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Volkspartei (Parteityp)
Als Volkspartei bezeichnet man in der deutschen Politikwissenschaft eine Partei, Basis der Parteien durch einen Wertewandel und die Änderung der sozialen …
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Begriff und Bedeutung
Eine Volkspartei ist in der deutschen Politikwissenschaft ein Parteityp, der im Prinzip für Wähler und Mitglieder aller gesellschaftlichen Schichten, Generationen und Weltanschauungen offen ist. Sie unterscheidet sich damit von einer Klassenpartei, die vor allem eine soziale Klasse vertritt, von einer Interessenpartei oder Klientelpartei, die bestimmte Gruppeninteressen bündelt, und von einer Honoratiorenpartei, die stark von angesehenen Einzelpersonen getragen wird.
Dieter Nohlen beschreibt Volkspartei 2010 als „eine Selbstbezeichnung von Großparteien wie der SPD, CDU und CSU“, die ihre Wählerbasis ausweiten, möglichst viele Stimmen gewinnen und strategische Mehrheiten erreichen wollen. Sie beanspruchen, schichtübergreifend und weltanschaulich verbindend breite Wählerschichten aufzunehmen und verschiedene Interessen auszugleichen. Die Bundeszentrale für politische Bildung definierte 2011 eine Volkspartei als „Typ einer politischen Partei, die mit ihrem Programm nicht nur begrenzte Interessengruppen anspricht und deshalb Anhänger und Wähler in allen Bevölkerungsschichten hat“.
Der Begriff ist vor allem in Deutschland üblich. In Österreich und der Schweiz ist er weniger eindeutig, weil dort wichtige Parteien „Volkspartei“ im Namen tragen, etwa die Österreichische Volkspartei, die Schweizerische Volkspartei und die Christlichdemokratische Volkspartei. Verwandt, aber nicht deckungsgleich, sind die englischen Begriffe „catch-all party“ und „big tent party“; Otto Kirchheimer verwendete sinngemäß auch „Allerweltspartei“.
Entstehung und Ziele
Volksparteien entstanden in einigen westlichen Demokratien im 20. Jahrhundert, als bestehende Parteien sich für breitere Wähler- und Mitgliederschichten öffneten oder kleinere politische Gruppierungen zusammenschlossen. In Deutschland gelten CDU/CSU und SPD als zentrale Beispiele. Die CDU/CSU verstand sich von Anfang an als überkonfessionelle Volkspartei, also nicht nur als Partei einer bestimmten Konfession. Die SPD wandelte sich mit dem Godesberger Programm von einer Interessenpartei der Arbeiterschaft zu einer Volkspartei, indem sie sich ausdrücklich auch an Christen und Kleinunternehmer wandte.
Ein Beispiel für die Bildung einer Volkspartei durch Zusammenschluss mehrerer kleinerer Parteien ist die Sozialistische Partei in Frankreich. Der wichtigste Anstoß war meist strategisch: Parteien wollten im politischen Wettbewerb erfolgreicher werden, bei Wahlen ein größeres Stimmenpotenzial erreichen und dadurch bessere Chancen auf Regierungsmehrheiten bekommen.
Merkmale und Arbeitsweise
Volksparteien nehmen regelmäßig an Wahlen teil, um politische Ämter mit eigenen Mitgliedern zu besetzen und demokratische Legitimität für politische Herrschaft zu erhalten. Sie sind damit zugleich Träger und Nutznießer des demokratisch-repräsentativen Systems.
Bei ihrer Mitgliedschaft streben sie eine möglichst breite soziale Basis an. Viele verschiedene Schichten der Bevölkerung sollen vertreten sein. Programmatisch vermeiden Volksparteien eine zu enge Bindung an eine einzelne Klasse, Schicht oder klar festgelegte Ideologie. Eine ideologische Grundrichtung kann weiterhin eine Rolle spielen, ist aber nicht mehr alleinige Grundlage politischer Entscheidungen.
Im Mittelpunkt steht der Ausgleich unterschiedlicher, teilweise widersprüchlicher Interessen. Deshalb betreiben Volksparteien meist eine Politik des Kompromisses und der Konsensfindung. Wenn mehrere Volksparteien in einem Land miteinander konkurrieren, können ihre programmatischen Unterschiede kleiner werden, weil alle versuchen, für große Teile der Wählerschaft wählbar zu bleiben und Regierungsmehrheiten zu gewinnen.
Bundeskanzler Olaf Scholz betonte eine andere Deutung: Für ihn komme es bei der Bezeichnung „Volkspartei“ nicht mehr vor allem auf eine breite Mitgliederbasis an, sondern auf den parteiinternen Willen, das Volk zu vereinen. Parteien, die das Volk „spalten wollen“, seien nach dieser Sicht ausgeschlossen; auch kleinere Parteien könnten demnach Volksparteien sein, wenn sie diesen Einigungswillen tragen.
Organisation, Anspruch und Kritik
Strukturell sind Volksparteien oft durch eine starke Parteiführung geprägt. Einzelne Parteimitglieder haben wegen der vielen Organisationsebenen nur geringen Einfluss und wenig direkten Kontakt zur Führung. Da die Interessen- und Ideologiebindung schwächer ist als bei anderen Parteitypen, ist auch die Loyalität vieler Anhänger geringer. Volksparteien sind zwar oft mitgliederstark, zugleich gibt es aber viele Parteiwechsel und Austritte.
Der Begriff hat auch einen normativen Gehalt, also eine wertende Bedeutung. Wenn Parteien sich selbst Volkspartei nennen, beanspruchen sie, Partei für das ganze Volk zu sein oder die Interessen des ganzen Volkes zu vertreten. In der Bundesrepublik diente der Begriff auch dazu, etablierte Parteien gegenüber Kräften abzugrenzen, die gegen den Grundkonsens der Bonner Demokratie opponierten. Deshalb kann die Frage, ob eine Partei als Volkspartei gilt, auch eine Frage politischer Legitimität sein.
Kritik richtet sich vor allem gegen möglichen Profilverlust. Weil Volksparteien viele unterschiedliche Ansichten aufnehmen und mehrheitsfähige Themen besetzen wollen, können ihre Inhalte beliebig wirken. Bei zwei dominierenden Volksparteien können sich die Programme stark annähern, besonders in der politischen Mitte. Wähler am Rand des jeweiligen Spektrums fühlen sich dann möglicherweise nicht mehr vertreten und wenden sich kleineren Parteien zu. So kann die Stärke von Volksparteien auch zur Zersplitterung der Parteienlandschaft beitragen.
Außerdem können Volksparteien Minderheiten mit grundlegend anderen Interessen oder Werten nur schwer integrieren. Dies kann Entfremdung vom politischen System fördern oder neue Parteien entstehen lassen. Als Beispiele nennt der Artikel die Grünen in der alten Bundesrepublik und die Alternative für Deutschland in jüngerer Zeit. Teilweise wird auch kritisiert, dass die Öffnung für alle Wählerschichten einzelnen Interessengruppen mehr Einfluss verschaffe; als Beispiel wird eine Zuwendung von SPD und zunehmend auch SPÖ zu wirtschaftsnahen und neoliberalen Positionen genannt.
Deutschland
Vor 1945 gab es in Deutschland nach Darstellung des Artikels keine Volksparteien im heutigen Sinn. Parteien verstanden sich meist als Vertreter abgegrenzter Gruppen: Die SPD war eine Klassenpartei der Arbeiter, das Zentrum religiös an die Katholische Kirche gebunden, die Deutsche Volkspartei eine Partei des protestantischen Großbürgertums und der Großindustrie. Der NSDAP wird wegen ihrer sozial heterogenen Wählerschaft aus nahezu allen gesellschaftlichen Gruppen einschließlich der Arbeiterschaft ebenfalls der Charakter einer Volkspartei zugeschrieben; Jürgen W. Falter nennt sie eine „Volkspartei des Protests“.
Die heutigen deutschen Volksparteien SPD und CDU entfernten sich von ihren ursprünglichen Milieus. Die SPD versteht sich seit dem Godesberger Programm nicht mehr nur als Arbeiterpartei. Die CDU, teilweise Nachfolgerin des katholischen Zentrums, ist nur noch begrenzt katholisch oder christlich geprägt. Für die CSU gilt dies weniger stark: Sie verortet sich tiefer im Christentum, besonders im Katholizismus, und ist programmatisch stärker konservativ geprägt.
Für die Entstehung deutscher Volksparteien werden zwei Erklärungen genannt. Der positive Konsens nach Otto Kirchheimer sieht den Wandel nach dem Zweiten Weltkrieg in veränderten sozialen Strukturen und Werten. Die frühere Bindung von Arbeitern an die SPD und Katholiken an das Zentrum schwächte sich ab. Mit der Sozialen Marktwirtschaft entstand ein gemeinsames Ziel: ökonomischer Wohlstand und Konsum für alle. Dadurch verloren alte Konfliktlinien an Bedeutung, und Parteien öffneten sich breiter. Kirchheimer nennt zusätzliche Bedingungen: Vor allem große Parteien in großen Demokratien können Volksparteien werden; Parteien verändern sich besonders dann, wenn sie dafür Wahlerfolge erwarten; ein stark zersplittertes Parteiensystem erschwert die Entwicklung.
Der negative Konsens nach Gordon Smith erklärt die Volksparteien aus den Erfahrungen von Weimarer Republik, Zweitem Weltkrieg und deutscher Teilung. Nach dem Scheitern der Demokratie in Weimar habe sich in Deutschland ein Konsens gegen Ideologien gebildet. Antidemokratische Ideologien von rechts und links sowie der Konflikt mit dem Kommunismus hätten weitgehend ideologiefreie, zur Mitte tendierende Volksparteien begünstigt.
Seit 1990 zeigt sich eine Schwäche der großen Volksparteien, besonders an sinkenden Mitgliederzahlen. Die SPD verlor von 1990 bis Dezember 2010 knapp 47 Prozent ihrer Mitglieder. Parteibindungen, Loyalitäten und frühere soziale Milieus lösten sich weiter auf. Bei der Bundestagswahl 2005 wählten zwar noch 60 Prozent der Arbeiter mit Gewerkschaftsbindung die SPD und 75 Prozent der Katholiken mit Kirchenbindung CDU/CSU, doch diese Kernmilieus machten nur noch wenig mehr als zehn Prozent der Gesamtwählerschaft beider Parteien aus.
Die Wahlergebnisse schwankten stark: 2009 kamen die beiden großen Volksparteien zusammen auf 56,8 Prozent, 2013 auf 67,2 Prozent. 2017 fiel ihr Anteil nach dem Einzug der AfD in den Bundestag auf 53,4 Prozent. Bei der Europawahl im Mai 2019 erreichten Union und SPD zusammen nur noch 44,7 Prozent, bei der Bundestagswahl 2021 lag ihr kumulierter Zweitstimmenanteil bei 49,8 Prozent. Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 kamen nur noch CDU und AfD auf über 20 Prozent; Julian Reichelt bezeichnete die AfD danach als „Volkspartei des Ostens“.
Weitere Länder
In Österreich gibt es mit SPÖ und ÖVP ähnlich wie in Deutschland eine große sozialdemokratische und eine große christdemokratische Partei. Die rechtspopulistische FPÖ hat sich laut Artikel besonders seit ihrer Regierungsbeteiligung zunehmend zu einer dritten Volkspartei Österreichs entwickelt.
In Südtirol wird die Politik maßgeblich von der Südtiroler Volkspartei geprägt. Sie hatte von 1948 bis 2013 die absolute Mehrheit im Südtiroler Landtag. Ihr Erfolg wird vor allem mit dem starken Wunsch der überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols nach Autonomie gegenüber Italien erklärt.
Für die Vereinigten Staaten können die beiden großen Parteien, die Demokratische Partei eher links und die Republikanische Partei eher rechts, als Volksparteien bezeichnet werden.