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Geschichte der Afroamerikaner
Viele durch den Rassismus entstandene Umstände – besonders die Benachteiligung der Afroamerikaner im Wirtschafts- und Bildungsbereich, ihre Diskriminierung im …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und koloniale Anfänge
Die Geschichte der Afroamerikaner umfasst die Geschichte von rund 40 Millionen Bürgern der USA, deren Vorfahren überwiegend durch den atlantischen Sklavenhandel aus Afrika südlich der Sahara nach Nordamerika verschleppt und dort ausgebeutet wurden. Afroamerikaner prägten Politik, Gesellschaft und Kultur der Vereinigten Staaten. Ihre Geschichte ist sowohl von Sklaverei, Rassismus, Diskriminierung und Gewalt als auch vom Kampf um Freiheit, Emanzipation und Bürgerrechte bestimmt.
Zu den frühesten bekannten Bewohnern afrikanischer Abstammung gehörte Juan „Jan“ Rodrigues, der 1612 auf Manhattan landete. Als Beginn der Geschichte der Afroamerikaner als Bevölkerungsgruppe gilt meist August 1619: Der Kaperfahrer „White Lion“ brachte 20 bis 30 gefangene Afrikaner nach Point Comfort in Virginia. Sie stammten wahrscheinlich aus dem Königreich Ndongo im heutigen Angola. Unter ihnen waren Antony und Isabella; ihr Sohn William war der erste nachweislich in Nordamerika geborene Mensch afrikanischer Herkunft.
Die profitable Plantagenwirtschaft der südlichen Kolonien benötigte immer mehr Arbeitskräfte, die nicht ausreichend durch europäische Vertragsknechte oder einheimische Lohnarbeiter bereitgestellt werden konnten. Deshalb wurden Afrikaner in großer Zahl versklavt und eingeführt. Die letzten verschleppten Afrikaner erreichten vermutlich 1860 mit der „Clotilda“ die USA. Einer von ihnen war Cudjoe Lewis, dessen 1927 erzählte Lebensgeschichte 2018 veröffentlicht wurde. Afrikanische Herrscher und Händler waren am Sklavenhandel beteiligt; im Königreich Dahomey und bei weiteren Gruppen wurden Gefangene durch Kriege und Menschenjagden beschafft. Kurz vor Abschaffung der Sklaverei zahlten Händler etwa 100 Golddollar pro Person.
Freiheit und Unfreiheit vor dem Bürgerkrieg
Nach der Unabhängigkeit entwickelten sich Nord und Süd unterschiedlich. In den nördlichen Bundesstaaten wurde die Sklaverei zwischen 1777 und 1865 schrittweise abgeschafft. Viele bereits versklavte Menschen blieben dennoch lebenslang unfrei. Andere gerieten als Schuldknechte wieder in langfristige Abhängigkeit oder blieben durch versklavte Angehörige an ehemalige Halter gebunden. „Term Slavery“ versprach Freiheit erst nach einer festgelegten Zeit. Bei der „forced apprenticeship“ wurden formal freie schwarze Kinder und Jugendliche gerichtlich und häufig gegen den Willen ihrer Eltern bei einem „Lehrherrn“ untergebracht.
Auch freie Afroamerikaner waren von Ausgangssperren, Reisebeschränkungen und zahlreichen Rechtsverboten betroffen. Bis 1865 konnten sie keine US-Staatsbürger werden; sie durften vielerorts weder wählen noch Geschworene sein, vor Gericht aussagen oder in die Streitkräfte eintreten. Viele zogen nach New York City, Philadelphia oder Boston. Dort entstanden Gemeinden mit schwarzen Kirchen, Schulen und Wohlfahrtsorganisationen. Die meisten arbeiteten in schlecht bezahlten Dienstleistungsberufen; nur wenige Kaufleute und Fabrikanten erreichten die Mittelschicht. Gebildete Führungspersönlichkeiten, sogenannte Black Petitioners, forderten ein Ende des Sklavenhandels, die Emanzipation aller Sklaven und rechtliche Gleichstellung.
Im Oberen Süden – Delaware, Maryland und der Westen Virginias – verlor die Sklaverei durch den Übergang von der Plantagenwirtschaft zur landwirtschaftlichen Mischkultur teilweise ihre wirtschaftliche Grundlage. Manche Sklaven wurden freigelassen, andere in weiter südlich gelegene Gebiete verkauft. Freie Schwarze waren besonders im Handwerk und städtischen Dienstleistungsbereich wichtig, blieben aber meist arm und rechtlich benachteiligt.
Im Unteren Süden, vor allem South Carolina und Georgia, lebten freie Schwarze hauptsächlich in Hafenstädten. Einige waren aus Saint-Domingue eingewandert, freigelassen worden oder hatten sich selbst freigekauft. Viele blieben von der Patronage früherer Eigentümer abhängig. In South Carolina mussten sie eine jährliche Kopfsteuer zahlen. Manche kauften versklavte Angehörige, um ihnen Freiheit zu ermöglichen; andere freie Schwarze betrieben Sklavenhaltung als Geschäft. Die 1790 in Charleston gegründete Brown Fellowship Society unterstützte zunächst Bestattungen, wurde aber zu einem exklusiven Verein. Wegen des Ausschlusses dunkelhäutiger Schwarzer entstand die Humane Brotherhood. Damit wirkte die aus der Sklavenhaltergesellschaft stammende Hierarchie nach Hautfarbe auch innerhalb der schwarzen Gemeinschaft.
Im spanisch geprägten Tiefen Süden erleichterten liberalere Regeln zunächst Freilassungen und Selbstkäufe. In New Orleans, Mobile und Pensacola entstanden durch Zuwanderung aus der Karibik selbstbewusste freie schwarze Stadtgemeinden. Nach dem Übergang Louisianas an die USA wurden ihre Rechte eingeschränkt. Die „Zweite Mittelpassage“, die Deportation Hunderttausender Versklavter von Nord nach Süd ab 1783, zerstörte soziale Strukturen. Neue Führungsschichten bildeten sich unter religiösen Autoritäten, Heilern, Hebammen, Vorarbeitern und Handwerkern.
Bürgerkrieg, Emanzipation und erneute Unterdrückung
1808 wurde die Einfuhr versklavter Menschen formal verboten, doch das Verbot wurde kaum eingehalten. 1860 lebten in den Südstaaten 3,5 Millionen versklavte Afroamerikaner; landesweit gab es außerdem 500.000 freie Afroamerikaner. Abolitionisten – Gegner der Sklaverei – wie Frederick Douglass kämpften verstärkt für deren Abschaffung. Die gegensätzlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme von Nord und Süd, der Aufstieg der Republikanischen Partei und die Wahl Abraham Lincolns 1860 trugen zur Sezession der Konföderierten Staaten und zum Amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 bei. Mehr als 180.000 Afroamerikaner dienten in der Unionsarmee, viele in den United States Colored Troops.
Die im Artikel sowohl mit 1862 als auch mit dem Inkrafttreten am 1. Januar 1863 datierte Emanzipationsproklamation erklärte als Kriegsmaßnahme die Sklaven in den aufständischen Gebieten für frei. Sie befreite zunächst niemanden unmittelbar, weil die US-Regierung dort keine tatsächliche Gewalt ausübte, und nahm nicht abgespaltene Gebiete aus. Der am 31. Januar 1865 beschlossene 13. Verfassungszusatz hob die Sklaverei im gesamten Land auf. Der 14. Zusatzartikel gewährte Afroamerikanern formell gleiche Bürgerrechte.
Während der Reconstruction, der politischen Neuordnung des Südens nach dem Krieg, erhielten Afroamerikaner Wahlrecht, Zugang zu öffentlichen Ämtern und weitere Rechte. Nach ihrem Ende 1877 entzogen weiße Landbesitzer ihnen das Wahlrecht jedoch durch verschiedene Maßnahmen, unterstützt durch Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs. Ein umfassendes System der Segregation – der gesetzlich oder gesellschaftlich erzwungenen Trennung nach zugeschriebener „Rasse“ – entstand. Lynchjustiz und anderer Terror bedrohten Schwarze; schwarze Landarbeiter und Pächter lebten kaum besser als vor dem Krieg. Die Jim-Crow-Gesetze festigten bis in die 1960er Jahre die Benachteiligung unter anderem in Bildung, Verkehr, Arbeit, Wohnen und öffentlichen Einrichtungen.
Great Migration und Bürgerrechtsbewegung
Die verzweifelte Lage im Süden löste im frühen 20. Jahrhundert die Great Migration aus, eine große Wanderung von Afroamerikanern in andere Landesteile. Zusammen mit dem Wachstum einer intellektuellen und kulturellen Elite im Norden stärkte sie den Kampf gegen Gewalt und Diskriminierung. Präsident Harry S. Truman legte mit der Executive Order Nr. 9981 vom 26. Juli 1948 die Gleichbehandlung und Chancengleichheit in den US-Streitkräften unabhängig von „Rasse“, Hautfarbe, Religion oder nationaler Herkunft als politische Leitlinie fest.
Eine zentrale Organisation war die National Association for the Advancement of Colored People. Ihr langer juristischer Kampf gegen die Segregation mündete in Brown vs. Board of Education von 1954. Der Oberste Gerichtshof erklärte darin die Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig. Der Fall wurde zum Meilenstein der Bürgerrechtsbewegung, die die Jim-Crow-Gesetze beenden und das verfassungsmäßig garantierte Wahlrecht tatsächlich durchsetzen wollte.
In den 1960er Jahren erreichte die Bewegung unter Führungspersönlichkeiten wie Martin Luther King, jr., James Farmer, Whitney Young und Roy Wilkins, Sr. ihren Höhepunkt. Sie erkämpfte die Abschaffung der gesetzlichen Segregation und eine faktische rechtliche Gleichstellung. Gleichzeitig vertraten Malcolm X, zunächst Sprecher der Nation of Islam, und später Stokely Carmichael von der Black Panther Party das Konzept der Black Power. Schwarzer Nationalismus und Panafrikanismus fanden unter einem Teil der Afroamerikaner breite Unterstützung.
Religion und eigene Institutionen
Schwarze Kirchen waren wichtige religiöse und gesellschaftliche Institutionen. In afrikanischen Kirchen wurden Grenzen zwischen freien und unfreien Schwarzen teilweise verwischt. Versklavte Menschen konnten wegen ihrer Armut meist keine Führungspositionen übernehmen, wurden vereinzelt aber Diakone oder Geistliche. Zu den schwarzen Kirchen gehört die African Orthodox Church.
Nach einer Umfrage von 2007 gehörte mehr als die Hälfte der Afroamerikaner einer Schwarzen Kirche an. Die größte Gruppe waren Baptisten, darunter Mitglieder der National Baptist Convention und der National Baptist Convention of America. Danach folgten Methodisten, insbesondere die African Methodist Episcopal Church und die African Methodist Episcopal Zion Church. Zur Pfingstbewegung gehört unter anderem die Kirche Gottes in Christus. 5 % der Afroamerikaner waren katholisch; 22 % der Zeugen Jehovas in den USA waren Afroamerikaner.
20 % der Muslime in den USA waren Schwarze. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konvertierten einige Afroamerikaner unter dem Einfluss des schwarzen Nationalismus zum Islam. Daraus gingen synkretistische, also verschiedene religiöse Traditionen verbindende Bewegungen wie der Moorish Science Temple of America und die Nation of Islam hervor. Malcolm X und Muhammad Ali gehörten zunächst der Nation of Islam an, traten später aber aus. Malcolm X schloss sich nach seiner Pilgerfahrt nach Mekka dem traditionellen sunnitischen Islam an; Muhammad Ali wurde 2005 unter Anleitung von Scheich Hisham Kabbani Anhänger des Sufismus.
Gegenwart und fortbestehende Ungleichheit
Die Bürgerrechtsbewegung begünstigte das Wachstum einer schwarzen Mittelschicht. Gleichzeitig verschlechterten sich die Lebensbedingungen der armen Mehrheit spätestens seit Ende der 1970er Jahre erneut. Afroamerikaner waren überproportional vom Rückgang der Realeinkommen in unteren Einkommensgruppen und von der stark wachsenden Gefängnispopulation betroffen. Nach Darstellung des Artikels vervierfachte sich ihre Zahl in Haft seit 1980 ungefähr, während die Zahl der Collegeabsolventen auf 30 % des Wertes von 1980 sank. Als ein Faktor wird eine stärker auf Abschreckung als auf Resozialisierung ausgerichtete Gesetzgebung wie das „Three-strikes-law“ genannt. Nach der Misshandlung Rodney Kings kam es Anfang der 1990er Jahre zu schweren Unruhen in Los Angeles.
2008 wurde Barack Obama als erster Afroamerikaner zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Er ist der Sohn eines schwarzen Kenianers und einer weißen Amerikanerin. Die Hoffnung, den Rassenkonflikt durch den Abbau struktureller Diskriminierung zu überwinden, erfüllte er während seiner beiden Amtszeiten bis 2017 nach der im Artikel wiedergegebenen Einschätzung des „Tagesspiegels“ nicht.
Seit 2013 fanden wiederholt Demonstrationen unter dem Motto „Black Lives Matter“ statt. 2020 löste der Tod George Floyds, der auf offener Straße vom weißen Polizeibeamten Derek Chauvin getötet wurde, große Proteste aus, an denen anders als bei den großen Protesten der 1960er Jahre auch viele Weiße teilnahmen. Eine weitere politische Debatte betrifft die Critical Race Theory.
Strukturelle Benachteiligung besteht nach dem Artikel besonders im Strafjustizsystem sowie bei Arbeits- und Wohnungssuche, Sozialleistungen und Wahlrecht fort. Michelle Alexander beschreibt in „The New Jim Crow“ von 2010 die massenhafte Inhaftierung als neues System rassistischer Ausgrenzung unter dem Deckmantel der Kriminalitätsbekämpfung. Obwohl Afroamerikaner demnach nicht überproportional häufig Drogen konsumieren oder mit ihnen handeln, stellten sie rund drei Viertel der wegen Drogendelikten inhaftierten Bevölkerung. Rassismus, wirtschaftliche und bildungsbezogene Benachteiligung sowie die Ideologie der White Supremacy bleiben damit unbewältigte gesellschaftliche Probleme. Der Bewahrung und Vermittlung afroamerikanischer Geschichte dienen unter anderem das African American Museum and Library at Oakland und die Martin Luther King Jr. Memorial Library.