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Geschichte Deutschlands
Die Geschichte Deutschlands oder Deutsche Geschichte beginnt nach herkömmlicher Auffassung mit der Entstehung des römisch-deutschen Königtums im 10./11.
Inhalt6 Abschnitte
Grundlinien und frühe Besiedlung
Deutsche Geschichte beginnt nach herkömmlicher Auffassung mit dem römisch-deutschen Königtum des 10./11. Jahrhunderts, nicht mit einem schon bestehenden „Staat der Deutschen“. Die deutsche Sprache ist seit dem 8. Jahrhundert als eigenständige, dialektreiche Sprache fassbar. Das spätere Deutschland wurde von Nachfahren von Germanen und Kelten, im Westen auch von römischen Siedlern und im Osten von westslawischen Gruppen geprägt.
Das Gebiet des heutigen Deutschlands war jedoch sehr viel früher besiedelt. Der über 11 Millionen Jahre alte Danuvius gilt wohl als einer der ersten aufrecht gehenden menschlichen Vorfahren. Der Unterkiefer von Mauer ist etwa 600.000 Jahre alt und das Typusexemplar von Homo heidelbergensis. Aus ihm gingen früher und klassischer Neandertaler hervor. Wegen extremer Kaltzeiten war Mitteleuropa mehrfach unbewohnt; erst seit etwa 13.500 v. Chr. ist es ohne Unterbrechung besiedelt. Funde des modernen Menschen stammen unter anderem aus Ranis und der Schwäbischen Alb. Die Venus vom Hohlefels ist 35.000 bis 40.000 Jahre alt und eine weltweit älteste gesicherte Menschendarstellung.
Ab etwa 5500 v. Chr. setzten sich bäuerliche Kulturen mit Ackerbau, Viehhaltung und festen Siedlungen durch. Die linearbandkeramische, schnurkeramische und Glockenbecherkultur sind nach archäologischen Funden benannt. Aus der Bronzezeit stammt die 3700–4100 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra, die als älteste Himmelsdarstellung gilt.
In Antike und Spätantike bezeichneten griechische und römische Autoren verschiedene Gruppen als „Germanen“. Dies war kein einheitliches Volk und keine gemeinsame Identität. Um 500 v. Chr. war Süddeutschland vorwiegend keltisch, Norddeutschland germanisch besiedelt. Westlich des Rheins und südlich der Donau gehörten Gebiete von etwa 50 v. Chr. bis ins frühe 5. Jahrhundert zum Römischen Reich; Städte wie Trier, Köln, Bonn, Worms und Augsburg gehen auf die Römer zurück. Nach dem Limesfall 259/60 und der Völkerwanderung entstanden neue, sozial und politisch gebildete Verbände wie Alamannen, Bajuwaren, Franken und Sachsen. Die Ethnogenese bezeichnet diesen sozialen Prozess der Identitätsbildung, nicht eine biologische Abstammung.
Mittelalterliches Reich und territoriale Ordnung
Das Frankenreich der Merowinger und Karolinger war die wichtigste Grundlage der späteren Entwicklung. Karl der Große regierte 768 bis 814 und erneuerte 800 die westliche Kaiserwürde. Der Vertrag von Verdun teilte das Reich 843: Das Ostfrankenreich wurde zur Keimzelle des späteren Deutschlands, ohne dass damals bereits eine deutsche Identität bestand. Mit dem Tod Ludwigs des Kindes endete 911 die ostfränkische Karolingerherrschaft.
Unter den Ottonen gewann das Reich an Bedeutung. Otto I. besiegte 955 die Ungarn auf dem Lechfeld und wurde 962 zum Kaiser gekrönt. Die Herrscher stützten sich auf die Reichskirche, also auf die enge Verbindung von Königsherrschaft und Kirche. Das Reich verstand sich als Fortsetzung des antiken Römischen Reichs und erhob einen universalen, nicht nationalen Anspruch. Konflikte zwischen Kaiser und Papst, besonders der Investiturstreit unter den Saliern, schwächten die Königsmacht; 1122 regelte das Wormser Konkordat den Ausgleich.
Die Staufer versuchten erneut, kaiserliche Macht besonders in Italien durchzusetzen. Friedrich I. Barbarossa musste nach Legnano Zugeständnisse machen. Unter Friedrich II. wurden 1220 und 1231/32 Fürstenrechte anerkannt. Damit wuchs die Macht der Landesherren dauerhaft. Nach dem Ende der Staufer 1254 setzte sich das Wahlkönigtum durch. Habsburger, Luxemburger und Wittelsbacher bauten ihre Hausmacht aus. Die Goldene Bulle von 1356 regelte die Königswahl durch die Kurfürsten nach dem Mehrheitsprinzip und sollte Gegenkönige verhindern.
Das Reich blieb im Gegensatz zu England und Frankreich dezentralisiert. Es bestand aus vielen Territorien und Städten; diese Struktur gilt als wichtige Wurzel des deutschen Föderalismus. Das Spätmittelalter brachte Krisen wie Hungersnöte, den Schwarzen Tod und Judenverfolgungen, aber auch wachsenden Handel und Städte, besonders die Hanse. Seit 1438 stellten die Habsburger bis 1740 und erneut von 1745 bis 1806 fast durchgehend den römischen König.
Frühe Neuzeit bis zur Reichsgründung
Die Reformation begann 1517 mit Martin Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 regelte das Verhältnis der Konfessionen; sein später formulierter Grundsatz lautet Cuius regio, eius religio. Die Gegensätze zwischen katholischen und protestantischen Mächten mündeten 1618 in den Dreißigjährigen Krieg. Der Westfälische Frieden vom 24. Oktober 1648 bestätigte die Landeshoheit der Reichsstände und den Augsburger Religionsfrieden, schränkte den Kaiser weiter ein und erkannte die Unabhängigkeit der Niederlande und der Schweiz an. Große Teile des Reiches waren verwüstet; die Vorkriegsbevölkerung wurde erst um 1750 wieder erreicht.
Nach 1648 entstanden absolutistische Staaten. Brandenburg-Preußen stieg seit Kurfürst Friedrich Wilhelm auf; Friedrich III. krönte sich 1701 zu Friedrich I. in Preußen. Der preußisch-österreichische Dualismus prägte die deutsche Politik bis 1866. Im Zuge der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege verlor das Heilige Römische Reich seine Grundlage: Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 führte zu Säkularisation und Mediatisierung, 1806 dankte Franz II. ab. Das Reich endete.
Nach Napoleons Niederlage entstand 1815 der Deutsche Bund, ein Staatenbund souveräner Mitglieder mit Bundestag in Frankfurt am Main. Forderungen nach Freiheit, Verfassung und Einheit wurden durch Karlsbader Beschlüsse von 1819 mit Zensur, Universitätsüberwachung und dem Verbot der Burschenschaften unterdrückt. Sozialer Notstand und politische Forderungen trugen zur Revolution von 1848/49 bei. Die Frankfurter Nationalversammlung erarbeitete die Paulskirchenverfassung; Friedrich Wilhelm IV. lehnte jedoch die Kaiserkrone ab, und die Revolution wurde niedergeschlagen. Grundrechte und Bundesstaatlichkeit dieser Verfassung wirkten später auf die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz.
Industrialisierung, Zollverein von 1834 und Eisenbahnbau schufen einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Im Deutschen Krieg 1866 besiegte Preußen Österreich bei Königgrätz; der Deutsche Bund wurde aufgelöst. Der Norddeutsche Bund entstand unter preußischer Führung. Nach dem Sieg über Frankreich 1870/71 wurde Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles Deutscher Kaiser. Das Kaiserreich verband föderale Elemente mit preußischem Übergewicht. Bismarck führte unter anderem Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884 und Rentenversicherung 1889 ein. Nach 1890 verbanden sich wirtschaftliche Stärke, Reichsnationalismus, Kolonialpolitik und Flottenrüstung mit Weltmachtstreben; dies verschärfte internationale Spannungen.
Weltkriege, Republik und NS-Diktatur
Der Erste Weltkrieg begann nach der Julikrise 1914. Deutschland erklärte Russland am 1. August und Frankreich am 3. August den Krieg; der Einmarsch in Belgien führte am 4. August zur britischen Kriegserklärung. Die Kriegsschuldfrage bleibt umstritten: Der Versailler Vertrag schrieb Deutschland und seinen Verbündeten die Verantwortung für alle Verluste und Schäden zu; neuere Forschung betont teils die Mitverantwortung mehrerer Staaten. Materialschlachten, Versorgungsnot und der Kriegseintritt der USA verschlechterten die deutsche Lage. Die Novemberrevolution 1918 beendete die Monarchie; die Kapitulation wird auf den 8. Mai 1945 datiert.
Die Weimarer Republik erhielt am 14. August 1919 ihre Verfassung. Sie war eine parlamentarische Demokratie mit Frauenwahlrecht, blieb aber durch Versailler Vertrag, politische Gewalt, Putsche und wirtschaftliche Krisen belastet. Die Hyperinflation von 1923 wurde durch eine Währungsreform beendet. Dawes-Plan, Locarno-Verträge und der Beitritt zum Völkerbund am 8. September 1926 ermöglichten zeitweise Stabilisierung. Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und Präsidialregierungen mit Notverordnungen nach Artikel 48 schwächten die Demokratie. Adolf Hitler wurde am 30. Januar 1933 Reichskanzler.
Die Nationalsozialisten errichteten 1933 eine Diktatur: Reichstagsbrandverordnung und Ermächtigungsgesetz vom 24. März setzten Grundrechte und parlamentarische Kontrolle außer Kraft; Gleichschaltung, Parteienverbot und Konzentrationslager unterdrückten Gegner. Juden wurden durch die Nürnberger Gesetze 1935 entrechtet und 1938 in der Reichspogromnacht verfolgt. Auch Sinti und Roma, Menschen mit Geisteskrankheiten oder Behinderungen sowie weitere Gruppen wurden verfolgt und ermordet.
Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Der Krieg gegen die Sowjetunion ab 22. Juni 1941 war mit Zwangsarbeit, Aushungern und rassistischer Vernichtungspolitik verbunden. Der Holocaust ermordete bis Kriegsende etwa sechs Millionen europäische Juden. Nach Stalingrad 1942/43 wendete sich der Krieg gegen Deutschland. Hitler beging am 30. April 1945 Suizid; Deutschland kapitulierte am 8. Mai 1945. Mehr als 12 Millionen Deutsche flohen oder wurden im Osten vertrieben, über zwei Millionen kamen dabei um.
Teilung, Bundesrepublik und DDR
Nach 1945 teilten die vier Siegermächte Deutschland und Berlin in vier Besatzungszonen. Ziele waren Entnazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung, Dezentralisierung und Dekartellierung. Die Ostgebiete des Deutschen Reiches wurden polnischer und sowjetischer Verwaltung unterstellt. Aus den Westzonen entstand am 23. Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland; aus der sowjetischen Besatzungszone die DDR. Der Ost-West-Konflikt machte die Teilung dauerhaft.
Die Bundesrepublik entwickelte eine soziale Marktwirtschaft. Das Wirtschaftswunder brachte nach dem Korea-Boom Wachstum, Vollbeschäftigung und steigenden Wohlstand. Das Lastenausgleichsgesetz von 1952 unterstützte Vertriebene. Außenpolitisch setzte Konrad Adenauer auf Westbindung: 1951 entstand die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, 1955 trat die Bundesrepublik der NATO bei. Unter Willy Brandt führte die neue Ostpolitik zur Anerkennung der DDR und zu Entspannung. Gesellschaftliche Veränderungen brachten die Studentenbewegung und Reformen der 1960er und 1970er Jahre. 1982 wurde Helmut Kohl Bundeskanzler; die Grünen zogen 1983 erstmals in den Bundestag ein.
Die DDR war ein von der SED beherrschter sozialistischer Staat. Das Politbüro und Walter Ulbricht, später Erich Honecker, bestimmten die Politik nach dem Demokratischen Zentralismus. Planwirtschaft, Volkseigene Betriebe und Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften prägten die Wirtschaft; das Ministerium für Staatssicherheit überwachte Opposition. Der Aufstand vom 17. Juni 1953 wurde mit sowjetischen Panzern niedergeschlagen. Der Bau der Berliner Mauer 1961 verhinderte weitere Flucht, zementierte aber die Teilung. Niedrige Preise und umfassende Kinderbetreuung standen Mangelwirtschaft, langen Wartezeiten und fehlenden Freiheiten gegenüber; auf einen Trabant betrug die Wartefrist zuletzt 14 Jahre.
1989 führten wirtschaftliche Krise, Ausreisebewegung und Proteste zur friedlichen Revolution. Nach den Montagsdemonstrationen und dem Mauerfall am 9. November 1989 endete die SED-Herrschaft. Die ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990 ergaben eine klare Mehrheit für die Einheit.
Wiedervereinigung und Gegenwart
Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion trat am 1. Juli 1990 in Kraft. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag regelte die äußeren Bedingungen der Einheit; der Einigungsvertrag die inneren. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei. Der Bundestag beschloss am 20. Juni 1991 mit 338 zu 320 Stimmen den Umzug von Bonn nach Berlin; seit 1999 sitzen Bundestag und Bundesregierung in Berlin.
Der Aufbau Ost modernisierte Infrastruktur und sanierte Umwelt und Bausubstanz, verursachte aber hohe Kosten. Die Treuhandanstalt wandelte oder schloss viele DDR-Betriebe. Arbeitslosigkeit und Abwanderung waren in vielen ostdeutschen Regionen besonders stark. Deutschland blieb auf europäische Integration ausgerichtet: Der Vertrag von Maastricht 1992 schuf die EU, der Euro wurde am 1. Januar 1999 formal eingeführt, und Deutschland unterstützte 2004 die EU-Osterweiterung.
Seit 1998 wechselten rot-grüne, große und schwarz-gelbe Koalitionen einander ab. Die Agenda 2010 und das Hartz-Konzept zielten auf Wettbewerbsfähigkeit und eine Neuordnung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Die Finanzkrise ab 2008 und die Staatsschuldenkrise im Euroraum prägten die Merkel-Regierungen. 2015 stellten 476.649 Personen Asylanträge; Klimaschutzdebatten, die COVID-19-Pandemie 2020/21 und seit 2022 Russlands Einmarsch in die Ukraine bestimmten weitere politische Herausforderungen. Die Ampelkoalition unter Olaf Scholz zerbrach am 6. November 2024; nach der vorzeitigen Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 wurde Friedrich Merz am 6. Mai 2025 zum Bundeskanzler gewählt.