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Homo erectus

Homo erectus ist eine ausgestorbene Art der Menschenaffen-Gattung Homo. Aus den Homo erectus zugeschriebenen pleistozänen Populationen Afrikas entwickelte …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Zeit und Lebensräume
  3. 3. Wichtige Fossilfunde
  4. 4. Körperbau und Entwicklung
  5. 5. Ernährung, Werkzeuge und Feuer
  6. 6. Umstrittene Artgrenzen und Verwandtschaft

Einordnung und Bedeutung

Homo erectus ist eine ausgestorbene Art der Menschenaffen-Gattung Homo aus dem Pleistozän. Ihm werden Fossilien aus Afrika, Asien und Europa zugeschrieben; die ältesten sind rund zwei Millionen Jahre alt. Er gilt als die erste Art der Gattung Homo, die sich weit über Afrika hinaus verbreitete.

Die Abgrenzung zu anderen Arten der Gattung Homo ist umstritten. Je nach wissenschaftlicher Einordnung entwickelten sich aus Homo-erectus-Populationen unabhängig voneinander Homo heidelbergensis und der Neandertaler in Eurasien sowie Homo sapiens in Afrika; vermutlich gehört auch Homo floresiensis zum Formenkreis des späten Homo erectus. Deshalb lässt sich kein eindeutiger Aussterbezeitpunkt angeben.

Zeit und Lebensräume

Der älteste bislang bekannte Fund ist der südafrikanische Kinderschädel DNH 134 mit einem Alter von 2,04 bis 1,95 Millionen Jahren. Das Hinterhauptbein KNM-ER 2598 aus Kenia ist mindestens 1,855 Millionen Jahre alt. Als jüngste Nachweise gelten Fossilien aus Ngandong am Solo-Fluss, die früher Homo soloensis genannt wurden und auf 117.000 bis 108.000 Jahre datiert sind. Solche Angaben bleiben vorläufig, weil Fossilien selten sind und Datierungen ungenau sein können.

Homo erectus hielt sich bevorzugt nahe Frischwasser, an Flusslandschaften und Tümpeln, auf. Bereits vor rund einer Million Jahren konnte er sich zeitweise auch in trockenem, halbwüstenartigem Buschland aufhalten. Diese ökologische Flexibilität könnte seine weite Ausbreitung begünstigt haben. Vor 1,2 Millionen Jahren umfasste die weltweite Population nach einer Schätzung aus genetischen Markern nur rund 55.000 Individuen.

Die früheste sicher datierte Anwesenheit von Homininen in Europa wird durch 1,42 Millionen Jahre alte Steinwerkzeuge aus Korolevo in der Ukraine belegt und Homo erectus zugeschrieben. Auch die 1,85 Millionen Jahre alten Fossilien von Dmanisi in Georgien werden ihm zugeordnet.

Wichtige Fossilfunde

Die Art wurde nach drei auf Java gefundenen Fossilien von Eugène Dubois beschrieben. Das Schädeldach Trinil II wurde im Oktober 1891 entdeckt und besitzt einen ausgeprägten Überaugenwulst. Dazu kamen der große Backenzahn Trinil I sowie der vollständig erhaltene Oberschenkelknochen Trinil III. Dubois deutete den menschenähnlichen Oberschenkelknochen als Hinweis auf aufrechte Fortbewegung. Die gültige Autorenangabe lautet Homo erectus (Dubois, 1893).

Die Zuordnung ist jedoch teilweise unsicher: Trinil II wird auf rund eine Million Jahre datiert, hat aber wenige gut vergleichbare Merkmale. Der Backenzahn ist nicht sicher der Gattung Homo zuzuordnen, und Trinil III wird heute vermutlich Homo sapiens zugerechnet. Nach einem Review von 2024 kommt deshalb nur Trinil II als Holotypus, also als namensgebendes Belegexemplar, infrage.

In Asien wurden unter anderem die Peking-Menschen aus Zhoukoudian sowie zahlreiche Funde aus Java entdeckt. Die ältesten bekannten ostasiatischen Funde sind drei Schädel aus Xuetangliangzi in China mit 1,77 ± 0,08 Millionen Jahren. Aus Afrika stammen unter anderem OH 9 aus Olduvai und KNM-ER 3733 aus Koobi Fora. Viele dieser Funde erhielten zunächst eigene Namen und wurden später Homo erectus zugerechnet.

Körperbau und Entwicklung

Homo erectus hatte einen im Vergleich zum modernen Menschen tonnenförmigeren, volumenreicheren Rumpf, ein kräftiges Skelett und besonders dicke Schädelknochen: Das Schädeldach war 6 bis 11 mm dick. Typisch sind außerdem kräftige Überaugenwülste. Der Unterkiefer war breiter und leicht V-förmig; ein vorspringendes Kinn fehlte.

Ausgewachsene Individuen waren vermutlich 1,45 bis 1,80 Meter groß und wogen etwa 50 bis 60 kg. Das besonders vollständige Fossil KNM WT 15000, der Nariokotome-Junge, ist für die Rekonstruktion des Körperbaus wichtig. Unterschiede in der Körpergröße könnten Geschlechtsdimorphismus, also Unterschiede zwischen den Geschlechtern, oder eine große allgemeine Spannweite widerspiegeln; dies ist nicht geklärt.

Das Gehirnvolumen vergrößerte sich über die lange Existenz der Art und lag bei Erwachsenen zwischen 650 und 1250 cm³. Zum Vergleich werden für Homo habilis etwa 600 bis 700 cm³, für Homo rudolfensis etwa 750 cm³ und für Homo sapiens 1100 bis 1800 cm³ angegeben. Funde aus Sangiran und Trinil erreichten rund 930 cm³, Peking-Menschen rund 1060 cm³ und Ngandong-Funde rund 1150 cm³.

1,51 bis 1,53 Millionen Jahre alte Fußspuren von Ileret in Kenia belegen Füße und einen aufrechten zweibeinigen Gang, die im Wesentlichen dem modernen Menschen entsprechen. Dies erleichterte längere Wege und das Erreichen verschiedener Lebensräume. Die dem Homo sapiens ähnliche Schulter, die Würfe mit Speeren ermöglichen konnte, wird ebenfalls in die Zeit des frühen Homo erectus vor etwa zwei Millionen Jahren datiert.

Ernährung, Werkzeuge und Feuer

Direkte Fossilbelege für die Ernährung früher Populationen fehlen. Kleinere Backenzähne als bei Australopithecinen sprechen für Früchte und andere weichere Nahrung, aber auch für Wurzeln, Fleisch und weitere kräftig zu kauende Nahrung. Wie viel Fleisch aus Jagd und wie viel aus Aasfressen stammte, ist umstritten. Spätere Vertreter können als Jäger und Sammler bezeichnet werden. Durchbohrte Muschelschalen aus der Zeit vor 540.000 bis 430.000 Jahren deuten darauf hin, dass lebende Muscheln geöffnet wurden. Eine Studie von 2020 hält unter den Bedingungen der heutigen Kalahari Ausdauerjagden bis zu 5½ Stunden ohne mitgeführtes Wasser für möglich.

Schon die frühesten Vertreter nutzten Steingeräte des Oldowan, etwa Chopper und Chopping Tools. Seit rund 1,95 Millionen Jahren ist in Afrika das Acheuléen belegt, eine Werkzeugkultur mit Faustkeilen. Funde von Gona in Äthiopien zeigen, dass Homo erectus vor 1,6 bis 1,5 Millionen Jahren sowohl Oldowan- als auch Acheuléen-Werkzeuge herstellte. Die Herstellung war aufwändig und setzt wahrscheinlich die Weitergabe von Wissen sowie entsprechende geistige Fähigkeiten voraus. Die ältesten sicher datierten Steinwerkzeuge Asiens aus Attirampakkam gehören zum Acheuléen und sind mindestens 1,07 Millionen Jahre alt; europäische Werkzeuge aus der Sierra de Atapuerca sind 1,2 bis 1,1 Millionen Jahre alt.

Die aktive Nutzung von Feuer ist zeitlich umstritten. Sicher von Menschen angelegte Feuerstellen aus der Wonderwerk-Höhle in Südafrika sind rund eine Million Jahre alt; Feuer wurde vor rund 790.000 Jahren in Gesher Benot Ya’aqov im heutigen Israel genutzt. In Europa gelten Feuerstellen um 400.000 vor heute aus Schöningen und Beeches Pit als gesichert. Für Kleidung gibt es keine entsprechenden archäologischen Hinweise.

Umstrittene Artgrenzen und Verwandtschaft

Die Fossilien aus Afrika, Asien und Europa unterscheiden sich stark in ihrer Gestalt. Manche Forschende fassen sie als eine polytypische Art mit regionalen Varianten zusammen; andere teilen sie in mehrere Abstammungslinien auf. Daher werden dieselben Fossilien in Fachveröffentlichungen teils Homo erectus, teils Homo ergaster, Homo heidelbergensis, Homo rhodesiensis oder Homo antecessor zugerechnet.

Besonders umstritten ist Homo ergaster: Bernard Wood schlug 1992 vor, afrikanische Fossilien von vor etwa 1,9 bis 1,4 Millionen Jahren als eigene Chronospezies, also als Art in einer zeitlichen Entwicklungsreihe, abzusondern. Die meisten Forschenden bezeichnen sie weiterhin als Homo erectus. Die Dmanisi-Forschenden argumentierten 2013, die Vielfalt ihrer rund 1,8 Millionen Jahre alten Funde spreche eher für lokale Variation innerhalb einer einzigen evolvierenden Abstammungsgruppe, Homo erectus.

Homo habilis und Homo erectus lebten nach Funden von Ileret bis zu einer halben Million Jahre gleichzeitig. Homo habilis kann deshalb nicht direkter Vorfahre von Homo erectus gewesen sein; als wahrscheinlichster Vorfahre von Homo ergaster beziehungsweise Homo erectus gilt derzeit Homo rudolfensis. Auch diese Verwandtschaft ist wegen großer anatomischer Unterschiede umstritten.

Für europäische Fossilien gibt es ebenfalls konkurrierende Modelle: Sie werden entweder als späte regionale Formen von Homo erectus oder als Homo heidelbergensis eingeordnet, aus dem sich der Neandertaler entwickelte. Ob afrikanische Fossilien von etwa 200.000 Jahren als früher oder archaischer Homo sapiens, Homo rhodesiensis, später Homo heidelbergensis oder später Homo erectus gelten, hängt von der jeweiligen Forschergruppe ab.

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