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Vor Sonnenaufgang

Holmsen“ veröffentlicht und gilt neben Hauptmanns Erzählung Bahnwärter Thiel von 1887/88 als Musterfall naturalistischer Prosa) ... Zusammenfassend kann man somit …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Werk, Bedeutung und Grundgedanke
  2. 2. Form und Handlung
  3. 3. Figuren und soziale Gruppen
  4. 4. Deutungen und Wirkung

Werk, Bedeutung und Grundgedanke

Vor Sonnenaufgang ist ein 1889 verfasstes Sozial-Drama von Gerhart Hauptmann. Die Uraufführung durch die Freie Bühne am Lessing-Theater am 20. Oktober 1889 gilt als Durchbruch des Naturalismus im deutschen Theater und machte Hauptmann als Dramatiker bekannt.

Im Mittelpunkt steht die naturalistische Determinationslehre: Menschen sind nach dieser Auffassung nicht frei und selbstbestimmt, sondern durch Vererbung, Milieu und Erziehung entscheidend geprägt und begrenzt. Das Drama zeigt dies an der reich gewordenen Bauernfamilie Krause. Kohlefunde machen sie wohlhabend, führen aber nicht zu einem besseren Leben, sondern zu Alkoholismus, sexueller Gewalt, Abhängigkeit und sozialem Verfall.

Als wichtige Anregungen nennt der Artikel Ibsens analytisches Drama Gespenster, Gustav von Bunges Schrift Die Alkoholfrage sowie Hauptmanns Erfahrungen mit pietistischer Erziehung. Alfred Loth zitiert Bunge im Stück teilweise wörtlich. Hauptmann wollte das Drama zunächst Der Säemann nennen; auf Vorschlag Arno Holz’ wählte er den Titel Vor Sonnenaufgang.

Form und Handlung

Das Drama hat fünf Akte und folgt weitgehend dem klassischen, geschlossenen Aufbau: Ort, Zeit und Handlung bleiben einheitlich. Es spielt innerhalb eines Tages auf dem Hof beziehungsweise im Haus der Familie Krause. Die Ständeklausel wird jedoch aufgehoben, da keine Figur adlig ist. Den Höhepunkt bildet Helenes Liebesbekenntnis im III. Akt, die Katastrophe am Ende ihr Suizid.

Der Volkswirt Alfred Loth besucht in Witzdorf seinen früheren Studienfreund Hoffmann. Loth will die Lage der Bergarbeiter untersuchen und vertritt weiterhin sozialistische Ideale einer gerechten Güterverteilung. Hoffmann hat diese Ideale zugunsten eines luxuriösen, materialistischen Lebens aufgegeben; durch die Ehe mit Martha Krause ist er an Reichtum gelangt. Beim Abendessen wird Loths strikte Ablehnung von Alkohol deutlich. Ohne es zu wissen, hat er zuvor Bauer Krause, den betrunkenen Vater der Familie, im Wirtshaus erlebt und beschrieben.

Helene Krause, Tochter aus erster Ehe, hebt sich von ihrer Familie ab. Nach dem Tod ihrer Mutter wurde sie in einem Herrnhuter Pensionat erzogen, spricht Hochdeutsch und trinkt keinen Alkohol. Auf dem Hof leidet sie unter dem Trinkermilieu sowie Übergriffen ihres Vaters und ihres Schwagers Hoffmann. Loth und Helene nähern sich einander an. Helene verhindert außerdem, dass ihre Stiefmutter eine Magd wegen deren Beziehung mit einem Knecht entlässt, indem sie mit dem Verhältnis von Frau Krause und deren Neffen Wilhelm Kahl droht.

Während Martha Krause ihr zweites Kind erwartet, rät Dr. Schimmelpfennig, das Neugeborene wegen Marthas Alkoholismus von ihr zu trennen und Helene anzuvertrauen. Helene gesteht Loth ihre Liebe; beide küssen sich in einer Gartenlaube und wünschen sich ein gemeinsames neues Leben. Helene verschweigt ihm jedoch die Trunksucht ihrer Familie, weil sie fürchtet, verlassen zu werden.

Im V. Akt berichtet Schimmelpfennig Loth von Alkoholismus und Degeneration in der Familie Krause. Loth glaubt an die Vererbbarkeit des Alkoholismus und sieht mögliche Kinder mit Helene gefährdet. Obwohl der Arzt Fälle erwähnt, in denen solche vererbten Übel unterdrückt worden seien, trennt Loth sich sofort von ihr. Er hinterlässt nur einen Abschiedsbrief und verlässt den Hof. Martha bringt ihr Kind tot zur Welt. Helene findet den Brief, verzweifelt und nimmt sich das Leben. Der alkoholisierte Bauer Krause erfasst am Schluss weder das Leid der Familie noch Helenes Tod.

Figuren und soziale Gruppen

Loth verkörpert wesentliche naturalistische Vorstellungen: Er ist abstinent, sozialistisch eingestellt und will soziale Missstände bekämpfen. Seine Prinzipientreue ist aber auch eng und unbarmherzig. Gerade weil er Helene trotz seiner Gefühle wegen ihrer Herkunft verlässt, erscheint er als problematische Figur. Als Fremder stößt er die Handlung an und macht die Verkommenheit der Familie für das Publikum sichtbar.

Helene steht zwischen den sozialen Gruppen. Wegen ihrer Herrnhuter Erziehung gehört sie nicht wirklich zur bäuerlichen Familie, besitzt aber auch nicht die Bildung der Intellektuellen. Sie sieht in Loth einen Retter und übernimmt zunehmend seine Ansichten und Sprache. Ihr Versuch, dem Milieu zu entkommen, scheitert. Damit zeigt ihre Figur ebenfalls Determination durch Erziehung und Umgebung.

Hoffmann ist Ingenieur und erfolgreicher Geschäftsmann. Er steht für egoistischen Materialismus: Er hat einen Rivalen in den Suizid getrieben und Martha in den Alkoholismus. Dr. Schimmelpfennig ist seit sechs Jahren Arzt in Witzdorf, behandelt Arme kostenlos und will zugleich durch die reichen Dorfbewohner finanziell unabhängig werden. Er kennt die sozialen Verhältnisse genau, verurteilt Suff, Völlerei und Inzucht und informiert Loth über die Familie.

Die Bauernsphäre umfasst Bauer Krause, Frau Krause, Martha und Wilhelm Kahl. Sie steht für den sozialen Verfall nach dem plötzlichen Reichtum. Bauer Krause ist schwer alkoholkrank und belästigt Helene sexuell. Frau Krause gibt sich neureich und adelorientiert, behandelt Helene gewalttätig und hat eine Affäre mit ihrem Neffen Kahl. Kahl, Helenes ungeliebter Verlobter, ist starker Trinker, gewalttätiger Jäger und beteiligt sich an diesem Inzestmotiv. Marthas erster Sohn stirbt mit drei Jahren, nachdem er Alkohol gesucht und sich an einer Essigflasche tödlich verletzt hat.

Mägde, Knechte und Diener zeigen Armut, Abhängigkeit und Willkür. Sie halten stärker zusammen als die höheren Gruppen, etwa beim Diebstahl von Milch für Bedürftige. Marie widersetzt sich Frau Krause und verlässt den Hof trotz der aufgehobenen Entlassung. Beibst, ein hinkender Arbeitsmann, kennt die Vorgänge auf dem Hof, hilft Helene, lässt sich aber wegen seiner Armut von Kahl bestechen. Die Nebenfiguren verdeutlichen, dass Geldnot und Machtverhältnisse das Verhalten prägen.

Deutungen und Wirkung

Dieter Martin beschreibt die Selbsttötung als Leitmotiv. Im Drama werden vier Suizide thematisiert: die Selbsttötungen von Fips, des Bauunternehmers Müller und einer achtfachen Mutter werden erzählt; Helenes Suizid wird auf der Bühne vorbereitet. Anspielungen auf Goethes Die Leiden des jungen Werthers charakterisieren besonders Helene. Für sie ist Werther Trost und Fluchtmöglichkeit; Loth bevorzugt Felix Dahns Ein Kampf um Rom, weil er Literatur als vorbildlich und stärkend versteht. Der Gegensatz im Literaturverständnis zeigt auch einen Abstand zwischen beiden Liebenden.

Werner Bellmann betont, Loths Entscheidung dürfe nicht ohne den Determinismusgedanken beurteilt werden. Helene sei weder nur Heldin noch nur Opfer Loths: Sie werde durch familiäre Herkunft, gesellschaftliche Umstände und insbesondere ihre pietistisch-herrnhutische Erziehung geprägt. Ihr Tod sei ein Verzweiflungsakt und Weltflucht. Bellmann deutet Loths Trennung dagegen als konsequente Selbstbehauptung und Verantwortungsbewusstsein, nicht einfach als Feigheit.

Hansgerd Delbrück hebt Naturalismus, Industrialisierung, Klassenunterschiede, Dialektgebrauch und die Vorstellung einer alkoholbedingten Degeneration hervor. Er erkennt zudem Parallelen zum Ödipus-Mythos: Das Schicksal wird nicht religiös erklärt, sondern durch naturwissenschaftlich verstandenen Determinismus. Das Drama beantworte die Schicksalsfrage nicht, sondern stelle sie als Problem dar.

Die naturalistische Aufführung löste heftige Reaktionen aus; ein Arzt warf aus Protest eine Geburtszange auf die Bühne. Neben scharfer Ablehnung erhielt das Stück auch großes Lob, unter anderem von Theodor Fontane und Henrik Ibsen. 1976 entstand eine Verfilmung des SFB unter der Regie von Oswald Döpke mit Gerd Böckmann als Hoffmann, Ernst Jacobi als Loth und Ulrike Bliefert als Helene.

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