Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geschichte Vietnams
Geschichte Vietnams · 1 Altertum · 2 Frühe Dynastien · 3 Französische Kolonialherrschaft · 4 Zweiter Weltkrieg · 5 Unabhängigkeit 1945 und Indochinakrieg · 6 …
Inhalt6 Abschnitte
Von der Urgeschichte zur chinesischen Herrschaft
Die Geschichte Vietnams reicht von frühen prähistorischen Kulturen bis zur heutigen Sozialistischen Republik Vietnam. Die älteste bekannte Kultur der Region ist die mehr als 30.000 Jahre alte Dieu-Kultur. Es folgten unter anderem die Sơn-Vi-, Hòa-Bình- und Bắc-Sơn-Kultur. Etwa ab 3000 v. Chr. war der Bewässerungsanbau von Reis bekannt. Die Bronzezeit ist unter anderem durch die Đồng-Đậu-, Gò-Mun- und Đông-Sơn-Kultur belegt. Die Đông-Sơn-Kultur im Delta des Roten Flusses ist besonders für reich verzierte Bronzetrommeln bekannt. Die Eisenzeit begann in der Region etwa 500 v. Chr.; an den Küsten bestand die vermutlich von Einwanderern aus dem Gebiet des heutigen Indonesien geprägte Sa-Huỳnh-Kultur.
Aus der Đông-Sơn-Kultur entstand Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. Văn Lang, das erste bekannte Königreich der Lạc Việt. Im 3. Jahrhundert v. Chr. wanderten Âu Việt aus dem heutigen Südchina ein und vermischten sich mit den Lạc Việt. Thục Phán vereinigte beide Gruppen 258 v. Chr. zum Königreich Âu Lạc und erklärte sich als An Dương Vương zum König. Nach einem langen Krieg wurde er 208 v. Chr. vom Qin-General Triệu Đà besiegt. Dieser gründete die Triệu-Dynastie und nannte sein Reich später Nam Việt.
111 v. Chr. eroberten Truppen des chinesischen Kaisers Hàn Wǔdì Nam Việt und gliederten es als Präfektur Giao Chỉ in das chinesische Reich ein. Unter chinesischer Herrschaft übernahm die Bevölkerung technische Neuerungen im Reisanbau, in der Viehhaltung und in der Baukunst. Wiederholte Aufstände führten nur zu kurzen Phasen der Unabhängigkeit. 679 erhielt die Provinz den Namen Annam, „friedlicher Süden“.
In Mittel- und Südvietnam entstand Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. Champa. Im Mekongdelta bildete sich im 2. Jahrhundert Funan, der älteste nachgewiesene Staat Südostasiens und ein Vorläufer des späteren Khmer-Reiches Kambuja. Champa und Funan waren stark durch indische Schrift, Kalender, Architektur, Hinduismus und Buddhismus geprägt. Zwischen Annam, den Cham und den Khmer kam es wiederholt zu Kriegen.
Eigenständige Reiche und Dynastien
Nach dem Zusammenbruch der chinesischen Tang-Dynastie 907 löste sich Annam zunehmend von China. Ngô Quyền begründete nach seinem Sieg in der Schlacht am Bạch-Đằng-Fluss 938 den ersten vietnamesischen Staat. Đinh Bộ Lĩnh festigte ihn bis 968; anschließend folgten mehrere kurzlebige Dynastien.
Von 1010 bis 1225 regierte die von Lý Thái Tổ gegründete Lý-Dynastie das Reich Đại Việt. Sie stärkte Verwaltung und Machtstrukturen nach chinesischem Vorbild, passte diese jedoch an vietnamesische Verhältnisse an. Das Reich behauptete sich gegen die chinesische Song-Dynastie sowie gegen Khmer und Cham. Nach inneren Unruhen übernahm 1225 die Trần-Dynastie. Unter General Trần Hưng Đạo wehrte sie im Bündnis mit den Cham die Angriffe der mongolischen Yuan-Dynastie Kublai Khans ab.
Auf die Hồ-Dynastie von 1400 bis 1407 folgte eine kurze Herrschaft der chinesischen Ming. Diese versuchten eine verstärkte Sinisierung, also kulturelle Angleichung an China, und zerstörten systematisch Teile des vietnamesischen Literaturerbes. 1427 gründete Lê Lợi die bis 1789 bestehende Lê-Dynastie. Sie betonte vietnamesische Traditionen, während der Konfuzianismus die staatliche Ordnung weiterhin prägte. Mit der Eroberung der Hauptstadt Champas 1471 dehnte sich die vietnamesische Macht bis zum Mekong aus.
Seit dem späten 15. Jahrhundert verloren die Kaiser zugunsten mächtiger Familien, besonders der Trịnh und Nguyễn, an Einfluss. Europäische Händler und Missionare brachten neue Technologien. Der Jesuit Alexandre de Rhodes entwickelte die auf lateinischen Buchstaben beruhende Schrift Quốc ngữ, die bis heute verwendet wird.
Nach der Tây-Sơn-Rebellion von 1771 und einem Bürgerkrieg setzte sich Nguyễn Phúc Ánh um 1802 mit französischer Hilfe durch. Als Kaiser Gia Long verlegte er die Hauptstadt nach Huế und bezeichnete das Land erstmals als Viet Nam. Große Infrastruktur- und Verteidigungsprojekte belasteten die Staatskasse. Vietnam erweiterte sein Gebiet; ab 1834 gehörten Teile des heutigen Kambodscha als Provinz Tran-tay-thanh dazu.
Kolonialherrschaft, Weltkrieg und Unabhängigkeit
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkte Frankreich seinen militärischen Druck. Im September 1858 griffen französische Kanonenboote Đà Nẵng und das Mekongdelta an. Ab 1862 musste Vietnam Gebiete abtreten. Bis 1883 entstanden die französischen Protektorate Annam, Cochin-China und Tonkin, die der vietnamesische Kaiser anerkennen musste.
Nationalistische und kommunistische Unabhängigkeitsbewegungen gewannen im frühen 20. Jahrhundert an Bedeutung. Ho Chi Minh vereinigte 1929 die kommunistischen Parteien der drei Protektorate. Nach dem gescheiterten Yen-Bai-Aufstand wurde die Partei 1930 durch Hinrichtungen stark geschwächt.
Nach der deutschen Besetzung Frankreichs war Indochina militärisch isoliert. Japan bereitete seinen Einmarsch diplomatisch vor und verwaltete Vietnam von Juli 1941 bis August 1945, zunächst gemeinsam mit der französischen Kolonialverwaltung des Vichy-Regimes. Die gleichzeitige Ausbeutung durch Frankreich und Japan sowie hohe Forderungen nach Nahrungsmitteln führten 1945 zu einer Hungersnot, bei der schätzungsweise zwei Millionen Menschen starben.
Ho Chi Minh kehrte 1941 aus dem Exil zurück. Aus mehr als 40 Widerstandsgruppen entstand die Việt Minh, die gegen japanischen Imperialismus und französischen Kolonialismus kämpfte und dabei von der Republik China und den USA einschließlich des Geheimdienstes OSS unterstützt wurde. Nach Japans Kapitulation dankte Kaiser Bảo Đại am 25. August 1945 ab. Nach der Augustrevolution rief Ho Chi Minh am 2. September 1945 die Demokratische Republik Vietnam als unabhängigen Staat für ganz Vietnam aus.
Die Việt Minh führte das allgemeine Wahlrecht und gleiche Rechte für Frauen und Männer ein. Bei der ersten gesamtvietnamesischen Wahl zur Nationalversammlung am 6. Januar 1946 wurde das Frauenwahlrecht erstmals ausgeübt; 2,5 Prozent der Abgeordneten waren Frauen. Zugleich rückten britische Truppen in den Süden und nationalchinesische Truppen in den Norden ein. Frankreich stellte am 23. September 1945 sein Kolonialregime in Südvietnam wieder her. Der Versuch, auch Nordvietnam erneut zu unterwerfen, löste 1946 den Indochinakrieg aus.
Die Việt Minh unter General Võ Nguyên Giáp besiegten Frankreich 1954 in der Schlacht um Điện Biên Phủ. Auf der Genfer Indochinakonferenz wurde Vietnam entlang des 17. Breitengrades vorläufig in die Demokratische Republik Vietnam mit Hanoi als Hauptstadt und die Republik Vietnam mit Saigon als Hauptstadt geteilt.
Die beiden vietnamesischen Staaten
Nordvietnam orientierte seine Wirtschaft seit 1949 zunehmend an der Volksrepublik China und den Ostblockstaaten. Es exportierte vor allem Reis und Rohstoffe und baute mit ausländischen Krediten seine Metallindustrie auf. Ein schweres Hindernis der Industrialisierung war der Mangel an Ingenieuren, Technikern und Facharbeitern.
Von 1953 bis 1956 führte die Kommunistische Partei eine Agrarreform nach chinesischem Vorbild durch. Etwa drei bis vier Prozent der Bauern wurden enteignet und inhaftiert oder hingerichtet. Während der 1956 verschärften, als „Ausrichtung“ bezeichneten Repression wurden bis zu 86 Prozent der ländlichen Parteikader und in einigen Bezirken bis zu 95 Prozent der früheren Widerstandskämpfer ausgeschlossen; viele wurden hingerichtet. Insgesamt wurden bis zu 50.000 Menschen getötet und weitere 50.000 bis 100.000 inhaftiert. Die Führung stoppte die Säuberungen nach Flucht und Desertionen und bezeichnete diese Politik später als Fehler. Bewässerungsprojekte führten während einer schweren Dürre zu Ernteausfällen und einer Hungersnot mit unbekannter Opferzahl. 1958 gewährte China Nordvietnam einen zinslosen Kredit über 800 Millionen Yuán, der in Naturalien zurückgezahlt werden sollte.
Im Süden ernannte Bảo Đại 1954 den antikolonialistischen, antikommunistischen Katholiken Ngô Đình Diệm zum Regierungschef. Der Staat war durch bewaffnete religiöse Gruppen, kriminelle Bình-Xuyên-Banden und kommunistische Untergrundkämpfer politisch instabil. Hinzu kamen etwa 880.000 überwiegend katholische Flüchtlinge aus Nordvietnam. Diệm schlug 1955 mit amerikanischer Hilfe Aufstände nieder und setzte Bảo Đại nach einer umstrittenen Volksabstimmung ab, bei der er angeblich 98 Prozent erhielt. Am 26. Oktober 1955 rief er die Republik Vietnam aus und wurde ihr erster Präsident.
Mit Unterstützung der USA verweigerte Diệm 1956 die im Genfer Abkommen vorgesehenen gesamtvietnamesischen Wahlen und damit eine mögliche Wiedervereinigung. Seine Regierung machte Landreformen der Việt Minh rückgängig und plante den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Rund 80 Prozent des ersten Fünfjahresplans von 1956 bis 1961 sollten durch ausländisches Kapital finanziert werden. Bis 1960 belief sich die amerikanische Wirtschafts- und Militärhilfe auf rund drei Milliarden Dollar. Dennoch wurde Diệms Regierung wegen Korruption und ihrer Politik gegenüber Studenten und Buddhisten immer unpopulärer. Diệm wurde am 2. November 1963 ermordet; nach mehreren kurzlebigen Regierungen übernahm eine von den USA unterstützte Militärführung die Macht.
Vietnamkrieg und Wiedervereinigung
Nordvietnams Kommunistische Partei genehmigte 1956 die Wiederbelebung des Aufstands im Süden und 1959 einen „Volkskrieg“. Die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, kurz FNL und von ihren Gegnern Viet Cong genannt, führte den Aufstand unter nordvietnamesischer Kontrolle. Von 1961 bis 1963 drangen etwa 40.000 kommunistische Soldaten in den Süden ein. Der Ho-Chi-Minh-Pfad durch Laos diente dem Nachschub.
Am 30. Juli 1964 fingierten die USA einen Zwischenfall im Golf von Tonkin und nutzten ihn zur massiven Ausweitung ihres Einsatzes. Grundlage war auch die Domino-Theorie: Die USA befürchteten, nach einem kommunistischen Sieg in Südvietnam könnten weitere Staaten kommunistisch werden. Ab 1965 führten sie einen systematischen Luftkrieg gegen Nordvietnam, bei dem 30.000 Zivilisten starben. Schließlich kämpften etwa 550.000 US-Soldaten, ungefähr ebenso viele Soldaten der südvietnamesischen ARVN, 50.000 Südkoreaner und kleinere verbündete Kontingente gegen rund 230.000 FNL-Partisanen und 50.000 reguläre nordvietnamesische Soldaten.
Die Tet-Offensive vom 31. Januar 1968 war militärisch kein dauerhafter Geländegewinn, aber ein politischer Erfolg der FNL. Teile Saigons und anderer Städte wurden vorübergehend eingenommen, und die US-Botschaft wurde angegriffen. Berichte über Kriegsgräuel, Massaker und Napalmopfer veränderten die öffentliche Meinung in den USA. Ab 1969 betrieben die USA die „Vietnamisierung“, also die schrittweise Übergabe des Krieges an Südvietnam und den Abzug eigener Truppen. Bombardierungen und der Einsatz von Entlaubungsmitteln wie Agent Orange dauerten bis 1973 an.
Am 28. Januar 1973 vereinbarten Henry Kissinger und Lê Đức Thọ einen Waffenstillstand. Damit endete die direkte Beteiligung der USA, doch Nord- und Südvietnam kämpften weiter. Am 30. April 1975 nahmen nordvietnamesische Truppen Saigon ein; Südvietnam kapitulierte bedingungslos. Der Vietnamkrieg war beendet.
Sozialistische Republik und Reformpolitik
Am 2. Juli 1976, vierzehn Monate nach Kriegsende, wurden Nord- und Südvietnam zur Sozialistischen Republik Vietnam vereinigt. Der marxistische Einparteienstaat behielt Hanoi als Hauptstadt und benannte Saigon in Ho-Chi-Minh-Stadt um. Im Süden enteignete die Regierung Landbesitzer und städtische Kapitaleigner, kollektivierte die Landwirtschaft und unterwarf frühere Führungskräfte sowie Wohlhabende Umerziehung und Lagerhaft. Rund 6,5 Millionen Menschen galten wegen eigener oder familiärer Zusammenarbeit mit dem früheren Staat als belastet und wurden gesellschaftlich benachteiligt.
Von 1975 bis 1998 flohen rund 800.000 Menschen, viele als sogenannte Boat-People über das Meer. Schätzungsweise 200.000 Menschen starben bei Fluchtversuchen, besonders im Südchinesischen Meer. Viele Überlebende wurden nach Vermittlung der Vereinten Nationen in den USA, Kanada, Frankreich und Australien aufgenommen.
Wegen der Angriffe der Roten Khmer auf vietnamesisches Gebiet marschierte Vietnam in Kambodscha ein. Am 7. Januar 1979 nahm es Phnom Penh ein und setzte unter Heng Samrin einen von Vietnam abhängigen „Revolutionären Volksrat“ ein. China, das die Roten Khmer unterstützt hatte, begann daraufhin Grenzkämpfe mit Vietnam, stellte diese nach hohen eigenen Verlusten aber bald ein. Vietnam zog seine Truppen erst 1989 aus Kambodscha ab. Der Konflikt mit China führte zu einer engeren Bindung an die Sowjetunion; nach deren Zerfall 1991 war Vietnam außenpolitisch weitgehend isoliert.
Seit 1986 verfolgt die Kommunistische Partei Vietnams mit „Đổi mới“ den Übergang zu einer sozialistischen Marktwirtschaft. Landwirtschaft wurde privatisiert, Preiskontrollen wurden aufgehoben und die zentrale Planung zugunsten größerer Entscheidungsfreiheit staatlicher Unternehmen eingeschränkt. Das politische Machtmonopol der Kommunistischen Partei und das Einparteiensystem blieben jedoch bestehen.
Die wirtschaftliche Öffnung führte seit den 1990er-Jahren zu einem jährlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von fünf bis acht Prozent. Der Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze sank von rund 50 Prozent im Jahr 1986 auf 11 Prozent im Jahr 2012. Während in den 1980er-Jahren noch Nahrungsmittelknappheit herrschte, wurde Vietnam durch die Liberalisierung zum drittgrößten Reisexporteur der Welt.