Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

First Nations

Etwa 133.000 gehören keinem Stamm an, gehören also ebenso zu den First Nations und sind dennoch im juristischen Sinne keine Indianer. Der Staat bestimmt also, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Definition und rechtlicher Status
  2. 2. Bevölkerung, Reservate und Lebenslage
  3. 3. Kulturareale und frühe Entwicklung
  4. 4. Kolonisierung, Politik und kulturelle Entwurzelung
  5. 5. Sprache, Religion, Bildung und Kultur
  6. 6. Wirtschaft und Ressourcen

Definition und rechtlicher Status

First Nations („Erste Nationen“) bezeichnet über 600 verschiedene indigene Völker in Kanada. Métis und Inuit sind davon ausgenommen; wenn sie eingeschlossen werden, stehen Begriffe wie First Peoples oder Aboriginal Peoples zur Verfügung. Der Ausdruck ist nicht nur ethnisch, sondern vor allem politisch gemeint: Er betont das Selbstbestimmungsrecht und den Anspruch, als Nation mit Rechten und Pflichten wahrgenommen zu werden. Seit 2007 gibt es die UN-Deklaration über die Rechte indigener Völker.

Der Indian Act von 1876 bestimmt staatlich, wer als „Indianer“ gilt. Status Indians sind registriert oder registrierungsberechtigt und im Indian Registry eingetragen; Non-Status Indians gehören einem Indianervolk an, sind aber nicht registrierungsberechtigt. Treaty Indians gehören Völkern an, die von 1871 bis 1921 einen der elf Numbered Treaties mit der britischen Krone schlossen. Für Leistungen nach dem Indian Act ist die Eintragung erforderlich; mit dem Status sind unter anderem Landrechte, materielle Zuwendungen und Schutz vor Enteignung verbunden.

Dem staatlichen System setzen First Nations entgegen, dass jedes Volk selbst über seine Zugehörigkeit und Anerkennung entscheiden soll. Rund 20 % der Angehörigen anerkannter First Nations waren nicht als Indianer anerkannt. Die frühere Bevorzugung patrilinearer Abstammung benachteiligte Nachkommen von Indianerinnen, die Nicht-Indianer geheiratet hatten. Nach dem Descheneaux-Verfahren vom 3. August 2015 wurden die gesetzlichen Regeln im Dezember 2017 angepasst; die Voraussetzung der patrilinearen Abstammung entfiel weitgehend rückwirkend.

Bevölkerung, Reservate und Lebenslage

Im März 2018 listete Indigenous and Northern Affairs Canada 636 First Nations auf; Anfang 2014 waren 617 als Stämme anerkannt. Von etwa 700.000 Menschen, die sich als Indianer verstanden, gehörten etwa 565.000 diesen anerkannten Stämmen an, rund 133.000 hingegen keinem. Bis 2021 stieg die Zahl der staatlich anerkannten Indianer auf über eine Million.

Fast 3.000 Reservate sind sehr unterschiedlich über Kanada verteilt. Rund 57 % liegen in British Columbia, wo 198 First Nations mit 129.580 Angehörigen und 1.702 Reservaten verzeichnet wurden. Die höchste Mitgliederzahl in einer Provinz hatte Ontario mit 158.395 Angehörigen bei 139 First Nations. Die Cree sind über ein großes Gebiet verteilt und zählen insgesamt zu den mitgliederstärksten Gruppen. Die Irokesen beziehungsweise Six Nations of the Grand River hatten im Februar 2018 27.303 registrierte Mitglieder.

Die Volkszählung von 2006 erfasste 1.172.790 Ureinwohner, 3,8 % der kanadischen Gesamtbevölkerung; 698.025 gaben an, einer First Nation anzugehören. Von 1996 bis 2006 wuchs die Zahl der Angehörigen der First Nations um 29 %. Etwa 60 % lebten 2006 außerhalb von Reservaten. Große städtische Gemeinschaften gab es unter anderem in Winnipeg (25.900), Vancouver (23.515), Edmonton (22.440) und Toronto (17.275). In Prince Rupert stellten Indianer 32 % der Stadtbevölkerung.

Die Bevölkerung ist deutlich jünger als die übrige kanadische Bevölkerung: 50 % der First Nations People sind jünger als 23,5 Jahre, gegenüber einem Median von 39,5 Jahren im übrigen Kanada; 35 % sind unter 14 Jahre alt. Viele ländliche Gemeinschaften sind von Armut, Arbeitslosigkeit, schlechter Gesundheitsversorgung sowie Alkohol-, Drogen- und Gewaltproblemen betroffen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt fünf bis sieben Jahre unter jener weißer Kanadier. Als Hinweise auf systemischen Rassismus nennt der Artikel unter anderem, dass 36 % der Todesschüsse durch die RCMP Angehörige indigener Gruppen trafen, obwohl Indianer und Inuit nur 4 % der Bevölkerung ausmachen.

Kulturareale und frühe Entwicklung

Die First Nations lebten in fünf Kulturarealen, deren Umwelt die Lebensweisen prägte. Die Grenzen sind ein Modell und in der Wirklichkeit fließend.

  • In der Subarktis, dem borealen Nadelwald von Zentralalaska bis zum Sankt-Lorenz-Strom, lebten vor allem nördliche Athapasken sowie nördliche Algonkin wie Cree und Anishinabe. Kleine, bewegliche Gruppen jagten Karibus, Bisons, Hirsche und Elche, fischten und sammelten Vorräte. Sie bewohnten Stangenzelte, Holzhütten oder Wigwams.
  • An der Nordwestküste bestimmten Meer, Lachsfang, Jagd auf Meeressäuger und dichte Wälder das Leben. Plankenhäuser, Totempfähle und Holzarbeiten waren wichtig. Die Gesellschaft war stark hierarchisch: Adel, einfache Mitglieder und Sklaven. Der Potlatch, ein öffentliches Ritual großzügigen Schenkens, bestätigte Rang und diente dem sozialen Ausgleich.
  • Auf dem Plateau spielten Fischfang, besonders Lachs, sowie Wurzeln, Beeren und Jagd eine Rolle. Gruppen der Binnen-Salish, Kutenai und Sahaptin lebten unter anderem in Erd- und Plankenhäusern, teils auch in Tipis, und nutzten jährliche Wanderzyklen.
  • Im nordöstlichen Waldland bauten viele Gruppen Mais, Bohnen und Kürbisse an; andere jagten und sammelten. Es gab Großdörfer, Langhäuser und Föderationen wie die Irokesenliga. Bei den Irokesen waren Verwandtschaft und Wohnform matrilinear und matrilokal; in einem Langhaus konnten bis zu 200 Personen leben.
  • In Prärie und Plains war der Amerikanische Bison das wichtigste Jagdwild. Mobile Gruppen wohnten in Tipis und nutzten Buffalo Jumps, bei denen Teile einer Herde über Klippen getrieben wurden. Pferde ermöglichten ab etwa 1700 eine veränderte Lebensweise.

Die ältesten menschlichen Spuren im Norden reichen mindestens 12.000 Jahre zurück. Frühgeschichte umfasste nomadische Jagd und Sammelwirtschaft, teilweise halbnomadischen oder sesshaften Ackerbau, Fernhandel und regionale soziale Unterschiede. In östlichen Gebieten entstanden Grabhügel, Tonwaren und größere Dörfer; später wurden Mais, Bohnen und Kürbisse wichtiger. An der Westküste sind Siedlungen und Jagd auf Meeressäuger mindestens seit 8000 v. Chr. nachweisbar.

Kolonisierung, Politik und kulturelle Entwurzelung

Ab Ende des 15. Jahrhunderts brachten Fischfang, Walfang und Pelzhandel europäische Kontakte, aber auch gewaltsame Handels- und Koalitionskriege. Epidemien, besonders Pocken und Masern, verursachten schwere Bevölkerungsverluste. Nach dem Siebenjährigen Krieg endete 1763 die französische Epoche; im 19. Jahrhundert wuchs der Siedlungsdruck. Als die Bisonherden um 1875 zurückgingen, gaben viele Gruppen der Prärie Land gegen geringe Gegenleistungen ab. Sie erhielten meist Reservate, begrenzte Entschädigungen sowie Jagd- und Fischereirechte.

Missionierung, Einweisung in Reservate und wirtschaftliche Marginalisierung sollten die Gruppen an europäisch-kanadische Vorstellungen anpassen. Kinder wurden in Residential Schools, internatartigen Schulen, eingewiesen. Dort durften sie ihre Sprache nicht verwenden; viele waren Übergriffen ausgesetzt. Die Verbote von Potlatch und Sonnentanz wurden 1951 aufgehoben, und erst 1960 durften Indianer auf Bundesebene wählen. Die letzten Internate wurden 1996 aufgelöst. Ein Bericht von 2015 stellte fest, dass von 1883 bis 1996 über 150.000 Kinder die Internate besuchen mussten und „6000 Kinder“ an den Folgen der Quälereien starben. Bis 2015 waren rund 32.000 ehemalige Schüler mit insgesamt 3 Milliarden Dollar entschädigt worden; 6.000 Anträge waren noch offen.

Die Folgen werden unter anderem in Traumatisierung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, innerfamiliärer Gewalt, Depressionen und hohen Suizidraten gesehen. Die Aboriginal Healing Foundation erhielt ab 1998 350 Millionen Dollar für Therapieprojekte. 2005 wurde eine Zahlung von 10.000 CAD für jedes der rund 80.000 früheren Kinder vereinbart.

Politisch vertreten die Assembly of First Nations und zahlreiche Tribal Councils die Interessen der First Nations. Seit 1973 laufen Vertragsverhandlungen mit Bund und Provinzen. Zentral ist der Konflikt zwischen dem Anspruch auf Selbstregierung und quasi-staatliche Souveränität in traditionellen Gebieten einerseits und der Behandlung der Angehörigen als einzelne Individuen andererseits. Reservatsland ist traditionell Kollektiveigentum; eine Umwandlung in privat veräußerbares Land könnte wegen verbreiteter Armut zu Landverlust führen. Zusätzlich konkurrieren staatlich vorgeschriebene gewählte Häuptlinge und Berater mit traditionellen erblichen oder wiederbelebten Führungsstrukturen.

Sprache, Religion, Bildung und Kultur

Die mehr als 50 Sprachen der First Nations gehören zehn Sprachfamilien an. Englisch ist die wichtigste gemeinsame Sprache, in Québec, Nova Scotia und New Brunswick auch Französisch. 1996 gehörten 147.000 Sprecher zur Algonkin-Sprachfamilie; die meistgesprochene Sprache war und ist Cree. Nur Cree, Ojibway (Anishinabe) und Inuktitut galten 1996 als in ihrem Fortbestand gesichert. Viele andere Sprachen sind bedroht oder bereits ausgestorben.

Spracherhalt erfolgt durch Wörterbücher, Grammatiken, Schule, Sommerschulen, Rituale in natürlicher Umgebung, Radiosender, Internetkurse und teils eigene Schriftsysteme. Im Zensus 2006 konnten 51 % der Reservatsbewohner in einer indigenen Sprache kommunizieren, in Städten jedoch nur 12 %. 87.285 Personen sprachen Cree, 30.255 Ojibway und 12.435 Oji-Cree. Die Sprecherzahl der Oji-Cree stieg um 20 %, während sie bei Haida, Tlingit und Malecite jeweils um etwa 30 % sank.

Die Religionen waren überwiegend animistisch: Natur, Tiere, Orte, Gegenstände und Kräfte galten als geistig bedeutsam. Schöpfungsmythen, gemeinsame Vorfahren und ein Großer Schöpfer waren verbreitet. Religiöse Spezialisten werden vereinheitlichend Schamanen genannt. Wissen, Geschichten, Tänze und Gegenstände waren oft an bestimmte Orte, Familien oder Gruppen gebunden und hatten keinen universellen Geltungsanspruch. Christliche Missionen waren nach Epidemien und kulturellen Erschütterungen erfolgreich; zugleich blieben viele voreuropäische Rituale erhalten oder wurden wiederbelebt.

Kulturelle Wiederbelebung richtet sich auf Land und natürliche Ressourcen, Sprachen, Rituale, Bildung und Kunst. Kunstformen wie Totempfähle, Masken, Schnitzkunst, Malerei, Musik und Kunsthandwerk knüpfen an traditionelle Motive an, werden aber auch für touristische und kommerzielle Märkte produziert. Ein Teil ritueller Kunst bleibt bewusst nicht öffentlich. Seit den 1980er Jahren betreiben First Nations verstärkt selbst Forschung, Aufnahmen und kulturelle Vermittlung.

Bildung ist wegen großer Entfernungen und der ländlichen Lage vieler Reservate besonders wichtig. Nach dem Ende des Internatssystems forderten indigene Organisationen 1972 eigene Schulen. Dennoch erreichten nur etwa 27 % der 15- bis 44-Jährigen einen postsekundären Abschluss, gegenüber 46 % in der übrigen Bevölkerung. Seit 2003 besteht in Regina, Saskatchewan, eine nationale First-Nations-Universität. Internetanbindung, Stipendien und technische Ausbildung sollen den Zugang zu Bildung und Arbeit verbessern, stehen aber begrenzten Fördermitteln und bürokratischen Hürden gegenüber.

Wirtschaft und Ressourcen

Die wirtschaftliche Lage ist regional sehr ungleich. Die Arbeitslosenquote in Reservaten sank von 26 % im Jahr 2001 auf 23 % im Jahr 2006, lag regional aber teils bei bis zu 80 %. Außerhalb der Reservate sank sie von über 16 % auf 12 bis 13 %. Das Jahreseinkommen registrierter Indianer in Reservaten stieg von 1990 bis 2000 um 31,5 %, während das Durchschnittsgehalt der übrigen Bevölkerung um 172 % stieg; 2001 lagen die Werte bei 32.176 CAD gegenüber 43.486 CAD für Nicht-Indigene.

Traditionelle Fischerei, Jagd und Nutzung natürlicher Ressourcen bleiben für viele Gemeinschaften lebensnotwendig. Rohstoffabbau, Ölschiefer- und Uranexploration, Holzeinschlag, Militärbasen, sinkende Fischbestände und Klimawandel gefährden jedoch Lebensgrundlagen. Als Beispiel für eine Landrechtsregelung nennt der Artikel die Rückübertragung von 39.000 km² an die Tlicho im Jahr 2003.

Neue oder ausgeweitete Einkommensquellen sind Selbstverwaltung, nachhaltige Forstwirtschaft, Energiegewinnung, Rohstoffabbau, Tourismus, Kunsthandwerk, Landwirtschaft und die First Nations Bank of Canada. Kasinos spielen in Kanada im Vergleich zu den USA eine kleinere Rolle: Im September 2010 gab es 70 Kasinos und 28 Racinos. Gewinne werden teilweise für gemeinschaftliche Aufgaben verwendet; in Alberta fließen 40 % der in Reservaten erzielten Gewinne in einen Fonds, während drei Viertel dem betreibenden Stamm als Gastgeber zustehen. Außerdem gewinnen wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zu anderen indigenen Völkern, etwa in der Arktis, Asien, Australien und mit Māori, an Bedeutung.

Weiterlesen

Indigene Völker Land- und Ressourcenkonflikte. Bearbeiten. Häufig umstrittene Fragen sind die Rechte an Landbesitz, teils umfassender an ganzen Landflächen. Viele indigene … Kanada Kanada (englisch und französisch Canada) ist ein föderaler Staat in Nordamerika, der zwischen dem Atlantik im Osten und dem Pazifik im Westen liegt und … Indianer Nordamerikas Die Indianerpolitik der Vereinigten Staaten und Kanadas war gezeichnet vom Wunsch der weißen Siedler nach Land und der folglichen Unterwerfung der Indianer. Im … Indianer Indianer ist eine Sammelbezeichnung für die bei weitem größte Gruppe der bereits vor der europäischen Kolonialisierung in Amerika lebenden Menschen. Nation Nation (um 1400 ins Deutsche übernommen, von lateinisch natio, „Volk, Sippschaft, Herkunft“ oder „Geburt“, ursprünglich für eine „Geburtsgemeinschaft“, … Völkerrecht Das Völkerrecht (Lehnübersetzung zu lateinisch ius gentium ‚Recht der Völker') ist eine überstaatliche, aus Prinzipien und Regeln bestehende Rechtsordnung. Kolonialismus Die Dependenztheorie sieht in der fortgesetzten Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien eine Hauptursache der in ihnen verbreiteten Armut. Andere … Québec Québec (französisch [keˈbɛk], englisch Quebec [ kwɨˈbɛk] oder [ kəˈbɛk], ursprünglich Algonkin Kebec für „wo der Fluss enger wird“; deutsche Schreibweise … Singular ... Numerus (Zahlform). Am häufigsten wird der Singular benutzt, um einzelne Exemplare von Lebewesen oder Sachlichem zu bezeichnen; die Pluralform bezeichnet in … Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten ; Amtssprache · Englisch ; Hauptstadt · Washington, D.C. ; Staats- und Regierungsform · föderale präsidentielle konstitutionelle Republik. Vereinigtes Königreich Das Vereinigte Königreich ist eine Union aus vier Landesteilen, die auf Englisch meist als countries (Länder) oder nations (Nationen) bezeichnet werden: England … Rassismus Rassismus oder Rassenideologie ist ein Komplex von Praktiken, Einstellungen und Strukturen, durch den Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale oder negativer …