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Genter Altar
Der Genter Altar ist ein Flügelaltar in der St.-Bavo-Kathedrale (Sint Bavo) in der belgischen Stadt Gent. Er wurde von Jan van Eyck und wahrscheinlich …
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Grunddaten und Bedeutung
Der Genter Altar ist ein großer Flügelaltar in der St.-Bavo-Kathedrale in Gent. Er wurde von Jan van Eyck und wahrscheinlich seinem älteren Bruder Hubert van Eyck geschaffen und 1432 oder 1435 in der damaligen Pfarrkirche Sint-Jans aufgestellt. Auftraggeber waren der Genter Kaufmann Joos Vijd und seine Frau Elisabeth Borluut. Das Hauptthema ist die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes, also die Verehrung Christi, der im Bild durch das Lamm Gottes dargestellt wird.
Der Altar ist wichtig, weil er zu den bedeutenden Werken der altniederländischen Malerei gehört und religiöse Bildthemen, genaue Naturbeobachtung, kostbare Details und komplexe Symbolik verbindet. Als Flügelaltar hat er zwei Zustände: geschlossen zeigte er die Alltagsseite, geöffnet die Festtagsseite. Die Innenseite wurde nur an hohen christlichen Festen wie Weihnachten, Ostern und Allerheiligen gezeigt. Die Maße betragen ohne Rahmen 375 × 260 cm im geschlossenen Zustand und 375 × 520 cm im geöffneten Zustand.
Geschlossene Alltagsseite
Die geschlossene Seite ist in drei Zonen aufgebaut und wirkt wie ein Blick in ein Haus mit mehreren Stockwerken. Unten sind vier Nischen mit Rundbogenarkaden zu sehen. Außen knien die Stifter Joos Vijd und Elisabeth Borluut. In den beiden mittleren Nischen stehen Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist als grisailleartige Figuren, also in einer Malweise, die Skulpturen nachahmt. Johannes der Täufer ist mit Fellgewand und Lamm Gottes dargestellt; Johannes der Evangelist hält einen Kelch, aus dem Schlangen steigen, ein Hinweis auf eine Erzählung vom vergifteten Wein.
Die mittlere Zone zeigt die Verkündigung: links den Engel, rechts Maria, die an ihrem Betpult überrascht aufblickt. Über Maria schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Die Worte Marias „Ecce ancilla domini“ stehen auf dem Kopf, als wären sie an Gott oder den Heiligen Geist gerichtet. Zwischen den Figuren öffnet ein Fenster den Blick in eine flämische Stadt. Gegenstände wie eine glänzende Wasserkanne, eine Schale und ein weißes Handtuch können als Symbole für Marias Reinheit verstanden werden.
In der oberen Zone erscheinen die Propheten Sacharja und Micha sowie die Sibyllen von Erythrai und Cumae. Sie tragen Spruchbänder mit Prophezeiungen. Damit wird die Geburt Christi als Ereignis gezeigt, das sowohl durch biblische Propheten als auch durch außerbiblische Seherinnen angekündigt wird.
Geöffnete Festtagsseite
Die geöffnete Festtagsseite ist in zwei Zonen gegliedert. Oben steht im Zentrum eine thronende, monumentale Gestalt, die unterschiedlich gedeutet werden kann: als Gott Vater, als Christus oder als Dreieiniger Gott. Sie ist in Rot gekleidet, trägt eine kostbare Tiara und wird von Maria und Johannes dem Täufer flankiert. Die Inschrift auf ihrem Gewand lautet sinngemäß „König der Könige und Herr der Herren“. Die Deutung bleibt komplex, weil die Figur sowohl mit Christus-Symbolen als auch mit Gott-Vater- und Dreifaltigkeitsbezügen verbunden ist.
Maria erscheint als Himmelskönigin mit Krone und Buch. Johannes der Täufer trägt sein härenes Untergewand, aber auch einen grünen Mantel und ein Evangelienbuch. Neben dieser Dreiergruppe stehen Gruppen musizierender Engel. Links singen acht Engel vor einem Notenpult, rechts spielt ein Engel eine kleine Orgel, begleitet von weiteren Engeln mit oder ohne sichtbare Instrumente. Die Orgel ist so genau dargestellt, dass eine funktionsfähige Replik gebaut werden konnte.
Außen stehen Adam und Eva, nackt und fast lebensgroß. Sie erinnern an den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Garten Eden. Eva hält die Frucht vom Baum der Erkenntnis, hier als Zitrusfrucht dargestellt. Oberhalb sind Szenen mit Kain und Abel zu sehen, also Folgen des Sündenfalls. Für ein Altarbild war diese Darstellung ungewöhnlich.
Anbetung des Lammes
Die untere Zone der geöffneten Seite besteht aus fünf Tafeln und wirkt als zusammenhängende Szene. Sie bezieht sich auf die Offenbarung des Johannes, besonders auf die große Schar aus allen Völkern, die vor dem Thron und vor dem Lamm steht. Im Zentrum steht das mystische Lamm auf einem Altar. Aus seiner Brust fließt Blut in einen Messkelch. Das Lamm ist ein altes Symbol für Christus. Auf dem Altar stehen Zitate aus dem Johannesevangelium: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“ und „Jesus, der Weg, die Wahrheit, das Leben“.
Um das Lamm versammeln sich neun Gruppen: Engel mit Weihrauchfässern oder Leidenswerkzeugen, die Gerechten Richter, die Streiter Christi, die Heiligen Pilger, die Heiligen Eremiten, Propheten, Patriarchen, Juden und Heiden, Apostel, Hirten der Kirche sowie Prozessionen heiliger Jungfrauen und Kleriker. Märtyrer tragen als Zeichen die Märtyrerpalme. Unterhalb des Altars steht ein achteckiger Brunnen, der an ein mittelalterliches Baptisterium erinnert. Seine Inschrift bezeichnet ihn als Strom des lebendigen Wassers, der vom Thron Gottes und des Lammes ausgeht. Über dem Altar schwebt die Taube des Heiligen Geistes und sendet goldene Strahlen auf die Szene.
Landschaft und Bildsprache
Die himmlische Welt wird nicht durch einen mittelalterlichen Goldgrund dargestellt, sondern als paradiesische Landschaft unter hellem Himmel. Wiesen, Hügel, Baumgruppen und Städte mit Kirchtürmen verbinden die Tafeln. Die Städte können als Zeichen für das himmlische Jerusalem verstanden werden.
Die Natur ist sehr genau beobachtet. Laut Segal zeigt der Altar 81 verschiedene Kräuter, Sträucher, Bäume, Flechten, Moose und Farne. Viele Pflanzen sind so naturgetreu gemalt, dass Orangen- und Granatapfelbäume, Dattelpalmen, Zypressen, Rosenbüsche, Weinstöcke, Lilien, Iris, Pfingstrosen, Maiglöckchen, Waldmeister und Gänseblümchen erkennbar sind. Viele Pflanzen haben einen Bezug zur christlichen Symbolik. So verbindet der Altar religiöse Bedeutung mit genauer Darstellung der sichtbaren Welt.
Autorschaft und Geschichte
Die Frage, welchen Anteil Hubert und Jan van Eyck am Genter Altar hatten, ist umstritten. Eine lateinische Inschrift auf den unteren Rahmenleisten nennt Hubert als denjenigen, der das Werk begonnen habe, und Jan als den Bruder, der es vollendet habe. Die roten Buchstaben der letzten Zeile bilden als römische Zahlen ein Chronogramm mit der Jahreszahl 1432. Röntgenuntersuchungen von 1950 und 1979 deuteten auf eine spätere Hinzufügung hin; Untersuchungen seit 2012 ergaben dagegen, dass die Inschrift direkt auf die Erstfassung der Rahmen geschrieben wurde. Trotzdem bleibt umstritten, ob sie wirklich authentisch ist und aus dem Jahr 1432 stammt. Möglich ist, dass Hubert viel entwarf oder malte, nur einen Entwurf lieferte, dass Jan Huberts Tafeln überarbeitete oder dass Jan alles entwarf und vollendete.
Auch die Geschichte des Altars war wechselvoll. Er wurde um 1420 von Joos Vijd und Elisabeth Borluut in Auftrag gegeben und wahrscheinlich 1432 vollendet; 1435 stiftete Vijd Land, damit Messen für die Stifter gelesen werden konnten. Der Altar wurde mehrfach restauriert, versteckt, demontiert, verkauft, zerteilt, zurückgegeben und im Krieg verschleppt. Nach Napoleons Eroberung kamen die Mittelteile nach Paris, kehrten aber nach Waterloo zurück. 1816 wurden mehrere Seitentafeln verkauft und gelangten nach Berlin; nach dem Ersten Weltkrieg mussten sie gemäß Versailler Vertrag an Belgien abgegeben werden.
1934 wurden die Tafeln mit den Gerechten Richtern und Johannes dem Täufer gestohlen. Johannes der Täufer wurde zurückgegeben, die Gerechten Richter blieben verschollen; heute ist dort eine Kopie von Jozef van der Veken zu sehen. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Altar nach Pau gebracht, dann von den Nationalsozialisten nach Neuschwanstein und 1944 in das Salzbergwerk Altaussee verschleppt. Nach Kriegsende wurde er geborgen. Seit 2012 läuft eine erneute Restaurierung in mehreren Phasen; die untere Festtagsseite mit der Anbetung des Lammes kehrte im Januar 2020 zurück, die sieben Tafeln des oberen Registers werden seit 2023 bis 2026 restauriert.