Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Polnischer Korridor
Die Übernahme der Gebiete durch Polen fand mit dem Inkrafttreten des Vertrags am 20. Januar 1920 statt. Im Versailler Vertrag wurde vereinbart, dass Polen den …
Inhalt6 Abschnitte
Kern und Bedeutung
Der Polnische Korridor war ein vormals preußischer Landstreifen zwischen Pommern im Westen und dem Unterlauf der Weichsel im Osten. Deutschland musste ihn nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag an Polen abtreten. Von 1920 bis zum deutschen Überfall auf Polen im September 1939 trennte er Ostpreußen vom übrigen Deutschland. Der Korridor war keine einheitliche politisch-historische Landschaft, sondern umfasste vor allem Teile der früheren Provinz Westpreußen sowie Teile des historischen Großpolen aus der Provinz Posen.
Für Polen war der Korridor wichtig, weil er der neu entstandenen Zweiten Polnischen Republik einen eigenen Zugang zur Ostsee gab. Dieses Ziel gehörte zum 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten Woodrow Wilson. Deutschland empfand die Abtrennung in der Weimarer Republik weitgehend als ungerecht, auch weil keine Volksabstimmung stattfand und die Bevölkerung ethnisch, sprachlich und religiös gemischt war. Im Versailler Vertrag wurde zugleich festgelegt, dass Polen den ungehinderten Bahn-, Schiffs-, Post-, Telefon- und Telegrafenverkehr durch den Korridor sicherstellen musste.
Territoriale Vorgeschichte
Die Geschichte des Gebiets ist eng mit Pomerellen verbunden. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde Pomerellen unter Herzog Mieszko I. dem polnischen Staat angegliedert. Ende des 12. Jahrhunderts entstand dort ein Herzogtum. Nach dem Aussterben der pomerellischen Herzöge im Mannesstamm 1294 kam es zu Erbstreitigkeiten; im Vertrag von Soldin 1309 wurde das Gebiet zwischen der Mark Brandenburg und dem Deutschordensstaat geteilt. Der Besitz des Deutschen Ordens in Pomerellen wurde 1343 im Vertrag von Kalisch bestätigt.
Nach dem Ende des Dreizehnjährigen Krieges und dem Zweiten Thorner Frieden vom 19. Oktober 1466 kam das Gebiet als Polnisch-Preußen unter die Schirmherrschaft der polnischen Krone. Durch die Erste Teilung Polen-Litauens 1772 annektierte König Friedrich II. von Preußen Polnisch-Preußen und gliederte es als Provinz Westpreußen in das Königreich Preußen ein. Diese Provinz bestand bis 1919/20.
Das Gebiet war traditionell gemischt besiedelt: Deutsche, Polen, Kaschuben und wenige Jiddischsprachige lebten dort. Auch konfessionell war es gemischt. Katholiken sprachen meist Polnisch oder Kaschubisch als Muttersprache, unierte Protestanten überwiegend Deutsch. Juden bildeten laut Zensus von 1931 mit knapp 3.500 Personen eine kleine Gruppe, deren Muttersprache zu 50 % Jiddisch, zu 27 % Polnisch und zu 19 % Deutsch war.
Entstehung nach Versailles
Nach Wilsons 14-Punkte-Programm sollte ein unabhängiger polnischer Staat mit eigenem Zugang zum Meer entstehen. Polnische Politiker, besonders Roman Dmowski, hatten dies seit Kriegsbeginn von der Entente gefordert. Dmowski überreichte Präsident Wilson am 8. Oktober 1918 in Washington ein Memorandum, das am 25. Februar 1919 auch der Sonderkommission der Friedenskonferenz vorgelegt wurde. Der deutsche Gegenvorschlag, Polen Freihäfen in Gdingen und an weiteren Orten einzuräumen, wurde abgelehnt.
Die Bildung des Korridors kollidierte teilweise mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, weil die Bevölkerung westlich der unteren Weichsel bis zur Ostseeküste ethnisch sehr gemischt war. In der deutschen Geschichtsschreibung der 1920er bis 1940er Jahre entstand daraus stellenweise der politische Mythos, Wilson habe zu geringe Geographiekenntnisse gehabt. Heute gehen Historiker laut Artikel davon aus, dass Wilson mit den ethnographischen Gegebenheiten im Großen und Ganzen vertraut war.
Die deutschen Delegierten waren zu den Versailler Verhandlungen nicht zugelassen und wurden unter erheblichem außenpolitischem Druck zur Unterzeichnung gedrängt. Mit Inkrafttreten des Vertrags am 20. Januar 1920 übernahm Polen die Gebiete. Am 11. Juli 1920 wurden die zum Korridor gehörenden Gebiete an die Zweite Polnische Republik abgetreten und bildeten die Woiwodschaft Pommerellen. Dazu gehörten unter anderem Graudenz, Thorn und vierzehn Landkreise sowie die Ostseeküste von der Piasnitz über die Halbinsel Hela und die Putziger Wiek bis Zoppot, das bereits zur Freien Stadt Danzig gehörte.
Polen, Danzig und Gdingen
Polen wollte Danzig ganz eingliedern, konnte dies aber nicht durchsetzen. Danzig blieb eine „Freie Stadt“ und stand nur teilweise unter polnischer Kontrolle. Deshalb begann Polen mit dem Ausbau eines eigenen Hafens in Gdingen, polnisch Gdynia. Der Ort hatte 1921 nur etwa 1300 Einwohner, wurde aber planmäßig zu einem der größten Handels-, Auswanderungs-, Kriegs- und Fischereihäfen der Ostsee ausgebaut und hatte 1937 mehr als 112.000 Einwohner.
Gdingen wurde durch eine Eisenbahnstrecke quer durch den Korridor mit dem Industrierevier um Katowice im polnischen Teil Oberschlesiens verbunden. Diese Strecke diente besonders dem Export oberschlesischer Kohle und wurde Kohlenmagistrale genannt. Sie machte Polen unabhängiger von Verkehrswegen durch die Freie Stadt Danzig, wo deutsche Eisenbahner streiken konnten.
Zwischen Danzig und Gdingen entstand Konkurrenz. Danziger Vertreter argumentierten, Polen brauche Danzig nach dem Bau des Hafens Gdingen nicht mehr. Der deutsch-polnische Handelskrieg verschärfte den Streit. Im August 1933 schlossen Danzig und Polen ein erstes Abkommen, das beiden Häfen einen gleich großen Anteil am polnischen Seehandel zusicherte.
Konflikt bis zum Zweiten Weltkrieg
In der Weimarer Republik war die Revision der Grenzziehung ein wichtiges Ziel aller deutschen Regierungen. Außenminister Gustav Stresemann, der nach Westen auf Verständigung setzte, lehnte polnische Vorschläge für ein „Ost-Locarno“ ab. Damit wäre die Ostgrenze des Deutschen Reiches für unverletzlich erklärt und völkerrechtlich garantiert worden. Innenpolitisch wurde der Korridor regelmäßig in nationalistischer Propaganda aufgegriffen. 1930 löste Reichsminister Gottfried Treviranus mit einer Rede über die „ungeheilte Wunde in der Ostflanke“ eine internationale Krise aus.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entspannte sich die Lage nur scheinbar durch den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934. Insgeheim verfolgte die NS-Regierung weiter die Möglichkeit, den Korridor durch Krieg zurückzugewinnen. Am 24. Oktober 1938 forderte Außenminister Joachim von Ribbentrop im Auftrag Adolf Hitlers die Rückgabe Danzigs an das Deutsche Reich und den Bau einer exterritorialen Autobahn zwischen Ostpreußen und dem übrigen Reichsgebiet. Polen lehnte ab, unter anderem aus Sorge vor Abhängigkeit von Deutschland durch den geforderten Beitritt zum Antikominternpakt.
Nach der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ im März 1939 und der Wiedereingliederung des Memelgebiets verlor Polen das Vertrauen in deutsche Verhandlungsangebote und suchte Verbündete. Der Streit um den Korridor bildete die Kulisse für den vorgetäuschten Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939. Der deutsche Angriff auf die Westerplatte bei Danzig am 1. September 1939 und die Kriegserklärungen Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland am 3. September 1939 markieren den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Hitler hatte bereits am 23. Mai 1939 erklärt, Danzig sei nicht das eigentliche Ziel; es gehe um die „Erweiterung des Lebensraumes im Osten“.
Nach dem Überfall auf Polen bildete der NS-Staat im Herbst 1939 aus den Korridorgebieten und der Freien Stadt Danzig den Reichsgau Danzig-Westpreußen und begann mit der Vertreibung von über 100.000 polnischen Einwohnern. 1945 besetzte die Rote Armee die Region. Danach unterstellte die Volksrepublik Polen mit sowjetischer Zustimmung das Gebiet zusammen mit den östlich von Oder und Neiße liegenden Teilen des Reichsgebiets ihrer Verwaltung. Deutsche Einwohner, die nicht geflohen waren, wurden später von polnischen Verwaltungsbehörden vertrieben.
Verkehr und Bevölkerung
Der Versailler Vertrag sicherte dem Deutschen Reich in Artikel 89 die ungehinderte Durchfahrt zwischen Ostpreußen und dem übrigen Deutschland zu. Für die Eisenbahn wurde dies Ende 1920 zunächst provisorisch und am 21. April 1921 endgültig geregelt. Ab 1919 fuhren Korridorzüge auf polnischem Gebiet mit polnischen Lokomotiven und polnischem Personal. Es gab „privilegierte Züge“ und „privilegierte Zugteile“, bei denen bestimmte Wagen verplombt und von Pass- und Zollkontrollen ausgenommen wurden. Die wichtigste Route verlief über die alte Preußische Ostbahn über Schneidemühl und Dirschau; 1934 gab es dort sechs tägliche Zugpaare. Wegen deutscher Devisenknappheit kam es 1936 zu Zahlungsproblemen und zeitweisen Einschränkungen. 1939 verkehrten im Sommerfahrplan neun tägliche und zwei Saison-Schnellzüge sowie etwa 20 Güterzugpaare.
Auch für den Straßenverkehr gab es fünf Transitstraßen. Reisende benötigten ein Durchreisevisum für 1,60 RM, außerdem wurden Gebühren erhoben: 5 zł für Autos, 3 zł für Motorräder und 0,30 zł Maut für die Weichselbrücke bei Tczew. Als Alternative finanzierte das Deutsche Reich ab 1922 den Seedienst Ostpreußen zwischen Swinemünde und Pillau beziehungsweise Zoppot. Ab 1925/1926 gab es außerdem eine Flugverbindung zwischen Berlin und Königsberg mit Zwischenlandung in Danzig; ab 1927 wurde sie über Riga und Tallinn nach Moskau und Leningrad erweitert und ab 1930 Ostexpreß genannt.
1910 lebten im späteren Korridorgebiet knapp 990.000 Menschen. Bis 1920 waren sie nach dem Territorialprinzip des Staatsbürgerrechts grundsätzlich Deutsche. Nach der Zugehörigkeit zu Polen wurden sie grundsätzlich Polen, konnten aber als sogenannte Optanten für die deutsche Staatsangehörigkeit optieren. Über den deutschen Bevölkerungsanteil gibt es unterschiedliche Angaben: Das dtv-Lexikon von 1974 schätzte für 1919 „mindestens 50 %“, der Historiker Richard Blanke kam 1998 für 1910 auf 42,5 % ethnisch Deutsche. Nach 1920 sank der Anteil deutlich; 1939 betrug er nur noch zehn Prozent. Gründe waren Abwanderung, Ausweisungen, Enteignungen, die Schließung einiger deutschsprachiger Schulen und die Förderung polnischer Ansiedlung. 1931 deklarierten in der Woiwodschaft Pommerellen 89,74 % Polnisch oder Kaschubisch als Muttersprache, 9,75 % Deutsch und 0,16 % Jiddisch. Zwischen 1945 und 1947 vertrieb Polen alle Auslandsdeutschen und die meisten ethnisch deutschen Polen aus dem Gebiet.