich vor allem mit der bis dahin stark vernachlässigten Quellengattung der Memorialüberlieferung.

Seit den 1990er Jahren wird zunehmend von Globalgeschichte oder Global History statt von Weltgeschichte gesprochen. Damit soll der nationalstaatliche Blickwinkel der Weltgeschichtsschreibung überwunden werden. Ein ähnliches Ziel verfolgen die Transnationale Geschichte und die Histoire croisée beziehungsweise Entangled history.

Zur Geschichtswissenschaft gehören außerdem Untersuchungen zur Geschichte der Volkstumsforschung und des Nationalsozialismus, etwa zur Aktion Ritterbusch und zur Ostforschung. Zu wichtigen fachinternen Auseinandersetzungen zählen die Fischer-Kontroverse, der Historikerstreit und die Debatte über die Neuen israelischen Historiker.

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