Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Geschichte der Deutschen Zentrumspartei

Im Jahr 1933, zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus, löste sich die Partei auf, nachdem sie mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz Hitler die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und politische Grundlage
  2. 2. Gründung, Kulturkampf und Aufstieg im Kaiserreich
  3. 3. Vom Regierungspartner zum Ende des Kaiserreichs
  4. 4. Zentrale Kraft der Weimarer Republik
  5. 5. Ermächtigungsgesetz, Auflösung und Verfolgung
  6. 6. Neugründung und Entwicklung zur Kleinpartei

Überblick und politische Grundlage

Die Deutsche Zentrumspartei entstand 1870 als Zusammenschluss katholischer Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus. Sie entwickelte sich zur politischen Volkspartei der deutschen Katholiken und beeinflusste sowohl das Kaiserreich als auch die Weimarer Republik erheblich. Ihre Fraktionen saßen im Parlament zwischen Liberalen auf der Linken und Konservativen auf der Rechten; daher stammt der Name „Zentrum“. Damals waren Parteien zunächst vor allem Zusammenschlüsse von Abgeordneten und Gleichgesinnten. Dauerhafte Mitgliederorganisationen entstanden erst seit den 1860er Jahren.

Der politische Katholizismus war eine Reaktion auf gesellschaftliche und staatliche Veränderungen. Die ultramontane Bewegung richtete die katholische Kirche streng auf Rom und den Papst aus. Konflikte mit Staat und Liberalismus, etwa die Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering 1837, stärkten die politische Solidarität unter Katholiken. Vorläufer des Zentrums waren der Katholische Klub in der Deutschen Nationalversammlung von 1848, eine katholische Fraktion im Preußischen Landtag von 1852 bis 1867 und katholische Vereinigungen in weiteren deutschen Staaten.

Die heutige Partei bezeichnet sich als „älteste Partei Deutschlands“. Diese Aussage ist jedoch nur eingeschränkt zutreffend: Die ursprüngliche Partei löste sich 1933 auf, hatte keinen Exilvorstand und wurde 1945 neu gegründet. Sie verwendet allerdings weiterhin den Namen von 1870.

Gründung, Kulturkampf und Aufstieg im Kaiserreich

Programme aus Ahlen, Münster und Essen bereiteten 1869 und 1870 die Parteigründung vor. Sie verlangten die Unabhängigkeit kirchlicher Einrichtungen, den Erhalt von Konfessionsschulen und kirchlicher Schulaufsicht sowie einen föderalen deutschen Staat mit weitgehend selbstständigen Gliedstaaten. Das Essener Programm vom 30. Juni 1870 enthielt außerdem sozialpolitische Forderungen: soziale Missstände sollten beseitigt, Steuern gerechter verteilt und der Militärhaushalt nicht erhöht werden. Auf Grundlage des Soester Programms vom 28. Oktober 1870 wurden führende Parteigründer gewählt. Am 13. Dezember 1870 gründeten 48 Abgeordnete die „Fraktion des Zentrums“ im Preußischen Abgeordnetenhaus; erster Vorsitzender war Karl Friedrich von Savigny.

Bei der ersten Reichstagswahl am 3. März 1871 erreichte das Zentrum 18,6 Prozent und 63 Mandate. Es wurde zweitstärkste Fraktion und ging zunächst in Opposition. Es vertrat die katholische Minderheit, setzte sich für föderale Rechte und soziale Anliegen ein und arbeitete häufig mit katholischen Vertretern ethnischer Minderheiten zusammen.

Im Kulturkampf versuchten Reichskanzler Otto von Bismarck und liberale Kräfte, den Einfluss von Papst und katholischer Kirche zurückzudrängen. Zu den Maßnahmen gehörten die staatliche Zivilehe, Eingriffe in das Schulwesen und der Kanzelparagraph, der politische Äußerungen von Geistlichen begrenzte. Widerständige Geistliche wurden teilweise inhaftiert. Statt das Zentrum zu schwächen, festigte der Konflikt den Zusammenhalt der katholischen Wählerschaft. 1874 erzielte die Partei 27,9 Prozent und 91 Sitze. Bis zum Ende des Kaiserreichs verfügte sie stets über 90 bis 106 Reichstagsmandate; von 1881 bis 1912 war sie die größte Fraktion.

Vom Regierungspartner zum Ende des Kaiserreichs

Ab etwa 1880 näherten sich Bismarck und das Zentrum einander an. Zwischen 1880 und 1887 milderten fünf Gesetze den Kulturkampf. Nach Bismarcks Entlassung 1890 und dem Tod Ludwig Windthorsts 1891 trat die konfessionelle Abwehrpolitik zurück, während Sozialpolitik wichtiger wurde. Der 1890 gegründete Volksverein für das katholische Deutschland verbreitete politische Bildung, unterstützte soziale Arbeit und half, katholische Arbeiter an das Zentrum zu binden.

Unter Bismarcks Nachfolgern unterstützte das Zentrum wesentliche Teile der Innen-, Außen-, Kolonial- und Flottenpolitik. Es wurde damit faktisch von einer Oppositions- zu einer Regierungspartei. Gleichzeitig bestanden erhebliche innere Unterschiede: Es gab einen konservativ-agrarischen, einen kleinbäuerlich-handwerklichen, einen bürgerlichen und einen wachsenden Arbeiterflügel. Demokratische Vorstellungen waren besonders im Arbeiter- und im populistischen Flügel verbreitet. Der Versuch, das Zentrum für Protestanten zu öffnen, blieb erfolglos; es blieb hauptsächlich eine Partei der Katholiken. Industrialisierung und Säkularisierung ließen seine Unterstützung besonders in Großstädten und Industriegebieten sinken.

Im Ersten Weltkrieg unterstützte die Partei zunächst im „Burgfrieden“ die Reichsleitung und hielt Kritik zurück. Später entstanden Streitfragen über Kriegsziele, Versorgung, das preußische Dreiklassenwahlrecht und die Parlamentarisierung, also den stärkeren Einfluss des Reichstags auf die Regierungsbildung. 1917 gründete das Zentrum mit SPD und Fortschrittspartei den Interfraktionellen Ausschuss. Dieser setzte eine Friedensresolution für einen Verständigungsfrieden durch. Georg von Hertling wurde als Ergebnis einer Koalitionsabsprache Reichskanzler; im Oktober und November 1918 war das Zentrum auch im Kabinett Max von Baden vertreten. Die Partei lehnte die Novemberrevolution insgesamt ab, arbeitete aber mit dem Rat der Volksbeauftragten zusammen und unterstützte die rasche Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung.

Zentrale Kraft der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik nahm das Zentrum eine Schlüsselstellung in der politischen Mitte ein. Es konnte grundsätzlich mit Parteien von der SPD bis zur DNVP koalieren, musste dabei aber seine gegensätzlichen inneren Flügel zusammenhalten. Es stimmte der Weimarer Reichsverfassung zu, beteiligte sich an fast allen Reichsregierungen und gehörte auch in Preußen zum demokratischen Regierungsbündnis. Zentrumspolitiker stellten mehrfach den Reichskanzler: Constantin Fehrenbach 1920/21, Joseph Wirth 1921/22, Wilhelm Marx in mehreren Kabinetten zwischen 1923 und 1928 sowie Heinrich Brüning 1930 bis 1932. Wilhelm Marx war der am längsten amtierende Reichskanzler der Weimarer Zeit. Die Bayerische Volkspartei löste 1920 ihre Fraktionsgemeinschaft mit dem Zentrum auf.

Unter Matthias Erzberger und Wilhelm Marx stützte die Partei die Republik, beteiligte sich am Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und wirkte am Ausbau des Sozialstaates mit, darunter an der Einführung der Arbeitslosenversicherung. Bei der Reichspräsidentenwahl 1925 unterlag Marx im zweiten Wahlgang Paul von Hindenburg, der auch von DVP und Bayerischer Volkspartei unterstützt wurde.

Seit dem Eintritt in eine Koalition mit der DNVP 1925 und besonders nach der Wahl des konservativen Geistlichen Ludwig Kaas zum Parteivorsitzenden 1928 rückte das Zentrum nach rechts. Heinrich Brüning leitete ab 1930 ein Präsidialkabinett, das sich hauptsächlich auf den Reichspräsidenten statt auf eine stabile Parlamentsmehrheit stützte. Mit Deflations- und Sparpolitik wollte er den Haushalt sanieren und zeigen, dass Deutschland die Reparationen des Versailler Vertrags wirtschaftlich nicht mehr tragen könne. Wie stark diese Politik zur Verarmung beitrug, ist in der Forschung umstritten. Brüning bekämpfte zwar KPD und NSDAP, spielte aber 1931 die bekannt gewordenen Umsturzpläne der hessischen NSDAP herunter, um eine mögliche Koalition nicht auszuschließen. Das Verbot von SA und SS vom 13. April 1932 wurde nach zwei Monaten aufgehoben.

Die Wahlergebnisse blieben vergleichsweise stabil, gingen aber gegenüber 1919 zurück: Damals erzielte das Zentrum 19,7 Prozent und 91 Sitze; im März 1933 waren es 11,3 Prozent und 73 Sitze.

Ermächtigungsgesetz, Auflösung und Verfolgung

Am 23. März 1933 stimmte die Zentrumsfraktion unter dem Eindruck von Verhaftungen und Drohungen dem Ermächtigungsgesetz zu. Dadurch erhielt Hitler nach der Verhaftung der KPD-Abgeordneten formell die notwendige Zweidrittelmehrheit. Hitler hatte Ludwig Kaas mündlich versprochen, die Rechte des Reichspräsidenten zu schützen, Reichstag und Reichsrat bestehen zu lassen und Schulpolitik sowie das Verhältnis zwischen Staat und Religion nicht auf Grundlage des Gesetzes zu regeln. Besonders die Hoffnung auf ein Reichskonkordat mit dem Vatikan beeinflusste die Parteiführung.

Versuche, das Zentrum durch Zusammenarbeit mit der NSDAP zu erhalten, scheiterten. Kaas übergab den Vorsitz am 5. Mai 1933 an Heinrich Brüning. Unter wachsendem Druck, nach Verhaftungen führender Mitglieder und nach dem Verlust vatikanischer Unterstützung beschloss eine Mehrheit der Abgeordneten die Selbstauflösung. Am 5. Juli 1933 löste sich das Zentrum als letzte der sogenannten bürgerlichen Parteien auf. Das Reichskonkordat wurde am 20. Juli 1933 unterzeichnet.

Während der NS-Diktatur wurden zahlreiche frühere Zentrumspolitiker und einfache Parteimitglieder diskriminiert, inhaftiert oder in Konzentrationslagern getötet. Bereits 1933 kamen Mitglieder in das Konzentrationslager Osthofen. Seit 1935 galt der Versuch, Kirche und Katholiken durch das Konkordat zu schützen, innerhalb der katholischen Kirche als gescheitert; ehemalige Zentrumsmitglieder beteiligten sich daraufhin verstärkt am Widerstand. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurden bei der „Aktion Gitter“ weitere frühere Mitglieder verfolgt.

Neugründung und Entwicklung zur Kleinpartei

1945 wurde das Zentrum neu gegründet. Einige frühere Mitglieder wollten sich nicht der überkonfessionellen CDU anschließen oder hielten deren Wirtschaftspolitik für zu wirtschaftsfreundlich. Das neue Zentrum forderte eine staatlich planvoll gelenkte Wirtschaft, wandte sich im zweiten Bundestag gegen jede Remilitarisierung und vertrat in der Kulturpolitik stark konfessionelle Positionen. Es verlor jedoch seine frühere Rolle als katholische Volkspartei an die CDU, die Christen beider großen Konfessionen vereinte und der sich auch ehemalige Zentrumspolitiker wie Konrad Adenauer anschlossen.

1948/49 saßen zwei Zentrumsmitglieder im Parlamentarischen Rat. Bei der Bundestagswahl 1949 gewann die Partei 3,1 Prozent und zehn Mandate. 1953 erhielt sie 0,8 Prozent und drei Mandate; zwei Abgeordnete gehörten tatsächlich dem Zentrum an. Adenauers Angebot zum Eintritt in die Bundesregierung lehnte die Partei ab. Von 1951 bis 1953 bildete sie mit der Bayernpartei die Bundestagsfraktion „Föderalistische Union“. Ein gleichnamiges Wahlbündnis mit Bayernpartei und Deutsch-Hannoverscher Partei erreichte 1957 bundesweit nur 0,9 Prozent und keine Mandate.

In Nordrhein-Westfalen war Rudolf Amelunxen von 1945 bis 1947 erster Ministerpräsident. Das Zentrum beteiligte sich anschließend an Landesregierungen und erreichte bei den Landtagswahlen 1947 9,8 Prozent und 20 Sitze, 1950 7,5 Prozent und 16 Sitze sowie 1954 4,0 Prozent und neun Sitze. 1956 half es gemeinsam mit der FDP, den SPD-Politiker Fritz Steinhoff zum Ministerpräsidenten zu wählen. 1958 fiel es jedoch auf 1,1 Prozent und schied aus dem Landtag aus. In Niedersachsen endete seine Landtagsvertretung 1959; damit war der Übergang zur Kleinpartei abgeschlossen.

Spätere Bundestags- und Europawahlteilnahmen blieben erfolglos. Bei den Europawahlen waren 0,38 Prozent im Jahr 1984 das beste genannte Ergebnis. Abspaltungen wie die Christliche Partei für das Leben und die Christliche Mitte sowie gescheiterte Fusionsgespräche schwächten die Partei zusätzlich. Seit den 1980er Jahren konzentrierte sie sich vor allem auf Kommunalpolitik. 2021 durfte sie nicht zur Bundestagswahl antreten, weil sie sechs Jahre hintereinander keinen gesetzeskonformen Rechenschaftsbericht vorgelegt hatte. Durch den Beitritt des ehemaligen AfD-Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen im Juni 2022 war das Zentrum vorübergehend im Europäischen Parlament vertreten; mit seinem Austritt im September 2023 endete diese Vertretung. Seit 2022 ist Christian Otte Parteivorsitzender.

Weiterlesen

Volkspartei (Parteityp) Als Volkspartei bezeichnet man in der deutschen Politikwissenschaft eine Partei, Basis der Parteien durch einen Wertewandel und die Änderung der sozialen … Deutsches Kaiserreich Die innen- und außenpolitische Entwicklung des Reichs wurde von 1871 bis 1890 von seinem ersten und am längsten amtierenden Kanzler, Otto von Bismarck, bestimmt … Weimarer Republik Die Weimarer Republik entstand im Zuge der Novemberrevolution. Diese Bezeichnung der ersten auf nationalstaatlicher Ebene verwirklichten deutschen Republik ist … Zeit des Nationalsozialismus Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht … Deutscher Bundestag Der Bundestag übt die parlamentarische Kontrolle gegenüber der Regierung und der Exekutive des Bundes aus, er kontrolliert auch den Einsatz der Bundeswehr. Landesregierung (Deutschland) Eine Landesregierung ist die Regierung eines Landes in Deutschland. In Bayern und Sachsen heißt die Landesregierung Staatsregierung, in den Stadtstaaten … Nordrhein-Westfalen ... Blauen Banane“. Den nördlichen Teil des Ballungsraums Rhein-Ruhr bildet das stark verstädterte Ruhrgebiet (vgl. Ruhrstadt) mit den Zentren Dortmund, Essen … Bayern Geographie ... Bayern ist mit rund 1300 Museen das museumsreichste Bundesland Deutschlands und eine der museumsreichsten Regionen des Kontinents. Alternative für Deutschland Die AfD will den Sozialstaat abbauen, Geringverdiener gegenüber Gutverdienern schlechterstellen und einer Sparpolitik gegenüber Investitionen Vorrang geben. Europäisches Parlament Seit der Gründung des Parlaments 1952 wurden seine Kompetenzen bei der EU-Rechtsetzung mehrmals deutlich erweitert, vor allem durch den Vertrag von Maastricht … Politische Partei Politische Parteien in einem Mehrparteiensystem konkurrieren untereinander um die Besetzung der politischen Entscheidungspositionen; sie tragen zur politischen … Freie Demokratische Partei Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte die Partei an der Fünfprozenthürde und befindet sich seither auf Bundesebene erneut in der außerparlamentarischen …