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Geschichte Ostfrieslands

So war in Ostfriesland im Mittelalter der Feudalismus nur wenig ausgeprägt, stattdessen entstand das Gefolgschaftssystem der Friesischen Freiheit. Erst …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge und frühe Besiedlung
  2. 2. Friesische Freiheit und Entstehung der Grafschaft
  3. 3. Cirksena, Reformation und Übergang zu Preußen
  4. 4. Staatswechsel und wirtschaftlicher Ausbau bis 1918
  5. 5. Diktatur, Krieg und Nachkriegswandel
  6. 6. Entwicklungen im 21. Jahrhundert und Erinnerungseinrichtungen

Grundzüge und frühe Besiedlung

Ostfriesland entwickelte sich innerhalb Deutschlands vergleichsweise eigenständig: Große Moore im Süden und die Ausrichtung zur Nordsee isolierten die Region lange. Der Feudalismus war im Mittelalter nur schwach ausgeprägt; stattdessen prägte die Friesische Freiheit die politische Ordnung. Wichtig waren zudem Küstenschutz und Landgewinnung: Seit etwa 1000 schützten Warften und Deiche die flache Küste, doch Sturmfluten verursachten wiederholt Überschwemmungen und Landverluste. Landwirtschaft, Fischerei und Seehandel waren lange die wichtigsten Erwerbszweige; die Industrialisierung setzte spät ein.

Der älteste Hinweis auf menschliche Anwesenheit ist ein 12,5 cm langer Schaber aus Holtland aus dem jüngeren Mittelpaläolithikum, der Zeit der Neandertaler. Später folgten Rentierjäger der Hamburger Kultur sowie Siedlungen der Glockenbecher-, Megalith- und Schnurkeramischen Kultur. Zwei auf Spiekeroog und Baltrum gefundene Kieferknochen sind 7500 beziehungsweise 5500 Jahre alt. Der Spiekerooger Unterkiefer gehörte einem etwa 40-jährigen Mann aus dem 6. Jahrtausend v. Chr.; der Baltrumer Fund stammt von einem männlichen Erwachsenen aus der Übergangszeit zu bäuerlichen Kulturen. Die untersuchten Küstenbevölkerungen bewahrten länger einen hohen Anteil der Abstammung von Jägern und Sammlern: Noch rund 3000 Jahre später lag er bei etwa 50 Prozent.

Bedeutende Funde sind die älteste Brandbestattung Nordwestdeutschlands von 2700–2900 v. Chr., der noch nicht genau datierte Pflug von Walle von etwa 1000 v. Chr. und die Goldscheibe von Moordorf. Nach einer Versumpfung dünnte sich die Bevölkerung aus. Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. wurde das Gebiet durch germanische Ingwäonen neu besiedelt. Chauken lebten zunächst zwischen Ems und Weser, Friesen drangen um die Zeitenwende ein; die späteren Ostfriesen entstanden aus der Vermischung von Friesen, Chauken und sächsischen Gruppen. Ob die von Plinius genannten „Frisii“ ursprünglich germanisch waren oder erst germanisiert wurden, ist ungeklärt.

12 v. Chr. erreichten Römer unter Drusus Ostfriesland, Germanicus ankerte später in der Ems. Bentumersiel weist auf römische Legionäre zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. hin. Friesland gehörte bis 28 n. Chr. zum Römerreich und wurde 47 nochmals unterworfen, bevor Gnaeus Domitius Corbulo abzog. Ein friesischer Ansiedlungsversuch am unteren Niederrhein wurde 58 n. Chr. von römischen Einheiten beendet.

Friesische Freiheit und Entstehung der Grafschaft

Vom 4. bis 7. Jahrhundert sind Schriftquellen selten; wenige Funde für das 5. und 6. Jahrhundert deuten auf einen starken Rückgang der Besiedlung hin. Ursachen könnten Meeresspiegelanstieg, Überflutung der Marsch und Vernässung der Geest gewesen sein. Im 7. und 8. Jahrhundert erfolgte eine friesische Neubesiedlung, vermutlich aus Gebieten westlich der Lauwers. Deichbau erlaubte ab etwa 1000 die umfassende Besiedlung der Marsch. Der Sinnspruch Deus mare, Friso litora fecit bedeutet: „Gott schuf das Meer, der Friese die Küsten.“

Friesische Heerkönige wehrten sich im 7. und frühen 8. Jahrhundert gegen fränkische Expansion und Christianisierung. Radbod besiegte 716 Karl Martell bei Köln, starb aber 719. Nach der Schlacht an der Boorne 734 geriet Westfriesland in fränkische Hand; Karl der Große eroberte 785 ganz Friesland bis zur Weser. Die Lex Frisionum verband friesisches Recht mit fränkischen Gesetzen. Die Christianisierung durch Liudger und Willehad führte zur Zuordnung zu den Bistümern Bremen und Münster; bis zur Reformation bestanden in Ostfriesland mehr als 30 Klöster, Stifte und Kommenden.

Aus der Küstenverteidigung gegen Wikinger entwickelte sich die Friesische Freiheit. Friesen mussten laut den wohl um 1080 entstandenen Siebzehn Küren nicht weiter als bis zur Weser im Osten und bis zum Fli im Westen Heerfahrt leisten. Ab dem 12. Jahrhundert organisierten sich autonome Landesgemeinden. Jährlich gewählte Redjeven, also Rechtsprecher und Ratsmänner, übten Gerichtsbarkeit aus und führten ihre Bezirke. Am Upstalsboom bei Aurich kamen Vertreter der friesischen Seelande zusammen, sprachen Recht und trafen überregionale Entscheidungen; Versammlungen sind für 1216–1231 sowie 1323–1327 belegt.

Im 14. Jahrhundert zerfiel diese Ordnung. Pest, Sturmfluten und äußere Herrschaftsansprüche begünstigten Häuptlingsfamilien. Die Zweite Marcellusflut von 1362 verursachte den ersten Einbruch des Dollarts und erweiterte Ley- und Harlebucht. Häuptlinge herrschten nicht feudal, sondern über ein Gefolgschaftssystem: Bewohner blieben grundsätzlich frei und nicht an die Scholle gebunden. Konflikte verschärften sich durch die Vitalienbrüder, die einzelne Häuptlinge als Streitmacht nutzten; die Hanse besetzte unter anderem Emden, aus dem ihre Kräfte erst 1453 abzogen. Nach der Schlacht auf den Wilden Äckern am 28. Oktober 1427 verlor die Familie tom Brok ihren Einfluss. Ulrich Cirksena wurde 1464 von Kaiser Friedrich III. zum Reichsgrafen erhoben und mit der Reichsgrafschaft Ostfriesland belehnt.

Cirksena, Reformation und Übergang zu Preußen

Unter dem Haus Cirksena, das 1662 den erblichen Fürstenstand erhielt, erlebte Ostfriesland politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Unter Edzard dem Großen erreichte die Grafschaft ihre größte Ausdehnung; Reformation und Ostfriesisches Landrecht begannen. Die friesischen Stände aus Ritterschaft, Bauern und Städten bewahrten jedoch weitgehende Freiheitsrechte, sodass sich keine starke Adelsherrschaft durchsetzte.

Seit etwa 1520 bestanden lutherischer Protestantismus und Calvinismus nebeneinander. Es entstand ein lutherischer Osten und ein calvinistischer Westen; katholische Kirchen und Christen gab es danach kaum noch. Die täuferische Bewegung um Melchior Hofmann führte 1530 zur Emder Täufergemeinde, die als Mennoniten bis heute fortlebt. Klöster wurden säkularisiert, oft abgebrochen und ihre Quellen gingen größtenteils verloren. Emden wurde durch Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden, Frankreich und England sowie reformierte Prediger wie Johannes a Lasco ein Zentrum des Calvinismus und um 1600 mit annähernd 15.000 Einwohnern eine bedeutende Hafenstadt Nordeuropas.

Die Emder Revolution von 1595 zwang Graf Edzard II., auf viele Rechte in Emden zu verzichten. Der Stadtsyndikus Johannes Althusius stärkte die Stadt weiter; Emden war zwar nicht rechtlich, aber faktisch weitgehend unabhängig und wurde als quasiautonome Stadtrepublik bezeichnet. Während des Dreißigjährigen Krieges litt das Land unter Truppen, Emden blieb durch seinen Wall geschützt. 1633 entstand mit (West-)Großefehn die erste Fehnsiedlung. Planmäßige Moorkolonisierung und Melioration verbesserten die Landwirtschaft; das Gulfhaus wurde zur typischen ostfriesischen Bauernhausform.

Nach 1676 suchten die Stände in Brandenburg eine Schutzmacht gegen das Fürstenhaus. Emden wurde 1683 Sitz der Churfürstlich-Afrikanisch-Brandenburgischen Compagnie. Die Weihnachtsflut 1717 war besonders verheerend: Nach Gerhardus Outhof starben 2787 Menschen, 15.410 Tiere ertranken, 1030 Häuser wurden völlig zerstört und 1833 beschädigt. Der Appell-Krieg von 1726/27 löste den Konflikt zwischen Fürst und Ständen nicht dauerhaft. Die Emder Konvention vom 14. März 1744 erkannte die preußische Anwartschaft an. Nach dem Tod des letzten Cirksena-Fürsten Carl Edzard am 25. Mai 1744 besetzte Friedrich II. Ostfriesland ohne Widerstand; am 23. Juni huldigte das Land Preußen.

Staatswechsel und wirtschaftlicher Ausbau bis 1918

Preußen ließ Ostfriesland zunächst eine selbstständige Stellung im Staat und förderte Wirtschaft und Infrastruktur. Emden erhielt 1751 einen Freihafen, 1754 entstand die Ostfriesische Landschaftliche Brandkasse. Mit dem Urbarmachungsedikt von 1765 begann die Hochphase der Moorkolonisierung und zahlreicher Fehnsiedlungen. Polder dienten der Landgewinnung. Die Bevölkerung stieg von 83.000 im Jahr 1744 über etwa 100.000 im Jahr 1770 auf 120.000 im Jahr 1805. 1798/99 verband das Treckfahrtstief Aurich mit Emden.

1806 kam Ostfriesland in das Königreich Holland, 1810 als Département Ems-Oriental unmittelbar zu Frankreich. Frankreich führte den Code civil, Bürgermeister in Dörfern und 1811 verpflichtende Familiennamen ein; die bisherige patronymische Namensvererbung setzte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts endgültig zurück. Jüdische Einwohner erhielten Bürgerrechte und völlige Gleichberechtigung. Die Fremdherrschaft, Kontinentalsperre und Truppenaushebungen belasteten die Bevölkerung. Nach 1813/15 kehrten die Preußen zurück, doch der Wiener Kongress übertrug Ostfriesland 1815 an das Königreich Hannover.

Hannover führte die zugesagten ständischen Privilegien nicht wieder ein. 1817 entstand eine Provinzialregierung, 1823 die Landdrostei Aurich. Wirtschaftlicher Stillstand und Armut förderten Auswanderung in die USA, besonders nach Illinois und Iowa. Nach der erneuten preußischen Annexion Hannovers 1866 setzte spätestens ab den 1880er Jahren Aufschwung ein. Ostfriesland gehörte nun zur preußischen Provinz Hannover und ab 1871 zum Deutschen Reich.

Landwirtschaft blieb führend, während Werften in Leer und Emden sowie Emden als Seehafen des Ruhrgebiets an Bedeutung gewannen. Der Dortmund-Ems-Kanal wurde 1899 fertig, die Große Seeschleuse in Emden 1913 eröffnet. Der Hafenumschlag stieg von 0,4 Millionen Tonnen 1899 auf 3,5 Millionen Tonnen 1913. Die planmäßige Abtorfung des Wiesmoors begann ab 1906; das Torfkraftwerk Wiesmoor erzeugte seit 1909 Elektrizität. Im Ersten Weltkrieg kam das Ostfriesische Infanterie-Regiment Nr. 78 an West- und Ostfront zum Einsatz. Arbeiter- und Soldatenräte entstanden 1918, konnten sich in der ländlich-konservativen Bevölkerung aber nicht dauerhaft etablieren.

Diktatur, Krieg und Nachkriegswandel

In der Weimarer Republik traf die Agrarkrise Ostfriesland früh: Ab 1924 fielen Preise für Agrarprodukte um bis zu 40 Prozent. Höfe verloren an Wert, Zwangsversteigerungen belasteten Banken, Handwerk und Handel. In Emden schwächte die Ruhrbesetzung den Erz- und Kohlehandel. Arbeitslosigkeit, Rezession und Antisemitismus nahmen zu. Bei der Reichstagswahl 1932 wählten im Regierungsbezirk Aurich 44,2 % der Stimmberechtigten die NSDAP.

Nach 1933 wurden demokratische Politiker durch Gewalt und Verleumdung verdrängt, Medien gleichgeschaltet und Vereine dem Führerprinzip unterworfen. Die Arbeitslosenzahl sank von 21.888 am 1. Januar 1933 auf 248 Ende 1935 und 31 im Jahr 1938, auch wegen der Wehrpflicht. Juden wurden früh verfolgt: Der Boykott jüdischer Geschäfte begann in Ostfriesland am 28. März 1933, vier Tage früher als in anderen Teilen des Reiches. In den Novemberpogromen 1938 brannten Synagogen unter anderem in Aurich, Emden, Esens, Leer, Norden und Weener. Im April 1940 meldeten Städte und Landgemeinden, sie seien „judenfrei“.

Im Zweiten Weltkrieg wurden besonders Emden, Aurich und Esens bombardiert. In Esens starben am 27. September 1943 165 Menschen, darunter 102 Schul- und Landjahrkinder im Keller des zerstörten Armen- und Arbeiterhauses. Beim Angriff auf Emden am 6. September 1944 wurden rund 80 Prozent der Innenstadt zerstört. Im KZ Engerhafe mussten Häftlinge Panzergräben ausheben; 188 starben, bevor das Lager am 22. Dezember 1944 aufgelöst wurde. Aurich ergab sich am 5. Mai 1945 kampflos.

Seit 1946 gehört Ostfriesland zu Niedersachsen. Flüchtlinge und Vertriebene ließen die Bevölkerung von etwa 295.600 im Jahr 1945 auf 391.570 im Jahr 1950 steigen. Infrastruktur, Wohnungen und Arbeitsmarkt waren schlecht; Ende 1951 kamen im Landkreis Aurich 405 Arbeitslose auf 1000 Arbeitnehmer. Das stark zerstörte Emden baute sein Rathaus 1959–1962 nach historischem Vorbild wieder auf.

Mit dem Wirtschaftswunder gewann Emden als Industriestandort an Bedeutung. Das Volkswagenwerk Emden wurde ab 1964 gebaut; 1977 lief dort der letzte in Deutschland gebaute VW Käfer vom Band. Werftenkrise, Rückgang des Erz- und Kohleumschlags und Betriebsschließungen führten später zu Arbeitsplatzverlusten. Enercon wurde 1984 in Aurich gegründet. Seit 1978 ist Ostfriesland keine eigenständige Verwaltungseinheit mehr; die Ostfriesische Landschaft wirkt vor allem in Kulturpolitik, Sprachpflege und Kulturerbe fort.

Entwicklungen im 21. Jahrhundert und Erinnerungseinrichtungen

Im 21. Jahrhundert setzte sich der Niedergang der Werftindustrie fort: Die Cassens-Werft schloss 2018, Fosen Yards als Nachfolger der Nordseewerke stellte 2022 den Betrieb ein. Auch Enercon kündigte 2019 nach dem Investitionsstopp von 2014 Stellenabbau an. Volkswagen investiert nach eigenen Angaben etwa eine Milliarde Euro in Emden für Elektroautos; 2022 begann dort die Produktion des VW ID.4, 2023 folgte der ID.7. Die 2020 gegründete Allianz für Ostfriesland soll den Strukturwandel gestalten.

Die Corona- und Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 belasteten Tourismus, Einzelhandel und Gastronomie. Das Impfzentrum Georgsheil schloss am 23. September 2021 nach 140.000 Impfungen. EWE plant in Emden eine 320-Megawatt-Wasserstoffanlage für knapp eine halbe Milliarde Euro; sie soll bis Ende 2026 jährlich mehr als eine Milliarde Kilowattstunden grünen Wasserstoff erzeugen. Klimawandel und steigender Meeresspiegel erschweren Küstenschutz und Entwässerung. Experten befürchten, dass ab etwa 2060 Binnenwasser nicht mehr selbstständig abfließen könnte und energieaufwendig gepumpt werden müsste.

Die Ostfriesische Landschaft erfüllt Kultur-, Wissenschafts- und Bildungsaufgaben. Das Niedersächsische Landesarchiv in Aurich bewahrt Quellen zur Regionalgeschichte. Das Emder Stadtarchiv reicht mit seinen Beständen bis zum Ende des 15. Jahrhunderts zurück. Die Landschaftsbibliothek ist die größte wissenschaftliche Bibliothek Ostfrieslands, die Johannes a Lasco Bibliothek eine Fachbibliothek zur Geschichte des Calvinismus in Europa. Das Ostfriesische Landesmuseum behandelt die Geschichte Emdens und Ostfrieslands in europäischem Zusammenhang.

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