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Deutsche Sprachgeschichte

Lange Vokale, denen mehrere Konsonanten folgten, wurden dagegen gekürzt, ebenso einzelne Vokale denen nur ein Konsonant folgte. Aus den mittelhochdeutschen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Sprachstufen
  2. 2. Vom Indogermanischen zum Germanischen
  3. 3. Westgermanisch und Althochdeutsch
  4. 4. Mittel- und Frühneuhochdeutsch
  5. 5. Neuhochdeutsch bis heute

Überblick und Sprachstufen

Die deutsche Sprachgeschichte beschreibt die Entwicklung des Deutschen von seinen indogermanischen und germanischen Vorstufen bis zur Gegenwart. Im engeren Sinn beginnt sie mit den ersten althochdeutschen Texten und Glossaren um die Mitte des 8. Jahrhunderts, etwa den Merseburger Zaubersprüchen und dem Abrogans. Die Hochdeutsche Lautverschiebung des 7. Jahrhunderts hatte die vordeutschen Dialekte Süd- und Mitteldeutschlands bereits aus dem westgermanischen Kontinuum herausgelöst. Kurze Runeninschriften aus dem 3. bis 7. Jahrhundert sind die ältesten erhaltenen Zeugnisse im späteren deutschen Sprachgebiet.

Deutsch gehört zur germanischen Sprachgruppe der indogermanischen Sprachfamilie. Seine Vorgeschichte reicht über das Westgermanische und Urgermanische bis zu einer rekonstruierten indogermanischen Sprache zurück, die mindestens bis ins 4. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgt wird. Die indogermanische Sprache spaltete sich spätestens im 3. Jahrtausend v. Chr. in eine östliche und eine westliche, „alteuropäische“ Gruppe; aus der westlichen gingen unter anderem die italischen, keltischen und germanischen Sprachen hervor.

Die wichtigsten deutschen Sprachstufen sind: Althochdeutsch von etwa 750 bis 1050, Mittelhochdeutsch bis etwa 1350, Frühneuhochdeutsch von etwa 1350 bis 1650 und Neuhochdeutsch seit etwa 1650. Die Zeitangaben sind nur Annäherungen, weil Sprachwandel kontinuierlich und regional verschieden verläuft. Während der mittelhochdeutschen Periode entstand außerdem das Jiddische: eine von Juden gesprochene und meist mit hebräischem Alphabet geschriebene deutsche Varietät mit vielen hebräischen sowie einigen romanischen und später slawischen Entlehnungen.

Vom Indogermanischen zum Germanischen

Das frühe Urgermanisch entstand wahrscheinlich im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. aus einem westindogermanischen Dialektkontinuum. Indogermanische Gruppen wanderten im 3. Jahrtausend v. Chr. in mehreren Wellen nach Mitteleuropa ein; mit ihnen werden unter anderem Schnurkeramiker und ab etwa 2300 v. Chr. die Aunjetitzer Kultur verbunden. Als nahezu sicher gilt, dass ihre Träger westindogermanische Idiome sprachen.

Das frühe Urgermanisch bestand sehr lange, ungefähr 1600 Jahre, und war im Lautsystem zunächst vergleichsweise konservativ. Wichtige frühe Änderungen waren der Verlust der indogermanischen Laryngale, die Vokalisierung silbentragender Nasale und Liquida zu *um, *un, *ul und *ur sowie das Zusammenfallen der palatalen Verschlusslaute *ḱ, *ǵ, *ǵʰ mit velaren *k, *g, *gʰ. Im Formensystem gingen alte Kategorien teilweise verloren oder wurden reduziert: Dual, Vokativ, Instrumental, Ablativ und Mediopassiv blieben nur als Reste erhalten. Dativ und Lokativ verschmolzen weitgehend; diese Zusammenziehung verschiedener Formen heißt Synkretismus.

Das späte Urgermanisch bildete sich in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. heraus. Entscheidend waren die Erste Lautverschiebung, das Vernersche Gesetz und die Verlagerung des Wortakzents auf die Stammsilbe. Die Erste Lautverschiebung, auch Grimmsches Gesetz, begann nach 500 v. Chr. Sie wandelte indogermanische stimmlose Verschlusslaute zu stimmlosen Reibelauten: p, t, k, kʷ wurden zu f, þ, h, hw. Stimmhafte Verschlusslaute wurden stimmlos, etwa d zu t, und aspirierte Verschlusslaute wurden zunächst stimmhafte Reibelaute und später meist Verschlusslaute. Beispiele sind lateinisch pēs gegenüber deutsch Fuß und lateinisch decem gegenüber deutsch zehn.

Das 1877 formulierte Vernersche Gesetz erklärt scheinbare Ausnahmen: Stand der indogermanische Akzent nach p, t, k oder kʷ, entstanden im Germanischen stimmhafte ƀ, đ, ǥ, ǥʷ statt f, þ, h, hw. So entspricht griechisch heptá gotisch sibun „sieben“, und griechisch patér gotisch fadar „Vater“. Erst nach diesem Vorgang setzte sich die Betonung der Stammsilbe durch. Sie schwächte unbetonte Endsilben ab und beeinflusste besonders die Formenlehre.

Im Verbalsystem verlor der indogermanische Aspekt, also der Unterschied etwa zwischen vollendeter und andauernder Handlung, an Bedeutung. Stattdessen wurden Präsens und Präteritum wichtiger. Außerdem entstanden schwache Verben, deren Präteritum heute mit -te gebildet wird, etwa machte und arbeitete. Kontakte führten zu Lehnwörtern: aus dem Keltischen beispielsweise Reich, Amt und Eisen; aus dem Kontakt zu slawischen und baltischen Sprachen unter anderem Gold, tausend, Roggen und Leute. Die Herkunft einzelner solcher Wörter ist teilweise unklar.

Westgermanisch und Althochdeutsch

Nach der Abspaltung ostgermanischer Dialekte wie des Gotischen blieben skandinavische und westmitteleuropäische Varianten zunächst nordwestgermanisch verbunden. Aus den westgermanischen Dialekten der Alamannen, Bajuwaren, Franken, Thüringer und Sachsen entwickelte sich später das deutsche Dialektkontinuum. Westgermanisch war jedoch nie völlig einheitlich. Die angelsächsische Besiedlung Englands ab dem frühen 5. Jahrhundert und die fränkische Expansion nach Gallien verstärkten die regionale Verselbstständigung.

Die römischen Kontakte seit 15 v. Chr. brachten besonders ins Westgermanische zahlreiche lateinische Lehnwörter. Sie betreffen Handel und Waren wie kaufen, Pfund, Münze, Pfeffer und Wein, aber auch Bauwesen, Küche, Bildung und Heilkunst, etwa Mauer, Ziegel, Käse, Küche, schreiben, Schule und Arzt. Durch Christianisierung wurden weitere lateinische und griechische Begriffe übernommen oder nachgebildet. Beispiele für Lehnbildungen sind althochdeutsch gi-meini-da nach lateinisch com-mūnio und ūf-stān nach ex-surgere. Direkte Entlehnungen sind Kloster, Mönch, Priester, Bischof und Kirche.

Die Runenschrift ist erst ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. durch kurze Inschriften belegt. In Mitteleuropa und England endete ihre Verwendung mit der Christianisierung im 7./8. Jahrhundert. Die Christianisierung machte Klöster zu Kulturzentren und förderte deutschsprachige religiöse Texte. Karl der Große ordnete 789 in der Admonitio generalis die Verwendung des Deutschen in Seelsorge und Predigt an; die Synode von Frankfurt erkannte dem Deutschen 794 denselben Rang wie Hebräisch, Latein und Griechisch zu.

Althochdeutsch dauerte ungefähr von 750 bis 1050. Seine wichtigste Neuerung war die Zweite Lautverschiebung, die wohl um 600 begann und sich über zwei bis drei Jahrhunderte ausbreitete. Westgermanisches p, t, k wurden je nach Wortstellung zu f, s, h oder zu pf, ts, kh: schlafen gegenüber englisch sleep, Pfeffer gegenüber pepper, essen gegenüber eat, Zeit gegenüber tide sowie machen gegenüber make. Die Verschiebung erfasste den ober- und mitteldeutschen Raum unterschiedlich stark, nicht jedoch das Altsächsische und spätere Niederdeutsch. Die Benrather Linie markiert die Grenze zwischen hochdeutschen und niederdeutschen beziehungsweise niederfränkischen Varietäten.

Weitere Neuerungen waren der Umlaut, etwa voralthochdeutsch *gast – *gasti zu gast – gesti, sowie bestimmte und unbestimmte Artikel. Der bestimmte Artikel entstand aus Demonstrativpronomen, der unbestimmte aus ein. Weil Kasusendungen weniger eindeutig wurden, gewannen Artikel und Personalpronomen an Bedeutung. Auch neue zusammengesetzte Zeitformen entstanden, etwa Perfekt, Plusquamperfekt, Futur und Passiv.

Das Wort deutsch geht auf althochdeutsch diot „Volk“ und diutisc „volksmäßig“ zurück. Zunächst bezeichnete es die Volkssprache im Gegensatz zum Lateinischen, später den Gegensatz germanisch gegenüber romanisch und schließlich die deutsche Sprache und das deutsche Land.

Mittel- und Frühneuhochdeutsch

Das Mittelhochdeutsche begann um 1050 und dauerte bis etwa 1350. Seine zentrale Veränderung war die Abschwächung unbetonter Mittel- und Endsilben zum Schwa-Laut [ə], meist als e geschrieben. Dadurch fielen viele Flexionsformen zusammen: althochdeutsch zungōnō „der Zungen“ wurde mittelhochdeutsch zungen, gleich dem Nominativ Plural. Artikel wurden deshalb wichtiger, etwa die zungen gegenüber der zungen. Auch die drei Klassen schwacher Verben mit -(j)en, -ōn und -ēn verschmolzen weitgehend zu -en.

Im Lautsystem entwickelten sich unter anderem sk zu sch und s vor l, m, n, w, p, t zu sch; daraus entstanden schön, schwimmen, Schmerz, Schlange und Schnee. Der Umlaut erfasste nun auch lange Vokale und Diphthonge. Französische Kulturkontakte führten zu Wörtern wie Turnier, Palast und Kissen; aus slawischen Sprachen stammen unter anderem Grenze und Jauche.

Das Frühneuhochdeutsche dauerte von etwa 1350 bis 1650 und bildet den Beginn des heutigen Deutsch. Der Buchdruck Johannes Gutenbergs um 1446 verbreitete Texte in großer Auflage. Kanzleien, Handel und überregionale Literatur begünstigten eine gemeinsame Schriftsprache. Um 1500 konkurrierten besonders die ostmitteldeutsche sächsische Kanzleisprache und die oberdeutsche kaiserliche Kanzleisprache; langfristig gewann die ostmitteldeutsche Variante an Gewicht.

Kennzeichnend waren Vokallängenänderungen, Diphthongierung und Monophthongierung. Aus mittelhochdeutsch wīse, mūs und triuwe wurden weise, Maus und Treue; aus miete, bruoder und güete wurden Miete, Bruder und Güte. Regional verliefen diese Entwicklungen unterschiedlich. Im Formenbestand nahmen Umlaut- und -r-Plurale zu, etwa hof/höfe und die bücher. Die Syntax wurde komplexer; Satzgefüge wurden häufiger, und die moderne Verbzweitstellung war bereits erkennbar.

Der Wortschatz veränderte sich durch Bedeutungswandel: vrouwe wurde zur neutralen Bezeichnung Frau, während wīp zum Schimpfwort wurde; Magd bedeutete zunehmend „Dienstmagd“. Seit dem 13. und 14. Jahrhundert entstanden feste Familiennamen, meist nach Beruf, Eigenschaft, Herkunft oder Wohnort. Italienische Entlehnungen wie Bank, Risiko, Kompass und Kapitän sowie später französische wie Ball, Ballett, Frisur, Armee und Offizier spiegeln Handels- und Kulturkontakte wider.

Martin Luther schuf die neuhochdeutsche Schriftsprache nicht, beeinflusste sie aber mit seiner Bibelübersetzung besonders stark. Er verbreitete ostmitteldeutsche Wörter wie Heuchler, Hügel, Scheune und Kahn und prägte oder popularisierte Bedeutungen wie anfahren, verfassen und fromm im Sinne von „gläubig, religiös“. Seine Sprache trug auch dazu bei, dass Glück die früher getrennten Bedeutungen von luck und happiness übernahm, während Sälde weitgehend verschwand.

Neuhochdeutsch bis heute

Seit etwa 1650 spricht man von Neuhochdeutsch. Laut- und Formensystem änderten sich weniger stark als zuvor; besonders der Wortschatz wuchs durch Wissenschaft, Technik, Politik und gesellschaftliche Veränderungen. Im 18. Jahrhundert entstanden oder verbreiteten sich Fachwörter wie Sauerstoff, Bedeutung, Bewusstsein, Verhältnis, Abstand und Schwerpunkt. Französische Entlehnungen lieferten unter anderem Onkel, Tante, Cousin und Cousine. Im 19. Jahrhundert führten Industrialisierung und neue Technik zu Wörtern wie Elektrizität, Waschmaschine, Eisenbahn, Reichsgesetz und Streik.

Die einheitliche Literatursprache entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert als überlandschaftliche Gemeinsprache, beruhte aber auf mehreren regionalen Varianten. Im Formenbestand wurden Singular und Plural weiter deutlicher unterschieden, etwa Hahn – Hähne sowie Männer, Geister und Würmer. Bei starken Verben glichen sich Präteritumsformen an: aus ich sang – wir sungen wurde ich sang – wir sangen. Die Rechtschreibung wurde 1901 nach Dudens Vorschlägen erstmals amtlich festgelegt; Theodor Siebs normierte mit Die Deutsche Bühnenaussprache von 1898 die Aussprache.

Im 20. Jahrhundert beeinflusste politische Propaganda den Wortschatz. Der Nationalsozialismus verwendete rassistische Begriffe und Euphemismen wie Endlösung der Judenfrage, Evakuierung, Rückschlag und Frontbegradigung. In der DDR entstanden unter russischem Einfluss oder als Lehnübersetzungen Wörter wie Neuererbewegung, Plansoll, Kulturhaus, Wandzeitung und sozialistisches Lager; der Mauerbau wurde offiziell als Sicherung der Staatsgrenze und antifaschistischer Schutzwall bezeichnet. Während der deutschen Zweistaatlichkeit konnten Bezeichnungen wie BRD, DDR, Ostzone oder Mitteldeutschland politische Positionen ausdrücken.

Die Rechtschreibreform wurde zum 1. August 1998 mit Übergangsphase bis 31. Juli 2005 eingeführt und 2006 vor allem bei Groß- und Kleinschreibung sowie Getrennt- und Zusammenschreibung verändert. Die reformierte Rechtschreibung setzte sich weitgehend durch.

Im 21. Jahrhundert verbreiten sich in der Aussprache Zäpfchen-r [ʀ] und Reibe-r [ʁ]; besonders nach a kann r ausfallen, wodurch etwa Start und Staat homophon werden können. Auch langes ä wird häufiger wie geschlossenes e gesprochen, sodass etwa Ähre und Ehre zusammenfallen können. Regional gefärbte Aussprache nimmt ab.

In der Grammatik breiten sich -s-Plurale bei Abkürzungen wie PKWs und LKWs aus. Kurzwörter wie Uni, Akku und Labor verdrängen oft längere Formen. Der Konjunktiv II wird zunehmend analytisch mit würde + Infinitiv gebildet, etwa ihr würdet biegen statt ihr böget. Funktionsverbgefüge wie eine Erklärung abgeben oder zur Anzeige bringen treten häufiger an die Stelle einfacher Verben. Der Genitiv ist jedoch weiterhin stabil, besonders in Verbindungen wie Petras Auto und in gehobener oder schriftlicher Sprache.

Neue Wörter stammen vielfach aus dem Englischen, etwa Computer, Job, Team und Comeback, oder aus Soziolekten wie der Jugendsprache, etwa toll, total und spinnen. Der größere Wortschatz ermöglicht unterschiedliche Stilebenen, zum Beispiel versterben, abkratzen oder Automobil, Auto, Personenkraftwagen, Kiste und Karre.

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