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Gastfreundschaft
Gastfreundschaft wurzelt in der Religion und zeigt sich in sämtlichen Kulturen als religiös fundierte Praxis. Bereits polytheistische Religionen wahren sie …
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Grundidee und Bedeutung
Gastfreundschaft bedeutet Vertrauen, Zuwendung und Dienstbereitschaft gegenüber einem Besucher, besonders einem fremden Besucher. Sie zeigt sich bei Beherbergung, Bewirtung und Unterhaltung: Ein Gast wird aufgenommen, versorgt und respektvoll behandelt.
In vielen Kulturen ist Gastfreundschaft religiös begründet und gilt als wichtige Pflicht. Schon polytheistische Religionen kannten sie als hohes Gut. Wer das Gastrecht verletzte oder Pflichten gegenüber dem Gast missachtete, konnte seine Ehre verlieren. Der Gastgeber sollte den Gast aufnehmen, ihm das Nötigste geben und ihn im Notfall schützen. Wenn der Gast während seines Aufenthalts angegriffen wurde, musste der Gastgeber ihn verteidigen oder rächen.
Bei manchen Völkern war genau geregelt, wie lange Gastfreundschaft galt. Bei nomadischen Völkern in Vorderasien dauerte sie drei Tage und vier Stunden; in dieser Zeit gehörte der Gast praktisch zum Stamm. Die Aborigines kennen das Tanderrum als rituelle Aufnahme von Besuchern.
Gastfreundschaft konnte in Gesellschaften ohne starke Institutionen und Infrastruktur lebenswichtig sein. Sie schützte Reisende und machte Handel und Austausch möglich. Auch Immanuel Kant behandelte das Thema unter dem Begriff Hospitalität, also „Wirtbarkeit“. Er verstand darunter das Recht eines Fremden, wegen seiner Ankunft auf dem Boden eines anderen nicht feindselig behandelt zu werden. Nach Kant hat der Fremde kein vollständiges „Gastrecht“, sondern ein „Besuchsrecht“, weil alle Menschen die Erdoberfläche gemeinsam bewohnen müssen und ursprünglich niemand mehr Recht auf einen Ort der Erde hat als ein anderer.
Judentum, Christentum und Islam
Im Judentum heißt Gastfreundschaft הכנסת אורחים, Hachnasat Orchim, also „Eingang von Gästen“ oder „Empfang von Gästen“. Der Tanach enthält viele Beispiele dafür. Besonders wichtig ist die Erzählung von Abraham bei den Eichen von Mamre: Abraham empfängt drei Besucher, bietet ihnen Wasser zum Waschen der Füße, Ruhe unter einem Baum und Brot zur Stärkung an. Abraham gilt dadurch als Vorbild für seine Nachkommen.
Ein weiteres Motiv im Judentum ist die Erinnerung daran, dass Israel selbst in Ägypten als Fremde gelebt habe. Deshalb sollen Fremde in Liebe aufgenommen werden. Diese Dankbarkeit gegenüber Gott für die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten wird zum Grundmotiv der Gastfreundschaft. Da Fremde früher oft rechtlos und schutzlos waren, bedeutete ihre Aufnahme in Familie und Stamm wirklichen Schutz. Gott selbst erscheint in Psalm 23,5–6 als Gastgeber.
Im Christentum wird für Gastfreundschaft im Neuen Testament das griechische Wort φιλοξενία verwendet. Es bedeutet wörtlich „Liebe zum Fremden“ oder „Fremdenliebe“. Mehrere neutestamentliche Stellen fordern dazu auf, Gastfreundschaft zu üben, etwa Röm 12,13, Hebr 13,2 und 1 Petr 4,9. In der Katholischen Kirche gehört Gastfreundschaft zu den Sieben Werken der Barmherzigkeit. In der Orthodoxen Kirche wurde sie zu einem eigenen liturgischen und künstlerischen Schwerpunkt.
Im Islam war die Pflicht des Hausherrn, Durchreisende zu beherbergen, schon in altarabischen Religionen vor Mohammed bekannt. In islamischer Zeit entwickelte sich daraus auch die Institution des Asyls innerhalb eines Heiligtums. Der Koran nennt den Reisenden als „Sohn des Weges“ in der Liste der Empfänger des Zakat, also der verpflichtenden Abgabe beziehungsweise Almosen. Damit wird der Reisende ausdrücklich als unterstützungswürdig hervorgehoben.
Gastfreundschaft zur Zeit des Neuen Testamentes
Zur Zeit des Neuen Testamentes waren Mahlzeiten in ärmeren Haushalten eher einfach und vor allem durch das gemeinsame Abendessen geprägt. Wenn Gäste kamen, erhielten sie bei Gastmählern die besten Stücke der Speisen. Man aß häufig auf dem Boden oder legte sich zu Tisch. Dem Gast stand der Ehrenplatz zu, und er bekam besonders gute und ausgewählte Speisen.
Der Empfang eines Gastes folgte bestimmten Formen. Zuerst konnte ein Bediensteter den Gast empfangen. Danach begrüßte ihn der Herr des Hauses, indem er ihm die Hand küsste. Anschließend ließ er dem Gast die Füße waschen und das Haupt salben. Manche Familien hatten auch ein eigenes Gästezimmer.
Bei Gastmählern gab es typische Speisen und Getränke. Brot war das Hauptnahrungsmittel und wurde aus Weizen, Gerste oder Emmer hergestellt. Dazu kamen Butter und Käse. Als Gemüse werden Linsen, Bohnen, Knoblauch, Zwiebeln, Lauch, Gurkengewächse und Kapern genannt. Beliebt waren außerdem Früchte wie Feigen, Oliven, Datteln, Äpfel, Granatäpfel, Nüsse, Pistazien und Rosinen.
Zur Würzung dienten Salz, Minze, Dill, Kümmel, Koriander, Safran, Zimt und Honig. Fleisch konnten sich ärmere Menschen normalerweise nicht leisten; wenn Gäste kamen, wurde aber nach Möglichkeit Fleisch hinzugefügt, etwa von Schaf, Ziege, Rind, Damhirsch, Gazelle oder Steinbock, außerdem Fisch. In reicheren Häusern gab es häufiger Fleisch. Getrunken wurden Wasser, Wein, Most und Milch von Kuh, Ziege oder Schaf.
Gastfreundschaft als christliche Gabe
Im Christentum wird Gastfreundschaft auch mit der „Frucht des Geistes“ verbunden. Nach Gal 5,22–23 besteht diese Frucht aus Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Keuschheit. Diese Eigenschaften lässt Gott nach christlichem Verständnis bei Gläubigen wachsen.
Einige Teile dieser Frucht befähigen besonders zur Gastfreundschaft. Freundlichkeit und Güte helfen, einem Gast wohlwollend zu begegnen. Die Liebe steht als wichtigste Frucht an erster Stelle; nach 1 Kor 13,13 bleibt sie neben Glaube und Hoffnung besonders bedeutend. In 1 Kor 13,4–8 wird beschrieben, wie Liebe wirkt; ohne sie sei alles andere nichts.
Gastfreundschaft wird hier also nicht nur als äußere Pflicht verstanden, sondern auch als Fähigkeit, die aus innerer Haltung entsteht. Gott schenkt nach diesem Verständnis Fähigkeiten, die Menschen ohne seine Hilfe nicht in gleicher Weise ausüben könnten. Neben Gastfreundschaft werden auch andere Gaben genannt, etwa Ermutigung, Glaube, Helfen, Gebet, Leitung und Barmherzigkeit.
Gesellschaft, Kritik und Einwanderung
Gastfreundschaft steht auch in Beziehung zur Integration von Ausländern und anderen Fremden im eigenen Land. Der Artikel stellt fest, dass Gastfreundschaft und Fremdenfeindlichkeit als unvereinbare Gegensätze erscheinen. Wer Gastfreundschaft ernst nimmt, begegnet Fremden nicht grundsätzlich ablehnend, sondern ist bereit, sie aufzunehmen oder ihnen zumindest Schutz und Respekt zu gewähren.
Trotz ihrer positiven Bedeutung ist Gastfreundschaft umstritten. Dionysos Chrysostomos kritisierte sie besonders bei Wohlhabenden als schönen Schein. Nach seiner Kritik gehe es dabei in Wirklichkeit darum, eigene Leistungen mit hohem Zins zurückzubekommen. Gastfreundschaft wäre dann keine selbstlose Hilfe, sondern eine verdeckte Form von Nutzenkalkül.
Auch die umgekehrte Situation kann problematisch sein: Ist der Gast deutlich wohlhabender oder mächtiger als der Gastgeber, kann er sich eine besonders zuvorkommende Behandlung indirekt erzwingen, ohne dies offen auszusprechen. Die Freundlichkeit des Gastgebers beruht dann nicht auf freier Zuwendung, sondern auf verborgener Furcht vor der Macht des Gastes.
Jacques Derrida beschreibt eine radikale Vorstellung von Gastfreundschaft: „Reine und unbedingte Gastfreundschaft“ öffnet sich für jeden, auch für den nicht erwarteten, nicht eingeladenen, nicht identifizierbaren und nicht vorhersehbaren Fremden. Damit wird Gastfreundschaft als Offenheit gegenüber dem absolut Fremden verstanden.
Künstlerische Beispiele
Gastfreundschaft ist ein häufiges Motiv in Literatur und Film. Die Beispiele im Artikel zeigen vor allem Konflikte zwischen Gastrecht, Ehre, Pflicht und persönlicher Entscheidung.
In Conrad Ferdinand Meyers Ballade „Die Füße im Feuer“ erhält ein Reiter in einer stürmischen Nacht Unterschlupf, obwohl er der Familie großen Schaden zugefügt hat. Das Gastrecht wird also auch gegenüber einem belasteten oder feindlich verbundenen Menschen gewährt.
Prosper Mérimées Erzählung „Mateo Falcone“ schildert einen flüchtigen Korsen, der sich in einer Hütte versteckt. Der Sohn des Besitzers bricht das Gastrecht. Der Vater reagiert streng, weil die Familienehre wiederhergestellt werden soll; die Erzählung führt dies bis zur Tötung.
Albert Camus’ Kurzgeschichte „Der Gast“ spielt in den 1950er Jahren kurz vor Beginn des Algerienkrieges. Ein Lehrer erhält gegen seinen Willen einen Häftling und soll ihn zur nächsten Präfektur bringen. Er nimmt den Häftling als Gast auf und zeigt ihm am nächsten Tag zwei Wege: den zur Präfektur und den in die Freiheit. Der Lehrer steht zwischen rechtsstaatlichem Empfinden und Gastrecht. Der Häftling wählt den Weg ins Gefängnis, weil auch er weiß, dass das Gastrecht von ihm verlangt, den Gastgeber nicht zu schädigen.
Auch der Stummfilm „Verflixte Gastfreundschaft“ mit Buster Keaton behandelt das Thema: William McKay wird im Haus der Canfields nur durch das traditionelle Gesetz der Gastfreundschaft davor geschützt, erschossen zu werden.