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Geschichte der First Nations
Die Geschichte der First Nations, der in Kanada lebenden und nicht ganz zutreffend als Indianer bezeichneten ethnischen Gruppen, reicht mindestens 12.000 Jahre …
Inhalt6 Abschnitte
- 1. Gegenstand, Lebensweisen und kulturelle Grundlagen
- 2. Besiedlung und regionale Kulturen bis etwa 1500
- 3. Europäische Kontakte, Handel und Kolonialkriege
- 4. Kanadischer Staat, Verträge und erzwungene Assimilation
- 5. Gleiche Rechte, Landansprüche und Selbstregierung
- 6. Gegenwart, offene Fragen und Erforschung
Gegenstand, Lebensweisen und kulturelle Grundlagen
First Nations bezeichnet die indigenen Völker Kanadas mit Ausnahme der Métis und Inuit. Die staatliche Bezeichnung lautet weiterhin Indians; die weit über 600 als Stämme bezeichneten Gruppen nennen sich überwiegend First Nation. Ihre Geschichte reicht mindestens 12.000 Jahre zurück. Für Kanada sind fünf nordamerikanische Kulturareale besonders wichtig: Subarktis, Nordwestküste, Plateau, Plains und Prärien sowie das nordöstliche Waldland.
Vor dem europäischen Einfluss prägte vor allem die Anpassung an Landschaft, Klima sowie Tier- und Pflanzenwelt die Lebensweisen. Nomadische und saisonale Wanderungen waren weit verbreitet; dauerhafte Siedlungen bestanden unter anderem an den Großen Seen und an der Nordwestküste. Männer waren meist mit der Jagd, Frauen mit dem Sammeln und der Verarbeitung pflanzlicher Nahrung verbunden. Wigwams und Tipis waren mobile Behausungen, während an der Nordwestküste große Plankenhäuser entstanden.
Gemeinsame Lebensweise, Handel, Heiratsbeziehungen, kosmologische Vorstellungen und politische Bündnisse verbanden Gruppen häufig stärker als eine eindeutige Abstammung. Verwandtschaft und kollektive Rechte standen im Vordergrund; die Vorstellung fest abgegrenzter Stämme und Stammesgebiete wurde teilweise erst durch Europäer verstärkt. Der Schamanismus beruhte auf Kontakten zu Ahnen oder anderen Mächten. Religion war an bestimmte Orte, Rituale, Gegenstände, Geschichten, Tänze und Verwandtschaftsgruppen gebunden und erhob keinen universellen Geltungsanspruch.
Regionale Handelsnetze bestanden lange vor der Ankunft der Europäer. Kupfer, Obsidian, Feuerstein und andere Güter wurden über große Entfernungen transportiert. Händlersprachen wie Chinook und in den Plains eine Gebärdensprache erleichterten die Verständigung. Das Rad spielte keine erkennbare Rolle; Metall wurde vor allem in Form von Kupfer bearbeitet.
Besiedlung und regionale Kulturen bis etwa 1500
Die ältesten Spuren im Norden Nordamerikas reichen etwa 12.000 bis 14.000 Jahre zurück und stehen mit nordostasiatischen Kulturen in Beziehung. Über den Ablauf der Besiedlung bestehen unterschiedliche Modelle: Genetische und klimageschichtliche Untersuchungen sprechen teils für eine schnelle Ausbreitung entlang der Küste und eine spätere Wanderung ins Binnenland, teils für zwei Gruppen, die zwischen 15.000 und 13.000 v. Chr. von Beringia aus eine Küstenroute beziehungsweise den eisfreien Korridor nutzten. Dieser Korridor zwischen Rocky Mountains und Hudson Bay entstand erst um 13.000 v. Chr. allmählich von Süden nach Norden.
Zu frühen Fundorten gehören die Bluefish-Höhlen im Yukon, die Charlie Lake Cave mit Werkzeugen ab etwa 10.500 v. Chr. und die On Your Knees Cave mit menschlichen Überresten von ungefähr 7800 v. Chr. Die Zeit nach der Frühphase wird als archaische Phase bezeichnet. Menschen folgten unter anderem Karibu- und Bisonherden; neue Waffen wie Speerschleudern verbreiteten sich. Kupferbearbeitung ist am South Fowl Lake bereits um 4800 v. Chr. belegt. Der Obsidianhandel vom Mount Edziza reicht mehr als 10.000 Jahre zurück.
Zwischen etwa 4000 und 1000 v. Chr. wurden regionale Unterschiede deutlicher. Im Osten entstanden Begräbnisstätten und Grabhügel; Port au Choix wurde zwischen 2400 und 1300 v. Chr. genutzt und enthielt 56 Tote. Am kanadischen Schild entwickelten sich jahreszeitliche Wanderzyklen und weiträumiger Handel. In den Plains wurden Bisonjagd, Hund als Trage- und Zugtier, Tipi und Pemmikan wichtig. Pemmikan ist haltbare Nahrung, die mithilfe der Kochtechnik mit heißen Steinen hergestellt werden konnte. Auf dem Plateau entstanden ab etwa 2500 v. Chr. teilweise eingegrabene Pit Houses; feste Winterdörfer verbanden sich mit sommerlichen Wanderungen. An der Westküste führten Lachsfang, Fischerei und Jagd auf Meeressäuger zu größerer Sesshaftigkeit, wachsendem Handel und sozialer Rangbildung. Plankenhäuser sind dort gegen Ende dieser Epoche nachweisbar; die Katzie betrieben spätestens seit 1600 v. Chr. Landwirtschaft.
Ab etwa 1000 v. Chr. stabilisierte sich das Klima ungefähr auf heutigem Niveau. Tongefäße sowie Pfeil und Bogen verbreiteten sich. Im östlichen Waldland markieren Tonwaren die Woodland-Perioden; Gartenbau, Fischfang, Fernhandel und Burial Mounds gewannen an Bedeutung. Die Irokesen und einige Algonkin-Gruppen werden mit diesen Entwicklungen verbunden. In den Plains blieb der Bison zentral, während auf dem Plateau größere Dörfer, Vorratshaltung und erbliche Rangunterschiede entstanden. An der Westküste bildeten sich strengere Ranggesellschaften mit führenden Familien, einfachen Angehörigen und meist als Kriegsgefangene versklavten Menschen. Lachsfang, Vorratshaltung, große Schnitzwerke, Zeremonien und wahrscheinlich Potlatches prägten insbesondere die Küsten-Salish. Zwischen 500 und 1000 n. Chr. traten häufiger befestigte Dörfer auf.
Europäische Kontakte, Handel und Kolonialkriege
Um 1000 bestand auf Neufundland kurzzeitig eine isländische Siedlung; Wikinger tauschten offenbar Pelze gegen Metallwaren und Stoffe. Dauerhafte Folgen hatten die Kontakte seit dem späten 15. Jahrhundert. Giovanni Caboto landete 1497 an der Ostküste. Baskische, englische und andere Fischer suchten regelmäßig Neufundland und Labrador auf; um 1578 waren jeden Sommer nahezu 400 Fischerboote vor der kanadischen Ostküste. Seit 1519 wurde der Pelzhandel bedeutend. Mi’kmaq, Beothuk und andere Gruppen tauschten Pelze vor allem gegen Metallwaren.
Ab 1604 entstanden französische Siedlungen und Forts. Handelskonkurrenz verschärfte bestehende Konflikte, während europäische Waffen die Machtverhältnisse veränderten. Epidemien wie Pocken, Masern, Grippe und Tuberkulose waren besonders verheerend, weil die indigene Bevölkerung kaum Immunabwehr besaß. Zwischen 1616 und 1619 starben etwa 4.000 von 10.000 Mi’kmaq. Französische Waldläufer lebten unter indigenen Gruppen, und Forts wurden zu Handelszentren. Aus Verbindungen französischer Männer mit indigenen Frauen gingen die Métis als eigene Nation hervor.
Im Pelzhandel entstanden Bündnisse, Monopole, Wanderungen und Kriege. Die Irokesenliga vernichtete zwischen 1640 und 1701 mit niederländischen Feuerwaffen unter anderem Wyandot, Tionontati und Erie. 1701 schlossen Engländer, Franzosen und 39 Häuptlinge den Großen Frieden von Montreal. Der Franzosen- und Indianerkrieg von 1754 bis 1763 beendete die französische Herrschaft in Nordamerika. Zugleich veränderten aus europäischen Beständen stammende Pferde die Kulturen der Prärie: Berittene Bisonjagd, größere Wanderungen und weiter reichende Kriegszüge wurden möglich.
Unter britischer Herrschaft untersagte die Königliche Proklamation von 1763 zunächst Siedlungen jenseits der Appalachen und erkannte indigene Nationen als Vertragspartner an; Land durfte nur die Krone erwerben. Der Québec Act von 1774 verkleinerte jedoch das reservierte Gebiet. Nach Pontiacs Aufstand von 1763 bis 1766 und der amerikanischen Unabhängigkeit wurden traditionelle Gebiete durch Staatsgrenzen geteilt. An der Pazifikküste führten Pelzhandel, moderne Waffen, Sklavenraub und Pockenepidemien ab 1775 zu tiefen Umbrüchen. Der Grenzvertrag von 1846 zog die Grenze entlang des 49. Breitengrads und zerschnitt zahlreiche Stammesgebiete. Goldsucher brachten weitere Gewalt und Krankheiten; besonders schwer wirkte die Pockenepidemie von 1862. James Douglas schloss auf Vancouver Island 14 bis heute gültige Verträge.
Kanadischer Staat, Verträge und erzwungene Assimilation
Seit der Kanadischen Konföderation von 1867 handelte die Bundesregierung die Verträge aus. Der Zusammenbruch der Bisonbestände, besonders zwischen 1875 und 1879, entzog vielen Plains-Völkern die Lebensgrundlage. In den ersten fünf der elf Numbered Treaties von 1871 bis 1875 gaben sie Landrechte auf und erhielten dafür Reservate, Entschädigungen, Jagd- und Fischereirechte sowie zugesagte Unterstützung beim Übergang zur Landwirtschaft.
Der Indian Act von 1876 bestimmte, wer als „Indianer“ galt, erklärte die Betroffenen zu Schutzbefohlenen und unterstellte die Stämme Indian Agents. Reservate waren sehr unterschiedlich groß. Lebensmittel wurden teilweise nur gegen Arbeit ausgegeben, und Enteignungen dienten Straßen, Industrieanlagen, Stromleitungen oder Stauseen. Nach der Nordwest-Rebellion von 1885 wurden Autonomiebestrebungen unterdrückt, Kontrollen verschärft und acht indigene Beteiligte, darunter Wandering Spirit, hingerichtet.
Zentrales Mittel der Assimilation waren die Residential Schools, internatartige Schulen außerhalb der Reservate. Kinder wurden zwangsweise von Familien und Kultur getrennt, durften ihre Sprachen nicht sprechen und erlebten vielfach körperliche, psychische und sexuelle Gewalt. Kulturelle Praktiken wie Potlatch und Sonnentanz wurden verboten. Das erklärte Ziel war, First Nations als eigenständige Völker durch schrittweise Angleichung verschwinden zu lassen. Die Schulen bestanden bis etwa 1970; die letzte schloss 1996.
Europäische und indigene Vorstellungen unterschieden sich grundlegend. Bei Vertragsverhandlungen betrachteten Europäer das Zeremoniell als Weg zu einem schriftlichen Vertrag; für indigene Beteiligte war das Zeremoniell selbst die politische Handlung. Land galt häufig nicht als veräußerlicher Stammesbesitz. Daraus entstanden Konflikte, die von Kolonialbehörden als fehlende Vertragstreue ausgelegt wurden. Auch friedliche oder selektive Übernahme europäischer Elemente bedeutete nicht automatisch Zustimmung, sondern konnte kultureller Widerstand sein.
Gleiche Rechte, Landansprüche und Selbstregierung
Seit dem Ersten Weltkrieg entstanden Organisationen gegen Enteignung und Assimilation. Dazu gehörten 1916 die Allied Tribes of British Columbia und 1919 die League of Indians in Canada. Das Indianergesetz verbot 1927 politische Organisationen zur Interessenvertretung. Nach 1945 entstanden regionale Stammesräte; seit 1974 verbreitete sich diese Organisationsform landesweit.
Schrittweise erhielten First Nations politische Rechte. Provinzielle Wahlrechte wurden unter anderem 1947 in British Columbia, 1952 in Manitoba und 1954 in Ontario gewährt. 1951 endeten die Verbote von Potlatch und Sonnentanz; 1960 durften alle Statusindianer an Wahlen zum kanadischen Unterhaus teilnehmen. Der staatliche Vorschlag von 1969, Indianergesetz und Reservate aufzuheben, stieß auf Widerstand, weil damit auch besondere Rechte verschwunden wären. Ab 1971 übernahmen Stämme erste Schulen selbst.
1973 setzte Frank Calder von den Nisga’a vor dem Obersten Gerichtshof erstmals Landansprüche durch; der daraus folgende Vertrag trat 2000 in Kraft. Das Verfassungsgesetz von 1982 erkannte in Sektion 35 bestehende indigene und vertragliche Rechte an. Ebenfalls 1982 entstand die Versammlung der First Nations als landesweite Koordination der Häuptlinge. Eine Änderung von 1985 erlaubte Frauen, die Nichtindianer geheiratet hatten, und ihren Kindern die Wiedererlangung beziehungsweise Beibehaltung des Status; rund 117.000 Menschen wurden wieder eingetragen. Fortbestehende Benachteiligungen wurden später gerichtlich beanstandet.
Die Oka-Krise vom 11. Juli bis 26. September 1990 machte Landkonflikte und soziale Probleme landesweit sichtbar. Die Erasmus-Dussault-Kommission empfahl 1996 Selbstregierung, Verhandlungen von Nation zu Nation und materielle Hilfen. Seit 1993 wurden in British Columbia neue Verträge ausgehandelt; im Yukon regelten Verträge Siedlungsland, Jagd, Bodenschätze, eigene Gesetzgebung und kulturellen Schutz. Die Regierung entschuldigte sich Anfang 1998 allgemein für frühere Behandlung und Premierminister Stephen Harper am 11. Juni 2008 für die Folgen der Residential Schools. Konflikte um Land, Fischfang und Rohstoffe dauerten jedoch an.
Ein wichtiges Beispiel sind die Cree und Inuit im Norden Québecs. Gegen das Baie-James-Wasserkraftprojekt mit Stauseen von über 15.000 km² erreichten sie 1975 das Abkommen der Baie James und des Quebecer Nordens. 1991 stimmten sie der Wasserkraftnutzung gegen Entschädigungen und Selbstverwaltungsrechte zu. Die Cree erhielten in einem Kerngebiet von etwa 14.000 km² das alleinige Nutzungsrecht und andernorts besondere Jagd- und Fischrechte. Verwaltung, Gesundheitswesen, Schulen und Air Creebec schufen neue Möglichkeiten; zugleich förderten Individualisierung, eine neue Führungsschicht und der Rückgang traditioneller Jagd soziale Spannungen.
Gegenwart, offene Fragen und Erforschung
Seit den 1970er Jahren gibt Kanada die offen erzwungene Assimilation schrittweise zugunsten von Multikulturalität, Rechtsanerkennung und Selbstverwaltung auf. Die UNO verabschiedete am 13. September 2007 die Erklärung über die Rechte indigener Völker, darunter Mitsprache, Schutz vor Benachteiligung und das Recht, „anders zu bleiben“. Kanada unterstützte sie zunächst nicht, änderte seine Position im November 2010 und kündigte im Mai 2016 ihre Umsetzung an.
Die Gegenwart ist von gegenläufigen Entwicklungen geprägt. Schutzgebiete, Selbstverwaltung, Tourismus, eigene Bildungsangebote und neue Wirtschaftsbeziehungen können Einkommen und kulturelle Erneuerung fördern. Sprachen, Rituale und traditionelle Gesellschaftsformen werden wiederbelebt. Gleichzeitig bedrohen Waldzerstörung, sinkende Fischbestände, Rohstoffprojekte, Armut, Abwanderung junger Menschen und staatliche oder industrielle Abhängigkeit viele Gemeinschaften. Die Privatisierung bisher unverkäuflichen Gemeinschaftslands könnte dessen schrittweisen Verkauf bewirken. Umstritten bleibt auch, ob der Staat oder die First Nations selbst bestimmen sollen, wer als Statusindianer gilt.
Die Bevölkerung wächst seit dem Ende des Rückgangs in der Zwischenkriegszeit und dem starken Sinken der Kindersterblichkeit in den 1960er Jahren schneller als die übrige kanadische Bevölkerung. Dadurch gewinnen Bildung, wirtschaftliche Chancen und Beteiligung junger Menschen an Bedeutung. Zu den schweren sozialen Problemen gehören hohe Suizidraten sowie das Verschwinden von Frauen und Mädchen. Die Regierung Justin Trudeau leitete 2016 erstmals auf Bundesebene eine Aufarbeitung der verschwundenen und ermordeten Frauen und Mädchen ein.
Auch die Forschung veränderte sich: Frühe Darstellungen stammten häufig von Missionaren und Ethnologen. Seit den 1960er Jahren nahmen archäologische, historische, sprachwissenschaftliche und genetische Untersuchungen stark zu; First Nations wurden nicht länger als „untergehende Rasse“ behandelt. Seit den 1980er und 1990er Jahren rückten ihre eigene Rolle in Handel, Mission, Kolonialpolitik und Widerstand sowie die Erfahrungen von Frauen stärker in den Mittelpunkt. Indigene Gemeinschaften fordern heute Beteiligung an Forschungsprojekten, Anerkennung mündlicher Überlieferung und Kontrolle über die Darstellung ihrer eigenen Geschichte.