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Gdynia

Infolge der politischen Wende im Ostblock vollzogen sich auch hier sektorale Wirtschaftskrisen (Deindustrialisierung) und eine Tertiärisierung mit ambivalenten …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Lage
  2. 2. Aufstieg zur Hafenstadt
  3. 3. Krieg und Nachkriegszeit
  4. 4. Wirtschaft und Verkehr heute
  5. 5. Bildung, Kultur und Stadtbild
  6. 6. Politik, Bevölkerung und Sport

Überblick und Lage

Gdynia [ˈgdɨɲa], deutsch Gdingen und von 1939 bis 1945 Gotenhafen, ist eine Hafenstadt an der Danziger Bucht in Polen. Sie liegt in der Woiwodschaft Pommern und bildet zusammen mit dem größeren Danzig (Gdańsk) und dem kleineren Sopot (Zoppot) die Metropolregion Dreistadt (Trójmiasto). Am 1. Januar 2024 hatte Gdynia 241.189 Einwohner. Die Stadt ist eine kreisfreie Stadt und Stadtgemeinde; ihre Höhe reicht von 0 bis 205 m n.p.m.

Die Stadt liegt im Norden Polens an der Zatoka Pucka, dem westlichen, seichten Teil der Danziger Bucht. Gegenüber befindet sich die Halbinsel Hel mit der Stadt Hel, die im Sommer per Fähre erreichbar ist. Das wichtigste Fließgewässer ist die Kacza, die durch mehrere Stadtteile fließt. Hafen und Innenstadt liegen knapp über dem Meeresspiegel, während Außenbezirke wie Witomino, Mały Kack und Wielki Kack auf ansteigenden Höhen liegen.

Gdynia ist wirtschaftlich vor allem durch Hafen, Schiffbau, Marine-Elektronik, Logistik- und Finanzdienstleistungen wichtig. Die Stadt ist Hauptquartier der Kriegsmarine der Republik Polen und besitzt mit der Marineakademie und der zivilen Seefahrt-Universität zwei Hochschulen für Nautik. Sie erreicht regelmäßig gute Plätze in Städterankings zur Lebensqualität, unter anderem als einzige polnische Stadt beim LivCom-Award 2023.

Aufstieg zur Hafenstadt

Gdynia wurde 1253 als Siedlung Gdina erstmals urkundlich erwähnt und war bis 1918 ein Dorf. Nach dem Friedensvertrag von Versailles erhielt Polen durch den Polnischen Korridor Zugang zur Ostsee, besaß aber zunächst keinen eigenen Hafen. Deshalb wurde Gdynia planmäßig zu einem großen Handels-, Auswanderungs-, Kriegs- und Fischereihafen ausgebaut. 1926 erhielt Gdynia das Stadtrecht.

In der Zweiten Polnischen Republik wuchs die Stadt sehr schnell. Die 1920 gegründete Staatliche Seefahrtsschule wurde am 21. Juli 1928 von Dirschau (Tczew) nach Gdingen verlegt. Bis 1930 war der Hafen mit Docks, Piers, Wellenbrechern, Lagerschuppen, Anlagen und Gewerbebetrieben voll funktionsfähig. 1932/1933 entstand das Abfertigungsgebäude für Überseepassagiere, der Dworzec Morski. Die staatliche Reederei Gdynia-Ameryka Linie Żeglugowe SA betrieb sieben Passagierschiffe; 1933 wurde in Grabau eine Unterkunft für Auswanderer eröffnet.

Der schnelle Zuzug von Arbeitssuchenden überforderte den Wohnungsbau. Am Stadtrand entstanden Slums für Arbeitslose, Obdachlose und niedrig bezahlte Arbeiter mit ihren Familien; zugleich stiegen die Mieten stark. Trotzdem wurde die Stadt weiter ausgebaut. 1938 war der Hafen nach Umschlag der größte Hafen des Ostseeraums, einer der modernsten und der zehntgrößte Hafen Europas. Er bewältigte 46 % des polnischen Außenhandels mit 8,7 Mio. Tonnen, nach anderen Angaben 9,2 Mio. Tonnen. 1939 hatte Gdynia 66 km² Fläche und 115.000 Einwohner.

Krieg und Nachkriegszeit

Mit dem Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg in Europa. Nach der Einnahme der Stadt wurde Gdynia im Oktober 1939 in Gotenhafen umbenannt. Die Deutschen vertrieben geschätzt rund 50.000 Polen. 12.000 bis 13.000 Einwohner, vor allem polnische Intellektuelle, wurden in der sogenannten Intelligenzaktion unweit der Stadt erschossen, unter anderem im Massaker von Piaśnica. 1944 wurden Massengräber geöffnet und Leichen verbrannt, um Spuren zu beseitigen.

Die Rote Armee eroberte die Stadt mit Luftunterstützung der United States Army Air Forces. Hitler hatte Danzig und Gotenhafen zuvor zum „Festen Platz“ erklärt, der bis zum Schluss verteidigt werden sollte. Bei den Kämpfen wurden 39.000 deutsche und 31.000 sowjetische Soldaten getötet. Vor dem Rückzug zerstörten deutsche Sprengkommandos alle Hafeneinrichtungen. Das Schlachtschiff Gneisenau wurde in der Hafeneinfahrt als Blockschiff versenkt. Ab Juli 1945 war der Hafen wieder nutzbar.

Nach dem Krieg kehrten überlebende vertriebene Polen zurück; außerdem zogen Polen aus Gebieten in die Stadt, die nach der Konferenz von Jalta von der Sowjetunion annektiert worden waren. In der Volksrepublik Polen wurde Gdynia zu einem wichtigen Ort der Arbeiterproteste. Die 1922 gegründete Werft Gdynia AG war Schauplatz des Arbeiteraufstands von 1970, der zum Ende der Ära Gomułka beitrug. Auch an den August-Streiks 1980 und an der Gewerkschaft Solidarność waren oppositionelle Kreise aus Gdynia beteiligt. Nach 1989 führten Deindustrialisierung und Tertiärisierung zu wirtschaftlichen Umbrüchen. Die Werft Gdynia geriet in der Weltfinanzkrise 2007–2008 in Schwierigkeiten und wurde 2009 abgewickelt, nachdem die Europäische Kommission staatliche Subventionen von 2002 bis 2008 in Höhe von insgesamt 700 Millionen Euro für illegal erklärt hatte.

Wirtschaft und Verkehr heute

Der Hafen von Gdynia wächst weiter. Der Gesamtumschlag stieg von 18,2 Mio. Tonnen im Jahr 2015 auf 26,7 Mio. Tonnen im Jahr 2021. 2022 kam ein weiteres Lagerareal von 18 Hektar hinzu. Mit Stand 2022 war Gdynia mit 4,7 Mio. Tonnen der größte Getreideverladehafen des Ostseeraums. Der Hafen besitzt eines der drei LPG-Terminals Polens. Geplant sind unter anderem die Vertiefung des Hafenbeckens für größere Tanker, eine bessere Autobahnanbindung und ein neuer Containerhafen auf Basis einer internationalen Public Private Partnership. Dieser soll Schiffe bis 400 m Länge und 16 m Tiefgang aufnehmen; die Eröffnung ist für die Jahreswende 2028/29 geplant, mit einem Zielumschlag von 2,5 Mio. TEU pro Jahr.

Der Hafen hat auch militärische Bedeutung, etwa durch die Verladung von Rüstungsgütern und als Standort der NATO-Flottenpräsenz. Zugleich wird ein Hafenareal der Unternehmensgruppe Hutchison Port Holdings wegen möglicher sicherheitspolitischer Risiken kritisch betrachtet. Eine ältere Verbindung nach China besteht durch Chipolbrok, eine seit über 70 Jahren bestehende chinesisch-polnische Schiffsgesellschaft.

Im Schiffbau und maritimen Bereich arbeiten unter anderem Crist S.A., Nauta S.A., PGZ Stocznia Wojenna und eine Niederlassung der Damen Shipyards Group. Crist S.A. baut neben Schiffen auch Komponenten für Offshoreanlagen und Wasserbau. Weitere Industriezweige sind LKW-Auflieger, Klimatechnik, Radiatoren und Boiler, Bauchemie, Stahlbau sowie Module und Spezialausrüstungen für Bohrinseln und Schiffe.

Gdynia ist außerdem ein Standort für Logistik, Dienstleistungen und Hochtechnologie. Genannt werden Speditionen, Terminalbetreiber, Agrar-Großhändler, der Pomorski Park Naukowo-Technologiczny Gdynia als Inkubator und Schulungszentrum, Finanztechnologie-Unternehmen sowie Firmen für Elektronik, Satelliten- und Raketenbau, maritime Automation, Kommunikation, Radar, Sonar und Simulatoren. Im Verkehr ist Gdynia über Straße, Eisenbahn, SKM-Stadtschnellbahn, Busse, Oberleitungsbusse und E-Busse in die Dreistadt eingebunden. Der Flughafen Gdynia-Kosakowo dient vor allem der Marinefliegerbrigade als Militärflugplatz; eine Nutzung für Allgemeine Luftfahrt ist geplant.

Bildung, Kultur und Stadtbild

Gdynia hat mehrere Hochschulen und Institute, besonders mit maritimem Schwerpunkt. Dazu gehören die Akademia Marynarki Wojennej im. Bohaterów Westerplatte, die Uniwersytet Morski w Gdyni, die Wyższa Szkoła Administracji i Biznesu im. Eugeniusza Kwiatkowskiego, ein Institut für Meereskunde mit dem Forschungsschiff r/v IMOR sowie die Non-profit-Organisation Marine Technology. Außerdem gibt es die private Fachschule Szkoła Morska. 2018 war Gdynia Austragungsort der MILSET Expo-Sciences Europe, einer wissenschafts- und technologieorientierten Jugendmesse.

Das Stadtbild ist stark von der Moderne der Zwischenkriegszeit geprägt. Das modernistische Stadtzentrum, das in der Zeit des schnellen Wachstums ab den 1920er Jahren entstand, ist seit Juli 2026 UNESCO-Weltkulturerbe. Wichtige Beispiele sind Bürgerhäuser, Bank- und Verwaltungsbauten, die Markthalle, das Gebäude der polnischen Sozialversicherung ZUS von 1935/1936, das Haus des Polnischen Seglers und moderne Eckhäuser mit abgerundeten Fassaden, Balkonen oder Wintergärten. Die Formen nehmen teils Bezug auf Schiffe, etwa durch abgerundete Mauern, Türmchen oder Anklänge an Kommandobrücken.

Zum Kulturangebot gehören Museen wie das Museum der Stadt Gdingen, das Emigrationsmuseum, das Aquarium Gdynia, das Museum der Kriegsmarine und die Museumsschiffe ORP Błyskawica und Dar Pomorza. Es gibt mehrere Theater, darunter das Danuta-Baduszkowa-Musiktheater und das Witold-Gombrowicz-Theater, außerdem ein Sommertheater auf einer Strandbühne in Orłowo. Kulturell wichtig sind auch der Literaturpreis Gdynia, das Polnische Spielfilmfestival, das seit 1986 in Gdynia stattfindet, und das jährliche Open’er Festival auf dem Flugplatz.

Politik, Bevölkerung und Sport

Die Einwohnerzahl zeigt den Wandel vom Dorf zur Großstadt: 1852 lebten 566 Menschen in Gdynia, 1921 waren es 1.179, 1931 bereits 33.217 und 1939 115.000. Nach dem Krieg sank die Zahl zunächst auf 77.829 im Jahr 1946, stieg dann wieder auf 103.458 im Jahr 1950, 200.000 im Jahr 1973 und 250.000 im Jahr 1987. 2004 wurden 253.300 Einwohner genannt, 2015 waren es 247.672 und 2023 241.189.

An der Spitze der Stadtverwaltung steht ein direkt gewählter Stadtpräsident. Von 1998 bis 2024 war Wojciech Szczurek im Amt. Seit 2024 ist Aleksandra Kosiorek vom Wahlkomitee „Gdynia Dialog“ Stadtpräsidentin; sie gewann die Stichwahl mit 62,5 % gegen Tadeusz Szemiot. Der Stadtrat hat 28 Mitglieder. Bei der Wahl 2024 erhielt die Koalicja Obywatelska 39,7 % und 13 Sitze, „Gdynia Dialog“ 23,8 % und 7 Sitze, das Wahlkomitee Wojciech Szczurek 18,8 % und 5 Sitze sowie das Wahlkomitee „Rechte und soziale Wähler“ 13,6 % und 3 Sitze.

Gdynia besitzt zahlreiche Bürgerinitiativen, besonders zu Verkehr und Nachhaltigkeit. Im Dezember 2023 erhielt die Stadt eine Auszeichnung für die Ermittlung ihrer CO₂-Bilanz und das Ziel, die Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2020 um 43 % zu senken. Außerdem gibt es einen Bürgerhaushalt von zuletzt 12 Mio. Złoty.

Im Sport sind unter anderem Fußball, Rugby, Basketball, Snooker und Triathlon vertreten. Im GOSiR-Stadion spielen Arka Gdynia und Bałtyk Gdynia. RC Arka Gdynia gewann 2005 den European Regions Cup. Asseco Gdynia ist mehrfacher polnischer Basketballmeister; Basket Gdynia spielt seit 1999 in der Euroleague der Frauen. Die Gdynia Open im Snooker fanden als Teil der Players Tour Championship statt, zuletzt 2016. Seit 2015 ist Gdynia Austragungsort des Ironman 70.3; 2021 fand erstmals der Ironman Gdynia über die volle Distanz von 3,86 km Schwimmen, 180,2 km Radfahren und 42,195 km Laufen statt.

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