Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geschichte Marokkos
Die Geschichte Marokkos umfasst die historischen Entwicklungen auf dem Gebiet des Königreiches Marokko von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und frühe Geschichte
Die Geschichte Marokkos umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des heutigen Königreichs von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie reicht rund 1,3 Millionen Jahre zurück, belegt durch Steinwerkzeuge aus Thomas Quarry bei Casablanca. Homo erectus ist vor etwa 700.000 Jahren nachweisbar, anatomisch moderne Menschen wohl schon vor etwa 300.000 Jahren. Im Rif ist Landbebauung für das 6. Jahrtausend v. Chr. belegt; die bäuerliche Wirtschaftsweise setzte sich aber nur langsam gegenüber Jägern, Sammlern und Fischern durch. Aus Kulturen wie dem Ibéromaurusien und möglicherweise dem Capsien gingen Bevölkerungsgruppen hervor, die später mit den Berbern oder Imazighen in Verbindung gebracht werden, auch wenn solche Herleitungen umstritten sind.
Ab dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. prägten Phönizier und später Karthago die Küstenregionen. Cádiz unterhielt ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. eine Handelsstation auf Mogador; Karthago weitete ab Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. seine Stützpunkte bis an den Atlantik aus. Während der Konflikte zwischen Karthago und Rom entstanden im Maghreb Reiche wie die der Massyler, Masaesyler und Mauretanien. Rom annektierte Mauretanien ab 40 n. Chr.; die Provinz Mauretania Tingitana wurde durch Befestigungen, den Limes Mauretaniae, gesichert. Romanisierung, städtisches Leben, Olivenölproduktion, römische Religionen, Christentum und Judentum prägten Teile des Nordens, doch verlor Rom Ende des 3. Jahrhunderts große Teile des Binnenlandes.
429/435 besetzten Vandalen nordafrikanische Provinzen. Als Arianer standen sie im Konflikt mit der bisherigen katholischen Kirche; zugleich konnten Berbergruppen größere Gebiete kontrollieren. Ab 533 eroberte Ostrom-Byzanz das Vandalenreich zurück, konnte in der Tingitana aber nur im äußersten Norden dauerhaft Fuß fassen. Im Hinterland entstanden eigenständige Berberreiche, deren Herrscher römische Titel und Legitimationsformen teilweise übernahmen.
Islamisierung und Berberreiche
Ab 664 begann die arabische Eroberung des Maghreb. Die Berber leisteten zunächst starken Widerstand. Bedeutende Figuren waren Kusaila, der zeitweise für den Islam gewonnen wurde, und die als Kāhina bezeichnete Damja, die den Widerstand im Aurès führte. 701 siegten die Araber endgültig. Das Christentum verschwand in den folgenden Generationen weitgehend, während Islamisierung und Arabisierung zunahmen. Viele Berber schlossen sich den Charidschiten an, einer islamischen Richtung, die die Gleichheit aller Muslime betonte und größere Unabhängigkeit gegenüber arabischer Herrschaft versprach.
739/740 begann bei Tanger der Aufstand des Maysara. Daraus entwickelten sich unabhängige Herrschaften im westlichen Maghreb. Dazu gehörten das Reich der Barghawata an der Atlantikküste, das Emirat Sidschilmasa der Banu Midrar, das Rustamidenreich in Tahert und ab 789 das schiitische Idrisidenreich von Fès. Fès wurde unter Idris II. durch Zuwanderer aus Kairouan und al-Andalus zu einem religiösen und kulturellen Zentrum. Die wichtigsten Stammesgruppen der Berber waren Zanāta, Masmuda und Ṣanhāǧa; sie standen in wechselnden Bündnissen und Konflikten zueinander.
Im 10. Jahrhundert rangen die schiitischen Fatimiden, die sunnitischen Umayyaden von Córdoba und lokale Dynastien um den westlichen Maghreb. Die Fatimiden stützten sich besonders auf die Kutāma, verlegten ihren Schwerpunkt 972 aber nach Ägypten. Im Gegenzug wurden Ziriden und Ḥammādiden unabhängig. Als die Ziriden 1045 die Abbasiden als rechtmäßige Kalifen anerkannten, schickten die Fatimiden die arabischen Banū Hilāl und Banu Sulaym nach Westen. Diese Migrationen ab 1051/1052 führten zu Verwüstungen, Bevölkerungsverschiebungen, stärkerer Arabisierung und weiterer Zurückdrängung von Christentum und anderen Religionen.
Großreiche der Almoraviden, Almohaden und Meriniden
Die Almoraviden entstanden im 11. Jahrhundert aus einem religiös-politischen Reformbündnis der Sanhādscha in der westlichen Sahara. Abdallah ibn Yasin verband eine strenge malikitische Auslegung des Islams mit dem Ziel, die Sanhādscha wieder zu einigen. Ab 1054 kontrollierten die Almoraviden Sidschilmasa; 1070 wurde Marrakesch gegründet. Unter Yusuf ibn Taschfin eroberten sie den westlichen Maghreb, 1082 auch westliches Algerien, und griffen auf Bitten muslimischer Fürsten in al-Andalus ein. In der Schlacht bei Zallaqa am 23. Oktober 1086 besiegten sie Alfonso VI. von León und Kastilien. Bis 1092 annektierten sie die meisten Taifa-Königreiche. Ihr wichtigster Beitrag war die Durchsetzung einer sunnitisch-malikitischen konfessionellen Einheit in Marokko.
Die Almohaden gingen aus einer Bewegung Ibn Tūmarts hervor, eines Masmuda aus dem Hohen Atlas. Sie betonten die absolute Einheit Gottes und nannten sich „Einheitsbekenner“ (al-muwaḥḥidūn). Unter Abd al-Mu'min eroberten sie zwischen 1133 und 1148 Marokko; 1147 fiel Marrakesch, 1149 endete die Almoravidenherrschaft. Die Almohaden vereinigten als einzige Berberdynastie zeitweise den gesamten Maghreb und beherrschten auch al-Andalus. Rabat geht auf ein großes Heerlager zurück, in dem Abd al-Mu'min 1163 starb. Die Almohaden verfolgten eine intolerante Religionspolitik: Kirchen und Synagogen wurden geschlossen, Konversionen zum Islam erzwungen. Nach 1212 und bis 1235 zerfiel ihre Macht auf der iberischen Halbinsel und im Maghreb.
An ihre Stelle traten im Westen die Meriniden, eine Zanāta-Dynastie. Sie eroberten 1248 Fès, 1269 Marrakesch und machten Neu-Fès zur Hauptstadt. Zeitweise dehnten sie ihren Einfluss bis Algerien, Tunesien und Tripolitanien aus, standen aber zugleich unter Druck durch Kastilien, Aragon, die Hafsiden und die Abdalwadiden von Tlemcen. 1340 erlitten sie bei Tarifa eine schwere Niederlage, 1344 ging Algeciras verloren; damit verschwanden sie endgültig von der iberischen Halbinsel. Im 15. Jahrhundert verloren die Meriniden an Macht, und die Wattasiden übernahmen zunächst als Regenten, ab 1472 selbstständig, die Herrschaft.
Saadier, Alaouiten und europäischer Druck
Vom 15. bis 17. Jahrhundert geriet Marokko zwischen Spanien, Portugal und das Osmanische Reich. Portugal und Spanien besetzten zahlreiche Küstenstützpunkte; Portugal hielt unter anderem Agadir bis 1541 und El Jadida bis 1769. Die Wattasiden konnten weder das Land befrieden noch die portugiesische Expansion wirksam stoppen. Daraus gewannen die Saadier Unterstützung, die sich auf religiöse Bruderschaften, Marabouts und ihre scherifische Abstammung stützten. 1549 stürzten sie die Wattasiden in Fès.
Die Saadier behaupteten Marokko gegen Osmanen, Spanier und Portugiesen. 1578 scheiterte der portugiesische König Sebastian I. in der Schlacht der drei Könige bei al-Qaṣr al-Kabīr; auch der entthronte Abu Abdallah und Sultan Abd al-Malik kamen ums Leben. Ahmad al-Mansur (1578–1603) machte Marokko zu einer eigenständigen Regionalmacht. 1590/1591 griff Marokko Richtung Niger aus, zerschlug das Songhaireich und eroberte Gao und Timbuktu. Nach al-Mansurs Tod 1603 zerfiel die Herrschaft: Fès und Marrakesch wurden von verschiedenen Linien kontrolliert, die Dila-Bruderschaft gewann Einfluss, und in Salé entstand ein unabhängiges Korsarenreich.
Ab 1664 setzten sich die Alaouiten durch, die bis heute die Könige Marokkos stellen und ihre Abstammung auf Ali, den Schwiegersohn Mohammeds, zurückführen. Mulai ar-Raschid unterwarf Marrakesch, Fès und Salé. Mulai Ismail (1672–1727) reorganisierte das Militär mit den etwa 40.000 'Abīd al-Bukhārī, eroberte 1684 Tanger, 1689 Larache und 1691 Asilah zurück und verlegte seine Hauptstadt nach Meknès. Nach seinem Tod zerfiel der Einheitsstaat erneut zeitweise. Im 18. und 19. Jahrhundert nahm der europäische Einfluss zu. Handelsbeziehungen zu Frankreich und den USA wurden ausgebaut, doch die französische Eroberung Algeriens ab 1830 schwächte Marokko. Nach der Niederlage bei Isly 1844 musste Marokko Frankreich Zugeständnisse machen. Spanien führte 1859–1860 Krieg gegen Marokko und erzwang im Frieden von Wad-Ras eine Entschädigung von 20 Millionen Piaster sowie die vorübergehende Abtretung Tétouans.
Protektorat, Widerstand und Unabhängigkeit
1880 garantierte die Madrider Konvention formal die Souveränität Marokkos, zwang den Sultan aber zu Zugeständnissen an europäische Mächte. Die Marokkokrisen von 1905/1906 und 1911 zeigten, dass die Großmächte über Marokko entschieden. Mit dem Vertrag von Fès vom 30. März 1912 wurde Marokko geteilt: Der größte Teil wurde französisches Protektorat, kleinere Gebiete im Norden und Süden spanisches Protektorat; Tanger erhielt später einen internationalen Sonderstatus. Rabat wurde Hauptstadt. Im Ersten Weltkrieg kämpften 40.000 Marokkaner auf französischer Seite.
Gegen die Kolonialherrschaft gab es langen Widerstand. Im Zayyan-Krieg kämpfte die Konföderation der Zayyan von 1914 bis 1921/24 gegen Frankreich; einzelne Gruppen leisteten bis in die 1930er Jahre Widerstand. Im Norden führte Ahmed ben Mohammed el-Raisuli ab 1919 einen Aufstand gegen die spanische Protektoratsmacht. Bedeutender wurde die Rif-Republik unter Abd el Krim: Nach der spanischen Niederlage bei Annual 1921, bei der über 8000 spanische Soldaten starben, riefen Rifkabylen 1923 eine Republik aus. Spanien und Frankreich schlugen sie 1926/27 gemeinsam nieder. Dabei setzte Spanien Senfgas aus der Luft auch gegen Zivilbevölkerung ein; insgesamt wurden 500–600 t Giftgas eingesetzt.
Im Zweiten Weltkrieg stand Marokko zunächst unter dem Vichy-Regime, während Sultan Mohammed V. die Anwendung antijüdischer Maßnahmen ablehnte. Am 8. November 1942 landeten alliierte Truppen in Französisch-Nordafrika (Operation Torch); Casablanca wurde nach Kämpfen eingenommen. Nach dem Krieg wuchs die Unabhängigkeitsbewegung. Die Istiqlal-Partei forderte 1944 volle Unabhängigkeit, nationale Wiedervereinigung und eine demokratische Verfassung. Frankreich setzte Mohammed V. 1953 ab und schickte ihn ins Exil, musste ihn aber am 16. November 1955 zurückkehren lassen. 1956 wurde Marokko von Frankreich und Spanien unabhängig.
Königreich seit 1956
Marokko wurde am 2. März 1956 unabhängig, am 7. April schloss sich der spanische Teil an. 1958 kam Tarfaya zu Marokko, Ifni erst 1970; 1978 gaben die USA ihre letzte Militärbasis Kénitra auf. Das neue Königreich stand vor schweren sozialen Problemen: In 44 Jahren französischer Herrschaft waren nur 1415 baccalauréats hervorgebracht worden, nur 15 % der Schüler besuchten tatsächlich eine Schule, und 3,5 Millionen Marokkaner hatten durch Landenteignung kein Land mehr. 1957 nahm der Sultan den Titel König an.
Die jüdische Bevölkerung, die vor 1956 etwa 250.000 Menschen umfasst hatte, wanderte größtenteils aus. Ein Einschnitt war das Pogrom von Oujda und Djérada am 7. Juni 1948, bei dem 47 Juden ermordet wurden. Nach der Unabhängigkeit setzte sich die Auswanderung fort; bis 1971 sank die Zahl der Juden in Marokko auf etwa 35.000, heute leben laut Artikel vielleicht noch 5.000 im Land.
1962 wurde Marokko eine konstitutionelle Monarchie. König Hassan II. löste 1965 das Parlament auf und übernahm selbst die Regierung. 1963–1964 kam es im „Sandkrieg“ zu einer militärischen Auseinandersetzung mit Algerien um ungeklärte Grenzen. 1970 wurde eine neue Verfassung mit Einkammersystem verabschiedet; 1971 und 1972 scheiterten Putschversuche. Ab 1975 besetzte Marokko die Westsahara. Eine schrittweise Demokratisierung führte zu Parlamentswahlen im November 1997, die die linke Opposition gewann. Ab 2002 regierte eine Mitte-rechts-Koalition. Seit den 2000er Jahren förderte das Königshaus besonders Agrarexporte, Industrieansiedlung und Tourismus. 2011 wurde eine islamistische Partei mit 107 von 395 Sitzen stärkste Kraft; nach zehn Jahren an der Regierung verlor sie 2021 deutlich und wurde durch eine Mitte-rechts-Koalition abgelöst.