Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Dreifaltigkeitsikone

Die Dreifaltigkeitsikone (russisch троица, wiss. Transliteration troica) von Andrei Rubljow gilt als einer der Höhepunkte der russischen Malerei.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Entstehung
  2. 2. Bildaufbau und religiöse Deutung
  3. 3. Farben und ihre Symbolik
  4. 4. Bewahrung, Museum und kirchlicher Anspruch

Bedeutung und Entstehung

Die Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow gilt als einer der Höhepunkte der russischen Malerei und als Meisterwerk der orthodoxen Ikonenmalerei. Sie verbindet künstlerische Gestaltung mit theologischen Aussagen und wird deshalb auch als „Theologie in Farbe“ verstanden. Das Motiv der drei Engel findet sich auf zahlreichen weiteren Ikonen im orthodoxen Raum.

Das 142 cm × 114 cm große Gemälde entstand wahrscheinlich um 1411 im Auftrag des Abtes Nikon von Radonesch (1355–1426) für das Dreifaltigkeitskloster in Sergijew Possad. Nikon war Schüler und Nachfolger des Klostergründers Sergius von Radonesch. Als Anlass gilt der Bau einer neuen Holzkirche, nachdem Tataren unter Khan Edigei 1408 den Vorgängerbau niedergebrannt hatten. Die neue Kirche wurde am 25. September 1411 geweiht. Als alternative Entstehungszeit werden die Jahre 1425 bis 1427 genannt: Damals malten Rubljow und Daniil Tschorny die später errichtete steinerne Dreifaltigkeitskathedrale aus und schufen ihre weitgehend erhaltene Ikonostase, also die mit Ikonen versehene Trennwand zwischen Altarraum und Gemeinderaum.

Das Thema war um 1400 auch wegen religiöser Auseinandersetzungen bedeutsam. Bewegungen wie die Strigolniki erkannten die Gleichheit der drei Gestalten der Dreifaltigkeit nicht an. Eine Moskauer Synode erklärte Rubljows Darstellung 1551 für dogmatisch vorbildlich und verbindlich.

Bildaufbau und religiöse Deutung

Die Ikone zeigt zunächst eine alttestamentliche Szene: Drei Engelsboten besuchen Abraham und Sara im Hain von Mamre (Gen 18,1–33). Seit dem 9. Jahrhundert setzte sich im Christentum die Deutung durch, dass diese drei Engel den einen und dreifaltigen Gott symbolisieren. Rubljows Bild verbindet daher die biblische Erzählung mit der christlichen Lehre von der Trinität, also von Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Die drei Engel sitzen um einen Tisch mit einem Kelch. Im Hintergrund stehen ein Haus, ein Baum und ein Berg. Sie können als Abrahams Haus oder Zelt, als Hain von Mamre und als Berg Morija verstanden werden. Morija verweist dabei auf Isaak, dessen Geburt die Engel verheißen. Im Unterschied zu älteren Darstellungen fehlen Abraham und Sara, die sonst die Engel bedienen. Es gibt keine aktive Handlung: Die Figuren verharren in stiller Kontemplation, ihre Blicke sind auf die Ewigkeit gerichtet.

Die Körperlinien der Engel bilden annähernd einen geschlossenen Kreis und drücken dadurch Einheit aus. Alle halten einen Stab als Zeichen der Autorität; damit besitzen alle drei dieselbe göttliche Autorität. Die Gestalten ähneln einander, sind aber nicht völlig gleich. Rang- oder Altersunterschiede sind nicht erkennbar. Der Tisch kann als Altar und der Kelch als Symbol für das göttliche Opferlamm der Eucharistie gedeutet werden. Die Handbewegungen der Figuren zeigen jeweils ihre Beziehung zu diesem Opfer.

Die Zuordnung der Figuren zu Vater, Sohn und Heiligem Geist bleibt mehrdeutig. Nach einer Auslegung stellt die mittlere Figur den Vater dar. Er weist mit zwei Fingern auf den Kelch und damit auf die göttliche und menschliche Natur des Opferlamms. Der links vom Betrachter sitzende Sohn nimmt mit einer Segensgeste seine Sendung an. Der rechts sitzende Heilige Geist zeigt auf eine rechteckige Öffnung im Tisch, welche die Welt symbolisiert; die Sendung des Sohnes gilt somit der Rettung der Welt.

Nach einer anderen Auslegung ist die mittlere Figur der Sohn, während der Vater links sitzt und die beiden anderen Gestalten sich ihm zuneigen. Dafür wird angeführt, dass Nachfolger Rubljows die mittlere Figur schon bald als Christus beschrifteten. Außerdem trägt sie das für Christus typische rote Untergewand mit grünem beziehungsweise blauem Übergewand. Christus passe auch als Inhalt des Opferkelchs besonders gut.

Die Silhouetten der äußeren Figuren bilden gemeinsam einen weiteren Kelch, der die mittlere Gestalt umfasst. Zugleich entsteht ein Kreuz: waagerecht durch die drei Köpfe und senkrecht durch die mittlere Figur, den Kelch auf dem Tisch und die Öffnung als Zeichen der Welt. Die umgekehrte oder „falsche“ Perspektive besitzt ihren Fluchtpunkt vor dem Bild. Dadurch wird der Betrachter in die Darstellung einbezogen und nimmt sinnbildlich am heiligen Geschehen teil.

Farben und ihre Symbolik

Rubljow verwendet vor allem verschiedene Gold- und Blautöne. Blau und Gold dienten bereits im frühen Christentum dazu, Transzendenz, also die über die sichtbare Welt hinausgehende göttliche Wirklichkeit, gegenwärtig erscheinen zu lassen. Bei allen drei Engeln ist ein Teil der Kleidung blau; ihre Flügel sind goldgelb und ihre Heiligenscheine hellgelb.

Der mittlere Engel wird durch ein purpurrotes Gewand mit blauem Mantel besonders hervorgehoben. Der linke Engel trägt über seinem blauen Gewand einen goldschimmernden, transparenten Mantel, der rechte über dem blauen Gewand einen grünen Mantel. Die im Artikel erläuterte Farbzuordnung verbindet Blau-Rot mit dem Schöpfergott in der Mitte, Lichtgold-Blau mit Christus und Grün-Blau mit dem Heiligen Geist. Rot und Blau stehen ursprünglich für Gegensätze wie Aktivität und Ruhe, Leben und Tod sowie Beschützung und Bedrohung. In der Ikone werden diese Gegensätze zu einer Einheit verbunden und verweisen auf die Allmacht Gottes.

Bewahrung, Museum und kirchlicher Anspruch

Seit dem 16. Jahrhundert wurde die Ikone durch eine Riza geschützt. Eine Riza ist eine kunstvoll gearbeitete Metallabdeckung aus Gold oder Silber, die später auch mit Emaille, Edelsteinen und Perlen verziert wurde. Sie sollte das Bild besonders vor Kerzen- und Öllampen schützen. Iwan IV. stiftete 1575 eine solche Dekoration; weitere Stiftungen erfolgten 1600 beziehungsweise 1625 durch Boris Godunow und Michail Fjodorowitsch. Bis 1904 waren dadurch nur Gesichter und Hände öffentlich sichtbar. Die Riza befinden sich heute im Sergiev Posad Museum-Reserve.

Die Ikone wurde mehrfach erneuert oder restauriert, besonders 1905 und 1918. Dabei entfernte man zunächst die Riza und die nachgedunkelten Firnisschichten aus trocknendem Leinöl oder Ölharzlack. Bis 1929 gehörte das Werk zur Ikonostase der Dreifaltigkeitskathedrale. Danach wurde es unter der Inventarnummer 13012 in der Tretjakow-Galerie in Moskau ausgestellt. Der Wechsel aus dem sakralen Raum ins Museum beruhte auf der Anerkennung seines kunsthistorischen Wertes.

Nach russisch-orthodoxem Verständnis hängt der liturgische Wert eines Bildes wegen des biblischen Bilderverbots nicht am Original: Eine Kopie kann liturgisch gleichwertig sein, auch wenn das Original kunsthistorisch einzigartig bleibt. Boris Godunow ließ deshalb bereits 1598 bis 1600 eine Kopie herstellen, auf die die Riza Iwans IV. übertragen wurde. Seit 1929 befinden sich in der Dreifaltigkeitskathedrale diese Kopie sowie eine weitere aus den Jahren 1926 bis 1928. Kopien der Ikone sind auch in vielen geistlichen Gemeinschaften beliebt.

Seit 1997 wurde das Original einmal jährlich zum Fest der Heiligen Dreifaltigkeit für eine Liturgie aus dem Museum gebracht. Im Juli 2022 kam es trotz heftiger Proteste von Kunsthistorikern für zweitägige Feierlichkeiten zum 600. Jahrestag der Reliquien des Sergius von Radonesch nach Sergijew Possad. Die Freigabe war ausdrücklich als Ausnahme bezeichnet worden. Restauratoren hielten die kontrollierte Atmosphäre der Tretjakow-Galerie für den einzig geeigneten dauerhaften Aufbewahrungsort. Bereits 2008 und 2021 hatte die Museumsgemeinschaft eine Verbringung ins Kloster verhindert.

Am 15. Mai 2023 verkündete Präsident Wladimir Putin die Rückgabe an die Russisch-Orthodoxe Kirche. Um den Jahreswechsel 2023/24 wurde die Ikone bei Außentemperaturen von bis zu −20 °C in zwei orthodoxen Kirchen ausgestellt und wies anschließend 61 Beschädigungen auf. Im Mai 2024 ordnete Putin den dauerhaften Übergang an die Kirche an. Die Direktorin des Puschkin-Museums betonte dagegen gegenüber TASS, das Werk sei vorwiegend kunstgeschichtlich und nicht religiös bedeutsam. Am 23. Juni 2024, dem Fest der Dreifaltigkeit, wurde die Ikone an ihrem ursprünglichen Ort in der Ikonostase der Dreifaltigkeitskathedrale in Sergijew Possad installiert. Dort befindet sie sich in einer durch Panzerglas geschützten Schatulle mit geregelter Feuchtigkeit und Temperatur.

Weiterlesen

Russland Russia: The Migration Dimension of the War in Ukraine . Brain Drain from Russia after February 24th 2022. In: Russian Analytical Digest (RAD) Theologie Theologie in anderen Religionen · Judentum · Islam · Hinduismus · Wicca und Neopaganismus. Moskau Moskau ist die nördlichste und kälteste Megastadt der Welt und wird als eigenständiges föderales Subjekt verwaltet. Als politisches, wirtschaftliches … Bilderverbot Ein Bilderverbot oder Abbildungsverbot aus religiösen Gründen untersagt bildliche Darstellungen, die Reichweite kann sich auf die Abbildungen von Göttern … Liturgie Die Liturgie umfasst das gesamte gottesdienstliche Geschehen: Gebet, Lesung und Verkündigung, Gesang, Gestik, Bewegung und Gewänder, liturgische Geräte … Altes Testament Das Alte Testament (abgekürzt AT) ist der erste Teil der Christlichen Bibel und basiert hauptsächlich auf den 24 Büchern der hebräischen Bibel, … Abraham Da sich sowohl Judentum, Christentum als auch Islam auf Abraham als ihren Stammvater beziehen, werden sie auch als die drei abrahamitischen Religionen … Eucharistie Sie wird bezogen auf das Abendmahl, das Jesus nach der Darstellung der Evangelien und des 1. Korintherbriefes mit seinen Jüngern kurz vor seinem Leiden und … Perspektive Im engeren Sinn ist mit Perspektive die Linearperspektive gemeint, ein Teilgebiet der darstellenden Geometrie. Die Linearperspektive (Parallel- und … Russisch-Orthodoxe Kirche Die orthodoxen Kirchen des Patriarchats von Moskau bilden gemäß dem nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis zusammen mit den anderen orthodoxen …