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Schamanismus

In diesem weiten Sinne bezeichnet Schamanismus eine Reihe unscharf bestimmter Phänomene „zwischen Religion und Heilritual“.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zentrale Merkmale
  2. 2. Der klassische sibirische Schamanismus
  3. 3. Rituelle Ekstase und Trance
  4. 4. Drei Formen nach Klaus E. Müller
  5. 5. Forschung, moderne Konzepte und Kritik

Begriff und zentrale Merkmale

Schamanismus bezeichnet im engeren Sinne die traditionellen ethnischen Religionen des Kulturareals Sibirien, unter anderem der Nenzen, Jakuten, Altaier, Burjaten, Ewenken und Samen. Zur Abgrenzung wird dafür häufig die Bezeichnung „klassischer Schamanismus“ oder „sibirischer Animismus“ verwendet. Im weiteren Sinne meint Schamanismus wissenschaftliche Konzepte, die wegen ähnlicher Praktiken spiritueller Spezialisten eine kulturübergreifende Existenz des Schamanismus annehmen. László Vajda und Jane Monnig Atkinson sprechen deshalb treffender von „Schamanismen“ im Plural.

Schamanen sind Männer oder Frauen, die in ihren jeweiligen Gesellschaften als spirituelle Spezialisten und Vermittler zur Geisterwelt gelten. Sie sollen in Krisen, bei Krankheiten, Bestattungen, Jagd und Fragen des Gemeinschaftslebens zwischen Diesseits und Jenseits vermitteln und eine gestörte „kosmische Harmonie“ wiederherstellen. Eine allgemein gültige Definition ist jedoch nicht möglich, weil Ethnologie, Kulturanthropologie, Religionswissenschaft, Archäologie, Soziologie und Psychologie unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Angaben zur räumlichen und zeitlichen Verbreitung sind daher vielfach umstritten.

Wichtige Definitionen betonen unterschiedliche Aspekte:

  • Mircea Eliade definierte Schamanismus als „Technik der Ekstase“, bei der die Seele den Körper des Schamanen verlässt und zu Himmels- und Unterweltfahrten aufbricht.
  • Anna-Leena Siikala hob die Technik zur Erlangung der Ekstase, den veränderten Bewusstseinszustand, helfende Geister und die Kommunikation mit der anderen Welt hervor. Der Schamane kann danach als Heiler, Wahrsager, Beschützer von Jagd und Fruchtbarkeit sowie als Vermittler von Seelen wirken.
  • Åke Hultkrantz unterschied vier Bestandteile: die Vorstellung einer übernatürlichen Welt und der Kontakte mit ihr, den Schamanen als Handelnden für eine menschliche Gruppe, die Inspiration durch helfende Geister und die außergewöhnliche ekstatische Erfahrung.
  • Roger N. Walsh beschrieb Schamanismus als eine Familie von Traditionen, deren Ausübende willentlich veränderte Bewusstseinszustände erreichen, in denen sie selbst oder ihr Geist in fremde Reiche reisen und mit anderen Wesenheiten interagieren, um ihrer Gemeinschaft zu dienen.

Der klassische sibirische Schamanismus

Beim klassisch sibirischen Schamanismus handelt es sich um ein komplexes religiöses System. Nach Mihály Hoppál umfasst es den Glauben an Hilfsgeister, heilige Texte wie Schamanengesänge, Gebete, Hymnen und Legenden, Regeln zum Erlernen der Ekstasetechnik sowie Kenntnisse über die Gegenstände, die bei Séancen zur Heilung oder Wahrsagung verwendet werden.

Die sibirischen Varianten werden häufig als durch Kulturtransfer oder Wanderungsbewegungen miteinander verbunden betrachtet. Michael Witzel verwies auf einen von Y. E. Berezkin (2005) beschriebenen und von ihm „laurasisch“ genannten Mythenkomplex, dessen Verbreitungsgebiet weitgehend mit demjenigen des Schamanismus, der hypothetischen Na-Dene-Sprachfamilie und der C3-Haplogruppe des Y-Chromosoms übereinstimme. Diese Zusammenhänge sind Teil weiterreichender, nicht allgemein anerkannter Modelle.

Die historischen Lebensbedingungen unterschieden sich stark: In den südlichen Steppen lebten Bauern und Hirten, in der Taiga dominierten Jagd, Fischfang und Sammelwirtschaft, im hohen Norden Fischerei, die Jagd auf Meeressäuger und Rentierhaltung. Sibirien wurde vor etwa 20.000 bis 25.000 Jahren im Jungpaläolithikum besiedelt; im Neolithikum war der größte Teil des Gebietes bewohnt. Ab dem 16. und 17. Jahrhundert verstärkten sich europäische Einflüsse. Zuvor hatten unter anderem Zoroastrismus, Manichäismus, Christentum und besonders Buddhismus auf die regionalen Glaubensvorstellungen eingewirkt. In Burjatien, Kalmückien und Tuwa führte die Ausbreitung des Buddhismus bis ins 17. Jahrhundert zu synkretistischen Mischungen, etwa zu Personen, die zugleich Lama und Schamane waren.

Die Kosmologie beschreibt einen mehrschichtigen Kosmos aus drei, manchmal mehr, Ebenen. In Ober- und Unterwelt leben wohl- und übelwollende Geister. Eine Weltachse, lateinisch axis mundi, verbindet die Ebenen. Sie kann als Weltenbaum, Rauchloch der Jurte, heiliger Berg oder Schamanentrommel erscheinen. Die Seele gilt als vom Körper unabhängige Entität und kann mit Hilfe von Tiergeistern in die Geisterwelt reisen.

Rituelle Ekstase und Trance

Die rituelle Ekstase ist ein zentrales Element des klassischen Schamanismus. Bei Krankheit, persönlicher Not oder einem Auftrag der Gemeinschaft begibt sich der Schamane in einer stark ritualisierten Séance auf eine „Seelenreise in die Welt der Geister“. Ziel ist es, mit Geistern Kontakt aufzunehmen, ihre Einwirkung zu verändern oder das Gleichgewicht zwischen den Welten wiederherzustellen.

Es werden zwei Grundformen unterschieden:

  • Beim Hinaustreten, auch passive oder trophotrope Ekstase genannt, verlässt die Seele nach der traditionellen Vorstellung den Körper. Dieser mit Abstand häufigste sibirische Typ wird als magischer Flug in eine raum- und zeitlose Welt erlebt. Der Zustand ähnelt einem bewusst herbeigeführten Klartraum. Atem, Herzschlag, Körpertemperatur und Sinneswahrnehmung können stark herabgesetzt sein.
  • Bei der erlernten Besessenheit, auch aktive oder ergotrope Ekstase genannt, fährt ein Geist in den Körper des Schamanen ein und übernimmt ihn während des Rituals. Es kommt zu gesteigerten Körperfunktionen, heftigem Toben, unverständlicher Sprache und dem Eindruck außergewöhnlicher Kraft. In Sibirien tritt diese Form nur bei wenigen Ethnien auf, während sie in Süd- und Südostasien sowie in Afrika häufiger ist.

Beide Formen verändern Wahrnehmung, Gefühle, Bedeutungserleben und Zeitgefühl. Neuropsychologisch werden sie als „ekstatische Trance“ beschrieben: tiefe Entspannung wie im Tiefschlaf, hohe Konzentration wie im Wachzustand und eindrucksvolles bildhaftes Erleben wie im Traum. Zur Trance dienen unter anderem Räucherwerk, monotone Trommel- oder Rasselrhythmen, Tanz, Gesang, Atemtechniken und rituelle Körperhaltungen. Sibirische Schamanen benötigen dafür meist keine psychedelischen Drogen; bei uralischen Völkern wird bisweilen Fliegenpilz eingesetzt.

Nach Untersuchungen zu rituellen Körperhaltungen und gleichmäßigen Perkussionsrhythmen liegen geeignete Frequenzen bei 3,5 bis 4,4 Hertz, entsprechend etwa 210 bis 230 Trommelschlägen pro Minute. Dabei wurden „paradoxe Erregungszustände“ beschrieben: EEG-Muster tiefer Schlafstadien treten zusammen mit einem subjektiven Gefühl höchster Wachheit auf. Giselher Guttmann entdeckte diese Zustände 1990 und bezeichnete sie als „entspannte Hochspannung“.

Messungen von Gehirnströmen können zeigen, dass das Bewusstsein in bestimmter Weise arbeitet. Sie können jedoch nicht klären, ob die erlebten Geister tatsächliche Einblicke in eine jenseitige Welt oder Einbildungen sind. Diese Frage bleibt eine des Glaubens.

Drei Formen nach Klaus E. Müller

Klaus E. Müller beschrieb 1997 den Schamanismus als eine „Wissenschaft des magisch-mythischen Denkens“. Schamanen seien „berufene Sachverständige und Vermittler zur Geisterwelt“, die Wissen entwickelten, weitergaben und bewahrten. Müller leitete die Formen vor allem aus den sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen der jeweiligen Gesellschaften ab und unterschied drei Typen.

Der Elementarschamanismus war typisch für reine Jäger- und Sammlerkulturen oder Gesellschaften mit besonders wichtiger Jagd. Er beruhte auf egalitären Lokal- oder Verwandtschaftsgemeinschaften und meist animistischen Religionen. Der überwiegend männliche Schamane fühlte sich von Tiergeistern berufen und war vor allem für Jagderfolg und Jagdethik zuständig; außerdem heilte er und überwachte den Fortpflanzungserfolg. Rituale, Kostüme und Hilfsmittel waren wenig ausgeprägt. Müller vermutete die Urform in einem Ritual zur Vergebung und Abwendung von Strafe und Unheil, wenn ein Jäger Beschwichtigungs- und Binderituale für die Tötung eines Tieres missachtet hatte. Verbreitungsgebiete sah er vor allem in Nord- und Ostsibirien, der Arktis und Subarktis Nordamerikas, Teilen Südamerikas sowie teilweise bei den Aborigines Australiens.

Der Komplexschamanismus entstand nach Müller bei Hirtenvölkern und Feldbauern mit bedeutendem Wildbeuter-Anteil, beeinflusst durch benachbarte Agrargesellschaften und andere Religionen. Die Religionen waren komplexer und umfassten etwa Ahnenkult, Opferwesen und eine differenzierte Kosmologie. Schamanen wurden auf Ahnengeister oder frühere Schamanen zurückgeführt, oder der Status wurde vererbt. Neben Heilung, Jagd und Wahrsagung übernahmen sie priesterliche, kommunale und familiäre Aufgaben bei Geburten, Namensgebung, Bestattungen und Initiationen. Riten, Trachten und Geräte waren aufwendig; häufig wurden entheogene Drogen verwendet. Beispiele liegen in West-, Zentral- und Südsibirien, bei mandschurischen Fischern sowie in Teilen Nord-, Mittel- und Südamerikas.

Der Besessenheitsschamanismus entstand durch Einflüsse früher Hochkulturen, asiatischer Hochreligionen und Besessenheitskulte. Er ist vor allem in bäuerlichen Dorfgemeinschaften mit synkretistischem Volksglauben verbreitet, etwa in islamischen, lamaistischen oder buddhistisch-daoistischen Einflussbereichen. Frauen treten hier häufiger als Schamanen auf. Sie fühlen sich lebenslang an eine Geistmacht oder Gottheit gebunden, der in kleinen Tempeln geopfert wird. Während der Trance findet keine Jenseitsreise statt; vielmehr ergreift der persönliche Geist auf Einladung der Schamanin Besitz von ihr und heilt, prophezeit oder berät.

Das Modell ist nicht widerspruchsfrei. René Tecklenburg wies etwa darauf hin, dass der Schamanismus der Lakota nicht einfach dem Elementarschamanismus zugeordnet werden könne, da er auch komplexe Zeremonien, zahlreiche Kultgegenstände, Opfer und eine enge Bindung an einen Schutzgeist aufweise.

Forschung, moderne Konzepte und Kritik

Seit Ende des 17. Jahrhunderts liegen detaillierte europäische Berichte über sibirische Schamanen vor. Die Bewertungen schwankten zwischen Verachtung, Krankheitsdeutungen und romantischer Verklärung. Schamanen galten zunächst als psychotisch oder hysterisch; später wurden Epilepsie und Schizophrenie mit ihnen in Verbindung gebracht. Anfang des 20. Jahrhunderts untersuchten Forscher wie Sergei Shirokogoroff die kulturelle und politische Funktion der Trance. Er deutete sie nicht einfach als Krankheit, sondern als kulturell codierte und inszenierte Konfliktlösung, die beispielsweise gegen russische Fremdherrschaft eingesetzt werden konnte. In der Sowjetunion wurden Schamanen dagegen als Scharlatane verunglimpft.

Mircea Eliade prägte den Begriff 1951 entscheidend und machte ihn weltweit bekannt. Er erklärte die ekstatische Trance und den Seelenflug zur universellen Urform menschlicher Religiosität. Seit den 1990er Jahren gilt dieser kulturphilosophische Ansatz jedoch als spekulativ und romantisierend, weil er historische, politische, soziale und wirtschaftliche Unterschiede ausblende und Abweichungen mit „Dekadenz“ oder „Kontamination“ erkläre.

In den 1950er und 1960er Jahren verstärkten Beat Generation und Hippiebewegung das Interesse an Spiritualität, schamanischen Seelenreisen und psychoaktiven Drogen. Charles Tart untersuchte 1969 in Altered States of Consciousness veränderte Bewusstseinszustände, die etwa durch Träume, Trance, Drogen, Meditation oder Hypnose erreicht werden sollten. Carlos Castaneda machte das Thema ab 1968 durch romanhafte Erfahrungsberichte populär; 1976 wurde nachgewiesen, dass seine angebliche Lehre bei dem Yaqui-Schamanen Don Juan Matus erfunden war. Michael Harner entwickelte 1980 den Core-Schamanismus als angeblich universellen gemeinsamen Kern aller schamanischen Praktiken. Seine Foundation for Shamanic Studies prägte den esoterischen Neoschamanismus. Kritiker bemängeln, dass dabei kulturelle Zusammenhänge verloren gehen und traditionelle Praktiken, etwa bei den Tuwinern, verändert werden.

Die These eines prähistorischen oder weltweit einheitlichen Schamanismus bleibt umstritten. Höhlenbilder wie in Lascaux oder Les trois frères erinnern zwar an schamanische Rituale, erlauben wegen der fragmentarischen Fundlage aber auch andere Deutungen. Michael Witzel nahm aufgrund ähnlicher Initiationsrituale in Australien, auf den Andamanen, in Indien und Afrika einen sehr alten Prototyp an; viele Autoren kritisieren solche weitreichenden Rekonstruktionen als spekulativ. Auch ein Naheverhältnis zwischen zentralasiatisch-sibirischem Schamanismus und Sufismus wird diskutiert.

Grundsätzlich wird kritisiert, dass „Schamanismus“ ein eurozentrisches wissenschaftliches Konstrukt sein kann. Die westliche Trennung von natürlicher und übernatürlicher Welt sowie von Natur und Kultur lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Weltanschauungen übertragen. Mündliche Überlieferung, fehlende einheitliche Doktrin und die Anpassungsfähigkeit lokaler Traditionen erschweren den Vergleich. Daher wird Schamanismus heute häufig nicht als einheitliche Religion, sondern als Sammelbegriff für verschiedene religiöse Vorstellungen, Rituale und soziale Funktionen verstanden. Auch die moderne Deutung als ganzheitliche Heilkunde betont zwar Empathie, Kommunikation und Fürsorge für Patient und Gemeinschaft, kann aber den kulturellen Hintergrund zu stark auf medizinische oder psychologische Aspekte reduzieren.

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